<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

27.02.14

Telegram: Was man über den WhatsApp-Rivalen des "russischen Mark Zuckerberg" wissen sollte

Der Chat-Messenger Telegram ist ein absoluter Shooting-Star. Doch seine Macher, die Brüder Pavel und Nikolai Durov, lassen Transparenz vermissen, und ihre App ist weniger sicher als behauptet. Wie seriös ist der Dienst eigentlich?

TelegramDiverse Smartphone-Messenger profitieren derzeit vom Unmut einiger WhatsApp-Nutzer über die Akquisition durch Facebook. Eines besonderen Beliebtheitszuwachses erfreut sich Telegram, ein Chat-Service auf Open-Source-Basis, der wie berichtet in Dutzenden Ländern die Spitzenplätze der App-Charts belegt. Doch angesichts einiger die Seriosität und den versprochenen hohen Sicherheitsstandard in Frage stellender, von der Masse aber ignorierter Aspekte scheint es fast, als wiederhole sich mit Telegram die Geschichte von WhatsApp. Das wäre ironisch, ist es doch die Unzufriedenheit über den Verlauf der Dinge mit WhatsApp, die Millionen Nutzer gerade nach neuen Messengern Ausschau halten lässt.

Datenschutzbedenken und Geheimniskrämerei

Zweifel an Telegrams angeblich hohen Verschlüsselungs- und Sicherheitsvorkehrungen sind nicht neu. Jetzt gibt die Stiftung Warentest dazu ein klares Urteil ab: Aus Datenschutz-Aspekten stuft die Organisation Telegram als "kritisch" ein. Die End-zu-End-Verschlüsselung beträfe nur die von Nutzern manuell auszuwählende Option "Secret Chat", zudem speichere die App automatisch Adressbucheinträge ohne Zustimmung der User (wobei dies zumindest für die iOS-Version nicht zutrifft) und der im Adressbuch verzeichneten Personen. WhatsApp schneidet wenig überraschend noch schlechter ab, der Konkurrent Threema kommt in dem Test dagegen besser weg und erhält die Datenschutz-Bewertung "unkritisch". Allerdings ist Threema im Gegensatz zu Telegram nicht quelloffen. Dafür sorgt es aber anderweitig für Transparenz (unter anderem auch in diesem sehr hörenswerten Interview mit einem der Gründer), die bei Telegram fehlt.

Was mich in Hinsicht auf Telegram vor allem verunsichert, ist das geheimniskrämerische Auftreten und das Fehlen von an Endnutzer gerichteten vertrauensbildenden Maßnahmen, die ich im Zeitalter der Massenüberwachung von einem Service erwarte, der mit seinen Sicherheitsstandards und nutzerfreundlichen Intentionen wirbt. Zwar soll ein Security-Wettbewerb belegen, dass das Protokoll selbst wasserdicht ist. Doch andere Schwächen werden damit nicht beseitigt.

Turbulente Vorgeschichte zu Telegram

Hinter Telegram stecken die zwei aus Russland stammenden Brüder Pavel und Nikolai Durov. Bekannt wurde das Duo durch ihr im Jahr 2006 gegründetes Startup VKontakte (später nur noch VK genannt), ein für den russischsprachigen Markt konzipierter Facebook-Klon. Im Gegensatz zu studiVZ, das in Deutschland nach einer kurzen Erfolgsgeschichte vom Original überflügelt wurde, gelang es VK bis heute, im GUS-Raum die Marktführerschaft zu verteidigen.

VKontakte (VK)

Doch seit einiger Zeit rumort es hinter den Kulissen von VK. Dem Anschein nach versucht die russische Regierung, ihren Einfluss auf das eine Schlüsselrolle bei der Prägung der öffentlichen Meinung spielende soziale Netzwerk zu erhöhen. Pavel Durov, der bislang bei VK die Fäden in der Hand hielt, war im vergangenen Jahr in eine Reihe von merkwürdigen Skandalen verwickelt, die laut Beobachtern darauf abzielten, den als kremlkritisch geltenden VK-Gründer aus der Firma zu drängen. Bis vor kurzen befanden sich bereits 88 Prozent von VK in der Hand von Putin-Freunden. Ende Januar wurde bekannt, dass Durov auch die verbliebenen zwölf Prozent verkauft hat. Er betonte zwar, weiterhin für die Site zuständig zu sein. Anderswo war allerdings von einem Rückzug die Rede. Von außen ist es schwierig, die genauen Vorgänge zu rekonstruieren und eindeutig festzuhalten, welche Motive hinter dem stattfindenden Machtkampf stehen. Die Frage, wie lange "Russlands Mark Zuckerberg", wie Pavel Durov auch genannt wird, noch Entscheidungsgewalt über VK ausübt, steht schon länger im Raum. Sie bekommt jetzt, wo er seine Anteile abgegeben und eine neue Berufung gefunden hat, noch größere Aktualität.

Telegrams Hauptquartier könnte überall sein

Das bringt uns zu Telegram: Während die Situation bei VK eskalierte, begann Pavel Durov zusammen mit seinem Bruder Nikolai die Erschaffung von Telegram. In der FAQ des Dienstes wird Pavel als finanzieller Unterstützer und ideologischer Kopf hinter der App beschrieben. Nikolai verantwortet demnach die Technologie. Im selben Einträg ist auch ist zu lesen, dass Telegram sein Hauptquartier in Berlin habe. Diese Behauptung, die auch in einem Bloomberg-Artikel erwähnt wird, lässt sich aber nicht verifizieren. Ein Impressum, wie es eine in Deutschland beheimatete Website erfordern würde, existiert nicht. Im Domain-Whois findet sich lediglich ein Adressproxy, die Domain wurde beim US-Hoster GoDaddy registriert. Eine Telefonnummer, Postadresse oder ein Ansprechpartner wird auf telegram.org nicht angegeben. Nur ein Kontaktformular existiert. Auf eine am Dienstag darüber versendete Anfrage zur personellen und juristischen Struktur des Dienstes und zum tatsächlichen physischen Sitz erfolgte bislang keine Antwort. Wer operativ den Dienst leitet - ob Pavel Durov selbst - bleibt damit im Dunkeln.

Der Gerüchteküche zufolge soll Pavel Durov einen Teil der Mitarbeiter von VK zu Telegram mitgenommen und persönlich ins US-Exil gegangen sein, um das Projekt Telegram von dort aus ungestört forcieren zu können. Gemäß der den russischen Digitalmarkt beobachtenden Publikation EWDN wird Telegram aus juristischer Sicht von Durovs im Bundesstaat New York registriertem Unternehmen Digital Fortress betrieben, wo Durov zumindest im vergangenen Jahr auch länger Zeit verbracht haben soll. Im Herbst, zum Debüt von Telegram, tauchte der heute 29-Jährige, der wie WhatsApp-Chef Jan Koum als pressescheu gilt, bei Konferenzen in San Francisco (Video hier) und Berlin auf. In unregelmäßigen Abständen twittert er, meist auf Russisch. Gerade in dieser Woche aber verfasste er einen provokanten Tweet auf Englisch, laut eigenen Angaben vom Mobile World Congress in Barcelona. In seiner Twitter-Biografie nennt er St. Petersburg als seinen Wohnort.

At #MWC listening to a guy who wants carriers to provide free access to Facebook. Can it postpone the slow death of FB?

— Pavel Durov (@durov) February 24, 2014

 

Pavel Durov im Jahr 2010

Gemäß Bloomberg ist Pavel Durov ein Anhänger der europäischen Idee und möchte mit Telegram hiesige Startups inspirieren, gegen die führenden US-Netzkonzerne anzutreten. Im Gespräch mit TechCrunch erklärte er zum Launch der App im Oktober, überall auf der Welt Server zu positionieren und Telegram als "ausländische Firma" und "Offshore-Entität" zu führen. So wolle er sich dem Druck von mit Meinungsfreiheit fremdelnden Nationen wie Russland, China oder Saudi Arabien entziehen.

Telegram soll Non-Profit bleiben

Pavel Durov und sein Bruder haben sich entschlossen, ihre Fährten möglichst unkenntlich zu machen und Behörden, Ermittlern sowie dem offenbar bei dem Duo nicht hoch im Kurs stehenden russischen Staat bei der Kontaktaufnahme Steine in den Weg zu legen. Für Nutzer bedeutet dies jedoch, den Durovs und ihren Visionen blind Vertrauen zu müssen. In der FAQ schreibt das Startup, mit Telegram keine Gewinne erwirtschaft zu wollen. Sollten die über Pavel Durovs Firma Digital Fortress bereitgestellten Mittel zur Neige gehen, wolle man auf Spenden sowie die Einführung kostenpflichtiger Zusätzfunktionen ausweichen. Das klingt wie Musik in den Ohren aller Idealisten. Doch ob diese Ziele tatsächlich zutreffen - heute und in einigen Jahren - steht in den Sternen. WhatsApp wurde gerade für 19 Milliarden Dollar verkauft. Es wäre schon sehr überraschend, wenn dies die Brüder völlig kalt ließe - auch wenn sie dank VK genug Geld haben. Vergessen wir nicht, dass wir es mit Jungentrepreneuren zu tun haben, die keine Skrupel hatten, mit einer 1:1 Kopie von Facebook groß ins Social-Networking-Geschäft einzusteigen. Und obwohl das erklärte Ziel von Telegram ist, Nutzer vor Überwachung und staatlicher Willkür zu schützen, verzichten die Macher auf eine vollständige End-zu-End-Verschlüsselung und überlassen es den Usern, für ihre Sicherheit zu sorgen. Ihrem eigenen Versprechen an die Anwender werden sie also, wenn überhaupt, nur partiell gerecht.

Was auch immer die Durovs mit Telegram vorhaben: Das Projekt und ihre Verantwortlichen sind nicht frei von Ballast und machen zu wenig, um sich das Vertrauen der User zu verdienen. Die meisten stört dies freilich nicht, wie die beachtlichen Spitzenplatzierungen im App Store und bei Google Play zeigen. Doch wer neben oder nach WhatsApp nach einer wirklich sicheren, seriösen Chat-Alternative sucht, der müsste momentan eigentlich einen Bogen um Telegram machen. Zumindest, bis sich die Organisation etwas mehr in die Karten gucken lässt. Ein FAQ-Eintrag reicht nicht aus, wenn es um einen der essentiellsten, uns rund um die Uhr begleitenden Anwendungstypen des digitalen Alltags geht.

(Foto Pavel Durov: Гаянэ Манукян, CC BY 3.0)

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer