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12.10.08Leser-Kommentare

Tamedia: Vom Seriös- zum Boulevard-Verlag

Schleichender Wandel: Tamedia hat sich in den letzten Jahren zum führenden Schweizer Boulevard-Verlag gemausert und damit das von Ringier angebotene, weil nicht verteidigte Heft aus der Hand genommen.

Tamedia: Boulevard-Dämmerung (Keystone)

Was ist das am besten gemachte schweizer Boulevard-Portal im Internet? Die Antwort lautete bis vor kurzem: 20min.ch. Doch seit einigen Monaten steht Konkurrenz aus dem eigenen Haus da. Das vorher kreuzbrave, aber mehr oder weniger seriöse Portal tagesanzeiger.ch hat sich durch den Einfluss von Newsnetz stark verändert. Wer steht hinter beiden Werken? Newsnetz-Chefredaktor Peter Wälty, kürzlich auf dem Titelbild des Schweizer Journalist und Tamedia, ein Verlag, der bisher nichts mit Boulevard am Hut zu haben schien.

Dank Wälty geht es rund in der Redaktion. Die Website rotiert ständig, der geneigte Leser kriegt den Eindruck, es werde ständig an allen Storys gleichzeitig rumgeschneidert, aktualisiert vor fünf Minuten, aktualisiert vor 36 Minuten, aktualisiert vor 57 Minuten. Doch diese laufenden Änderungen sind intransparent und sorgen beim Leser für Verwirrung: Hinter welcher Version steht nun Newsnetz? Wie kann man einen Artikel zitieren, der vielleicht schon Minuten später anders lautet?

Auf der Strecke bleibt durch diese undurchschaubaren Vorgänge und auch durch die unzähligen Tippfehler die Glaubwürdigkeit, dass es sich noch immer um den Online-Auftritt einer Qualitätszeitung handelt, bei der alles mehrmals geprüft wird, bevor es online geht. Bei der man sicher sein kann, dass das, was man liest, auch stimmt. Was das Vorbild Spiegel Online bei aller Absurdität der Themenwahl oft hinkriegt, nämlich Inhalt, der überzeugt und besteht - diese Qualität ist durch die ständigen Eingriffe von Newsnetz gefährdet.

Auf den durch das Newsnetz betreuten Seiten ist zudem kaum ein Artikel zu finden, der über zwei oder drei Absätze hinausgeht. Stösst man einmal auf einen längeren Text, so kann man sicher sein, dass er aus der Printausgabe übernommen wurde.

Doch auch im Print ist Tamedia mit viel einfach gestrickter Information unterwegs. Die Gratiszeitungen 20 Minuten und News sind, von einigen unterschiedlichen Comics mal abgesehen, ziemlich deckungsgleich: Werbe-Transporter, garniert mit umgeschriebenen Agenturmeldungen, Veranstaltungs-Tipps, vielen Fotos und Promis. Kein klassischer Boulevardjournalismus, denn der bestünde daraus, dass man hingeht zu den Leuten, also Journalismus, und unnötig teuer.

Was bleibt eigentlich noch an Qualitätsangeboten aus dem Hause Tamedia? Das Magazin, das aber offenbar auch nicht mehr um die bisher den Massen-Angeboten vorbehaltenen Publireportagen herumkommt (siehe "Publireportage: Der extremste Fussball-Videofilmer"). Und das man absurderweise nur an einem Tag in der Woche, am Samstag, kaufen kann - und das nur in der Schweiz. Die Finanz und Wirtschaft, die ein Nischenpublikum bedient. Einzelne ernsthafte Text aus dem Tages-Anzeiger und der Sonntagszeitung. Und sonst? Wurde den Lesern nicht versprochen, mit Newsnetz, dem "bisher ambitiösesten journalistischen Projekt im Internet", würden "neue Standards" gesetzt? Hab ich das falsch verstanden, wenn ich angenommen habe, es würde sich um Qualitätsstandards handeln?

War das 1995 gegründete und 2007 eingestellte Facts ein Qualitätstitel? Wie auch immer, dieses Wochenmagazin ist tot. Alle Neugründungen waten durch seichte Gefilde. Die letzte Gründung eines journalistisch spannenden Produkts liegt lange zurück, erwähnen könnte man die Gründung der beim Start hochspannenden SonntagsZeitung 1987 und des Magazins 1970. Online-Gründungen wie Facts 2.0 verzichten ganz oder fast ganz auf eigene Inhalte, sie aggregieren, bewerten, kommentieren und verwalten die Community.

Wann liefert Tamedia wieder etwas Gehaltvolles? Eine hervorragende Zeitschrift oder ein Online-Portal, das nicht nur von Journalismus redet, sondern ihn auch liefert, hätten meiner Meinung nach beste Chancen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Bernhard

    12.10.08 (22:17:33)

    Ein hervorragender Artikel, vielen Dank dafür! Es scheint tatsächlich so zu sein, dass Tamedia keine Verleger mehr hat seit dem Abgang vom Patron Hr. Coninx. Statt dessen wird entweder wild zugekauft, v.a im Online-Bereich, oder es wird (was früher im umgekehrten Extrem passiert ist) wie wild intern kannibalisiert. Seien wir doch ehrlich, wer braucht, angesichts vom Newsnetz, noch ein Tagi-Abo ? Oder wie lange braucht es, bis die noch ein wenig gescheiteren User von 20min.ch merken, dass sie mit dem Newsnetz das weitaus bessere "20Minuten"-Futter erhalten ? Und wenn man mitverfolgt, was mit Tillate passiert ist, seit der Beteiligung der Tamedia, darf gespannt sein, was mit search.ch passieren wird. Dass dies nicht mehr länger der jekami-startup-wirsindalleseinbisschenGründer-Betrieb sein kann und wird ist wohl nur deren allerkleinstes Problem. Mal etwas wagen wäre trotz übergewichtiger buchhalterischer Mentalität in der obersten Chefetage kein schlechter Vorsatz. Aber vermutlich eher ein Wunschtraum.

  • Dave

    13.10.08 (07:08:11)

    Endlich schreibt es mal jemand... Als Auslandschweizer war Tagesanzeiger Online stets meine erste Informationsquelle, wenn es um Nachrichten aus der Schweiz ging. Doch was Tamedia aus dem Portal gemacht hat, ist schlicht eine Katastrophe... Reicht ihnen ein Ramsch-Portal à la 20 Minuten nicht? Was man mittlerweile auf tagesanzeiger.ch vorgesetzt bekommt, bereitet einem schon körperliche Schmerzen. Mal abgesehen von den Tippfehlern und überkürzten Artikeln ist auch die Themenwahl nicht mehr nachzuvollziehen. Das Schlimme ist, dass selbst die Artikel aus der Print-Redaktion noch bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt werden. Die grauenhafte Usability des Relaunches lassen wir mal aussen vor... Aber der Tenor ist altbekannt: "Im Internet will der Leser schnell und kurz informiert sein, für die ausführliche Information kauft er die Zeitung. Wir brauchen Klicks, nicht Qualität. usw..." Was solls: bleibt einem nur, das Portal zu wechseln.

  • Fred David

    13.10.08 (09:09:57)

    Ja, was erwartet man denn? Wenn man in einem schleichenden, aber effizienten Prozess aus Journalisten Informationsfunktionäre macht, die passgenau nach Vorgabe funktionieren, und die lassen sich das auch noch völlig willenlos gefallen, dann kommt es eben so heraus wie hier treffend beschrieben.

  • bugsierer

    13.10.08 (10:02:30)

    eine hervorragende analyse. – ein jammer, was aus dem toptitel wurde, mit dem ich sozialisiert wurde. absolut dramatisch. zum davonlaufen. wenn diese entwicklung so weitergeht, und das ist zu befürchten, gibts bald platz für einen neuen brand. wie wärs mit spiegel.ch? hallo hamburg?

