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27.06.11

Turntable.fm zieht Notbremse: Am Eingang abgewiesen

Innerhalb eines Monats konnte sich der US-Musikdienst Turntable.fm eine begeisterte Anhängerschaft aufbauen. Seit dem Wochenende haben Nutzer von außerhalb der USA keinen Zutritt mehr zu den Suchtzustände hervorrufenden DJ-Battles. Zu unsicher ist die rechtliche Situation.

 

Wer in den vergangenen Wochen die Berichterstattung auf netzwertig.com verfolgt oder einen Blick auf meinen persönlichen Twitter-Stream geworfen hat, dem wird nicht entgangen sein, dass ich große Sympathien für den jungen US-Musikdienst  Turntable.fm hege.

Seit vier Wochen verbringe ich fast täglich Zeit bei dem Browserservice, um mir mit bis zu vier anderen Usern in grafischen Chaträumen DJ-Battles zu liefern oder ganz einfach gute Musik zu hören und neue Titel zu entdecken. In meinem ersten Beitrag zu Turntable.fm erläuterte ich die genaue Funktionsweise des innovativen Musiktools und  beschrieb in einem zweiten Bericht , wieso es den Musikkonsum verändern könnte.Schon sehr lange hat mich ein neuer Webservice nicht mehr so gefesselt wie Turntable.fm. Umso enttäuschender war es für mich zu erfahren, dass Nutzer mit IP-Adressen von außerhalb der USA seit dem Wochenende nicht mehr auf den Dienst zugreifen können. Eine Nachricht von Mitgründer und CEO Billy Chasen auf der Website informiert darüber, dass man aus rechtlichen Gründen zu diesem Schritt gezwungen war, aber alles dafür tun wird, die Beschränkung schnellstmöglich wieder aufzuheben.

Waren die exakten rechtlichen Rahmenbedingungen kurz nach dem Launch noch unklar, kamen in jüngster Zeit Details zur Strategie des Startups hinsichtlich der Lizensierung der Streamingrechte ans Licht: Es gibt keine.

Turntable.fm erlaubt virtuellen DJs den Zugriff auf eine Datenbank mit Millionen von Songs, die diese zur Beschallung eines Chatraums einsetzen können, und bezieht sämtliche Titel vom Unternehmen MediaNet. Die Streamingrechte sind in diesem Deal allerdings nicht inbegriffen, wie ich anfangs vermutet hatte. Für diese müsste Turntable.fm selbst mit den zuständigen Organisationen Labels verhandeln.

Auf diesen potenziell kräftezehrenden und kostspieligen Weg wollen die Turntable.fm-Macher Seth Goldstein und Billy Chasen teilweise verzichten, weshalb sie verschiedene funktionelle Limitierungen in ihre Plattform integriert haben: So können Nutzer zwar Songs von der eigenen Festplatte hochladen und vor versammelter Hörerschaft zum Besten geben, nach dem nächsten Login sind die MP3-Dateien aber wieder verschwunden. Auch kann ein DJ von seinen eigenen Songs lediglich die ersten 30 Sekunden hören, wenn er als einziger hinter den Plattenspielern steht.

Derartige Einschränkungen sollen sicherstellen, dass Turntable.fm juristisch nicht als On-Demand-Streamingangebot sondern als Online-Radiodienst durchgeht. Gemäß des US-Urheberrechtsgesetzes Digital Millenium Copyright Act (DMCA) sind beim Betrieb eines nicht-interaktiven Webradios à la Pandora keine Label-Deals notwendig (Lizenzzahlungen an die US-Verwertungsgesellschaft SoundExchange werden aber trotzdem fällig).

Anders sähe es aus, wenn Turntable.fm mit On-Demand-Lösungen wie simfySpotify oder Rdio gleichgestellt werden würde. Dafür muss direkt mit den Rechteinhabern verhandelt werden.

Wer sich ein paar Minuten mit Turntable.fm beschäftigt, wird schnell erkennen, dass Interaktivität eines der Kernmerkmale des Dienstes ist. Insofern erscheint zweifelhaft, dass sich das New Yorker Startup lange auf den DMCA berufen können wird. Und da es sich dabei ohnehin um ein US-Gesetz handelt, heißt es nicht, dass sich Rechteinhaber aus anderen Ländern mit der Radio-Argumentation zufrieden geben.

Ich kann nur vermuten, dass der Ausschluss einer internationalen Nutzerschaft sicherstellen soll, dass sich Seth Goldstein und Billy Chasen auf den bevorstehenden Schlagabtausch mit der US-Musikindustrie konzentrieren können, ohne nebenbei durch Klagen von Plattenfirmen und Verwertungsorganisationen aus anderen Ländern abgelenkt zu werden. Auf eine Anfrage an Billy Chasen zu den Hintergründen der Entscheidung haben wir bisher keine Antwort erhalten.

Ich bin bei weitem nicht der einzige Turntable.fm-Fan im deutschsprachigen Raum, der fortan auf den virtuellen Nachtclub verzichten oder sich mit Proxy- oder VPN-Lösungen behelfen muss. Alle User von außerhalb der USA, die sich nun in Turntable.fm-Entzug üben werden, dürfen sich keine Illusionen machen: Turntable.fm reicht der US-Markt genauso aus, wie er für Börsenneuling Pandora oder den Videoservice Hulu bisher das einzige Einzugsgebiet war. Turntable.fm braucht die internationale Anwenderschaft nicht.

Dass die Turntable.fm-Türsteher auch Nicht-US-Nutzer demnächst wieder zur Party hereinlassen, ist somit eher unwahrscheinlich.

Die Entwicklung kommt nicht überraschend. Dass der rechtliche Schwebezustand den Dienst ab einer bestimmten Reichweite zu Einschnitten zwingen würde, war angesichts der mannigfaltigen historischen Konflikte rund um digitale Musik absehbar. Bei 140.000 Nutzern scheint dieser Punkt erreicht zu sein.

Insgeheim träumte wohl jeder begeisterte Turntable.fm-Nutzer davon, dass es diesmal anders sein würde. Leider hat jeder Traum ein Ende. Und leider zieht das Urheberrecht weiterhin dort Grenzen, wo das Netz in den vergangenen 20 Jahren die Barrieren abgebaut hat.

Dieser Artikel wurde kurz nach seiner Veröffentlichung nochmals leicht überarbeitet.

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