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11.07.13

Trotz Internet: Öffentlicher Wissensstand und Realität klaffen weit auseinander

Eine Studie belegt: Briten sind in vielen wichtigen politischen und gesellschaftlichen Themen falsch informiert. Daraus ergeben sich Herausforderungen für künftigen Journalismus.

InformationEiner der entscheidenden Vorteile des Internets ist der im Prinzip uneingeschränkte Zugang zu Informationen und Wissen unabhänging von sozialem Status, finanziellen Mitteln oder Art des Zugriffsgerätes. Ein persönlicher oder gemeinsam mit anderen genutzter, mit dem Netz verbundener Rechner oder alternativ ein internetfähiges Mobiltelefon sowie minimale Kenntnis über vertrauenswürdige Quellen und Recherchemethoden genügen, damit sich Menschen an jedem Ort dieses Planeten mit einem schier unbegrenzten Fundus an historischem und aktuellem Wissen versorgen können. Noch vor 20 Jahren genossen lediglich Bessergestellte und Intellektuelle ein derartiges Privileg.

Ausgehend von dieser Tatsache wäre zu vermuten, dass Menschen heutzutage abgesehen von bewusster Verschleierung durch Politik und Wirtschaft deutlich seltener einer kollektive Desinformation erliegen, als dies in der Prä-Digital-Ära der Fall war, in der die Hürden für einen umfassenden Informationsbezug deutlich größer waren. Doch eine britische Untersuchung kommt zu einem ganz anderen Ergebnis: Umfrage zeigt: Briten sind falsch informiert

Laut der repräsentativen Studie unter 1015 Briten zwischen 16 und 74 Jahren liegt die subjektive Einschätzung der britischen Öffentlichkeit in wichtigen politischen und gesellschaftlichen Fragen jeweils weit von der Wirklichkeit entfernt. Ob Missbrauch von Sozialleistungen, Einwanderung, Kriminalität, Schwangerschaft von Minderjährigen oder der Anteil von Hilfszahlungen an das Ausland am Gesamtbudget der Regierung - grundsätzlich klaffen die Vorstellung der Briten und Realität weit auseinander. Die Briten glauben, dass 34 mal mehr Geld in widerrechtlich bezogene Sozialleistungen fließt, als dies tatsächlich der Fall ist. Sie gehen auch von einer steigenden Kriminalitätsrate aus, obwohl diese statistisch fällt. Ein Drittel vermutet zudem, dass die Gesamtausgaben für Arbeitslosenunterstützung über denen der Rentenleistungen liegen. Tatsächlich fließt das 15-fache in die Pensionen.

Ohne historische Vergleichswerte und eine genauere Unterteilung in soziodemografische Milieus lässt sich nicht sagen, welchen Einfluss das Aufkommen des Internets im Zeitverlauf auf den Informationsstand der britischen Öffentlichkeit hatte. Die Studie macht allerdings deutlich, dass die Existenz des Internets nicht dazu geführt hat, dass breite Teile der Gesellschaft einen realitätsgetreuen Überblick über wichtigen Themen des öffentlichen Interesses erhalten haben. Kein Wunder, sind die korrekten Details oft irgendwo "versteckt", während die auf der Insel besonders starken Boulevardmedien gerne bis ins Unerträgliche polarisieren und nicht selten den Wahrheitsgehalt von Geschichten und Ereignissen der Auflage unterordnen.

Systemisch bedingt

Bis zu einem gewissen Grad ist die Falscheinschätzung von Sachverhalten ein Resultat des Medien- und Politiksystems, bei dem es immer auch um interessengerechte Einflussnahme geht, nicht nur um Informationsvermittlung. Zudem beeinflussen ökonomische Zwänge die Themen- und Schwerpunktauswahl. Daran wird sich nie etwas ändern. Auch gehört es zum menschlichen Naturell, dass bestimmte Informationsfetzen sich besonders hartnäckig in der Erinnerung halten und damit in der subjektiven Bewertung ein ungerechtfertigt großes Gewicht einnehmen.

Aufgabe des Journalismus gerät aus den Augen

Dennoch sollte der eigentliche Auftrag der Medien meines Erachtens nach darin liegen, Menschen ein möglichst zutreffendes Bild der Realität zu vermitteln - mit all ihren Facetten. Ausgehend von den Studienergebnissen muss man feststellen, dass die Presse diesem Auftrag nicht zufriedenstellend gerecht wird - weder im traditionellen Sektor, noch im Netz.

Viele Medienunternehmen, Verlage und Branchenbeobachter sinnieren intensiv darüber, wie die Zukunft des Journalismus im digitalen Zeitalter aussehen könnte. Mit Blick auf den Informationsstand der britischen Öffentlichkeit zumindest müsste die Antwort wohl lauten: anders als bisher. Denn Journalismus als Selbstzweck, der das eigentliche Ziel dieser Profession aus dem Auge verliert, ist nichts, was man retten müsste.

Der Journalismus der Zukunft muss nicht nur finanzierbar sein, sondern sich auch auf seine Grundaufgabe besinnen: die Wahrheit zu verbreiten. Zu überprüfen, inwieweit die öffentliche Einschätzung in Schlüsselfragen der Realität entspricht, erscheint da wie ein geeignetes Instrument, um die Qualität der Medienarbeit zu bewerten. /mw

via twitter.com/tilojung

(Foto: Information published, Shutterstock)

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