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17.06.08Leser-Kommentare

Telewebber: Chatfunktion für TV mit Konzeptschwächen

telewebber logo

telewebber ist ein neues Startup aus Deutschland mit einer vielversprechenden Idee: Dem interaktiv zurückgebliebenen TV einen Chatkanal geben. Noch hapert es etwas an der Umsetzung.

telewebber ist vom Grundgedanke her nicht mehr als eine auf den gemeinsamen TV-Konsum spezialisierte Chatapplikation. Auch wenn TV, besonders das deutsche TV, Zuschauer verliert und sich im qualitativen Sinkflug befindet, ist das altmodische Fernsehen nach wie vor das Massenmedium schlechthin.

Das hier eine soziale Komponente zum Diskutieren und Lästern mit Menschen außerhalb der sich im gleichen Raum befindenden Personen selbst von hartgesottenen Internetgeeks gewünscht wird, sieht man unter Anderem regelmäßig auf dem Microblogging-Dienst Twitter, auf dem schon die eine oder andere TV-Sendung live ausgiebigst kommentiert wird.

Das will nun telewebber mit speziell auf diesen Anwendungszweck ausgerichteten Werkzeugen vereinfachen.

 

Features und Aufbau der Seite

Nach dem Anmelden kann man wie üblich Freunde adden und den Chaträumen beitreten. Die Chaträume sind nach TV-Sendern sortiert :

telewebber-chats

Zu jedem TV-Sender kann jeder User beliebig viele Chaträume anlegen, die dann jeder nach Auswahl des Senders anwählen kann:

telewebber-chat-zdf

Die Chaträume selbst sind dann mit recht vielen, vielleicht zu vielen, Features ausgestattet.

telewebber-em

Neben dem Hauptstrang in der Mitte findet man rechts unten noch einen sogenannten Mood-o-Meter. Mit einem einfachen Klick kann man zum Ausdruck bringen, ob man die aktuelle Sendung gut ("Applaus"), "witzig" oder schlecht ("Buh") findet. Je mehr Leute aus dem Chat auf den jeweiligen Button klicken, desto mehr schlägt der Zeiger aus.

Außerdem kann jeder Chatteilnehmer einzelnen Messages ein "Daumen hoch" geben. Ab einer bestimmten Anzahl positiver Stimmen landet eine solche Message dann auf der linken Ticker-Spalte. Diese Tickerspalte wird in allen Chaträumen des gleichen Senders angezeigt und fungiert quasi als eine Art Best-of des ganzen Geschnatters rund um Sender xy. Den Ticker kann man auch per RSS abonnieren. Wer in drei Teufels Namen das machen sollte, kann ich mir aber beim besten Willen nicht vorstellen.

An Lieblingssendungen kann man sich auch erinnern lassen. Ebenfalls kann man sich anzeigen lassen, wer sich an welche Sendung erinnern lässt.

Es gibt sicherlich noch weitaus mehr Funktionen, die ich hier nicht aufgeführt habe. Erwähnenswertes können mitlesende Betatester in den Kommentaren hinzufügen.

Konzeptionelle Schwächen

Um es kurz und knapp zu machen: telewebber in der aktuellen Form skaliert nicht .

Damit meine ich nicht die technische Seite sondern die aktuelle Konzeption der Chaträume. Gestern war ich zum EM-Spiel Deutschland gegen Österreich im entsprechenden Chatraum. Es waren um die 60 Personen anwesend und der Chatraum war bereits zu Hochzeiten praktisch unnutzbar. Die Nachrichten flogen rein, wie die Tore.. nein, Moment. Egal, die Nachrichten waren auf jeden Fall bei selbst nur einer Handvoll aktiven Nutzern so schnell aus dem Sichtfeld, dass man sich hätte vollständig auf telewebber konzentrieren müssen, um alles mitzubekommen.

Einige Chat-Teilnehmer amüsierten sich bereits über die Tatsache, dass Nachrichten so schnell reinkamen, dass man nicht selten beim Bewerten auf die falsche Nachricht klickte. Der folgende Screenshot beinhaltet nur Nachrichten der letzten 5 Sekunden:

telewebber-msg-tsunami

Die hohe Beitragsfrequenz wird, wie man sieht, auch noch verstärkt durch ein weiteres Feature: Über der Eingabemaske gibt es verschiedene Optionen, mit denen man mit einem Klick eine standardisierte Nachricht abgeben kann. Hier die Fußballoptionen:

telewebber-fussball

Das mag dem Live-Charakter helfen, beschleunigt aber die Unnutzbarkeit beliebter Chaträume und erhöht den Infomüll massiv.

