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20.07.12

Svbtle: Die Anti-Huffington-Post

Svbtle, das elitäre Blognetzwerk aus Kalifornien, will Autoren, Reporter und Kuratoren einstellen. Was das Startup plant, klingt verdächtig nach einer qualitätsbewussten Variante der bekannten Huffington Post.

Vor zehn Tagen berichteten wir über Svbtle, ein neues US-Blognetzwerk, das als Publikationsplattform momentan nur renommierten Tech- und Designbloggern aus den Vereinigten Staaten offen steht, mittelfristig aber auch für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. Abgesehen von seinem derzeit elitären Status liegt die große Besonderheit des Dienstes in dem Ansatz, sonst bei Blogdiensten in den Vordergrund gerückte soziale Features und Personalisierungsfunktionen zu vernachlässigen und die Kuration sowie den Schreibprozess von Inhalten ins Zentrum zu rücken. Svbtle-Macher Dustin Curtis geht es um die Qualität und Einzigartigkeit der präsentierten Inhalte, weshalb er unter anderem plant, partizipierenden Bloggern Lektoren an die Seite zu stellen. Ein aktueller Eintrag in Svbtles eigenem Blog jedoch lässt erahnen, dass Curtis noch eine viel größere Vision verfolgt, als bisher deutlich wurde: Das kalifornische Startup will nämlich professionelle Autoren, Reporter und Kuratoren anstellen und fordert interessierte und fähige Personen auf, sich zu bewerben.

"Wir finden, dass einflussreiche Medienangebote beim Übergang von Print zum Bildschirm schwerwiegende Fehler gemacht und sich zu sehr an archaische Traditionen geklammert haben. Wir glauben, es gibt einen besseren Weg, Nachrichten und Meinungen zu liefern, und entwickeln die Plattform, die dies ermöglicht", so die Begründung zu dem Schritt, eine eigene Redaktion aufzubauen. Auch der Qualitätsfokus wird nochmals verdeutlicht: "Wir stellen Qualität über Quantität. Wir brechen mit der direkten Verbindung von Inhalt und Umsatz, und wir publizieren lieber eine bahnbrechende, hervorragend geschriebene Story als 50 schlecht recherchierte Artikel".

Wie die mutige Behauptung, Wirtschaftlichkeit und Inhalt komplett voneinander abzukoppeln, in die Tat umgesetzt werden soll, bleibt vorerst im Unklaren. Bisher galt: Qualitativer Content kostet viel Geld, wird aber im Netz nicht unbedingt mit entsprechend höheren Werbeerlösen belohnt. Oft sind es kurze, am Fließband verfasste, wenig Eigenleistung beinhaltenden Beiträge mit reißerischen oder bis ins letzte Detail auf Suchmaschinentauglichkeit optimierten Überschriften, welche die meisten Klicks und damit Anzeigenumsätze generieren, nicht aufwändige Reportagen.

Sinnbildlich für diese Art des Fast-Food-Journalismus ist die Huffington Post, eine Mischung aus Onlinezeitung, Blogcommunity und Nachrichtenaggregator. Täglich werden auf der im vergangenen Jahr von AOL übernommenen Plattform mehr als 1000 Artikel veröffentlicht, die 1,4 Millionen Facebook-Empfehlungen und 250.000 Kommentare nach sich ziehen. Während das von Arianna Huffington 2005 gegründete Portal hinsichtlich des Community-Engagements und der Viralität mehr erreicht hat als irgendeine andere Onlinepublikation, gilt es mit seinen häufig von unbezahlten Autoren verfassten, auf anderen Quellen basierenden und lediglich umgeschriebenen Artikeln nicht gerade als Hort des Qualitätsjournalismus.

Auch wenn der der Begriff "Huffington Post" im Svbtle-Bewerbungsaufruf nicht auftaucht, steht es deutlich zwischen den Zeilen: Dustin Curtis möchte den Dienst in eine Art Anti-Huffington-Post verwandeln, bei der das Motto "Klasse statt Masse" höchste Bedeutung hat. Ein optisch anspruchsvolles, auf das Wesentliche reduziertes und redaktionell betreutes Blognetzwerk, bei dem bezahlte Autoren und später auch in Eigenregie agierende Blogger hohen Qualitätsstandards folgende Texte zu relevanten Themen und Nachrichten veröffentlichen, ohne dabei SEO, Social-Media-Tauglichkeit und die üblichen Metriken des Onlinepublishings zu sehr Einfluss auf Inhalt und Struktur nehmen zu lassen - es klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

Für viele wird sich dies nach einer Wunschvorstellung anhören, die kaum zu verwirklichen ist. In der Tat steht die Frage im Raum, wie dieses ambitionierte Ziel erreicht werden soll. Ein langer Atem ist Voraussetzung - bisher jedoch ist Svbtle eigenfinanziert. Dass Gründer Dustin Curtis die Löhne der umworbenen Reporter und Kuratoren aus eigener Tasche bezahlen wird, erscheint sehr unwahrscheinlich. Sofern eine Finanzierungsrunde nicht schon abgeschlossen wurde, muss sie im Prinzip unmittelbar bevorstehen.

Es ist nicht auszuschließen, dass Curtis niemals auch nur in die Nähe des Erreichens seiner hehren Ziele kommen wird. Doch es gibt mindestens einen Aspekt, der dafür spricht, dass der Dienst - externes Funding vorausgesetzt - in den nächsten Monaten noch viele Wellen schlagen wird: 45 bisher für die Plattform als Autoren zugelassene Meinungsführer aus der US-amerikanischen Blogosphäre, die bei Svbtle ihre privaten Blogs betreiben. 45 Fürsprecher also, die keine Gelegenheit auslassen werden, um den Service bekannt zu machen.

Eine Anmerkung zur Aussprache des Namens: Es empfiehlt sich, Svbtle wie "Subtle" auszusprechen. Es ist nicht auszuschließen, dass es zu einem Namenswechsel kommt, sobald die derzeit geparkte Domain www.subtle.com gekauft werden konnte.

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