14.08.12 12:37, von Martin Weigert

Technologie-Berichterstattung: Fast-Food-Journalismus sättigt nicht

Über Technologie- und Internetthemen zu berichten, gehört mittlerweile für die meisten Medienanbieter zum Standardrepertoire. Doch zu oft bleibt es bei wenig sättigendem Fast-Food-Journalismus.


Eigentlich könnte man froh sein: Internet- und Technologiethemen sind nicht mehr länger eine Nische, sondern mittlerweile auch bei Mainstreammedien weit ins Bewusstsein und die Berichterstattung vorgerückt. Zumindest die Großkonzerne des Webs und der Unterhaltungselektronik kennt mittlerweile nahezu jeder Bürger und viele werden es schon einmal erlebt haben, von einem als wenig tech-affin geltenden Familienmitglied oder Bekannten überraschend zu einem Startup oder einem Internettrend befragt worden zu sein. Das Web und seine Akteure eignen sich heute fast genauso für Mittags- und Stammtischdebatten wie politische, gesellschaftliche oder sportliche Ereignisse.

Doch leider ist Quantität nicht gleich Qualität. Denn selbst wenn Apple, Google, Amazon und das ein oder andere junge Startup mittlerweile auch führenden Nachrichtenportalen regelmäßig Schlagzeilen wert sind, mangelt es der Berichterstattung rund um die digitale Revolution und seine Vorantreiber an Tiefe, Sorgfalt und Geduld. Diese Aussage trifft auf die bekannten Zeitungsmarken genauso zu wie auf IT-Portale und Tech-Blogs. Wir haben uns dieser Problematik schon häufiger gewidmet (hier, hier und hier), müssen es aus aktuellem Anlass aber abermals tun. Zwei aktuelle Ereignisse verdeutlichen, was mit dem Tech-Journalismus falsch läuft.

Zum einen wären da die angeblich von Apple entwickelten asymmetrischen Schrauben, mit denen Bastler von den Geräten des Unternehmens ferngehalten werden sollen. neuerdings.com-Kollege Kai Zantke wollte nicht an den Wahrheitsgehalt dieser vor einigen Tagen durchs Web geisternden Meldung glauben und sollte mit seiner Vermutung Recht behalten: In einem Blogbeitrag outet sich die schwedische Medienproduktionsfirma Day4 als Urheber eines bei der Onlinecommunity Reddit veröffentlichten Screenshots, der die Schraube zeigte - und erfunden ist.

Doch der kurze Beitrag eines zuvor nicht bei Reddit in Erscheinung getretenen Nutzers mit der Behauptung, ein Freund hätte das Foto der Schraube vor einiger Zeit bei einer "Obstfirma" geschossen, genügte, um als Gerücht von einschlägigen Apple-Blogs und einigen bekannten Techmedien wie Wired aufgegriffen zu werden. Auch eine Handvoll deutschsprachiger Apple-Magazine sprangen auf die Ente an. Selbst wenn die Möglichkeit spezieller Schrauben in sämtlichen Artikeln lediglich als Gerücht präsentiert und von den meisten renommierten Medienmarken als Story links liegen gelassen wurde, ist der Vorfall symptomatisch für die Inflation an zumeist haltlosen Meldungen und Vermutungen, die zu Apple und vielen anderen bekannten IT-Konzernen bei Fachmedien, aber auch etablierten Nachrichtenportalen publiziert werden. Der Gewissheit, mit wenig Aufwand tausende Seitenaufrufe und Shares im Social Web generieren zu können, verleitet viele Angebote dazu, ihre redaktionellen Standards auf ein Minimum zu senken.

Ein zweites Negativbeispiel für die missliche Lage des Technologiejournalismus liefert dieser Tage die britische Zeitung "The Telegraph". Das Onlineangebot des Traditionsblatts berichtet, Google habe nach Aussage von Suchchef Amit Singhal Änderungen an der Positionierung personalisierter Suchergebnisse von Google+ vorgenommen. Seit Januar präsentiert der Internetgigant den Nutzern seiner US-Suchmaschine Inhalte aus ihrem Google+-Netzwerk direkt vermischt mit den regulären Resultaten. Ein Schritt, der für viel Kritik sorgte.

Der Bericht bezieht sich dabei auf ein Interview mit Singhal, das jedoch nicht direkt verlinkt wird. Erst eine manuelle Suche (über Google) führt den Leser zu besagtem Interview, das aber keine zusätzlichen Details zu der Ankündigung enthält.

Die britische Zeitung hat also einfach eine wichtige Aussage aus dem Interview nochmals in einen eigenen Beitrag gegossen. Statt darin aber die Fragen zu beantworten, die sich angesichts der möglichen Tragweite der Entscheidung aufdrängen, fasst das Blatt lediglich den Konflikt zwischen Google, Facebook und Twitter zusammen, der sich in Folge der Integration von Google+Inhalten in die Google-Suche entwickelte. Wie genau die von Singhal erwähnte veränderte Position von Google+-Content aussehen und ab wann sie für Nutzer sichtbar sein wird (momentan ist noch alles beim Alten), steht nicht im Text. Enttäuschender als das Fehlen dieser Informationen ist allerdings, dass im Artikel nicht einmal deutlich wird, inwieweit Autorin Emma Barnett überhaupt versucht hat, diese Details in Erfahrung zu bringen. Zitatbasierter Fast-Food-Journalismus anstelle des Versuchs umfassender Informationsvermittlung.

Auf den Telegraph-Artikel stieß ich übrigens bei den Kollegen von t3n. Leider macht man sich auch dort nicht die Mühe, die angesichts der intensiven Debatte zum Launch von Googles sozialer Suche potenziell wichtige Neuerung näher zu hinterfragen oder zu analysieren. Der kurze Text, der die Kernbotschaft des Telegraph-Beitrags wiedergibt, hinterlässt zumindest nicht den Eindruck, als hätte man sich an dem mageren Informationsgehalt des Originalbeitrags gestört. Genau das wäre aber meines Erachtens nach angemessen gewesen. Der Vollständigkeit halber haben wir Googles deutschem Pressesprecher Stefan Keuchel gestern mit der Bitte um weitere Informationen gemailt.

Es geht bei dieser Kritik nicht darum, Perfektionismus zu propagieren. Fehler macht jeder, und knappe Ressourcen sorgen dafür, dass regelmäßige Kompromisse eingegangen werden müssen, was die Themenwahl oder die Tiefe und Qualität der Beiträge betrifft. Entscheidend ist, ob Journalisten und Fachblogger überhaupt den Versuch unternehmen, Lesern bei der Bewertung von Informationen zur Seite zu stehen und ein möglichst vollständiges Bild abzuliefern, anstatt sie nur mit einer knackigen Schlagzeile abzuspeisen, deren angehängter Text keine weiteren Angaben oder Einordnungen enthält und damit im Prinzip überflüssig ist.

Natürlich wäre es naiv zu glauben, die Situation könnte sich zeitnah verbessern. Die ökonomischen und technologischen Rahmenbedingungen begünstigen Fast-Food-Journalismus zu sehr, als dass er mit ein paar mahnenden Worten verschwinden würde. Eine Veränderung der Gesamtsituation wäre vorstellbar, wenn Leserinnen und Leser sich nicht mehr länger mit Social-Media-optimierten, aber gehaltlosen Artikeln abspeisen lassen und diesen Anspruch auch in Handlungen umwandeln. Letztlich sieht Tech-Journalismus im Jahr 2012 so aus, wie er aussieht, weil er zumindest kurzzeitig die Aufmerksamkeit der Leser garantiert.

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Kommentare: Technologie-Berichterstattung: Fast-Food-Journalismus sättigt nicht

Danke für den interessanten Artikel. Gebe Dir hier absolut recht. Leider gestaltet sich die Suche nach guten Quellen immer schwieriger. Ich mache das mittlerweile so, dass ich Artikel ganze bestimmter Autoren bevorzuge. Aber eben... wirklich toll ist da auch nicht, zumal man ja meinen könnte, die "Grossen" wissen wie Sie Ihren Job zu tun haben.

Diese Nachricht wurde von @superdeluxe am 14.08.12 (12:59:26) kommentiert.

Produziert wird, wofür es Abnehmer gibt. Um bei Fast Food zu bleiben: Es hat seine Gründe, warum nicht überall Bio-Vollwert-Imbisse zu finden sind, sondern Fast-Food-Läden. Es hat aber auch damit zu tun, wie viele Leute sich inzwischen für Tech-Themen interessieren. Um das Mainstream-Publikum zu erreichen, werden passende Inhalte produziert. Und: Wenn die Nachfrage erst einmal so groß ist, will man auch liefern - ob man Qualität/gute Inhalte hat oder nicht.

Diese Nachricht wurde von Oliver Springer am 14.08.12 (17:34:15) kommentiert.

Vielleicht könnte man auch bemerken, dass die Leser jene Medien Qualität haben, die sie verdienen. Bei stark verkürzten Aufmerksamkeitsspannen und medialer Reizüberflutung zählt der Inhalt wenig, Aufmachung mit Foto/Video oder Sensationsgrad viel. Ich befürchte, dass das ein unumkehrbarer Trend ist.

Diese Nachricht wurde von Claudia am 15.08.12 (07:56:01) kommentiert.

Als Technologie- und Internet-affine Konsumenten bemerken wir recht schnell Fehler und Unzulänglichkeiten in den Artikeln der Mainstream-Medien. Es fällt uns schnell auf. Aber mir stellt sich vielmehr die Frage, wie es bei den Mainstream-Medien um Tiefe, Sorgfalt und Geduld bezüglich ganz anderer Themen, wie z.B. der Politik bestellt ist. Eigentlich oft doch auch nicht viel besser, oder? Nur dort fällt es uns seltener auf. Weil es nicht unsere Kernkompetenz ist, und weil solche Themen bzw. deren Hintergründe nicht so leicht verifizierbar sind, wie die Tech- und Internet-Themen.

Diese Nachricht wurde von Robert Frunzke am 15.08.12 (14:15:16) kommentiert.

Guter Punkt. Wahrscheinlich trifft dies auch sehr auf sämtliche Artikel zur Eurokrise zu.

Diese Nachricht wurde von Martin Weigert am 15.08.12 (14:16:22) kommentiert.

Schliesse mich dem Vorredner an. Dieses Verdikt lässt sich auf den Journalismus allgemein übertragen. Eine Studie zu politischen und wirtschaftlichen Themen, die von irgendeinem unbekannten Institut publiziert wird, wird kaum hinterfragt, 1:1 wiedergegeben und die Autoren zu den wichtigsten Befunden befragt. Kaum jemand macht sich die Mühe oder hat die Zeit dafür, weitere Recherchen anzustellen, Hintergründe aufzudecken, Gegenmeinungen einzuholen. Und die Kompetenz zu falsifizieren/verifizieren. Fast-Food-Journalismus in Zeiten eines unbegrenzten Reservoirs an Gratis-Informationsquellen ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Aber das Resultat einer omnipräsenten Ratlosigkeit gegenüber der Frage, wie fundierter Journalismus als Geschäftsmodell im digitalen Zeitalter überhaupt funktionieren kann.

Diese Nachricht wurde von Ad. Fichter am 17.08.12 (10:07:34) kommentiert.

Ich bin froh, dass das Thema hier ernsthaft diskutiert wird. Mit ernsthaft meine ich, dass keine "der wahre Journalismus ist der investigative"-Sprüche abgesondert wurden. Diese habe ich selbst auch geklopft – vor 15 Jahren und frisch von der Uni. Heute, um die Erfahrung eines Chefredakteurs reicher, stellt sich mir die Frage: Wer soll das bezahlen? Das Internet hat dazu geführt, dass Redaktionen abgebaut wurden, und zwar massiv. Das haben wir Journalisten in den vergangenen 10 Jahren sehr schmerzlich erlebt. Mit weniger Personal besseren Journalismus generieren ist natürlich nicht möglich. Gibt es einen Ausweg? Ich weiß nicht, aber ich versuche bei heutigen Produktionen, beispielsweise auf http://www.enterprisecioforum.com/de, für das mein Redaktionsbüro täglich im Schnitt vier Meldungen liefere, zumindest Ross und Reiter zu nennen. Basis und Aufhänger der meisten Beiträge sind nicht selten Studien, die natürlich von IT-Firmen in Auftrag gegeben wurden, und die – oh Wunder – nicht selten die eine oder andere Aussage des Auftragsgebers bestätigen. Sind die Studien deswegen falsch? Ist es deswegen verwerflich, darüber zu berichten? Ich denke nicht - in der Regel wurden die Studien von renommierten Instituten erstellt. Verifizieren kann man die Methodik idR jedoch nicht – das würde mehrere Tage in Anspruch nehmen. Die Zeit hat niemand. Insofern halte ich es für statthaft, Auftraggeber, beauftragtes Institut sowie das Ergebnis zu nennen – ich muss beim Leser so viel Medienkompetenz voraussetzen, dass er selbst seine Schlüsse zieht. Eher schlecht wäre es in dem Zusammenhang, den Marketing-Sprech der Pressemitteilung zu übernehmen, aber das machen tendenziell eher Praktikanten :). mfg Dr. Dietmar Müller PS.: Sehr gut war der Hinweis auf das Vorgehen in den pol./ökon. Medien - dort ist es tatsächlich nicht besser, exemplarisch kann man das an den Beiträgen zum Syrien-Konflikt verfolgen.

Diese Nachricht wurde von Dr. Dietmar Müller am 21.08.12 (16:04:18) kommentiert.
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