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15.07.14Leser-Kommentare

"Superkräfte": Wer programmieren kann, formt sich die Welt

Programmieren zu lernen, ist heutzutage ein populärer Karriere-Ratschlag, getrieben von IT-Fachkräftemangel und der Vorstellung, dass Jobs in Zukunft entsprechende Kenntnisse voraussetzen. Ein weiteres Argument sollte aber nicht ignoriert werden: Wer weiß, wie man Code schreibt, kann Ideen, Konzepte und Fantasien einfach selbst umsetzen.

Coding"Jeder Mensch sollte Programmieren lernen". So lautet eine in mal mehr, mal weniger abgeminderter Form, manchmal bestimmte Berufsgruppen in den Fokus stellende, häufig zu hörende Empfehlung. Ein Parole, die natürlich nicht ohne Widerspruch bleibt. Konsens herrscht aber insoweit, als dass für Kinder, Schüler und Menschen in bestimmten Professionen - wie Journalisten - die Vermittlung beziehungsweise Aneignung von Programmier- und IT-Kenntnissen heute als besonders wichtig gilt.

Triebkräfte hinter dem lauten Ruf nach Programmierkenntnissen als Element der künftigen Allgemeinbildung sind sowohl der verbreitete IT-Fachkräftemangel bei Firmen als auch sozial- und gesellschaftspolitische Bedenken, dass im künftigen Arbeitsmarkt nur bestehen können wird, wer in der Lage ist, Maschinen Anweisungen zu geben.

Ein anderer Faktor wird in der Argumentation dagegen häufig vernachlässigt, könnte aber im Endeffekt eine besonders effektive Wirkung haben: Er resultiert aus der Frage, wie sich Volkswirtschaften und Gesellschaften entwickeln und Individuen selbstverwirklichen würden, wären viele in der Lage, Code zu schreiben. Derzeit stellen Computeringenieure den Flaschenhals jeder Idee, jedes Projekts, jeder App und generell jedes Unterfangens dar, bei dem Code geschrieben werden muss. Und das gilt nicht nur für Unternehmen, Behörden und andere Organisationen. Tausende, zehntausende oder noch mehr Freizeit- und Hobby-Konzepte von Privatpersonen werden Jahr für Jahr nicht verwirklicht, weil den jeweiligen Personen die notwendigen Kenntnisse fehlen. Die vergleichsweise wenigen Entwickler und IT-Ingenieure konzentrieren sich dort, wo es besonders gutes Geld zu verdienen gibt. Bei den einschlägigen Netzgiganten. Bei Großkonzernen und Softwareschmieden, bei im Venture Capital schwimmenden Startups. Und sicherlich auch bei Geheimdiensten.

Für alle andere Institutionen, Vereine, Alltagsbereiche und Einsatzszenarien, ob für private oder gemeinnützige Zwecke, verbleibt der minimale Rest, oder maximal einige Stunden pro Woche derjenigen, die sonst bei Google & Konsorten ihre Brötchen verdienen.

Wenn jedoch bei einem Großteil der Bevölkerung zumindest rudimentäre Programmierfähigkeiten vorhanden wären, dann stünde schlagartig ein Vielfaches der bisherigen Ressourcen für Anwendungen, Apps und Dienste zur Verfügung, die bislang nicht über gedankliche Skizzen in den Köpfen von kreativen, engagierten und nach neuen nebenberuflichen Herausforderungen suchenden Menschen hinauskommen.

Freilich müsste man damit rechnen, dass 99 Prozent der entstehenden Applikationen, Software- und (auch) Hardware-Produkte in Sachen Praxistauglichkeit, Raffinesse und Sinn über das Niveau einer Furz-App kaum hinauskämen. Doch die ernstzunehmenden ein Prozent könnten schon genügen, um viele bislang aufgrund mangelnder kommerzieller Anreize oder fehlender Mittel nicht oder nur unzulänglich angegangener Probleme zu lösen und Projekte umzusetzen.

Aus heutiger Sicht ist die Annahme, dass sich irgendwann einmal Millionen Menschen hobbymäßig dem Schreiben von Code widmen, reine Utopie. Dennoch dürften Programmiersprachen in den nächsten Jahren deutlich zugänglicher werden. Das verspricht beispielsweise Apples neue Code-Sprache Swift. Webbasierte Lernsoftware wie Codecademy, Online-Kurse sowie eine Vielzahl anderer Werkzeuge senken die Hürde zum Erlernen des Programmierens ebenfalls. Insofern stehen die Chancen nicht schlecht, dass wir dem beschriebenen Szenario sukzessive zumindest etwas näher kommen. Von den positiven Effekten würden nicht nur die händeringend nach IT-Personal suchenden Firmen profitieren. Die Auswirkungen wären sehr viel breiter. Sie würden bis zu den einzelnen Individuen reichen, die bei Tagträumereien über beliebige, aktuell gerade benötigten Softwarelösungen, Spiele oder Anwendungen nicht mehr dazu gezwungen wären, tatenlos zu bleiben. Sie könnten sie alleine oder zusammen mit anderen Gleichgesinnten einfach selbst bauen.

Wenn das kein Anreiz ist.

(Illustration: Flat design concept: Programing, Shutterstock)

Kommentare

  • Michael

    15.07.14 (12:27:10)

    Natürlich wäre es schön, wenn sich die Fähigkeit zum Programmieren weiter verbreiten würde. Dazu müßte aber die Software dazu vereinfacht, quasi ebenfalls auf das Niveau heutiger Anwendungsprogramme (wie Text, Browser usw.) vereinfacht werden. Fraglich, ob das möglich ist. Insofern halte ich Programmieren weiterhin für eine höchstspezialisierte Spezialfähigkeit, die auch spezielle "Nerd"-Fummelkompetenzen der Konzentration und Fokussierung auf winzige, leider auch recht trockene Details erfordert. Also auch den Willen und die Lust dazu. Arbeitsteilung ist schon keine schlechte Sache, jedem das Seine.

  • tux.

    15.07.14 (12:31:46)

    Selbst Universitäten bringen aber in ihren Informatikkursen kein Programmieren (mehr?) bei. Studenten lernen die Bedienung eines IDEs und wie man sich in diesem IDE die Boilerplate zusammenklickt. Wesentliche Dinge fehlen ihnen völlig. So traurig.

  • michael

    15.07.14 (16:16:55)

    wer programmieren will braucht biss und Durchhaltevermögen. Erst viel später stellen sich die gewünschten Resultate ein.

  • Martin Weigert

    15.07.14 (21:41:24)

    @ Michael ". Dazu müßte aber die Software dazu vereinfacht, quasi ebenfalls auf das Niveau heutiger Anwendungsprogramme (wie Text, Browser usw.) vereinfacht werden" Ich stimme zu, glaube aber, dass die Entwicklung genau in diese Richtung gehen wird. @ michael Klar. So ist das beim Fremdsprachenlernen auch. Vergleicht man die Fähigkeiten der Bevölkerung heute mit vor 100 Jahren, ist da ein massiver Unterschied zu erkennen.

  • Klaus

    15.07.14 (22:41:54)

    "Ich stimme zu, glaube aber, dass die Entwicklung genau in diese Richtung gehen wird." Für den Enduser wird alles einfacher gemacht, sprich es fallen Einstellmöglichkeiten unter den Tisch oder sind nur noch mit Tricks zu erreichen. Das heißt aber noch lange nicht, dass es im Hintergrund ebenfalls super einfach abläuft. Klar haben wir jetzt fette Frameworks und tolle Entwicklungsumgebungen. Trotzdem muss man das alles beherrschen und die Hintergründe verstehen. Ich bin ehrlich gesagt froh darüber, dass die Programmierung NICHT so einfach zu erlernen ist. Wir brauchen keine weiteren schlampigen Coder auf Basic-Niveau, die ständig die Foren mit primitiven Fragen nerven ;) Heutzutage ist doch jeder ein Musiker der FL Studio bedienen kann. Genauso wie jeder Designer ist der Photoshop besitzt. Aber zum Glück ist nicht jeder ein Coder nur weil er Notepad hat und bischen HTML kann! ;)

  • Olaf Barheine

    16.07.14 (09:28:17)

    Das ist auch nicht Aufgabe der Universitäten. An der Uni habe ich die Grundlagen gelernt, wie man Software entwickelt. Programmieren konnte ich vorher schon. Heute im Beruf macht die Programmierung vielleicht noch höchstens 10 bis 20 Prozent im Projekt aus. Die überwiegende Zeit geht für Anforderungsanalysen, Softwareentwurf, Tests, Validierung, Dokumentation etc. drauf.

  • Fussball Manager

    16.07.14 (10:36:19)

    Das Problem ist: das Programmieren bwz. Entwickeln an sich ist viel viel UNinteressanter als die Anwendung, die man programmiert haben möchte. Programmieren Lernen ist aber eine jahrelange Tätigkeit mit vielen vielen Stunden am Tag und in der Nacht. Ergo: für's Programmieren Lernen hat der gewöhnliche User keine Zeit. Und selbst wenn er das in Angraff nimmt verliert er oft recht schnell die Lust auf das Projekt, weil der Weg zur Verwirklichung der Idee eben so UNinteressant ist. Programmieren Lernen kann nur jemand, der das Programmieren an sich mag. Diejenigen, die Programmieren nur als Werkzeug zur Verwirklichung einer Idee benötigen werden es nicht schaffen... Ich wil nicht errogant sein, aber wer ein Auto fahren möchte wird es wohl selbst kaum bauen (können)...

  • tux.

    16.07.14 (10:53:10)

    Ich arbeite schon ein paar Jahre als Programmierer und verbringe mehr Zeit mit Code als mit irgendwas anderem.

  • Robert Frunzke

    17.07.14 (12:15:47)

    Programmieren muss man wollen. Eigene Anwendungen entwickeln muss man ebenfalls wollen. Das eigentlich Dumme an dieser ganzen Sache ist, dass das "Programmieren" an und für sich zwar schon ein wenig wie ein Handwerk gelernt und perfektioniert werden kann, aber es ist Einiges mehr als das. Für ein Handwerk erlernst Du Handlungen, Abläufe, Schemen, und natürlich auch etwas Abstraktion. Aber ***Programmieren ist pure Abstraktion*** -- simples Beispiel: ein IKEA-Schrank kommt mit Aufbauanleitung, die Du Schritt für Schritt abarbeitest. Das ist Ausführen, kein Programmieren. Du kannst alles über Holz, Schrauben, Dübel, wasauchimmer wissen, aber Du bist hier doch nur die CPU, die Anweisungen ausführt. So ähnlich ist es mit allen "Vereinfachungen", IDEs, schönen neuen Sprachen, Frameworks usw. -- sie mögen helfen, sie sparen Zeit, aber sie machen keine Programmierer, sondern nur effizientere "Ausführer". Und, nicht zu unterschätzen: ... Programmierer sind Persönlichkeiten, mit vielen, manchmal seltsamen Seiten (oft schlimmer als jeder Künstler). Übrigens, was mich in den letzten Jahren persönlich immer mehr nervt sind die Leute mit Ideen für Anwendungen/Apps/Services, die glauben, dass sie nur noch den richtigen Coder beauftragen müssen - wie bei einem Handwerker... Da ist nämlich noch die andere, die eigentliche und viel aufwendigere Seite: Planung, Architektur & die Frage, was das Produkt leisten wird können, was nicht, und was ggf. erst später dazu kommen wird. Und da ist auch der wunde Punkt der allermeisten Hobby-Projekte.

  • Martin Weigert

    17.07.14 (17:06:39)

    Gute Anmerkungen. Deshalb find ich auch den Vergleich mit einer Fremdsprache passender.

  • Andreas

    21.07.14 (21:51:54)

    > Ich arbeite schon ein paar Jahre als Programmierer und verbringe mehr Zeit mit Code als mit irgendwas anderem. Es ist nicht Aufgabe der Universitäten Programmierer auszubilden. Dafür gibt es Ausbildungsberufe.

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