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16.03.09

studiVZ-Übernahme durch Facebook: Abschied von einer Idee

Lange Zeit erschien ein Kauf von studiVZ durch Facebook nicht unwahrscheinlich. Seit einigen Monaten kann sich das US-Netzwerk in Deutschland jedoch über ordentliche Wachstumsraten freuen. Eine Akquisition ist damit vom Tisch.

Nur ein Traum?Ich spreche sicherlich nicht nur für mich, wenn ich sage, dass eine Übernahme von studiVZ durch Facebook die spannendste Nachricht wäre, über die ich jemals bloggen würde. studiVZ als führendes soziales Network in Deutschland war immer für einen Skandal gut, hat aber gleichzeitig Social Networking (und in gewisser Weise das Web 2.0) in Deutschland massentauglich gemacht.

Kaum ein anderes Webangebot in Deutschland bot seit seinem Durchbruch 2006 so viel Stoff für Schlagzeilen wie das Studentennetzwerk und seine Nachkömmlinge schülerVZ und meinVZ. Eine Akquisition des Holtzbrinck-Netzwerkes durch Facebook erschien nie unmöglich, Gespräche zwischen beiden Parteien soll es häufiger gegeben haben. Eine Meldung über den Kauf von studiVZ verkünden zu können, womöglich sogar als Erster, das dürfte der Traum für eine ganze Reihe von Bloggern sein.

Doch in Erfüllung gehen wird dieser Traum wahrscheinlich nicht. Mit jedem Tag, an dem Facebook in Deutschland wächst, sinken die Chancen, dass es doch noch zum großen Showdown kommen könnte.

Fast ein Jahr lang lief es für das US-Netzwerk hierzulande eher schlecht. Die Zuwächse nach dem Start der deutschen Version am 1. März waren über Monate hinweg sehr bescheiden. Zu stark schienen Netzwerkeffekte User bei studiVZ und anderen sozialen Netzwerken in Deutschland zu halten. Zu wenige Nutzer hielten es offenbar für lohnenswert, sich bei einem weiteren Web-2.0-Dienst zu registrieren.

Dies war die Zeit, in der Holtzbrinck studiVZ hätte verkaufen können. Dies war die große und vermutlich einzige Chance für das Stuttgarter Medienunternehmen, aus dem studiVZ-Verlustgeschäft doch noch Profit zu schlagen - selbst wenn statt Bargeld wohl nur Facebook-Anteile dabei herausgesprungen wären. Ein solcher Deal hätte die Holtzbrinck-Verantwortlichen zwar in Erklärungsnot gebracht und wäre womöglich als Niederlage ausgelegt worden. Doch es hätte dem Verlag dennoch eine gewisse Sicherheit gegeben. Statt der beunruhigenden Situation, in der sich die studiVZ-Gruppe nun befindet.

Seit einigen Monaten legt Facebook in Deutschland ordentlich zu. Laut Comscore konnte Facebook in Deutschland zwischen Januar 2008 und Januar 2009 die Zahl der Unique Visitors um 465 Prozent von 556.000 auf 3.143.000 erhöhen. Mehr als zwei Millionen Mitglieder verzeichnet das Netzwerk laut CEO Mark Zuckerberg mittlerweile hierzulande. Ein Großteil ist erst in den letzten Monaten hinzugekommen.

Deutlich macht dies auch ein Blick auf Googles Statistik zur Entwicklung des Suchvolumens für einzelne Websites. Ungefähr seit Oktober 2008 wächst Facebook in Deutschland eher exponentiell als linear, was den Schluss nahelegt, dass der Service im Herbst seine kritische Masse erreicht hat. Hiernach setzen üblicherweise Netzwerkeffekte ein.

Suchvolumen bei Google

Mittlerweile suchen mehr deutsche Nutzer bei Google nach Facebook als nach den ebenfalls gut besuchten Social Networks lokalisten und KWICK!. Wie die Grafik zeigt, dürfte das US-Netzwerk demnächst auch an der jüngsten Holtzbrinck-Community meinVZ vorbeiziehen. Bis zu studiVZ und wer-kennt-wen.de - das gerade dabei ist, sich an die Spitzenposition zu setzen - ist es zwar noch ein kleines Stück, aber der Abstand wird kleiner.

Gut ein Jahr nach seinem Deutschlandstart ist Facebook auf dem hiesigen Markt angekommen und kann sich jetzt beruhigt auf organisches Wachstum verlassen. Ein Kauf von studiVZ wäre die Alternative zur organischen Expansion gewesen. Dies erübrigt sich nun. Den mit einer Übernahme verbundenen Ärger können sich die US-Amerikaner jetzt sparen und die Holtzbrinck angebotenen Aktienanteile behalten.

Für studiVZ wird es damit eng. Immer mehr User werden ihre Aufmerksamkeit, die bisher größtenteils studiVZ galt, mit Facebook teilen. In letzter Zeit strengen sich die Berliner zwar merklich an und konnten mit einigen technischen Neuerungen überraschen. Ob das aber ausreicht, um seine immer globaler denkende Zielgruppe von der in vielerlei Hinsicht attraktiveren Konkurrenz in blau fern zu halten, ist mehr als fraglich.

Facebook wird studiVZ wohl nicht mehr kaufen wollen. Auch für uns Blogger ist das eine traurige Erkenntnis. Es wäre interessant gewesen, zu beobachten, wie Millionen Mitglieder von einer in die andere Plattform überführt worden wären. Welche Proteste es dabei gegeben hätte. Wie andere Social Networks versucht hätten, die Situation auszunutzen. Wie und ob sich der Gesetzgeber und Behörden eingeschaltet hätten. Ein solches Ereignis wäre ein absolutes Novum gewesen. Holtzbrinck hat es verhindert. Vielleicht war es ja besser so.

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