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26.01.13

Über 25.000 Tweets: #aufschrei schreibt Twitter-Geschichte

Deutschsprachige Twitter-Nutzer schildern seit Donnerstag Erlebnisse von Alltagssexismus. Über 25.000 Mal wurde der dazu verwendete Hashtag #aufschrei in den letzten 48 Stunden bei dem Microbloggingdienst erwähnt.

Twitter-Mems gab es schon viele. Aus einem oder einzelnen Tweets mit einem bestimmten Hashtag wird eine Lawine aus von hunderten, tausenden oder noch mehr Anwendern publizierten Twitter-Nachrichten, die Themen, Ideen oder Diskussionen im besten Fall einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht. Das in meinem Bewusstsein bis gestern noch immer präsenteste Beispiel für ein derartiges Phänomen in Deutschland war die kurzweilige Begeisterung über einen zerbrochenen Blumenkübel. Eine spaßige Sache, die allerdings wenig Weltveränderungspotenzial besaß.

Es mag sein, dass meine subjektive Wahrnehmung inhaltlich gehaltvollere Mems der letzten Zeit ausblendet. Doch am heutigen Samstag ist das egal. Denn gestern entwickelte sich rund um den Hashtag #aufschrei eines, das schon jetzt Geschichte geschrieben hat. Denn ein Problem von höchster gesellschaftlicher Bedeutung erreichte innerhalb einiger Stunden eine maximale Sichtbarkeit in der deutschsprachigen Twitter- und Blogossphäre - und breitete sich von dort über Mediendeutschland aus. Mehr als 25.000 Mal wurde der Hashtag innerhalb von 48 Stunden bei Twitter erwähnt (Spam nicht mitgezählt).

Das #aufschrei-Mem ist in zweifacher Hinsicht wegweisend: Zum einen sahen sich tausende zumeist weibliche Twitter-Nutzer dazu animiert, ihre Erlebnisse rund um im Alltag erlebten Sexismus zu schildern und damit Sorgen, Irritation und Frustration zu ventilieren, die sie bisher über mitunter lange Zeiträume mit sich herumgetragen haben. Gleichzeitig führte die schiere Quantität der Schilderungen zu einer breiten Auseinandersetzung mit dem Thema bei Twitter, in Blogs, bei nahezu allen Leitmedien des Landes und mit Sicherheit auch in diversen persönlichen Gesprächsrunden.

Zweifellos reichen 140 häufig emotional aufgeladene Zeichen nicht dazu aus, um sämtliche im Kontext von #aufschrei beschriebenen Situationen von heute auf morgen und für alle Ewigkeit aus dem Repertoire menschlichen Verhaltens zu streichen. Zumal das vielschichtige Feld zwischenmenschlicher Kommunikation und Interaktion einen differenzierten Blick erfordert, der in der Kürze und Spontanität von Tweets nicht zum Ausdruck gebracht werden kann.

Doch diese Aufgabe kann ein Twitter-Mem auch gar nicht übernehmen. Seine Stärke liegt darin, Menschen ein gemeinschaftliches Gefühl zu geben, gehört zu werden und auf Missstände aufmerksam machen zu können, die dann in nachgelagerten Diskursen in differenzierter Form beleuchtet werden. Wie viele Personen durch #aufschrei bei Twitter, in Blogs, auf Nachrichtenportalen und in Folge persönlicher Gespräche zumindest kurzzeitig zum Nachdenken animiert wurden, lässt sich nur schätzen. Einige Hunderttausend dürften es gewesen sein, darunter überdurchschnittlich viele Medienmacher, die gar nicht anders können, als die gewonnenen Eindrücke in ihre eigene Arbeit einfließen zu lassen. Bewusst oder unbewusst.

Insofern glaube ich, dass die #aufschrei-Debatte eine nachhaltige Wirkung haben und im Endeffekt tatsächlich Veränderungen nach sich ziehen wird. Nicht sofort, und nicht in der deutlichen Form, die sich manche der Betroffenen wünschen würden. Dass die Effekte aber spurlos verpuffen, schließe ich aus. Dazu erhielten durch den Aufschrei zu viele Personen mit publizistischer Reichweite, unternehmerischen Entscheidungsbefugnissen und gesellschaftlichem Einfluss Einblicke in eine Realität, die sie bisher verdrängt, ignoriert oder stumm akzeptiert haben.

Ich halte es für möglich, dass es sich bei #aufschrei um einen der bisher weitreichendsten gesellschaftlichen Weckrufe in Deutschland handelt, der durch den Einsatz sozialer Medien zustande kam.

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