  • mds

    13.10.08 (11:00:36)

    Kann mir jemand erklären, wo unter http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/Ein-Finanzplatz-am-Rande-des-Orkans--der-Sonderfall-Schweiz/story/28046525 ein Interview zu finden ist («Interview: Ralph Pöhner»)? Aber Hauptsache, «Aktualisiert vor 2 Minuten» … :-> http://img516.imageshack.us/img516/4264/tagesanzeigerch001df0.png

  • Zappadong

    13.10.08 (11:15:36)

    Ich bin mit dem "Tagi" aufgewachsen. Er war "meine" Zeitung - aber leider geht er seit Monaten steil den Bach hinunter (zusammen mit dem Magazin, das ich früher von vorne nach hinten und von hinten nach vorne ganz durchgelesen habe). Der Tiefschlag am Freitag: In einem Online-Artikel zum Börsencrash lautete der letzte Satz: "Beten Sie." Mit solchen Sätzen stürzt auch der Journalismus ab - geradewegs in den Güllenkasten. Es ist zum Heulen!

  • flashfrog

    13.10.08 (13:26:59)

    Ja wirklich schade. Aber nur konsequent: Wer eine möglichst grosse Masse an Klickvieh auf seine Seite locken will, der tut dies durch Sex, Crime und Skandal. Das Niveau spiegelt sich auch in den Diskussionen zu den Artikeln wieder. Aber vielleicht wird man auch bei Tamedia eines Tages merken, dass auf Dauer eine gute Geschichte und ein eigener Stil mehr zählt als Suchmaschinenoptimierung.

  • Ugugu

    13.10.08 (15:24:01)

    Juhuu! Tagi-Bashing. Mal abgesehen davon, dass jede Zeile in diesem Blogeintrag stimmt, finde ich die Reportage von Publireporter «Nivea» im «Tagi-Magi» ein echte Zumutung: Selbst der Meilemer Bezirksanzeiger, falls es den überhaupt gibt, bringt das lokale Schützenfest knackiger auf den Punkt.

  • martin

    13.10.08 (17:34:15)

    Was solls: bleibt einem nur, das Portal zu wechseln. und welche auswahl hat man da in der schweiz noch? nzz.ch? news.ch? na wer weiss, vielleicht überraschen uns die regionalverleger ja doch noch alle mit ihrem news1.ch ... oder vielleicht nimmt der tagi den leser-input, der ja im moment von einigen seiten kommt, doch endlich mal ernst!

  • otto wild

    13.10.08 (20:01:27)

    naja, als [Edit: Entschärfung*] wälty realisierte, dass das newsnetz kaum mehr traffic generierte als die drei vorher separaten online-titel, hat er einfach die boulevardsau rausgelassen. stellt sich einfach die frage, wie lange das seine print-"kollegen" tolerieren werden. ein weiteres 20min.ch braucht die tamedia eigentlich nicht. [*Edit, PS: Wir bitten im Interesse der Diskussion hier um eine Trennung von Personen und Sachen und um den Verzicht auf unnötige Schmähungen.]

  • christof

    14.10.08 (08:10:50)

    für einmal ein lob an ronnie grob - treffende analyse.

  • Andi Jacomet

    14.10.08 (09:06:10)

    Das schnoddrige und oft fehlerhafte Deutsch auf dem Newsnetz deutet darauf hin, dass die Redaktion sehr jung sein muss. Das ist nicht a priori ein Mangel, doch wenn "jung" zugleich "unerfahren" heisst und es keine Qualitätssicherung gibt, muss man sich täglich Primarschulfehler-Zumutungen wie "die Tasche viel vom Dach" gefallen lassen, die stundenlang so stehen bleiben - oder amateurhafte Bildstrecken, die 90% aller Leserinnen und Leser kreativer fertiggebracht hätten. Leider ist Newsnetz mit solchen Fauxpas nicht allein. Ich erinnere an die Charta "Qualität im Journalismus" - Punkt 6 lautet: "Qualität im Journalismus setzt die Beherrschung des journalistischen Handwerks voraus. Medienschaffende sind präzise in der Wahrnehmung und Wiedergabe. Sie achten auf eine gepflegte Sprache, vermeiden belastete und beleidigende Begriffe und bemühen sich um einen guten Stil." Die Printredaktion bekommt diesbezüglich sicher gute Noten - die Newsnetzler aber haben hier massiv aufzuholen. Bitte tut es auch; das Lesen der "Praktikantentexte" ist seit August zu einer Zumutung geworden.

  • Jean-Claude

    14.10.08 (09:31:02)

    8) Ugugu: Die sogenannten "Publireportagen" sollten generell hinterfragt werden. Die erscheinen in jeder Schweizer Zeitung. Das sind bezahlte Anzeigenseiten, die in vorgeblich neutraler Reportagen- und Interviewform daherkommen. Ich wette, die wenigsten Leser realisieren, dass das von A bis Z bezahlte PR ist, die natürlich auch in den übrigen Textteil ausstrahlt und Anzeigenkunde geradezu animiert, ihre nachdrücklichen Wünsche immer höher zu schrauben, was sie im Textteil von Zeitungen und Zeitschriften sehen wollen und was nicht. Wer behauptet, das gäbe es nicht, ist naiv. Dass "Publireportagen" auch im "Magazin" erscheinen, dem man früher mehr "Speuz im Ranzen" zugetraut hat als dem "Tagi" selber, der solche Anbiedereien halt machen muss, ist nicht bloss eine Stilfrage, sondern eine Frage des Selbstverständnisses. Oder der Selbstverleugnung als Journalist. Journalisten geben sich in der Regel cool, wenn die Rede auf die dauernd stärker verschwimmenden Grenzen zwischen gekaufter und publizistisch einigermassen sauberer Information kommt: "Macht doch heute jeder. Ist doch eigentlich harmlos. Nivea ist ja nix Schlimmes. Ist doch Kundeninformation usw." Stimmt: fast alle machen es. Und sicher nicht nur mit Nivea. Drum gibts immer weniger Medien, die man noch ernst zu nehmen bereit ist.

  • Simon

    14.10.08 (09:32:05)

    Wer tatsächlich an vollmundige PR Aussagen wie "ambitiöses journalistisches Projekt im Internet" geglaubt hat, ist wohl etwas leichtgläubig. Es war von Anfang an klar, dass Wälty das tun wird, was er schon bei 20Min hervorragend gemacht hat: verkaufen. Diese Maxime verträgt sich nun mal nicht sehr gut mit hochstehendem Journalismus. Hat sie noch nie.

  • Thinkabout

    14.10.08 (10:25:10)

    Sehr treffende Analyse! Sind die Artikel schon oft ein Ärgernis, so sind es die Kommentare erst recht. So gesehen widerspiegeln sie den Inhalt - und das Abbild der Leser? Nicht nur das ist woanders besser: NZZOnline ist für mich tatsächlich eine Alternative.

  • Titus

    15.10.08 (00:19:21)

    Zu den PubliReportagen: Diese sind (oder sollten) wenigstens als solche gekennzeichnet (weil hierfür entsprechende Vorschriften bestehen). Beim Newsnetz hingegen ist die Trennung von Inhalt und Werbung nicht eindeutig. Es gilt wohl eher die Faustregel: Wo's unsäglich flimmert und blinkt ist Werbung, der Rest muss redaktioneller Inhalt sein. Boulevard zeichnet sich bekanntlich auch durch die visuelle Aufmachung aus. Auch diesem Umstand scheint man nachzueifern, zumindest wenn man die unterschiedlichen Schriften und Schriftgrössen betrachtet. Ein kunterbuntes Allerlei, dem ich nicht viel Positives abgewinnen kann.

  • Jean-Claude

    15.10.08 (08:48:06)

    zu 16) Titus: Die meisten Leser können mit dem Begriff PubliReportage nichts anfangen; das Erscheinungsbild dieser Texte gleicht sich immer stärker dem redaktionellen Layout an. Mir hat ein ziemlich wichtiger Werber gesagt: "Bisher durften wir nie in den redaktionellen Bereich. Die Redaktionen reagierten geradezu hysterisch, wenn wir etwas von ihnen wollten. Heute ist das gottseidank ganz anders. Sie sind viel vernünftiger geworden." Die PubliReportagen sind da noch die harmloseren Früchtchen dieser neuen "Vernunft". Die Zäsur fand 2001/2002 statt, beim letzten grossen Anzeigeneinbruch. Jetzt zeichnet sich erneut ein solcher Einbruch ab.

  • M2

    28.10.08 (10:13:37)

    Das Newsnetz ist einfach nur schrecklich.

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