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11.06.09

Tauschbörsen und Co.: Zeit, Tacheles zu reden

Immer wieder tauchen Studien auf, die belegen wollen, warum Filesharing und illegale Downloads sich doch nicht negativ auf die Medienbranche auswirken. Statt solche Märchen zu verbreiten, wäre es angebrachter, das Kind bei seinem Namen zu nennen.

(Foto: iStockphoto.com)Es hat sich zu einer Mode entwickelt, durch Studien oder Untersuchungen belegen zu wollen, dass Filesharing und "illegale" Downloads nur geringe, keine oder womögliche sogar positive Auswirkungen auf das Kaufverhalten der Konsumenten haben. Und es ist durchaus legitim, die Folgen der Digitalisierung auf die Medienmärkte zu untersuchen, statt blind den Behauptungen der Betroffenen zu vertrauen.

Das Problem ist aber, dass nicht selten die eigene Interpretation der jeweiligen Studie dafür herhalten muss, um aufzuzeigen, wie harmlos Tauschbörsen & andere, nicht autorisierte Angebote für die Musik-, Film- und Buchindustrie angeblich sind. Wie oft bin ich in letzter Zeit nicht auf Berichte und Blogpostings mit Überschriften wie "Music Sale losses due to Gaming/DVDs, not P2P" (Sinngemäß: Einbruch im Musikgeschäft wegen Spielen und DVDs, nicht aufgrund von Tauschbörsen), "Musik-Piraten sind eifrigste Musik-Käufer" oder " Buch-Piraterie harmloser als gedacht " (ja das war bei uns) gestoßen.

Gut möglich, dass sich bei näherer Betrachtung tatsächlich einzelne Teile von allgemein akzeptierten Theorien widerlegen lassen. Dennoch halte ich eine Herangehensweise, bei der das Offensichtliche durch eine für die eigene These vorteilhafte Auslegung von teilweise völlig unwissenschaftlich durchgeführten Untersuchungen angezweifelt wird, für äußerst kontraproduktiv.

Jetzt mal Hand aufs Herz: Wer von uns würde sich nicht überlegen, vom Kauf eines Musikstückes oder Buches abzusehen, wenn man bereits auf einem anderen Weg kostenlos in den Besitz der digitaler Version gelangt ist?! Wer käme nicht zumindest in die Versuchung?!

Ich kenne niemanden, den die Möglichkeiten von P2P und anderen Kanälen zur freien Beschaffung von urheberrechtlich geschütztem Content nicht im persönlichen Kaufverhalten beeinflusst haben.

Nur die Ausmaße dessen sind unterschiedlich. Einige haben schon seit Jahren kein Medienprodukt mehr käuflich erworben, andere sind noch immer treue Kunden der Musik-/Film-/Buchbranche und lassen sich nur gelegentlich und mit schlechtem Gewissen auf solche Dateien ein, für die sie nichts bezahlt haben.

Statt den konfliktscheuen Weg zu wählen und unentwegt ein Märchen zu erzählen, das sowieso niemand glaubt, sollte jeder, der sich für eine veränderte Sicht auf Medien und Inhalte im digitalen Zeitalter einsetzt, ganz einfach Tacheles reden:

Ja, wenn jeder kostenlos auf Musik, Filme und E-Books in rauen Mengen zugreifen kann, sinkt ganz natürlich die Bereitschaft, für derartige Produkte tief in die Tasche zu greifen. Ja, wenn man zwischen Millionen von Titeln wählen kann, sinkt der wahrgenommene Wert des einzelnen Produktes - das obendrein beliebig und ohne Qualitätsverlust kopiert werden kann. Ja, die für die Verbreitung von urheberrechtlich geschütztem Material verantwortlichen Personen - oder auch Piraten - finden immer einen Weg und werden immer gewinnen. Ja, in Zukunft dient das unbegrenzt vorhandene Medienerzeugnis dazu, die Verkäufe knapper Güter anzukurbeln. Und nein, ein Zurück gibt es nicht mehr. Aber dafur genug Raum für Innovation und Experimente.

Vor einigen Monaten etwa hatte Marcel Weiß zum Film "The Dark Knight", welcher sowohl an den Kinokassen als auch in den Tauschbörsen ein großer Erfolg war, angemerkt:

Kommerzieller Erfolg und ‘Piraterie’ schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Wer einen Weg findet, einen Mehrwert zu schaffen, der nicht digital und ohne Kosten reproduzierbar ist und der eine Transaktion für viele Leute rechtfertigt, der wird von den Marketing-Effekten des illegalen Filesharings sogar noch profitieren.

Ich habe es bereits in meinem Artikel vom Dienstag angemahnt: Die Art der Argumentation ist das A und O. Solange wir Medienhäusern etwas weiss machen wollen, das sich mit einem kurzen Blick auf die Verkaufsstatistik und einem ebenso kurzen in den Alltag von Millionen von Computer- und Internetnutzern widerlegen lässt, wirken wir nicht sonderlich glaubwürdig. Dass muss man aber sein, um ernst genommen zu werden. Und nur wer ernst genommen wird, kann selbst Einfluss nehmen.

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