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07.07.08Leser-Kommentare

Technologiegeschichte: Was Web 2.0 mit 60er-Jahre-Grossrechnern zu tun hat

"The next Google", "The next Microsoft": Gern werden Startups mit den Stars der vorangegangenen Technologiewellen verglichen. So auch bei Web 2.0, wo immer neue Firmen als "das nächste Google" gehandelt werden. Aber was ist, wenn wir mit diesen Vergleichen komplett falsch liegen, weil wir uns schlicht in der Dekade geirrt haben?

800Px-Dm Ibm S360Ist Facebook, Twitter oder gar Digg das nächste Google? Ist Mark Zuckerberg der neue Bill Gates? Oder ist doch eher Paul Buchheit der nächste Larry Page? Diese Vergleiche erfreuen sich grosser Beliebtheit, und Brancheninsider können lange darüber streiten.

Was man sich nur selten bewusst macht: Wir vergleichen die Startups von heute praktisch immer mit den dominierenden Firmen der letzten beiden Technologiegenerationen -- Erstens mit der Web-1.0-Welle, die von Google, eBay, Amazon und Yahoo dominiert wurde, und zweitens mit der PC-Welle, die die umfassende Dominanz von Microsoft und Intel mit sich brachte.

All diese Firmen haben etwas gemeinsam: Sie sind zu Beginn dieser jeweiligen Wellen entstanden und haben voll auf die neuen Technologien gesetzt, die da erfunden wurden. Ältere Unternehmen haben es in beiden Fällen kaum geschafft, eine dauerhaft starke Stellung zu erobern. Diese Tatsache hat zur beliebten Theorie der "disruptiven Innovation" geführt, die da behauptet: Bestehende Marktführer haben es in einer neuen Innovationswelle schwer und werden fast immer verdrängt.

Das müsste dann also auch mit Web 2.0 so sein, sollte man denken. Aber die Realität sieht anders aus: die meisten Web-2.0-Ikonen (Youtube, Myspace, Flickr, Blogger.com, StudiVZ, usw.) gehören längst zu den Konzernen der vorhergegangenen Wellen oder gar noch älterer Generationen. Die verbleibenden unabhängigen Startups (Facebook, Xing, LinkedIn, Digg, Twitter, Friendfeed) schlagen sich zwar wacker, sind aber bisher weit davon entfernt, die Könige der Web-1.0-Welle auch nur ernsthaft nervös zu machen. Klar, das kann sich schon mal noch ändern, aber die Dynamik und Radikalität der letzten zwei Innovationswellen fehlt irgendwie.

Könnte es sein, dass die PC- und die Web-1.0-Revolution einfach die falschen historischen Metaphern sind? Denn nicht immer hatten neue Technologien derart disruptive Auswirkungen, selbst wenn die Innovationshöhe beträchtlich war. Es gab auch Situationen, in denen alteingesessene Unternehmen eine neue Welle kontrollierten, ohne in Gefahr zu geraten. Und vielleicht entspricht Web 2.0 ja eher diesem Modell.

Für ein gutes Beispiel muss man zurückblenden in die sechziger Jahre, als digitale Grossrechner für den kommerziellen Einsatz in Mode kamen. Der Markt wurde dominiert von "Schneewittchen und den sieben Zwergen": Schneewittchen, das war die dominierende IBM, und die sieben Zwerge waren Computerhersteller wie Burroughs, Univac, NCR oder Control Data.

Interessanterweise war von all diesen Firmen nur Control Data ein eigentliches Startup, gegründet 1957. Die anderen Computerkonzerne waren viel älter und kamen überwiegend aus der Herstellung von Bürogeräten, Registrierkassen und gar Unterhaltungselektronik. Obwohl die Grosscomputer eine ganz neue, radikale Technologie waren, wurde der Markt also von alteingesessenen Grosskonzernen beherrscht. Control Data konnte zwar lange mithalten, trat aber in den siebziger Jahren seinen Niedergang an, als Mitgründer Seymour Cray das Unternehmen verliess. Und bis auf IBM wurden all diese Firmen später durch die PC-Welle aus dem Computermarkt gespült. Aber immerhin verdienten sie alle mit Grossrechnern über zwei Dekaden hinweg gutes Geld.