Man muss bedenken: telewebber befindet sich noch in der Private-Beta-Phase. Mehr als ein paar hundert Nutzer hat der Dienst noch nicht, und bereits jetzt ist es bei beliebten Sendungen eher unpersönlich und bedingt interessant. Was passiert erst, wenn auf der Seite Tausende von Nutzern angemeldet sind?

Sobald ein Chatraum halbwegs populär wird, wird er sofort unnutzbar.

Mögliche Lösungen

Eine Lösung dieses Problems gestaltet sich schwieriger, als man denkt. Auf Anhieb will mir keine Lösung einfallen.

Fakt ist aber, das telewebber mit dem aktuellen IRC-ähnlichen Ansatz der Chaträume nicht sehr weit kommen wird. Mit Wachstum des Dienstes sind Frustrationen der Nutzer programmiert.

Sinnvoller wäre ein Kombination dieser Räume mit dem auf den jeweiligen Nutzer und seinen Bekanntenkreis fokussierten Follower-Prinzip, wie man es vom Microblogging-Dienst Twitter oder dem Lifestreaming-Dienst friendfeed her kennt. Ich will schließlich eben nicht immer (bzw. eher selten) mit Fremden über TV-Sendungen chatten, sondern über Frisuren und Aussagen im TV mit Freunden und Bekannten ablästern.

Fazit

Janko Röttger hatte auf NewTeeVee in einem Artikel letztes Jahr (Link finde ich nicht mehr) die These aufgestellt, dass die Möglichkeit des Chattens über Sendungen ein enormer Vorteil für Joost sein könnte. Das sah ich ähnlich.

Als ich das erste Mal vor ein paar Wochen von telewebber hörte, war ich begeistert. Eine gute Idee von einem deutschen Startup, die es so noch nicht einmal in den USA gibt? Es geht also doch.

Die Umsetzung ist aber holprig: Die Features sind reichlich, zu reichlich. Ich würde nicht wie Nico Lumma behaupten, dass telewebber auf ganzer Linie enttäuscht, aber: Die Usability der eigentlichen Hauptaufgabe -Chatten über TV-Sendungen- ist noch sehr unausgereift. Der Chat skaliert nicht. Je größer telewebber wird, desto weniger Spass wird es zu den Stoßzeiten machen. Eine Lösung dafür ist nicht so einfach, aber eine Konzentration auf bestehende Freundschaftsbeziehungen über das Follower-Prinzip wäre in meinen Augen ein guter Ansatz.

Da Video-on-Demand und zeitversetztes Fernsehen auf dem Vormarsch sind, sollte sich Telewebber ranhalten, um schnell groß zu werden und dann eventuell irgendwann weitere für die Community interessante Chat-Themen einführen zu können. Denn irgendwann läuft ihnen ihr aktuelles Chat-Sujet, das altmodische TV, in die Bedeutungslosigkeit davon.

Auch Unterstützung für Mobiltelefone sollte man bald einführen. Nicht jeder will neben der Röhre noch den Laptop laufen lassen. (Und hier kommt man auch wieder dazu, dass weniger Features mehr sein kann.)

Alles in allem bin ich gespannt, wie sich telewebber weiter entwickeln wird. Das Potential ist auf jeden Fall da. Nur genutzt werden muss es noch.

Telewebber befindet sich aktuell in der Private Beta.

Kommentare

  • Thomas

    17.06.08 (20:12:34)

    Ich war auch gestern bei dem Spiel online. Und auch ich habe diese Masse und Geschwindigkeiten als sehr nervig empfunden. Wenn alle auf einen Button drücken, sollte diese Nachricht nur einmal auftauchen und die anderen Namen einfach hinzufügen. Für eine private (oder Follower-ähnliche) Unterhaltung zur Sendung empfiehlt sich da übrigens Plurk!

  • Marcel Weiss

    17.06.08 (21:18:54)

    Einbutton-Nachrichten zu Clustern zusammenfassen. Gute Idee!

  • Tapio Liller

    17.06.08 (22:14:44)

    Ich teile die Ansicht, dass die Fülle der Features den Chat viel zu schnell macht. Jetzt gerade zu einem EM-Spiel ist es zuviel, den kollektiven Jubel linear darstellen zu wollen. Die Idee der privaten Räume - in dem Fall wohl dann Wohnzimmer getauft - könnte tatsächlich helfen. Es ist aber toll, dass so eine Idee aus Deutschland kommt (dazu mein Post hier: http://www.opensourcepr.de/2008/06/12/telewebber-watching-tv-alone-together/ ) und das Telewebber-Team hört live zu, was die User gut und schlecht finden. UI-Verbesserungen folgen sehr schnell.

