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13.10.08

Tamedia: Vom Seriös- zum Boulevard-Verlag

Schleichender Wandel: Tamedia hat sich in den letzten Jahren zum führenden Schweizer Boulevard-Verlag gemausert und damit das von Ringier angebotene, weil nicht verteidigte Heft aus der Hand genommen.

Tamedia: Boulevard-Dämmerung (Keystone)

Was ist das am besten gemachte schweizer Boulevard-Portal im Internet? Die Antwort lautete bis vor kurzem: 20min.ch. Doch seit einigen Monaten steht Konkurrenz aus dem eigenen Haus da. Das vorher kreuzbrave, aber mehr oder weniger seriöse Portal tagesanzeiger.ch hat sich durch den Einfluss von Newsnetz stark verändert. Wer steht hinter beiden Werken? Newsnetz -Chefredaktor Peter Wälty, kürzlich auf dem Titelbild des Schweizer Journalist und Tamedia, ein Verlag, der bisher nichts mit Boulevard am Hut zu haben schien.

Dank Wälty geht es rund in der Redaktion. Die Website rotiert ständig, der geneigte Leser kriegt den Eindruck, es werde ständig an allen Storys gleichzeitig rumgeschneidert, aktualisiert vor fünf Minuten, aktualisiert vor 36 Minuten, aktualisiert vor 57 Minuten. Doch diese laufenden Änderungen sind intransparent und sorgen beim Leser für Verwirrung: Hinter welcher Version steht nun Newsnetz? Wie kann man einen Artikel zitieren, der vielleicht schon Minuten später anders lautet?

Auf der Strecke bleibt durch diese undurchschaubaren Vorgänge und auch durch die unzähligen Tippfehler die Glaubwürdigkeit, dass es sich noch immer um den Online-Auftritt einer Qualitätszeitung handelt, bei der alles mehrmals geprüft wird, bevor es online geht. Bei der man sicher sein kann, dass das, was man liest, auch stimmt. Was das Vorbild Spiegel Online bei aller Absurdität der Themenwahl oft hinkriegt, nämlich Inhalt, der überzeugt und besteht - diese Qualität ist durch die ständigen Eingriffe von Newsnetz gefährdet.

Auf den durch das Newsnetz betreuten Seiten ist zudem kaum ein Artikel zu finden, der über zwei oder drei Absätze hinausgeht. Stösst man einmal auf einen längeren Text, so kann man sicher sein, dass er aus der Printausgabe übernommen wurde.

Doch auch im Print ist Tamedia mit viel einfach gestrickter Information unterwegs. Die Gratiszeitungen 20 Minuten und News sind, von einigen unterschiedlichen Comics mal abgesehen, ziemlich deckungsgleich: Werbe-Transporter, garniert mit umgeschriebenen Agenturmeldungen, Veranstaltungs-Tipps, vielen Fotos und Promis. Kein klassischer Boulevardjournalismus, denn der bestünde daraus, dass man hingeht zu den Leuten, also Journalismus, und unnötig teuer.

Was bleibt eigentlich noch an Qualitätsangeboten aus dem Hause Tamedia? Das Magazin, das aber offenbar auch nicht mehr um die bisher den Massen-Angeboten vorbehaltenen Publireportagen herumkommt (siehe "Publireportage: Der extremste Fussball-Videofilmer"). Und das man absurderweise nur an einem Tag in der Woche, am Samstag, kaufen kann - und das nur in der Schweiz. Die Finanz und Wirtschaft, die ein Nischenpublikum bedient. Einzelne ernsthafte Text aus dem Tages-Anzeiger und der Sonntagszeitung. Und sonst? Wurde den Lesern nicht versprochen, mit Newsnetz, dem " bisher ambitiösesten journalistischen Projekt im Internet ", würden "neue Standards" gesetzt? Hab ich das falsch verstanden, wenn ich angenommen habe, es würde sich um Qualitätsstandards handeln?

War das 1995 gegründete und 2007 eingestellte Facts ein Qualitätstitel? Wie auch immer, dieses Wochenmagazin ist tot. Alle Neugründungen waten durch seichte Gefilde. Die letzte Gründung eines journalistisch spannenden Produkts liegt lange zurück, erwähnen könnte man die Gründung der beim Start hochspannenden SonntagsZeitung 1987 und des Magazins 1970. Online-Gründungen wie Facts 2.0 verzichten ganz oder fast ganz auf eigene Inhalte, sie aggregieren, bewerten, kommentieren und verwalten die Community.

Wann liefert Tamedia wieder etwas Gehaltvolles? Eine hervorragende Zeitschrift oder ein Online-Portal, das nicht nur von Journalismus redet, sondern ihn auch liefert, hätten meiner Meinung nach beste Chancen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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