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28.08.13Leser-Kommentare

Tape.tv kauft Amen: Abschied von der hippen Berliner Startup-Szene

Mit der Übernahme von Amen durch Tape.TV endet eine Ära trendiger Berliner Startups an der Nahtstelle zwischen Innovation und Design. Die neue Generation ist klar auf Wirtschaftlichkeit getrimmt.

AmenDie Spatzen pfiffen es schon länger von den Dächern, nun ist es offiziell: Der Berliner Musikvideo-Anbieter Tape.tv, das "MTV fürs Netz", kauft Amen, eines der wohl meist gehypeten Startups, mit denen Berlin erst berühmt wurde. Soundcloud, Gidsy, WahWah.fm oder eben auch Amen verbanden neue Ideen mit Design und unterstrichen damit das Antlitz Berlins als Mekka neuer Ideen und einer lebendigen Kulturszene trotz bescheidener Mittel. Diese Ära neigt sich nun endgültig dem Ende zu. Die neue Generation besteht aus bodenständigen Jungunternehmen, die von vorne herein wissen, wie sie Geld verdienen.

Ich war gestern Abend auf dem Heimweg vom European Pirate Summit, als mich die Nachricht über die Übernahme von Amen ereilte. Bei der Kölner Startup-Konferenz waren da gerade die Gewinner des Startup-Pitches gekürt worden. In einer Kategorie gewann Fast Forward Imaging, ein Startup aus Berlin, das den Markt für Produktfotografie aufmischen will - mit einer festen Vorstellung davon, wer die Kunden sind und wie man damit Geld verdient. Die Jury krönte FFI in der Kategorie "Closest to Treasure" als das Startup im Pitch, das wohl am schnellsten signifikante Umsätze erzielen dürfte.

 

Zwei Startups, die im Rennen zwar leer ausgingen, mir aber ebenfalls gut gefielen: Avuba - aus Berlin - das antritt, um Girokonten zu revolutionieren und das von Anfang an Geld über eine Monatsgebühr und eine Transaktionspauschale einnehmen will. Stilnest - aus Berlin - liefert maßgeschneiderte Produkte bekannter Designer und verdient Geld über eine Provision. Es kann Zufall sein, oder aber auch ein Generationswechsel. Der alte Berliner Startup-Charme - man macht einfach mal, weil es hip ist und gefallen könnte - verfliegt. Auch Tape.TV ist längst dabei, Geld zu verdienen.

Solange die Zahlen stimmen

Diese Entwicklung ist symptomatisch geworden für die deutsche Startup-Szene. Inkubatoren, Accelerator-Programme und VCs fördern Startups beinahe nur noch nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten - oder bauen sie gleich selbst. Am Rande der Konferenz sprach ich mit Paul Jozefak von Liquid Labs, einem Inkubator, der für die Otto-Gruppe neue Ideen im Finanzsektor in Form von Startups umsetzt, dafür Teams bildet - und ein Projekt bereits nach sechs Monaten wieder verwirft, wenn es sich als nicht tragfähig herausstellt. Es ähnelt dem Prinzip von Rocket Internet, der Startup-Fabrik der Samwer-Brüder, die im Mittelpunkt dieser neuen Entwicklung steht. Hier geht es darum, Geld mit Startups zu verdienen, wofür tatsächlich einmal signifikante Summen vorinvestiert werden - allerdings fast nur in Ideen, die sich schon als tragfähig erwiesen haben oder gute Chancen auf eine Umsatzrendite versprechen.

Diese starke Ausrichtung auf Wirtschaftlichkeit mag folgerichtig sein und in einem Land ohne traditionelle Venture-Capital-Kultur gerechtfertigt. Kreativität belohnt sie dabei aber nur bedingt und auch beliebt ist sie längst nicht überall. Frank Thelen kritisierte auf dem Pirate Summit die zurückhaltende Investitionsbereitschaft in Deutschland - auch in Hinblick auf seine eigenen Beteiligungen. Thelen ist Gründer und CEO des Dokumentenmanagers Doo und außerdem an den Startups 6Wunderkinder (Wunderlist, Berlin) und Intelligent Apps (MyTaxi, Hamburg beteiligt). Thelen: "Ich bekomme in Deutschland Venture Capital, wenn ich etwas mit E-Commerce mache. Aber wenn ich sage, ich versuche, das Dokument zu 'disrupten' [Doo], bleiben die großen Investitionen aus. Uber hat 250 Millionen Dollar von Google erhalten, aber für ein innovativeres Startup wie MyTaxi gibt es in Deutschland keine Investitionen, die auch nur annähernd so groß wären."

Der Hype um Amen hat Berlin nicht geschadet

Die Berliner Startup-Szene entwickelt ununterbrochen Ideen und das wird auch nach der Übernahme von Amen weitergehen. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass die deutsche Hauptstadt sich zur E-Commerce-Festung hochrüstet. Man darf Amen gerne vorhalten, am eigenen Hype gescheitert zu sein, den Star-Investor Ashton Kutcher mitgetragen hat. Dass dieser Hype dem Standort Berlin geschadet hätte, auf die Idee dürfte hingegen kaum jemand kommen. Das Gegenteil ist der Fall. Amen ist nun an Tape.TV verkauft, Gidsy an Get Your Guide, WahWah.fm an Senzari, Soundcloud hat den Löwenanteil seines Kapitals von ausländischen Investoren erhalten. Dass noch einmal ein berühmter Großinvestor wie Kutcher in ein innovatives Berliner Startup investiert und offen dafür wirbt, scheint zu diesem Zeitpunkt fast undenkbar.

Das Amen-Team soll Tape.TV nun sozialer machen, Amen-Gründer Felix Petersen wird neuer Produktchef. Ob die Übernahme des Teams nun wirklich "wie Arsch auf Eimer" passt, wie Tape.TV-Chef Conrad Fritzsch gegenüber Gründerszene sagte, müssen die beiden erst einmal beweisen. Petersen wird bei Tape.TV neuer Produktvorstand und hat die Aufgabe, das Musikfernsehen sozialer und endlich fit für das mobile Zeitalter zu machen. Amen will er nicht abschalten, sondern als Hobbyprojekt weiter betreiben. Dass er nun bei einem anderen Unternehmen ins zweite Glied einsteigt, muss er als Niederlage empfinden. Auch wenn keiner der Beteiligten es so ausdrückt: Amen ist gescheitert. Aber vielleicht verhilft gerade das der Startup-Metropole in spe zu mehr Weltoffenheit. Eine Kultur des Scheiterns gilt in den USA als Teil eines Lernprozesses, in Deutschland bislang als schlimmer Gesichtsverlust. Dass Petersen der Stadt nicht den Rücken kehrt, sondern an anderer Stelle weitermacht, hat Respekt verdient. Auch Berlin kann davon lernen.

Kommentare

  • Fu

    28.08.13 (18:01:39)

    There is no Internet Start-Up as lame as Amen. Amen.

  • Andreas Weck

    29.08.13 (08:05:20)

    @Jürgen, wieso sind wir uns auf dem EPS nicht begegnet? Sehr schade.

  • Jürgen Vielmeier

    29.08.13 (08:37:34)

    Hab ich mir bei deinem Bericht auf t3n auch gedacht. :) IFA?

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