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23.09.13

Twitter-Retweet: Vom Aussterben bedrohte Spezies

Die Konditionierung der Nutzer zeigt Wirkung: Auch bei Twitter wird immer mehr "geliked". Der klassische Retweet gerät dadurch in Bedrängnis. Twitter muss seine Funktionalität an diese Realität anpassen.

Tweet"Lang lebe Retweet, zur Hölle mit Favorite!", so der pointierte Titel eines leidenschaftlichen Plädoyers von Mike Schnoor, in dem er dazu aufruft, sich gegen den bei Twitter auf breiter Front zu beobachtenden Trend des "Favorisierens" statt "Retweetens" zu stemmen. Schnoor hat beobachtet, dass "selbst altgediente Nutzer" dazu übergehen, einen Tweet nicht mehr wie gehabt per Retweet zu verbreiten, sondern ihn als "Favoriten" zu markieren. Damit verlören Tweets ihre Emotionalität und Viralität, so moniert es Schnoor. "Favorites sind das wirklich schlechteste Mittel zum Zweck, im Social Web sein Interesse zu bekunden".

Ich teile Schnoors Bedenken und habe in letzter Zeit ebenfalls festgestellt, dass Tweets vermehrt favorisiert werden, und dass damit der ein oder andere Retweet "verloren" geht. Nicht ignorieren darf man hier jedoch, dass Twitters "Favorisieren"-Funktion im Gegensatz zu einem Facebook-Like verschiedene Aufgaben erfüllen kann. Manche Nutzer, so ist es auch in den Kommentaren zu Schnoors Text zu lesen, verwenden das Feature als eine Art "Bookmarking", etwa für Links, die sie zu einem späteren Zeitpunkt inspizieren wollen. Wieder andere favorisieren, weil ihnen ein Tweet inhaltlich zusagt, ohne dass sie diesen unter eigener Flage weiterverbreitet möchten. Die dritte Gruppe ist es, die von Schnoor angesprochen wird: User, die ohne weiteres Nachdenken über ihre Handlung "liken", obwohl sie in der Vergangenheit dafür stattdessen einen Retweet produziert und damit auch aktuell kein Problem hätten. "Like"-Konditionierung der Nutzer

Die wahrscheinliche Ursache für dieses Verhalten ist eine Konditionierung durch Facebook und andere Social-Web-Angebote. Der Like hat sich zum Standard der Ein-Klick-Gesten entwickelt, verursacht für Nutzer kaum mentale Kosten und hat - bei Facebook - dennoch die Fähigkeit, andere Kontakte auf den favorisierten Inhalt aufmerksam zu machen. Wenn nämlich mehrere Kontakte selbigen "liken", dann taucht diese Aktivität in aggregierter Form im Newsfeed ihrer Freunde auf.

Twitters Problem ist, dass "Favorites" bisher deutlich weniger Nachwirkungen haben. Zwar steht unterhalb eines Tweets, wie häufig er favorisiert wurde, und im Discovery-Reiter in der Twitter-App (im Browser sowie auf Smartphones) wird aufgeführt, wenn gefolgte Anwender andere Tweets favorisieren. Nur behaupte ich, dass der Blick in den Discovery-Bereich nicht zu den Standardaktivitäten von Twitter-Usern gehört. Das hat zur Folge, dass zwar am laufenden Band Tweets favorisiert werden, davon jedoch kaum jemand etwas mitbekommt. Das ist schade, hat doch gerade erst eine Studie belegt, wie ein Like bei Facebook zu einer Kettenreaktion von weiteren Likes der Freunde und damit zusätzlicher Aufmerksamkeit für den im Zentrum stehenden Content führt.

Twitter muss Favorisierungen aufwerten

Im Prinzip bedeutet das wie von Mike Schnoor beschrieben, dass jemand, der Tweets nicht mit einem Retweet verbreitet, nichts mit seinen Kontakten teilt. Ihn bringt das zu dem Aufruf, wieder mehr Links und Informationen zu retweeten. Das kann man machen, ist aber vermutlich vergebliche Mühe. Die Like-Konditionierung der Masse lässt sich nicht einfach mit einem Appell beseitigen. Speziell Twitter-Anwender, die erst in jüngster Zeit zu dem Dienst gestoßen sind, werden ganz intuitiv auf das Favorisieren zurückgreifen, was sie von Facebook, Instagram, Pinterest oder YouTube her gut kennen. Es ist somit Wahrscheinlich, dass sich das Verhältnis von Retweets zu Faves weiter zu Gunsten letzterer Aktivität entwickelt.

Aus diesem Grund ist es Twitter selbst, das die Konsequenz aus diesem sich sukzessive verändernden Anwendungsmuster ziehen muss. Würde Twitter Wege finden, um Favorisierungen von gefolgten Usern stärkere Sichtbarkeit zu verschaffen, etwa indem diese in irgendeiner Form im Primärfeed erscheinen, dann wäre das Problem der geringen Viralität der Faves gelöst. Gleichzeitig würde der Microbloggingdienst damit abermals Facebook ein Stück ähnlicher werden - was jedoch angesichts der sehr ähnlichen Geschäftsmodelle und Zielgruppen unvermeidlich erscheint.

Laut AllThingsD steht Twitter kurz vor der Veröffentlichung einer komplett überarbeiteten iOS-App, die Twitter - wieder einmal - näher an den Mainstream bringen soll. Wir werden sehen, ob die neue Anwendung eine Aufwertung des Twitter Likes mit sich bringt. /mw

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