<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

13.08.08Leser-Kommentare

Tagesanzeiger.ch: Keine Links ohne schriftliche Bewilligung? (Update)

Schon mal auf tagesanzeiger.ch verlinkt, ohne "vorgängig eine ausdrückliche, schriftliche Bewilligung von Tamedia" eingeholt zu haben? Vorsicht, das verstösst gegen die Anwendungsbestimmungen.

Wie weit weg Anwälte vom Alltag im Internet sind, beweisen die Anwendungsbestimmungen auf der brandneuen Seite des Tages-Anzeigers. Darin steht, man kann und will es kaum glauben:

Zudem ist für Links, die von einer fremden Website auf die TA-Website führen, stets vorgängig eine ausdrückliche, schriftliche Bewilligung von Tamedia einzuholen.

Ja, geht's denn noch gut? Wohin ich auf meiner Website linke, geht doch Tamedia nichts an. Doch nicht genug. Die weltfremden Bestimmungen regulieren auch, wer es überhaupt wagen darf, das Angebot zu nutzen:

Diese TA-Website richtet sich ausschliesslich an natürliche und juristische Personen sowie Personengesellschaften und Körperschaften mit Wohnsitz bzw. Sitz in der Schweiz.

Sitzen sie zum Beispiel in Graz, Stuttgart, Peking oder Berlin, wie ich gerade, sind sie gar nicht "Adressat". Noch etwas kryptischer wird es im Abschnitt "Kein Angebot":

Die TA-Website ist nicht für Personen bestimmt, die einer Rechtsordnung unterstehen, der die Publikation bzw. den Zugang zur TA-Website (aufgrund der Nationalität der betreffenden Person, ihres Wohnsitzes oder aus anderen Gründen) verbietet. Personen, auf die solche Einschränkungen zutreffen, ist der Zugriff auf die TA-Website nicht gestattet.

Meine Nationalität könnte mir also den Zugang zur "TA-Website" verbieten? Versteht das jemand? Dem potentiellen Kunden wird nicht nur alles mögliche eingeschränkt, es wird ihm auch nichts zugesichert:

Meinungen und sonstige Informationen auf der TA-Website können jederzeit ohne Ankündigung geändert werden.

Anlagetipps gibt man zwar freimütig, aber besser für den Kunden, man liest sie gar nicht erst:

Lassen Sie sich bei Anlageentscheiden von einer qualifizierten Fachperson beraten.

Der Hinweis zu diesen Bestimmungen kommt von ugugu, der anmerkt, sowas zuletzt "irgendwann um das Jahr 2000" gelesen zu haben. Richtig, damals hatte man auch noch EDV-Systeme (Tamedia lehnt jede Haftung für Manipulationen am EDV-System des Internet-Benutzers durch Dritte ab).

Update am 13.08.2008, 11:10 Uhr: Auf unsere Anfrage antwortete Christoph Zimmer, Leiter Unternehmenskommunikation der Tamedia, folgendermassen:

Der Hinweis, dass für «Links, die von einer fremden Website auf die TA-Website führen, stets vorgängig eine ausdrückliche, schriftliche Bewilligung von Tamedia einzuholen» ist, ist tatsächlich etwas weltfremd und falsch. Wir haben diesen Hinweis entfernt. Der gesamte Disclaimer, der auf eine ältere Version zurückgeht, wird in den nächsten Tagen überarbeitet.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Thinkabout

    13.08.08 (13:04:47)

    Immer wieder fällt mir auf: Die Tamedia hat Fusstruppen, die forsch das Internet erkunden und Neues ausprobieren. Die Reitertruppen, die er allerdings dann hinterher schickt, um die Flanken zu sichern, machen sich nur lächerlich. Schön sind dazu auch die AGB's zu Facts2.0, um nur mal die Konventionalstrafe zu erwähnen... Die Tamedia kennt das Wort Kunde ganz offensichtlich als Synonym für rechtliche Scherereien. Und ich wüsste zu gern, ob auch nur ein Journalist beim Newsnetz davon ausgeht, dass er nur für in der Schweiz ansässige Schweizer (oder wie?) schreibt. Manchmal frage ich mich wirklich, wie nah die Herren von der GL der Tamedia überhaupt ihren Produkten noch kommen? Ist natürlich auch langsam schwer, bei diesem Gemischtwarenladen.

  • Lips

    13.08.08 (13:25:23)

    Wenn man versucht, der auf inländische Leser beschränkten Kundendefinition doch noch einen Sinn abzugewinnen, dann die, dass sich der Tagi damit vor ausländischen Prozessdrohungen schützen will. Wer weiss was für Tage kommen, an denen irgendein Mullah den Schweizern ein Verfahren anhängen wird, weil sie eine antiislamistische Idee kommentieren. Oder ein Amerikanisches Gericht bemüht wird, weil der Tagi einen texanischen Ex-Präsidenten beleidigt haben soll. So gesehen hat dieser Passus der Tagi-AGB noch eine robuste Zukunft vor sich....

  • Max Headroom

    13.08.08 (13:37:58)

    So ein Disclaimer schützt nicht, er ist ja nicht verbindlich für den Besucher. Vor langer Zeit habe ich gelernt, dass es für einen verbindlichen Vertrag immer 2 braucht. 2, die zustimmen! Im Gegenteil kann so ein Disclaimer sogar schaden. Tamedia zeigt damit, dass sie ein Problem erkannt hat. Aber sie tut nichts dagegen. Möchte Tamedia nur Schweizer bedienen, müsste sie im Minimum IP filtern. Richter irgendwo lassen sich doch von einem Disclaimer nicht beeindrucken! Und wenn Tamedia etwas Islamkritisches bringt, hilft der Disclaimer auch nicht mehr!

  • Thinkabout

    13.08.08 (14:15:02)

    Ich finde einfach, dass mit solchen ungeschickten online-Deklarationen die falschen Signale ausgesendet werden. Die Presse als 4. Macht im Staat setzt sich so dem Verdacht aus, übertriebene Beisshemmungen zu entwickeln. Und wie ist es mit dem einzelnen Journalisten, der plötzlich mal im Gegenwind steht? Welche übertriebenen, der freien Meinungsbildung nicht zuträglichen Richtlinien sind da wohl schon implementiert? Wie ernst ist es Medienunternehmen, die Pressefreiheit hoch zu halten?

  • Zappadong

    13.08.08 (19:04:33)

    Für mich sind solche Disclaimer lachhaft, wenn man gleichzeitig die Möglichkeit gibt und auch zulässt, anonym jeden Senf zum Teil weit jenseits von Anstand und Respekt zu kommentieren. Ich habe mich durch ein paar Kommentarthreads mit Meinungsäusserungen von Claudia Cardinale, Marcel Ospel, Hallo Papi, Kein Besserwisser, Smoking Gun, Donald Trump, Micky Mouse, Daisy Duck ect. gewühlt. Wenn man bedenkt, dass beim Tagi kein Leserbrief ohne genauen Absender gedruckt wird, auf der Online-Plattform keine Ausländer lesen sollten und in einer ersten Idee jeder Blogger fragen hätte sollen, ob er den verlinken darf oder nicht, wird die Sache leicht peinlich. Danke, da kommentiere ich lieber anderswo.

  • Pedro

    13.08.08 (21:55:24)

    Das sieht eher danach aus, dass sie sich der Verantwortung möglicher Klagen aus dem Ausland entziehen wollen. Wenn die z.B. schreiben ein im Ausland wohnender xy sei schwul und das nicht zutrifft, müsste er gemäss den AGB's in der Schweiz klagen und hier hat der Tamedia die Richter faktisch im Griff. Spurt dieser nicht, erscheinen irgendwann irgendwelche Stories über sein Privatleben. Kein Richter wird sich getrauen gegen die TA-Media vorzugehen. Im Ausland hingegen ist TA-Media ein Nobody und mit dieser Bestimmung wollen sie mögliche Klagen ausweichen.

  • M

    13.08.08 (22:41:51)

    @Pedro Aber auch Tamedia-Anwälte wissen, dass im Zweifel nicht der Disclamer ausschlaggebend ist, sondern das tatsächliche Zielpublikum. Als deutschsprachiges Medienportal sollen sie mal einem Richter in Traunstein erklären, dass sie keine deutschen Nutzer wollen und nicht von Nutzern in Deutschland oder Österreich gelesen werden wollen. Was mich viel eher erschreckt ist die Art und Weise wie hier scheinbar versucht wird, jegliche Haftung auszuschliessen (es sei dahingestellt, ob das auch möglich ist) ohne in irgendeiner Weise selbst eine Form des Schutzes für die Nutzer anzubietet. Es gibt keine Aussage dazu, wie mit Daten umgegangen wird etc. Das zeigt aus meiner Sicht doch eher auf eine Mentalität hin die ich hoffte, dass sie mit dem Fall der Mauer untergegangen ist.. alles scheint wieder irgendwo aufzutauchen..:-). Aber ich lasse mich gerne auch eines anderen belehren. Man mag hoffen, dass das nur ein zeitlich limitierter Ausrutscher ist.

  • Herbert

    14.08.08 (19:40:26)

    Ach schade, dass die so einsichtig sind. Jetzt wollte ich da mal einen Antrag auf Verlinkung zur Einreichung gelangen lassen. womöglich gibt es sogar eine Abteilung dazu. Darf man eigentlich dort anrufen. also, so ganz allgemein. So als Leser des Tag, evtl. auch als Abonnent. Oder gibt es da Voucher für den Dialog? So 2x pro Jahr oder so? Ich mag mein Tagi. So weltfremd das Unternehmen, so angeblich aufgeschlossen das Blatt...

  • Peter Sennhauser

    14.08.08 (20:33:47)

    Diese Entwicklung zu Disclaimern und Haftungsausschlüssen ist in den USA seit den ersten grossen Produkthaftungsprozessen Standard bis hin zur zweiseitigen Benutzeranleitung auf jedem BIC-Feuerzeug. Das Internet als weltumspannendes Medium birgt die Gefahr, dass man mit einer Publikation anderswo geltendes Recht verletzt (klassisches beispiel: Schutzalter). Kein Unternehmen kann es sich leisten, im Riesenmarkt USA Ziel einer Klage zu werden, also versuchen alle, mit solchen umfassenden Haftungsausschlüssen oder gar "Nutzungsausschlüssen" die Verantwortung auf die Nutzer abzuwälzen. Wie absurd das wirken mag, ist den Anwälten und Rechtsberatern dabei verständlicherweise vollkommen egal.

  • von Relax

    14.08.08 (23:39:37)

    Der Hinweis, dass Personen die einer anderen Rechtsordnung unterstehen und/oder ausserhalb der Schweiz wohnen, die Tagi Homepage nicht anklicken dürfen, lässt folgenden Schluss betreffend Ausarbeitung von diesem Schrott zu: Entweder wurden zuviele Banken Homepages besucht und dort die rechtlich erforderlichen Zugriffsbedingungen abgekupfert (milde Ausdrucksversion) oder ein neuer Mitarbeiter in der Rechtsabteilung mit Banken - aber ohne Medien-Erfahrung wollte sich ins rechte Licht setzen. Paahh Volltreffer!

  • M

    15.08.08 (11:21:12)

    @Sennhauser danke für die halbe Ehrenrettung einer Zunft. Vielleicht ist das auch eher eine jurist. Diskussion, aber bis jetzt ist soweit ich weiss, die Frage des Schadensersatz ein Problem der Produkthaftung in den USA, und weniger der Medien. Sicherlich gibt es jedem Juristen einen wohltuenden Schlaf, wenn hinsichtlich des Benutzerkreises eine klare Abgrenzung stattfindet, aber in den meisten Rechtsordnung ist es in dieser Hinsicht egal was in einem Disclamer steht - es kommt darauf an, wie und für wen eine Seite gestaltet wird. Ausschlagebend bleigt der tatsächliche Nutzerkreis auch hinsichtlich des Haftungsumfang/anwendbare Rechtsordnung. Wenn also trotz oder wegen der geringen Reichweite eines Disclamers dieser einfach so "hingerotzt" wird, zeigt das für mich nicht gerade eine Hochachtung der Nutzter. Den das was rechtlich möglich ist, z.B. eine Selbstbeschränkung im Umgang mit Nutzern hinsichtlich der Daten etc, ist hier offensichtlich nicht einmal angedacht worden.

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer