<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

07.10.11Leser-Kommentare

Tausende Artikel zum Tod von Steve Jobs: Für mehr Arbeitsteilung im Onlinejournalismus

Der Tod von Apple-Gründer Steve Jobs ist ein Medienereignis sondergleichen und hat allein bei journalistischen Angeboten im deutschsprachigen Raum tausende Artikel nach sich gezogen. In der idealen Welt gäbe es deutlich mehr Arbeitsteilung.

 

"Do what you do best and link to the rest". Dieses weise Zitat, auf das ich zum ersten Mal im Blog des US-amerikanischen Journalisten, Netzbürgers und Professors Jeff Jarvis gestoßen bin, versuchen wir als eine der Grundprämissen unserer Arbeit bei netzwertig.com zu berücksichtigen. Schreibe über das, worin deine Stärken liegen, und verweise ansonsten auf andere Quellen, die ein Thema besser und kompetenter behandeln.

Sucht man bei Google News nach dem Namen des am Mittwoch verstorbenen Apple-Gründers Steve Jobs, findet man derzeit fast 5000 Artikel zu dem Thema, die bei journalistischen Onlineangeboten im deutschsprachigen Raum in den letzten zwei Tagen veröffentlicht wurden. Diese Zahl beinhaltet zwar auch identische Agenturmeldungen, die auf mehreren Plattformen gelandet sind - was für sich genommen schon ein seltsame Praxis ist - dennoch erinnere ich mich nicht, wann zuletzt eine Nachricht ein derartiges Medienereignis ausgelöst und zahlreiche Sites zu einer sonst ungewöhnlichen Sonderberichterstattung bewogen hat.

Die Frage, wie der professionelle Onlinejournalismus mit Geschehnissen von großer nachrichtenrelevanter Bedeutung umgeht, treibt mich schon länger um und gewinnt nun erneut an Aktualität.

Wie viele dieser 4500+ Beiträge, Nachrufe, Analysen und Zitatsammlungen beinhalten einzigartige, exklusive und besonders intelligente Informationen, Beobachtungen und Gedankengänge, die man wirklich gelesen haben muss? Und wie viele arbeiten das Pflichtprogramm ab, wiederholen die hinlänglich bekannten Anekdoten, fassen die Meilensteine von Jobs zusammen und skizzieren mögliche Wege, wie es für Apple ohne seinen charismatischen Anführer weitergehen könnte?

Die Antwort auf diese rhetorische Frage ist offensichtlich, denke ich.

Im Printzeitalter war es durchaus notwendig, dass hunderte Journalisten unabhängig voneinander hunderte Texte zum gleichen Thema verfassten und in ihren jeweilige, zumeist nur regional verfügbaren Blättern veröffentlichen ließen. Aber in der von Transparenz geprägten Ära des Onlinejournalismus erscheint es wie eine enorme Verschwendung wertvoller Ressourcen, wenn sich in jeder noch so kleinen Redaktion mitunter gleich mehrere Autoren an die Berichterstattung zum Thema Jobs machen müssen.

Während ich die schiere Masse an Beiträgen kritisiere, sehe ich allerdings gleichzeitig das Dilemma der meisten Redaktionen: Auch wir standen gestern vor der Frage, ob es gerade für ein Internet- und Technologie-Fachblog nicht sogar Pflicht sei, dem Verstorbenen einige Worte zu widmen. Doch wir beließen es schließlich bei einem morgendlichen Link in unserer Linkwertig-Rubrik .

Sicherlich ist die Vorstellung, dass sich nur die 25 oder 30 kompetentesten beruflichen Beobachter eines Fach- oder Themenbereiches mit der Berichterstattung rund um ein bedeutendes Nachrichtereignis befassen, und dass diese Texte dann von anderen Portalen und Plattformen verlinkt sowie von der Blogosphäre mit zusätzlichen Meinungsbeiträgen begleitet werden, Illusion. Zu sehr stehen für Verlage und Sites Prestige und Page Impressions auf dem Spiel.

Gäbe es aber eine perfekte Welt des Onlinejournalismus, dann würde Google News nicht fast 5000 sondern im besten Fall 100 Artikel zum Tode von Steve Jobs auffinden - richtig gute und lesenswerte, versteht sich. Alle anderen Reporter hätten die so freigewordenen Ressourcen dazu verwendet, andere, mitunter vernachlässigte Meldungen und Themen zu beleuchten.

Ob wir eines Tages einen derartigen, auf einer intelligenten, anbieterübergreifenden Arbeitsteilung basierenden Journalismus erleben werden, und ob dieser ohne eine Beschädigung unserer pluralistischen Medienlandschaft realisierbar wäre, weiß ich nicht. Ein Versuch ist es meines Erachtens aber wert. Zumal die Finanzierungsmisere im Onlinejournalismus doch eigentlich gar nichts anderes zulässt.

Wie viele Jobs-Beiträge habt ihr in den letzten Tagen gelesen?

Kommentare

  • marcel

    07.10.11 (14:50:12)

    ~10 :)

  • Sharif Thib

    07.10.11 (14:52:29)

    Ein durchaus verständliches Anliegen: "Mehr Qualität als Quantität". Leider verbunden mit einer sehr schwierigen Frage, die aber gleich an den Anfang einer solchen Überlegung gehört: Wer soll entscheiden (und zwar im Vorfeld), was ein lesenswerter guter Artikel wird. Ich glaube die Vielfalt in der journalistischen Arbeit ist eine große Errungenschaft der Demokratie und der viele "Müll", der dabei eben auch entsteht, ist eine Begleiterscheinung, die wir zu ertragen haben.

  • Max

    07.10.11 (14:59:21)

    Ich haben vielleicht 3-4 Artikel gelesen, das wars. Aber genau aus dem Grund, der hier beschrieben wird, es ändert sich ja nichts daran, wenn es 4000 mal oberflächlich um sein Leben und seine Daten geht. Ich denke aber nur in einer perfekten Welt, würden die anderen Journalisten sich um ein anderes Thema kümmern, denn es gab für viele gestern eben nur das. Dreh und Angelpunkt sind nunmal Verkaufs- bzw. Trafficzahlen - leider.

  • CarolinN

    07.10.11 (15:06:49)

    Es wird solange 5000 solala statt 100 gute Beiträge zu einem solchen Thema geben, wie sich die meisten Onlinemedien vor dem Kuratieren und vor dem Verlinken im Allgemeinen scheuen. Das mit dem Kuratieren hat (Stichwort Presseschau) in diesem Fall ja schon ganz gut geklappt - nur dass die Redaktionen trotzdem das, was in den kuratierten Sammlungen stand, noch einmal in ihren eigenen Worten wiederholt haben. Die Arbeitsteilung, wie du sie dir vorstellst, ist auch unmittelbar an eine Neuverteilung der Ressourcen geknüpft. Und solange der klassische "Schriftjournalist" (in Print oder Online) nicht zum interaktiven Daten- oder Multimediajournalist werden kann/will/darf/muss, wäre er ein bisschen arbeitslos, wenn er zum Beispiel kuratierte, aber nicht seine eigene Meinung sagte.

  • schrotie

    07.10.11 (15:14:18)

    CarolinN hat einen ganz wesentlichen Punkt angesprochen. Hier: http://schrotie.de/index.php/2010/12/qualeaktats-journblogismus/ habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie eine zeitgemäße Medienlandschaft aussehen könnte und wie sie herbeizuführen wäre.

  • Agata

    07.10.11 (15:25:06)

    Hm. Was ist denn mit der Vielfalt und Einmaligkeit, die jeder Autor zu so einem Thema bringen kann? Was ist mit den verschiedenen Perspektiven und Blickwinkeln, die erst durch Viele abgedeckt werden können? Macht nicht gerade das den Reiz der neuen Medien aus? Partizipation eines Jeden. Möglichkeit des Blickwechsels, der wiederum für Veränderung sorgen kann.

  • Martin Weigert

    07.10.11 (15:29:09)

    Nach dieser Logik könnte man aber auch argumentieren, dass 1.000.000 Artikel besser wären als 5.000. Ökonomisch wäre es trotzdem dumm. Und ich glaube, das gilt auch für 5.000. Sicherlich ist Vielfalt wichtig. Aber auch sie stößt an ihre Grenzen. Letztlich liegt die Vielfalt der Jobs-Beitrag in großen Teilen darin, dass sich die Autoren jeweils eine Überschrift aus den Rippen leiern mussten, die es so noch nicht gab ;)

  • Martin Weigert

    07.10.11 (15:32:23)

    Klar ist das schwierig. Aber ausgehend von Expertise des jeweiligen Autors und mit einem Blick auf das, was auf anderen Seiten zum Thema schon gesagt würde, käme man schon weit, glaube ich. Sprich: Gibt es schon 3 Zitatesammlungen, ist eine vierte und fünfte aus eigener Mache einfach sinnlos.

  • Oliver Springer

    07.10.11 (15:56:14)

    Vielfalt ist wichtig, aber ich denke, es handelt sich schon um ein gutes Beispiel dafür, dass es dabei Grenzen gibt. Es geht ja nicht nur darum, dass in dieser Zeit andere Themen hätten bearbeitet werden können. Das große Thema hätte letztlich auch besser bearbeitet werden können, wenn mehr kluge Köpfe gemeinsam daran gearbeitet hätten. Durch Arbeitsteilung ist eine Vertiefung möglich. Die Medien müssen letztlich liefern, was ihre Nutzer lesen wollen. 5.000 Artikel in Google News zu einem Thema sind nicht sinnvoll. Aber: Gerade die Zeitungen (die ja einen großen Teil der in Google News auffindbaren Quellen bilden) richten sich zunächst an die Leser der Print-Ausgaben. Das Thema in der Print-Ausgabe gar nicht zu behandeln, wäre keine sinnvolle Option gewesen. Und auch Onlinemedien haben Stammleser, leben nicht nur vom Google (News) Traffic. Sinnvoll ist auf jeden Fall, die Kräfte innerhalb eines Medienunternehmens so zu kanalisieren, dass qualifizierte Redakteure aus verschiedenen Redaktionen gemeinsam bessere Inhalte erstellen.