Um zum Vergleich zur heutigen Zeit zurückzukommen: Was wäre, wenn Google heute eine Stellung wie IBM hätte, Microsoft NCR entspräche und vielleicht Amazon das Gegenstück zu Univac wäre? Lauter erfahrene, kapitalkräftige Firmen also, die die neue Generation der Technologie (Web 2.0) problemlos gestalten können. Platz für das eine oder andere starke Startup ist vielleicht auch noch (Facebook=Control Data?), aber die Eigenschaften des Marktes sprechen eher für die alten Hasen.

Es gibt auch durchaus ein paar vergleichbare Eigenschaften dieser scheinbar so verschiedenen Märkte:

  • Kapitalstärke und Erfahrung ist wichtig, wenn man in der obersten Liga mitspielen will. Natürlich kann jeder schnell eine Web-2.0-Anwendung zusammennageln, aber Skalierung ist sehr schwierig und teuer, wie man aktuell gerade an Twitter sieht.
  • Die Kunden kaufen nicht eine völlig neue Leistung, sondern nehmen die neue Technologie als neue Generation früherer Produkte war. Grossrechner wurden verkauft als grosse, neuartige Büromaschinen, mit denen man die Buchhaltung effizienter abwickeln konnte. Und dass Web 2.0 "nur" eine inkrementelle Erweiterung des bestehenden Web ist, steht schon im Namen. Beziehungen zu bestehenden Kunden, wie sie Google oder Amazon haben, sind also unter Umständen wichtiger als radikale Innovation.
  • Trotzdem brauchten die Computerhersteller der 60er einen langen finanziellen Atem, um die neuen Produkte in den Markt zu drücken und die richtige Ausrichtung zu finden. Selbst IBM kam durch die Entwicklung des 1964 vorgestellten System/360 finanziell an den Anschlag. Ein bestehendes, profitables Kerngeschäft war für die Querfinanzierung darum ideal. Und das machen heute auch Google, Microsoft und Amazon hemmungslos.

Natürlich, die Welt funktioniert heute anders. Die Technologiezyklen sind viel kürzer, Venture Capital steht reichlich zur Verfügung. Aber trotzdem ist es bemerkenswert, wie sehr die heutige Technologieentwicklung in der IT-Welt dominiert wird von Firmen, die eindeutig noch den vorangegangenen Wellen angehören.

Auch wenn wir sicher noch nicht alles gesehen haben: Web 2.0 wird wohl kaum als wirklich disruptive Technologie in die Geschichte eingehen, zumindest nicht von den kommerziellen Auswirkungen her.

Kommentare

  • sascha

    07.07.08 (10:50:59)

    Ein grandioses Statement! Und mein Senf: Ich glaube eine weitere Ursache des beschriebenen Irrtums ist, dass zu viele Unternehmen (oder Menschen) einen Status Quo als in Stein gemeißelt wahr nehmen. Das beschränkt arg den Horizont. Da ist Xing dann (laut FAZ) schnell mal an der "Grenze des Wachstums", sind Blogs noch immer der Weisheit letzter Schluss, Facebook das nächste Google, 640kb genug für alle und die Zunkunft von ARD und ZDF nur durch die Lebenszeit der Sonne beschränkt. Zuversicht und totales Aufgehen im Moment sind toll, aber manchmal eben auch naiv. Die wahre "Suche nach Spitzenleistungen" funktioniert wohl anders - ist leider nur so verdammt anstrengend.

