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24.11.08Leser-Kommentare

Studie über Journalistenschüler: Woher kommen die Alpha-Journalisten?

Die deutsche Medien-Elite rekrutiert sich aus den Journalistenschulen, kommt aus mittelständischem Elternhaus und fühlt sich den Grünen nahe – sagt eine neue Studie.

Willkommen bei den Journalisten (Keystone)

Journalistenschulen gelten als Königsweg in die Teppichetagen der Medienbranche. Freier Mitarbeiter rein, Anchorman raus - diesen Eindruck kann man bekommen, wenn man sich die Namen der Absolventen ansieht. Maischberger, Kloeppel, Kister, Schnibben oder Jauch: Eine Medien-Elite qua Ausbildung? Oder kommen nur bestimmte Bewerber in den Genuss eines Ausbildungsplatzes?

Genau das ist die Annahme, die einer Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (PDF) zugrundeliegt: Im Journalismus herrsche dieselbe Elitenbildung wie in der Wirtschaft. Man erkennt am Habitus die soziale Herkunft und engagiert respektive befördert seinesgleichen. Da können die Lebensläufe sich bis auf jedes Auslandspraktikum und Forschungsstipendium noch so gleichen. Im Journalismus, so Peter Ziegler, der die Studie durchgeführt hat, ist das besonders problematisch, sollen Journalisten doch über jede Gesellschaftsschicht gleichermaßen berichten, sich darum möglichst auch aus allen Schichten rekrutieren.

Woher also kommt die Medien-Elite?

Um das herauszufinden, wurden Absolventen der Deutschen Journalistenschule (DJS, München), der Henri-Nannen-Schule (HNS, Hamburg) und der Kölner Journalistenschule befragt. Um eventuelle zeitliche Veränderungen feststellen zu können, schrieb man die Startjahrgänge 1985, 1995 und 2005 an (die noch vergleichsweise jungen 2005er erklären einige merkwürdige Ergebnisse der Studie, etwa den hohen Anteil von Praktikanten bei der Frage nach dem ausgeübten Beruf).

58 Absolventen antworteten und bestätigten die Hypothesen Zieglers im Wesentlichen: Die Journalistenschüler sind mehrheitlich die Kinder von Beamten und Angestellten, Arbeiterkinder kommen so gut wie gar nicht vor. Rund 7 Prozent arbeiten in der Position eines Chefredakteurs, je über 5 Prozent sind CvD oder Korrespondent. Und ein Drittel stimmt der Aussage zu, Teil einer Elite zu sein.

Immerhin, so fand Ziegler noch raus, kennen zwei Drittel der Befragten Menschen, die ALG II oder Sozialhilfe beziehen, und zwar im privaten Umfeld. Über die Folgen dieser Bekanntschaften ist der Autor der Studie aber enttäuscht:

"Insgesamt ist die Absicht, soziale Ungerechtigkeiten durch die journalistische Arbeit zu kompensieren, eher gering ausgeprägt."

Anders gesagt: Nur weil man einen Arbeitslosen kennt, produziert man nicht gleich auch einen sozialkritischen Beitrag fürs eigene Medium. Das Rollenselbstverständnis der ehemaligen Journalistenschüler ist kein anwaltschaftliches, sondern eher das des Mediators zwischen Phänomen und Öffentlichkeit. Ziegler und die FES nehmen das erstaunt zur Kenntnis; ich meine dagegen, gelernt zu haben, dass Journalisten sich schon seit Jahren nicht mehr als die Anwälte der Entrechteten sehen - und dass es durchaus Gründe gibt, das gut zu finden.

Ähnlich enttäuscht klingt es auch, wenn Ziegler konstatiert, dass keine entsprechenden Ausbildunginhalte in die Lehrpläne der Journalistenschulen integriert sind - es werde etwa nicht speziell die "Sozialreportage" gelehrt.

Die Gesinnung: Linksliberal

Untersucht hat Ziegler auch die politische Gesinnung der Alpha-Journalisten. "Vage linksliberal" nennt Ingrid Kolb, die Leiterin der Kölner Journalistenschule ehemalige Leiterin der Henri-Nannen-Schule, ihre Zöglinge. Die Studie kommt eher auf "deutlich linksliberal":

  • 39 Prozent der Teilnehmer gaben an, sie fühlten sich den Grünen am nächsten.
  • 21 Prozent nannten die SPD.
  • 7 Prozent präferieren die FDP.
  • Auf nur 5 Prozent der Nennungen kommt die CDU.

28 Prozent wollten sich hier nicht festlegen.

Bei der Frage nach den Leitmedien gab es keine Überraschungen: Die Süddeutsche Zeitung ist und bleibt eines, es folgen Spiegel, Zeit und FAZ. Spiegel Online wird mittlerweile als ebenso wichtig angesehen wie das Printmagazin. Rundfunk-Leitmedien sind die ARD, Deutschlandfunk und Deutschlandradio. Bild, Stern und Welt spielen keine nennenswerte Rolle, antworten die Absolventen. Es müssen demnach andere sein, die die Bild noch immer zu einer der meistzitierten Tageszeitungen machen.

» Die Journalistenschüler - Rollenselbstverständnis, Arbeitsbedingungen und soziale Herkunft einer medialen Elite (PDF)

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Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • gis

    24.11.08 (15:38:49)

    "Es müssen demnach andere sein, die die Bild noch immer zu einer der meistzitierten Tageszeitungen machen." Ja, ja, Pfui, das sind immer nur die anderen ... Schade wurde in dem Post hier nicht detaillierter auf die Kapitel 3.8 (PR) und 3.9 ("eierlegende Wollmilchsau") eingegangen. Interessant fand ich die Gründe für den Wechsel in die PR (ökonomische) und die Tatsache, dass früher gewechselt wird als auch schon. Dem Ton des Studienautors ist übrigens deutlich anzumerken, was er von PR hält. Zudem sind doch Aussagen wie "Aber das Internet wird auch zum Problem. Weischenberg stellt fest, dass vor allem die Blogsphäre im Internet durch eine unwiderlegbare Inflation an Informationen für einen wahren Kollaps von Kommunikation sorgt. Auch hält er die Online-Angebote in ihrem Image für überbewertet" oder "Die Sphäre des Blogging wird aber zu einer Bedrohung des klassischen Journalismus; sie bietet auch politischen Akteuren die Möglichkeit, ohne kritische Nachfragen ihre Botschaften zu vermitteln" ein gefundenes Fressen ;)

  • Mathias

    24.11.08 (16:08:55)

    Wenn mit "Ingrif Kolb" Ingrid Kolb gemeint ist, dann handelt es sich bei ihr nicht um die Leiterin der Kölner Journalistenschule, sondern um ehemalige Leiterin der Henri-Nannen-Schule.

  • Florian Steglich

    24.11.08 (16:24:55)

    » gis: Ich hatte anfangs einen Absatz über die merkwürdigen Stellen zum Bloggen drin, aber bin das Thema müde, und es ist nicht Kern der Studie. » Mathias: Danke, ist korrigiert. Das kommt davon, wenn man den Satz "Ergänzt wurden die so erhobenen Daten durch intensive Interviews mit der ehemaligen Leiterin der Henri-Nannen-Schule, Kolb, der Leiterin der Kölner Journalistenschule, Hilgert, und [...]" zu schnell nachliest.

  • Klaus Jarchow

    24.11.08 (23:47:45)

    Genau so klingt's im heutigen Journalismus dann ja auch - alles kommt aus einem möglichst kisch-enthobenen Laufstall, trotz aller Kisch-Preise: Mutti ist Maklerin, Pappi Diplomat, wirkliche Probleme hat das Blag nie erlebt. Das Publikum rennt derweil so weit die Beine tragen, weil die Anliegen dieser Texte nicht dessen Anliegen sind. Mit der 'Haute-Bourgeoisie-Brille' kommt man maximal auf eine 20.000er Auflage, wenn's gut läuft ... Apropos - was ist denn an einer grünen Präferenz 'links'?

  • Klaus

    25.11.08 (01:50:53)

    [...]Spiegel Online wird mittlerweile als ebenso wichtig angesehen wie das Printmagazin. Rundfunk-Leitmedien sind die ARD, Deutschlandfunk und Deutschlandradio.[...] Der Deutschlandfunk gehört seit 1994 zum Deutschlandradio. Hat mich total verwirrt, dass das noch unterschieden wird.

  • Kai Löffelbein

    27.11.08 (19:39:04)

    ja, aber soziale Herkunft müsste ja nicht gleich bedeuten, dass es dem gemeinen Journalisten an sich nicht gelänge, soziale Themen aufzugreifen und in empathischer Weise zu betrachten. Dass der Zugang bestimmter Schichten zu Journalistenschulen und/oder den Medien, Menschen aus sozial schwächer gestelltem Umfeld erschwert oder (je nach Gewichtung) sogar verweigert wird, hat auch politisch strukturelle Gründe.

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