  • FFD

    17.06.08 (23:03:43)

    Ich finde Telewebber großartig! Die Grundidee ist ja, daß Internet und TV eben nicht KONVERGIEREN, sondern KOEXISTIEREN, und das wird genutzt als Basis für ein spannendes Produkt, um nicht zu sagen, eine ganze neue Produktkategorie. Konzeptuell ist das extrem schwierig, und das perfekte Konzept dafür läßt sich nicht vorab am Blackboard entwerfen. So was glauben nicht mal Unternehmensberater, die behaupten es nur. Man muß es in der Praxis ausprobieren! Twitter war als SMS-Dienst konzipiert, und hat sich zu etwas ganz anderem entwickelt (was sich immer noch ziemlich holprig anfühlt). Telewebber wird sich konzeptuell schnell weiterentwickeln, da bin ich sicher. Hut ab vor Telewebber! Endlich mal kein Copycat, sondern was wirklich brauchbares aus deutschen Landen. Und ich finde, es hat mehr Mainstreampotential als Twitter und Friendfeed zusammen.

  • Martin Weigert

    18.06.08 (00:13:21)

    Ich persönlich finde Telewebber auch sehr sehr nett. Marcel, vielleicht magst du Fußball einfach nicht hinreichend genug? ;) War letztens für eine Session dabei, war ein Schweizspiel, glaube ich, und fand das mit Hilfe von Telewebber entstehende Gemeinschaftsgefühl sehr spannend. Doch stimme ich zu, dass es ab und zu etwas spammy wird (auch ich ließ mich zur ein oder anderen unnötigen Umfrage oder automatisierten Aussage hinreißen), aber im Großen und Ganzen sehe ich hier viel Potenzial. Definitiv eine begrüßenswerte Innovation, der ich die Daumen drücke.

  • Markus

    18.06.08 (00:41:42)

    Ich muss sagen ich finde Telewebber super. Das Problem mit der Geschwindigkeit ist den Machern wohl bekannt und wie oben schon erwähnt reagieren sie sehr schnell mit Änderungen und Optimierungen. Momentan ist es aber noch so, dass man gut klar kommen kann. Das Zusammenfassen von Aktionen wurde innerhalb der Chats von Telewebber auch schon einige Mal vorgeschlagen, die Geschwindigkeit ist zeitweise atemberaubend aber ich meine mich zu entsinnen, dass die Telewebber daran wohl auch schon arbeiten. Ich muss sagen, es gibt zwar viele Features aber die Usability ist nach ein zwei Sessions ganz gut wenn man sich dran gewöhnt hat und die Features unterstützen natürlich wie schon oben erwähnt den Live-Charakter. Alles in allem kann ich Telewebber nur weiter empfehlen.

  • Christoph Janz

    18.06.08 (11:15:30)

    Ich finde telewebber auch super. Für eine Private Beta funktioniert es doch schon sehr gut. Dass es noch Performance-Probleme und jede Menge Verbesserungsmöglichkeiten gibt, ist klar. Ein weiterer Lösungsansatz für das Problem, dass der Chat-Raum schnell zu voll wird: Den Raum auf z.B. 20 Teilnehmer begrenzen. Kommt User Nummer 21, wird automatisch ein weiterer Raum eröffnet ("Lobby 2"). Wenn Leute gezielt mit bestimmten anderen Personen chatten möchten, können sie das weiterhin über private Räume tun.

  • Andreas Dittes

    19.06.08 (16:39:41)

    lieben dank für deinen beitrag, marcel. wie du selbst schon angemerkt hast, ist telewebber aktuell in der testphase. unser ziel dabei ist, viele ideen zu testen und ihre tauglichkeit zu bewerten. wie tapio und ffd schon bemerkt haben, passen wir die einzelnen features schnell an und entwicklen die plattform dadurch weiter. gerade bei innovativen produkten ist hier eben mehr arbeit nötig als bei reinen copycats, das wird leider oft vergessen. betreffend der skalierung der chats wollen wir daher auch erst schauen, wie die gruppendynamik auf telewebber funktioniert. es gibt eine ganze palette an möglichkeiten, chats aktiv oder passiv zu splitten, da sehe ich kein problem.

  • Marcel Weiss

    19.06.08 (16:47:30)

    Das heißt, Ihr wärt auch bereit, die Grundausrichtung um 180% zu drehen? Bin gespannt, wir Euch weiterentwickelt. Bin wie gesagt der Meinung, dass die Grundidee gut ist und Potential hat. :)

  • Andreas Dittes

    19.06.08 (17:37:57)

    das feedback der nutzer hat gezeigt, dass wir schon auf dem richtigen weg sind... :) was man auch nicht vergessen sollte ist, dass telewebber nicht nur für geeks nutzbar sein soll. bei twitter ist z.b. genau dies der fall.

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