  • Ulrik

    07.07.08 (14:45:19)

    Ein interessanter Gedanke! Aber: Ich denke, Web 2.0 als komplett eigene Welle zu präsentieren, die mit der Großrechner- oder PC-Revolution vergleichbar wäre, ist schon der falsche Ansatz. Web 2.0 ist der späte Erfolg von alldem, was zu Web-1.0-Zeiten nicht funktioniert hat - und zur Erklärung dafür gibt es schon das "klassische" Innovations-Modell von "Hype-Absturz-langsame Erholung". Dazu passt doch die Web-2.0-Entwicklung ganz gut, oder?

  • Daniel Niklaus

    07.07.08 (19:37:01)

    Hoi Andreas Ich glaube, hier sollte man etwas auseinander halten; disruptive Technologien lösen ein altes Problem auf neue Art. Dabei profitieren sie meist von einem neuen Marktsegment. Dieses erschliessen sie sich durch einen tieferen Preis oder durch eine Neukonfiguration wie geringere Produktqualität oder neues Vertriebssystem. Der neue Markt ist anfangs klein und unbedeutend, so dass die alten Leader diesen Ignorieren und dann zu spät kommen, wenn es los geht. Google, youtube, Twitter & Co. sind keine Nachfolger, die eine alte Garde ablösen, sondern alles Kinder der Innovation: Internet. Und das Internet ist der Nachfolger von geschlossenen Netzwerken wie VTX, AOL und Compuserve. Web 2.0 ist eine reine „Sustaining Technological Change“. Deine Analyse Web 2.0 ist eine Weiterentwicklung bestehender Technologien unterstütze ich voll und ganz. Ein Beispiel wo die disruptiven Technologie aktuell zuschlägt, sehen wir im Softwaremarkt. Dort findet ein Bruch zwischen der traditionellen Off-Line-Software und der Onlinesoftware (PDF) statt.

  • Michael

    07.07.08 (21:31:05)

    Hi, die Wellen waren bisher: - Mainframe - halbe welle: client/server - PC - Internet Web 2.0 ist keine Welle dieser Groessenordnung. - vielleicht kommt da mal mobile computing oder sowas. Vielleicht auch nicht :) Michael

  • RH

    07.07.08 (23:21:20)

    Warum die wenigsten o.g. Web2.0 Geschäftsmodelle tragen? Ganz einfach, weil sie kein Problem lösen! IBM hat die Basis für enorme Rationalisierung in Form von Hard & Software für die EDV geliefert. Mircosoft hat (seinerzeit) den Defaktostandard für Desktopsoftware gesetzt und an der offenen Architektur von IBM(-Clones) profitiert. Ebay und Amazon reduzieren mit ihren Marktplätzen die Transaktionskosten und haben die Basis für e-Business geschaffen. Google-Suche reduziert die Informationsbeschaffungskosten und schafft Markttransparenz. Google-Werbung ist das Instrument, um im Internet Marketing zu betreiben, bedingt durch die Monopolstellung bei der Suche. Nicht zu vergessen sind die Infrastukturlieferanten (Provider und Hoster), die natürlich auch die Basis des Internets stellen. Allen gemein ist, dass sie ein wirkliches Problem lösen, bei dem die Kunden bereit sind zu zahlen. Und Web2.0? Xing ist ein Mix aus Branchenbuch und Jobbörse, weshalb die Zielgruppe (Unternehmer und Angestellte) auch bereit ist für die Premiumfunktionen zu zahlen. Bei den anderen Sozialen Netzen fehlt dieser Nutzen/Fokus. UserContent birgt unkalkulierbare juristische Gefahren. Hier werden schnell Kontroll- und Regresskosten vergessen. Facebook hätte die Möglichkeit zur Basis von Onlineanwendungen zu werden, jedoch wird Google Apps langfristig dieses Segment erfolgreich besetzen. Ein Problem haben alle werbefinanzierten Anbieter, der Besucher will die Werbung nicht haben. Deshalb haben diese auch maginale Klickraten. Anders bei Google, hier profitieren die Benutzer von den zusätzlichen Suchtreffern und die Werbung wird sogar als nützlich gesehen. Aus meiner Sicht fehlt es den meisten Web2.0 Geschäftsmodellen im Kern an einer Lösung eines Kundenproblems, für das dieser auch bereits ist zu zahlen.

  • Matthias

    10.07.08 (22:36:21)

    Zunächst mal: Diese Art von Grundlagen-Artikeln, die Parallelen in der Geschichte ziehen und Prozesse zu analysieren sind meine absoluten Lieblingsartikel, weil sie zum Denken anregen und ich sie nur auf diesem Blog finde. Beim aktuellen Beispiel bin ich aber auch eher skeptisch ob der Vergleich so richtig trifft. Klar ist aus VC Sicht WEB 2.0 eine große Welle (gewesen). Aber in der breiten Masse der Nutzer ist davon noch zu wenig angekommen. Wie RH bemerkt hat, lösen die meisten WEB 2.0 Entwicklungen noch keine wirklichen Probleme. Dem kann man natürlich wiedersprechen: 500 "Freunde" bei Facebook befriedigen natürlich ein Bedürfnis, nämlich das nach sozialem Status und Anerkennung. Stellt sich nur die Frage ob das langfristig funktioniert, oder letztlich nur eine Modeerscheinung einer Jugendkultur ist. So wie der persönliche Klingelton mal den Wunsch nach Individualität einer jugendlichen Zielgruppe erfüllt hat. Aber diese Wellen erzeugen keinen dauerhaften Nutzen, und damit auch keine dauerhaft erfolgreichen Unternehmen - deshalb gibt es heute auch keinen Klingelton-Konzern. Es mag Zielgruppen geben - Heavy User, Infojunkies, Geeks - die in Microblogging eine Problemlösung sehen - ich persönlich und fast alle Leute die ich kenne haben genau das gegenteilige Problem: zuviele irrelevante Informationen, zuwenig Substanz. Da ist Twitter keine Lösung, sondern die Verschlimmerung des Problems. Von automatisierten Nachrichten, wer den ich irgendwann mal irgendwo kennengelernt habe sich jetzt gerade auf Amazon ein Buch gekauft hat, will ich erst gar nicht sprechen. Mein Tipp wäre: Dienste, die mir relevante Informationen liefern, die für mich Dinge filtern, verdichten, mir bei Entscheidungen helfen - Ansätze in dieser Richtung gibt es ja - das wäre die nächste Welle, die auch Unternehmen mit nachhaltigen Geschäftsmodellen zu Tage fördern dürfte - den dafür sind Menschen sicher bereit, auch Geld zu bezahlen. Aber bitte weiter solche Querdenker-Artikel, es macht Spass die zu lesen und darüber nachzudenken.

  • RH

    10.07.08 (23:17:22)

    @Matthias: ich habe natürlich polarisiert :) Soziale Netzwerke habe sicher Unterhaltungswert und dienen primär der (kostenlosen) Kommunikation. Nur verdient man werbefinanziert pro User damit vergleichsweise wenig (studiVZ ~ 0.02 EUR / Monat) gegenüber Premiumdiensten (xing ~ 5.00 EUR / Monat). Auf den ersten Blick scheinen facebook und xing sich nur durch die Zielgruppe zu unterscheiden, im Kern stiften sie jedoch unterschiedlichen Nutzen! Auf xing suchen viele Unternehmen nach Personal, da die potentiellen Mitarbeiter ihr Profil (u.a. aus diesem Grund) veröffentlichen. Google verdient pro Suchanfrage 0.05-0.20 EUR, da ja im Schnitt einmal auf bezahlte Adwordstreffer geklickt wird. Die sonst lässtige Werbung stiftet hier einen ganz anderen Nutzen. Ähnlich die Profile bei Xing. Sicher sind viele Web2.0-Angebote toll, aber das bedeutet noch lange nicht, dass dafür jemand bereits ist auch nur einen Cent zu zahlen. Oftmals handelt es sich auch nur um alten Wein in neuen Schläuchen. Blogs und Foren unterscheiden sich im Kern dadurch, dass beim Blog nur der Inhaber einen Thread öffnen kann :)

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