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30.05.11

Turntable.fm: Vorsicht, macht süchtig

Bei dem neuen US-Musikdienst Turntable.fm treten bis zu fünf Nutzer im DJ-Battle gegeneinander an und stellen sich in Echtzeit dem kritischen Urteil der Mitstreiter und Zuhörer - ein Konzept, das in der Praxis ein gehöriges Suchtpotenzial mit sich führt.

 

Dass mich ein brandneuer Onlinedienst am ersten Tag nach seiner Entdeckung ganze fünf Stunden fesseln kann, geschieht maximal einmal im Jahr. Turntable.fm , einem frisch gestarteten Musikservice der zwei US-Serienentrepreneure Seth Goldstein und Bill Chasen, ist dies gelungen.

Bei der HTML5 basierten Browseranwendung, die sich derzeit im privaten Alpha-Stadium befindet, können Nutzer virtuelle Clubs starten, in denen bis zu fünf DJs ihre Musik auflegen und um die Gunst der Hörer buhlen.

Bei den Clubs handelt es sich um grafische Chaträume, deren Herzstück ein Podest ist, auf dem bis zu fünf User ihren Platz hinter den Plattenspielern einnehmen können. Alle weiteren Besucher eines Raums, jeweils dargestellt als kleine Figuren mit überproportional großen Köpfen, versammeln sich auf der Tanzfläche vor der DJ-Kanzel.

Wer einen Platz an den Decks ergattern konnte, darf jeweils einen Titel aus seiner individuell zusammengestellten Songliste abspielen. Diese kann entweder mit Songs von der eigenen Festplatte oder mit Stücken aus der von Turntable.fm bereitgestellten, über eine Suchefunktion erreichbaren Musikdatenbank befüllt werden.

Während die Hobby-DJs der Reihe nach jeweils einen von ihnen ausgewählten Titel abspielen, haben alle anderen User im Raum die Möglichkeit, diesen über den am untere Seitenrand befindlichen Regel mit "Lame" oder "Awesome" zu bewerten. Für jede positive Rückmeldung erhält der gerade aktive DJ einen Punkt, und je mehr er davon sammelt, desto größere Avatare kann er für sein Figürchen wählen.

Erweist sich ein Song als unpopulär und wird von einer prozentual signifikanten Zahl der Besucher eines Raums mit einem Klick auf "Lame" geahndet, endet er abrupt und schafft Platz für die musikalische Perle des nächsten DJs. Jedes gespielte Stück kann in die eigene Turntable.fm-Spielliste gelegt, in iTunes und Last.fm geöffnet sowie bei Spotify aufgerufen werden.

Liebe zum Detail: Die Notebookrückseite zeigt das OS der Anwender

Nach meinem gestrigen Intensivtest kann ich konstatieren, dass das erhebliche Suchtpotenzial des Dienstes auf eine Kombination aus mindestens drei Faktoren zurückzuführen ist:

Zum Ersten erhalten musikbegeisterte Menschen die Gelegenheit, ihre Lieblingstitel vor einem (wenn auch nur digital anwesenden) Publikum zu spielen und direktes Feedback zu erhalten.

In einer Webwelt, in der die Empfehlungen und deren Konsum zumeist zeitlich voneinander losgekoppelt sind (E-Mail, Like-Button etc), schafft dies eine ganz andere emotionale Teilhabe am Empfehlungsprozess - vergleichbar damit, Freunden seinen neusten Lieblingstrack zu präsentieren und erwartungsvoll auf ihre Reaktion zu warten.

Zum Zweiten erlaubt Turntable.fm über die Chatfunktion den Dialog zwischen allen Besuchern des virtuellen Clubs. Nachdem ich am Sonntag ein paar Leute über Facebook und Twitter auf meinen Raum electrodisco_berlin (elektronische Musik only!) aufmerksam machte (Carolin Neumann war eine der ersten Mitstreiterinnen und bestätigt die Faszination, die von dem Dienst ausgeht), luden diese wiederum ein paar Freunde ein, wodurch sich eine interessante Mischung an Personen im Raum versammelte, die sich über die dargebotene Musik austauschten und miteinander Spaß hatten. Profilseiten einzelner User existieren bisher zwar nicht, aber wer als DJ-Name sein Twitter-Kürzel verwendet, erlaubt potenziellen Fans die spätere Kontaktaufnahme.

Der der dritte Aspekt, der Turntable.fm so besonders macht, ist dessen Eignung als Tool zur Entdeckung neuer Musik. Diverse der von anderen Plattenkünstlern gespielten Titel gefielen mir so gut, dass ich sie direkt bei Spotify in einem eigenes angelegten "turntable.fm Favoriten"-Ordner gespeichert habe (natürlich kann man Titel, die einem Gefallen, auch einfach händisch bei simfy, YouTube oder Grooveshark suchen). Eli Pariser müsste Turntable.fm lieben.

Über die langfristigen Ambitionen sowie das anvisierte Geschäftsmodell der genialen Anwendung, die sich derzeit vor allem innerhalb der "In-Crowd" der US-Tech-Szene verbreitet, ist bisher nichts bekannt. Das Streaming der Songs wird über den Lizensierungsdienstleister MediaNet abgewickelt. Je mehr Personen Turntable.fm verwenden, desto größer ist mutmaßlich der Batzen an Lizenzgebühren, die von dem Startup an MediaNet abgeführt werden.

Mark Krynski vom Lifestreamingblog glaubt und hofft , dass Turntable.fm als Vorbild für eine neue Gattung von Onlineservices dienen könnte, die auf ein ähnlich synchrones Echtzeit-Benutzererlebnis setzen (wie z.B. auch YT Social für YouTube-Videos).

Ob dieser Ansatz bei anderen Medientypen ein ähnlich erfüllendes Erlebnis bietet, weiß ich nicht - für Musik aber ist er perfekt. Wer bewusst Musik konsumiert, dies gerne mit anderen gemeinsam macht und sich nicht vor den Nebenwirkungen einer Turntable.fm-Sucht fürchtet, sollte den Dienst unbedingt ausprobieren (solange dies auch von außerhalb der USA noch möglich ist).

Voraussetzung, um Turntable.fm nutzen zu können, ist ein Facebook-Konto. Außerdem muss mindestens einer der eigenen Facebook-Freunde bereits bei Turntable.fm registriert sein.

Bei Facebook verfahre ich zwar nach der strikten Richtlinie, mich nur mit Personen zu vernetzen, die ich zumindest ab und zu persönlich treffe. Aber an dieser Stelle mache ich eine Ausnahme: Die ersten zehn Leser, die mich bei Facebook hinzufügen (ich bin der mit dem Vermerk "Blogwerk"), akzeptiere ich, was euch Zugang zu Turntable.fm verschafft (versucht aber vorher bitte selbst, euch einzuloggen - eventuell ist jemand aus eurer Kontaktliste bereits bei dem Service).

Update: Ich habe jetzt zehn Leute "eingeladen", ab sofort ignoriere ich Kontaktanfragen bei Facebook, sorry.

Link: Turntable.fm

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