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06.02.09

Twitter + Retweet = Twitter-Effekt

Twitter bringt das erste Mal einen Server zum Zusammenbruch. Anders als bei anderen Sites wird bei Twitter die dafür notwendige Aufmerksamkeit nicht zentral gebündelt, sondern organisiert sich selbst im Schwarm.

Bis dato war es einer Handvoll an Websites vorbehalten, verlinkten Seiten so viel Traffic zu schicken, dass deren Server unter der Last keuchend zusammenbrachen. Man spricht dabei vom Slashdot-Effekt, vom Digg-Effekt, oder dass eine Seite techcrunched wurde. Im deutschsprachigen Web ist der heise-Effekt bekannt.

Sehr viel Traffic in sehr kurzer Zeit entsteht üblicherweise, wenn ein Artikel oder Webdienst auf der Startseite eines sehr populären Dienstes verlinkt wird.

Diese Woche gab es die ersten Anzeichen dafür, dass dieses Phänomen auch von Twitter verursacht werden kann. Royal Pingdom beschreibt, wie ein Tweet von Mashables Pete Cashmore so populär wurde, dass ein Blog deshalb zusammenbrach.

Der Fall Twitter ist interessant, weil die Koordination der Aufmerksamkeit gewissermassen im Schwarm entsteht. Anders als bei allen anderen Sites gibt es bei Twitter keine Startseite mit prominent vorgestellten Artikeln, auf die eben alle kurz mal klicken. Aufmerksamkeit verstärkt sich auf Twitter organisch, indem interessante Links aufgegriffen und wiederholt werden.

Im Twitter-Jargon nennt sich diese Praktik des Wiederholens Retweet. Retweets haben sich in den letzten Monaten als informeller Standard etabliert, interessante Tweets werden weitergezwitschert, wobei dem eigenen Tweet ein ‘RT @username’ des ursprünglichen Posters vorangestellt werden.

Retweets von netzpolitik

Beispiel: Retweets von netzpolitik.

Ein einziger kleiner Tweet kann also eine Welle auslösen, die es in dieser Geschwindigkeit wohl noch nie gegeben hat. Royal Pingdom hat dafür eine einfache Formel:

The Twitter Effect formula = (Original tweet * followers) + (retweets * followers of retweeters) + (retweets of retweets * followers of those), and so on.

Dabei schadet es nicht, viele Follower zu haben – Pete Cashmore etwa hat mehr als 50.000, aber es ist keine Voraussetzung. Entscheidend dabei ist, dass eine Nachricht von genügend vielen als wichtig genug empfunden wird, um den Akt der eigenen Verstärkungsleistung zu triggern und den Prozess am Laufen zu halten. Selbstselektion statt Konzentration.

Die Folge einer solchen Retweet-Welle noch einmal ausgesprochen: Immer neue Follower sehen Nachricht plus Link in ihrem Stream. Das individualisierende Follower-Prinzip könnte in diesem Zusammenhang sogar zu besseren Ergebnissen entlang der Skala führen, da es kein Alles-oder-Nichts wie etwa im Fall der Startseite von Digg bedeutet (Entweder der Artikel ist auf der Startseite oder er ist es nicht). Stattdessen können auch mittelgrosse Nachrichten innerhalb der entsprechenden Interessentenkreise angemessene Popularität erlangen.

Erfreulicherweise müssen wir nicht über den grossen Teich starren, um eine ähnliche Art von Twitter-Effekt in Aktion zu sehen. Die Entwicklungen im Fall Deutsche Bahn gegen netzpolitik waren auf Twitter quasi in Echtzeit mitverfolgbar. Hunderte haben an der Verteilung mitgewirkt und dazu beigetragen, das Thema auch in die Massenmedien zu pushen:

Zum ersten Mal hab ich bewusst bemerkt, wieviele Follower ich bei Twitter habe, denn die Weiterleitungen meines Hilfe-Tweets hören gar nicht mehr auf. Und in der nächsten Welle kamen die Blog-Postings. Und innerhalb ganz weniger Stunden schwappt die Geschichte gerade in die Mainstream-Medien rüber.

 

(Marcel Weiß hat an diesem Artikel mitgeschrieben.)

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