<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

22.10.13

Trotz Android-Dominanz: 9 Gründe, die Startups zu einem "iOS-First"-Ansatz bringen

Viele Jungunternehmen veröffentlichen zuerst Apps für iPhone und iPad - obwohl deutlich mehr Geräte mit Android verkauft werden. Doch andere Faktoren fallen mehr ins Gewicht. Wir fassen alle zusammen.

iOS AndroidSowohl bei Smartphones als auch bei Tablets ist Android klarer Marktführer. Dennoch entscheiden sich viele Startups, denen zu Beginn die Ressourcen für die Präsenz auf verschiedenen mobilen Systemen fehlen, noch immer für iOS als erste Plattform. Dieser scheinbare Widerspruch sorgt regelmäßig für Verwunderung in der Android-Gemeinde; zuletzt bei uns in den Kommentare zu unserem Artikel über Blogbox. Vor zwei Monaten hatten wir dieses Phänomen in einem Beitrag beleuchtet und verschiedene Startup-Gründer zu Wort kommen lassen. Heute möchten wir in einer kompakten Übersicht sämtliche Gründe zusammenfassen, die zahlreiche Jungunternehmen trotz der Android-Dominanz noch immer auf einen iOS-First-Ansatz setzen lassen. 1. Fragmentierung

Zwei Wochen nach der Veröffentlichung der aktuellen iOS-Version 7 hatten bereits drei Viertel aller Anwender die neue Software auf ihren iPhones, iPads und iPods installiert. Bei Android hingegen sind nur 1,5 Prozent der Geräte mit der jüngsten Version 4.3 ausgestattet. Fast ein Drittel hat noch die Version 2.3, ein Fünftel die 4.0. Eine Gegenüberstellung, die Bände spricht: iOS-Entwickler wissen, dass sie ihre App eigentlich nur für die aktuellste iOS-Variante sowie deren Vorgänger optimieren müssen, um auf den meisten iOS-Geräten Lauffähigkeit zu garantieren. Wer Android-Apps programmiert, muss hingegen deutlich mehr Energie darin investieren, Rückwärtskompatibilität zu gewährleisten - zusätzlich zu der Herausforderung, die Software für die wichtigsten unter 12.000 unterschiedlichen Android-Gadgets zu anzupassen. Dass Android-Developer mittlerweile ihre Kollegen dazu aufrufen, nur noch ein reibungsloses Funktionieren ab Android 4.0 zu garantieren, ist verständlich. Es hieße aber, sich vor einem mächtigen Teil des Android-Marktes zu verschließen.

2. Marktanteile mit regionalen Unterschieden

Zwar liegt Android weltweit weit vor der Konkurrenz. In den USA, unangefochtener Trendsetter und Stimmungsmesser für die globale Netzbranche, liegt das Google-System bei Smartphones mit 52 Prozent aber nur ein Stück weit vor iOS, das auf 40 Prozent kommt. In den Entwickler- und Gründerkreisen San Franciscos und Umgebung ist die Liebe zu Apple-Produkten nach wie vor ungebrochen, nicht zuletzt auch wegen der Popularität von Mac-Computern.

3. Zahlungsbereitschaft

Für viele Startups entscheidender als die nackten Gerätezahlen sind die Möglichkeiten, auf einer mobilen Plattform Geld zu verdienen. Bei iOS-Nutzern sitzt die Brieftasche deutlich lockerer, wenn es um den Erwerb von Apps oder In-App-Diensten geht. Nach einer Hochrechnung aus dem Sommer werden 2013 zwei Drittel aller App-Umsätze auf iOS entfallen. Die Analysefirma Flurry fand heraus, dass Android-Nutzer das geringste Interesse an App-Kaufen haben. Forbes formulierte die Unterschiede in den plattformspezifischen Monetarisierungseigenschaften deutlich: "iOS is for selling a product, Android is for ads". Für App-Anbieter, die ihr finanzielles Wohl nicht vom schwankenden Werbegeschäft abhängig machen wollen, bleibt iOS deshalb die natürlichere Wahl. Wobei selbst Androids Eignung für Werbung in Frage gestellt wird.

4. Experimentierfreudigkeit & Aktivität

Android-User sind nicht nur knausriger, sondern auch weniger aktiv und weniger experimentierfreudig. Laut Flurry verbringen die Besitzer von Gadgets mit Googles OS 20 Prozent weniger Zeit in Apps als iOS-Nutzer. Eine repräsentative TNS Infratest-Studie ergab jüngst , dass Besitzer von Android-Smartphones in Deutschland nur 14 Apps zusätzlich zu den vorinstallierten einsetzen. Beim iPhone seien es fast doppelt so viele. Auch beim mobilen Website-Traffic setzt sich das Bild der aktivieren iOS-Anwender fort: Eine Analyse des Content-Delivery-Networks Akamai zeigte, dass im zweiten Quartal 2013 rund 60 Prozent der mobilen Seitenaufrufe weltweit mit Apples iOS-Browser Safari erfolgten. Android-Browser waren für lediglich 33 Prozent des mobilen Traffics verantwortlich.

5. Rankings

Es auf die obersten Plätze der Download-Charts im App Store und Play Store zu schaffen, ist für Startups viel wert. Oft investieren sie ihr knapp bemessenes Kapital in Werbemaßnahmen, um die Downloadzahl ihrer App künstlich anzukurbeln. Das Kalkül: Einmal in den oberen Bereichen der Charts etabliert, folgt massives organisches Wachstum. Zahlreiche weitere Kniffe verhelfen Apps zu Top-Platzierungen und dem damit verbundenen Nutzeransturm. Wie der Internet-Investor Tomasz Tunguz vor einiger Zeit heraus fand, ist das Erreichen der Chartspitze im Google Play Store für brandneue Apps aufgrund andersartiger Rankingmechanismen weitaus schwieriger als im App Store. Die Algorithmen des Play Store berücksichtigen langfristigen Erfolg einer Applikation stärker, als dies beim App Store der Fall ist. Etablierte Dienste profitieren davon, Startups hingegen erschwert es den Durchbruch.

6. Piraterie

Apple regiert den App Store mit harter Hand und sorgt bei Entwicklern durch in die Länge gezogenen Freigabeprozesse oder unerwartete Blockierungen von Anwendungen häufiger für Kopfschmerzen. Auf der anderen Seite können sich App-Macher aber relativ sicher sein, dass nicht fremde Entwickler einfach ihre Apps frech nachbauen. Bei Android, dessen Play Store von Google weniger sorgfältig kontrolliert wird, ist App-Piraterie dagegen ein großes Problem, speziell in der Kategorie Spiele.

7. Investoren

Für die meisten Frühphasen-Startups geht es darum, Business Angels und Venture-Kapital-Firmen zu einer Beteiligung zu bewegen - und das zumeist so schnell wie möglich. Der Silicon-Valley-Kenner und Startup-Mentor Steve Cheney bringt diesbezüglich einen Aspekt in die Debatte ein, der bisher wenig Beachtung fand: Aufgrund einiger der bereits genannten Punkte eignet sich iOS deutlich besser für das Heranschaffen von frühzeitigen Erfolgsmetriken, die sich gegenüber Geldgebern als Argument für ein Investment eignen, wie Downloads oder Umsatz.

8. Coolness-Faktor

Noch immer profitieren iPhone, iPad und iPod touch von Apples Premium-Positionierung, Hochpreisstrategie und Liebe zum Detail und zur Ästhetik. Top-Android-Geräte stehen den Apple-Gadgets zwar hinsichtlich Leistungsfähigkeit und technischer Raffinessen in nichts mehr nach; überflügeln sie gar. Doch beim Coolness-Faktor siegt auch heute die Marke mit dem Apfel. Das wiederum beeinflusst die Wahl der Plattform aus Startup-Sicht. Wer einen neuen Dienst mit Markeneigenschaften wie trendy, stylish und elegant vernüpfen möchte, der wird dafür nicht die im Vergleich rational-technisch angehauchte Android-Plattform bevorzugen.

9. Gewohnheit

Ein Punkt, der nicht unterschätzt werden sollte, ist die Gewohnheit: Wer schon länger im Geschäft ist und seit Jahren bei der Entwicklung von Apps iOS den Vorzug gegeben hat, der wird schon deshalb nicht so schnell an dieser Prämisse rütteln, weil es bisher gut funktioniert hat und weil er/sie die Stärken und Tücken kennt. Isoliert betrachtet ist dies zwar kein sonderlich kluges Argument für die Plattformwahl. Aber in Kombination mit den zahlreichen, noch immer für iOS sprechenden Aspekten kann man es Jungfirmen und Programmierern nicht verübeln, wenn sie trotz eindeutiger quantitativer Überlegenheit von Android noch immer iOS den Vorzug geben. Ideal wäre freilich, beide Plattformen vom Tag eins an zu unterstützen.  /mw

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer