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04.08.08

StudiVZ-Chef Riecke: "Wir sind Teilnehmer, nicht Treiber der Innovation"

In der FAZ findet sich ein ausführliches Interview mit StudiVZ-CEO Marcus Riecke . Wir entschlüsseln und bewerten.

Die Nutzer wollen gar nicht 100000 neue Funktionen, wie die Blogger immer vermuten.

Welche Blogger Marcus Riecke wohl damit gemeint hat?

Riecke macht nach wie vor den Fehler, den viele machen, wenn es um die facebook-Plattform geht. Er sieht wahrscheinlich das Beissen von Schafen und Werfen von Vampiren (oder so) und schließt wohl daraus, dass eine offene Plattform für ein Social Network Unsinn ist.

Nun ist es tatsächlich so, dass die Plattform von facebook auch nach über einem Jahr keine Killerapplikation hervorgebracht hat. Das ist in der Tat bemerkenswert. Aber: Das muss sie auch nicht.

Der Vorteil für den Plattform-Anbieter, in diesem Fall facebook, liegt darin, dass eine Vielzahl von Applikationen entstehen, aus denen die User auswählen können. Scrabulous etwa, das jetzt gezwungenermassen als Wordscraper neu aufersteht, ist ein Ergebnis einer offenen Plattform. Keine Killer-App, aber eine von vielen für eine jeweilige Teilmenge der User nützliche Zusatzfunktionen. Zusatzfunktionen, die auf StudiVZ auf absehbare Zeit fehlen werden.

Kein Team kann all diese Auswahl auf seiner Site selbst umsetzen. Scrabulous und seine Nachfolger interessieren mich als facebook-User minimal, aber diese App hat über 600.000 begeisterte Nutzer angezogen, die eine solche Funktion auf anderen Social Networks nicht vorfinden. Das gilt ebenso für andere Applikationen, die die Einen interessieren und die Anderen kalt lassen.

So weit, so bekannt. Es zeichnet sich aber ein Bereich ab, in dem eine funktionierende Plattform, den entscheidenden Unterschied machen kann:

Das mobile Internet

Nach langen Jahren der Versprechungen könnte es jetzt wirklich so weit sein, dass Mobile das nächste große Ding wird. Das iPhone hat den Durchbruch gebracht. Da wollen wir dabei sein. Es kann auch sein, dass wir eine Applikation für das iPhone bauen.

sagt Riecke und merkt scheinbar nicht die Ironie in seiner Aussage. Mobile ist das nächste große Ding, das iPhone startet durch. Da will man dabei sein. Und vielleicht baut man auch eine Applikation und ist dann auch dabei.

facebook könnte mit seinen Erfahrungen im Aufbau und Betrieb einer komplexen Plattform im Web nun im Mobile-Bereich einen wichtigen Vorsprung vor allen anderen erlangen. Die iPhone-Applikation von facebook ist bereist die nach Meinung vieler Nutzer beste Applikation eines Social Networks. Mit dem angekündigten Verfügbarmachen von Facebook Connect für das iPhone werden facebooks Social-Graph-Daten auf dem iPhone verfügbar. Damit wird facebook eine Vielzahl an zum Beispiel location-based Services als Teil seines Angebots im Sortiment haben. Dagegen kann eine mobile, selbst produzierte StudiVZ-Applikation nicht ankommen. Wenn facebook über seine iPhone-Applikation den mobilen Zugriff auf facebook-Applikationen erlauben würde, würde das noch einmal viel verändern.

Hier liegt eine Möglichkeit, die Vorherrschaft von StudiVZ in Deutschland zu brechen: In der kommenden Hochzeit von Mobile Web und Social Network die Nase technisch uneinholbar vorn haben.

Wenn es nicht facebook selbst ist, dann kann es ein anderes deutsches Social Network sein: Wäre ich Entscheider bei wer-kennt-wen oder lokalisten, würde ich mich um eine Lizenzierung der facebook-Plattform bemühen, um hier eine offene Social-Graph-Plattform anbieten zu können. Und ich würde mich darum bemühen, diese Offenheit auf den mobilen Sektor zu übertragen. Eben so, dass Applikationen auf der Grundlage meines Netzwerkes gebaut werden können, welche selbiges ungleich wertvoller machen würden.

Ein solches geöffnetes Netzwerk, das die Entwicklungen auf dem Mobilwebsektor durch seine Offenheit sofort absorbieren kann, kann StudiVZ mit seinen beschränkten Ressourcen und seiner eingeschränkten Innovationsfähigkeit besonders auf dem kommenden Markt des mobile Web sehr gefährlich werden.

Denn in vielen dieser Märkte wird StudiVZ auf lange Zeit schlicht nicht präsent sein.

Weitere Ankündigungen im Interview

'Im zweiten Halbjahr' sollen

  • ein Messenger

  • eine Terminplanungsfunktion

  • und eine mobile Version von StudiVZ kommen

Einen Newsfeed, wie man ihn von facebook kennt , will StudiVZ auch einführen. Allerdings:

Wir empfinden das automatisierte Versenden der News als anstrengend. Das wollen die Nutzer nicht. Wir werden das eleganter machen.

Ich gehe davon aus, dass mit 'eleganter' ein bei jeder Aktivität erscheinender Button gemeint ist, auf dem etwas in der Richtung stehen wird von "An Aktivitätenzentrale senden". Der Mehraufwand, den ein nicht-automatisiertes Befüllen des Newsfeeds bedeutet, wird selbigen in der Mehrzahl der Fälle recht verwaist und damit (in mehrerlei Hinsicht) hoffnungslos veraltet aussehen lassen.

Zusätzliche Anmerkungen:

Erwartungsgemäß hält Riecke die facebook-Klage gegen StudiVZ für haltlos.

Wahrscheinlich denkt er das Gleiche von der negativen Feststellungsklage, die BoerseVZ just gegen StudiVZ anstrengt. BoerseVZ setzt sich mit dieser Klage gegen die "Muster-Abmahnung" von StudiVZ zur Wehr, welche seit Anfang des Jahres an eine hohe Zahl an Webangeboten mit dem VZ-Kürzel im Namen, so auch an BoerseVZ, ging.

Herr Riecke ist außerdem in der Lage, Netzwerkeffekte zu planen:

Unser Wachstum ist keine Eintagsfliege, sondern geplant.

Jochen Krisch auf Exciting Commerce sieht eine Verbindung zwischen der zögerlichen Haltung gegenüber Open Social und der im Interview angerissenen Strategie, StudiVZ mittels Ecommerce zu refinanzieren. Diese Finanzierung wird wohl teilweise über den kontrollierten Open-Social-Zugang realisiert werden.

Das Interview:

» Netzökonom : Social Commerce statt störender Werbung - wie StudiVZ Geld verdienen will

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