  • Martin Weigert

    07.10.11 (16:00:08)

    Sinnvoll ist auf jeden Fall, die Kräfte innerhalb eines Medienunternehmens so zu kanalisieren, dass qualifizierte Redakteure aus verschiedenen Redaktionen gemeinsam bessere Inhalte erstellen. Exakt. Und vielleicht sogar darüber hinaus (wenigstens durch Zitierungen und Verlinkungen) Das Leistungsschutzrecht geht da natürlich genau in die entgegengesetzte Richtung.

  • Beka Kobaidze

    07.10.11 (21:16:50)

    5-8 Artikel habe ich gelesen, 1-2 betrafen die eigentliche Meldung, die anderen behandelten das Thema Jobs/Apple allgemein. Außerdem habe ich einen Artikel dazu verfasst, mit der Annahme, dass ich einige originelle oder zumindest wenig betrachtete Aspekte beschreibe. 5000 Artikel, von denen 4000 melden, das Jobs gestorben ist und wie toll ("Weltverbesserer") er war und 500, die das kritisieren (grob geschätzt). Das ist natürlich verschwenderisch. Die Mehrzahl liefert wahrscheinlich keinen Mehrwert. Das hat aber auch effektive Seiten. Viele versuchen, besser zu sein und sich von den anderen abzuheben. Die alternative wäre eine Art zentrale Planwirtschaft. Damit würde man sicherstellen, dass nur eine "sinnvolle" Zahl von Journalisten ein Thema bearbeiten. Aber insgesamt glänzten Planwirtschaften mit Ineffizienz und fehlendem Fortschritt. Wie paradox^^

  • Gerhard v. Richthofen

    08.10.11 (15:04:26)

    Lieber Martin Weigert, unter Effizienz-Perspektive haben Sie sicherlich recht. Doch darum geht es nicht, wenn so viele Menschen vom Tode Steve Jobs´ berührt werden. Die vielen Artikel sind Ausdruck dessen, dass Jobs mit seinem Leben mythische Dimensionen erreicht hat wie sonst kaum einer. Seine aussergewöhnliche Kreativität rückt ihn in göttliche Nähe; seine strikte Ausrichtung auf Usability, also Kundenzufriendenheit statt Shareholdervalue, macht ihn zum Helden; seine zweimalige Wiederauferstehung (nach dem Rausschmiss bei Apple und der ersten Krebserkrankung) erinnert an den Heiland. Dazu sein frühes Ableben, das jeden auf den Boden des Menschlichen zurückholt. Ich weiss auf Anhieb keinen zweiten Zeitgenossen, in dem sich die tief im Menschen verborgene göttliche Komponente so deutlich mit dem menschlichen Drama verbunden zeigt. Steve Jobs wusste das selber. Der angebissene Apfel, das Weiss des unbeschriebenen Blattes, Michelangelos Finger mit dem göttlichen Funken auf dem iPad - all das beweist, dass er sich mit Mythos und Schöpfung auskannte. Er hat seinen Campbell gelesen. Ich kenne nur einen Vortrag von ihm, den er vor der Abschlussklasse einer amerikanischen Eliteuniversität gehalten hatte (auf youtube zu finden). Was hat er diesen Highpotencials auf den Weg gegeben? Ich zitiere sinngemäss: Tue nur das, was du mit ganzem Herzen tun kannst, und tue es mit ganzem Herzen. Ich verstehe sehr gut, wenn jeder Journalist erstens diesem Menschen seine Referenz erweisen will und zweitens spürt, dass seine Leserschaft denselben Wunsch verspürt. Es geht hier nämlich um eine seelische Angelegenheit (wie übrigens immer bei allen Medien).

  • Beka Kobaidze

    08.10.11 (16:29:22)

    Das war jetzt satirisch gemeint, oder?

  • Gerhard v. Richthofen

    08.10.11 (17:40:31)

    Zu: "Das war jetzt satirisch gemeint, oder?" Nein.

  • Experimentiert

    08.10.11 (19:16:38)

    Eine perfekte Welt kann es im Kapitalismus nie geben. Nur wenn wir zu einerr geldlosen Gesellschaft umstellen, können wir eine perfekte Welt aufbauen, mehr dazu habe ich dieser Tage geschrieben: http://experimentiert.com/freizeit/die-luege-mit-der-wirtschaftskrise-wieso-muessen-wir-wirklich-sparen.html Einen anderen Weg gibt es nicht.

  • Mikkel

    09.10.11 (21:59:14)

    Was hier so geschrieben wird ist hochnäsig sondersgleichen! JEDER soll schreiben können was er will, wie er es will und veröffentlichen wo er es will. Die Leser entscheiden, ob es lesenswert ist und man hat selbst die Wahl welche Qualität man sich antut indem man die Quelle bewusst wählt. Ich lese z.B. gerne welt.de und filtere dadurch das heraus, was ich als lesenswert erachte. Nicht lesenswert ist außerdem dieser Artikel, der eine diktatorisch anmutende Meinung trägt!

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer