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13.05.14

Stummschalten-Funktion: Twitters Verschlimmbesserung und was sich daraus machen ließe

Twitter bietet Nutzern jetzt eine Möglichkeit, andere User stumm zu schalten. Eine solche Funktion könnte durchaus Mehrwert bieten - in ihrer aktuellen Ausformung stellt sie aber eine typische Verschlimmbesserung dar.

Stummschalten

Bitte nicht!

Twitter steht noch deutlich stärker unter Druck, als man dies hätte erahnen können. Dieser Schluss liegt zumindest nahe, blickt man auf ein von dem Unternehmen am Montagabend vorgestelltes, völlig unausgegorenes Feature zum Stummschalten von Nutzern. Die neue Option lässt sich für alle User aktivieren, egal ob man ihnen folgt oder nicht, und ist augenscheinlich mit wenig Reflexion entwickelt worden. Ein deutliches Zeichen dafür, dass CEO Dick Costolo ganz schnell Lösungen für das Wachstumsproblem des Dienstes finden möchte. Das Problem der Implementierung des Stummschaltens liegt darin, dass es aktuell die Szenarien, in denen eine solche Option tatsächlich nützlich wäre, nur tangiert - dafür jedoch eines der Kernprinzipien von Twitter völlig aus den Angeln hebt. Denn bislang ließen sich die auf jedem Profil dargestellten Angaben zur Zahl der Follower und gefolgten User relativ gut zur Beurteilung der Reichweite, Reputation und Twitter-Erfahrung heranziehen. Zwar existieren Manipulationsmöglichkeiten, aber in der Regel hieß eine große Zahl an Followern, dass man es mit etablierten Usern zu tun hatte. Gleichermaßen gab der Following-Wert darüber Auskunft, inwieweit Personen in Twitter mehr als eine Kommunikations-Einbahnstraße sehen.

Das ist nun Geschichte. Denn dank der Mute-Funktion kann es passieren, dass Twitter-Nutzer zwar offiziell 10.000 Follower aufweisen, in Wirklichkeit aber von 80 Prozent stummgeschaltet wurden. Oder dass eine Person zwar die Tweets von 500 Usern abonniert, tatsächlich aber die meisten davon mit Hilfe des neuen Features aus der eigenen Zeitleiste verbannt hat.

Abgesehen von diesem generellen Problem für seit Jahren geltende Gesetze der Twitter-Nutzung besitzt die Umsetzung des Features zwei gravierende Schwächen:

1. Twitter bietet bisher keine Liste der Anwender, die man auf stumm geschaltet hat. Wer nicht eine manuelle Liste anlegt (!), läuft Gefahr, den Überblick über stummgeschaltete Anwender zu verlieren. Das Feature eignet sich damit kaum für den eigentlich sinnvollen Zweck, kurzfristig Plappermäuler abzuschalten, deren Tweets man grundsätzlich aber gerne in seiner Timeline sieht.

2. Eine Option, um User für einen gewissen Zeitraum aus dem eigenen Stream zu verbannen, gibt es nicht. Dabei wäre dies eine wirklich sinnvolle Ergänzung: "Stummschalten für 8 Stunden".

In zwei Punkten überzeugt die jüngste Erweiterung des Microbloggingdienstes bereits im aktuellen Zustand: Endlich lassen sich Personen aus der eigenen Timeline verbannen, denen man explizit und bewusst nicht folgt, die einem aber durch Retweets anderer dennoch ständig untergeschoben werden. Dem einen Riegel vorschieben zu können, ist zwar nicht unbedingt im Sinne des Aufbrechens der Filterblase, bietet aber Anwendern einen klaren Mehrwert, ohne dabei die übergeordnete Funktionsweise des Dienstens unnötig zu verkomplizieren. Zudem ist es nun möglich, sich per Direktnachricht für Menschen erreichbar zu machen, deren Tweets man nicht sehen will - indem man ihnen folgt (was für Direktmessaging erforderlich ist), sie dann aber stummschaltet.

Für die aktuelle Ausformung des Stummschaltens lassen sich zwei unterschiedliche Prognosen machen: Entweder, die Funktion wird am Ende nur von einer Minderheit überhaupt verwendet und gerät ansonsten in Vergessenheit. Denn wäre zwar der Schaden nicht groß, der Nutzen allerdings ebenfalls nicht. Oder aber, eine Mehrheit der Twitter-Gemeinde geht dazu über, Anwender stumm zu schalten, anstatt ihnen zu entfolgen. Damit würde sukzessive das System Twitter aus den Fugen geraten, weil alle verlässlichen Orientierungspunkte über User an Aussagekraft verlieren. Im Falle einer verbreiteten Nutzung droht gar eine Verringerung der allgemeinen Aktivität, weil stummgeschaltete User noch stärker als bisher den Eindruck bekommen, dass trotz des Vorhandenseins von Followern niemand ihre Tweets liest. Was die Wahrheit wäre.

Ich bin nicht der einzige, der sich kritisch zu der Entwicklung stellt. Aber ich glaube, mit gewissen Modifikationen kann Twitter aus dieser Verschlimmbesserung noch eine wirklich praktische Sache für viele machen: Indem es die Möglichkeit des dauerhaften Stummschaltens nur für User zulässt, denen man nicht folgt, und für gefolgte Anwender lediglich das Merkmal "Stummschalten für X Stunden" offeriert. Was es aktuell aber bietet, wird den Dienst in keiner Weise zugänglicher für einen größeren Anwenderkreis machen. Im Gegenteil. Twitter wird verkompliziert. /mw

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