<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

23.06.08

Stuckrad-Barre auf dem Boulevard: Benjamins Blümchen

Endlich schreiben für die Springer-Presse: Benjamin von Stuckrad-Barre, Nannen-Preis gekührter Popliterat, wendet sich angeekelt von der taz ab und arbeitet lieber für B.Z. und Welt.

Symbolbild mit Elephant: Das ist nicht Stuckrad-Barre (Bild Keystone/Michael Sohn)Seit dem Beginn des Jahres leistet sich der Springer-Verlag einen leibhaftigen Großschriftsteller für die wachsenden medialen Hauptstadtansprüche: Den Ahnvater der deutschen Pop-Literatur, Benjamin von Stuckrad-Barre. Die Erwartungen sind beiderseits höchst hochgestimmt:

 

"DIE WELT freut sich außerordentlich, Benjamin von Stuckrad-Barre als Autor gewonnen zu haben. Er gehört zu einer ganz seltenen, vielleicht auch selten gewordenen Spezies: Er ist ein Flaneur im alten Sinne, doch ohne jede Blasiertheit. Ein Flaneur mit Sinn für die Sensationen des modernen Alltags. Er beobachtet genau, hat einen wunderbaren Sinn für die Aktualität des Entlegenen und die Geschichte hinter der Geschichte", so Thomas Schmid, Chefredakteur DIE WELT."

Ein 'Flaneur im alten Sinne', dieses Kulturzitat zielt für jeden halbwegs Kundigen natürlich auf Theodor Fontane, auf das Urbild des Flaneurs und Berliner Pflastertreters. So jemanden also hätten jetzt B.Z. und Welt gefunden? - Alle Achtung, bzw. Donnerwetter! Aber trotzdem, "man wandelt nicht ungestraft unter Palmen" (Fontane), unserem Benjamin stieg wohl der würzige Weihrauchduft zu Kopf, was ihm in Cicero zu einigen wüsten Ausfällen gegen ehemalige Arbeitgeber unnötigerweise nötigte:

 

?Ich habe einige Jahre für die taz geschrieben und erleben dürfen, wie die in der Redaktion miteinander umgehen, wie selbstgewiss die denken und schreiben, wie schlecht sie Zeitung machen, sich dabei über den Boulevard erheben, das ist widerlicher als alles, was in ?Bild? und ?Bunte? steht?.

Die taz wiederum konterte prompt mit einem geradezu unverschämten Hinweis auf die stadtbekannten weißen Nasenringe gewisser Pop-Literaten - während wir als staunendes Publikum unwidersprochen davon ausgehen dürfen, dass der Benjamin sein letztes Zeilenhonorar aus der Redaktion in der Rudi-Dutschke-Straße bezogen hat. Dafür aber stehen dem Verfasser des 'Soloalbums' jetzt die opulent gefüllten Schatullen des Axel-Springer-Verlags weit offen, auch wenn er hinfort "exklusiv" und gewissermaßen auf der anderen Seite des Boulevards daherflanieren muss.

'The proof of the pudding is in the eating' - so lautet ein englisches Sprichwort, das mir wegen des holprigen Klanges immer etwas dubios erschien. Genau wie die Kunde von einem niegelnagelneuen Neo-Fontane in Berlin, von dem noch niemand nix weiß. Schau'n wir also mal, was der Benjamin realiter so treibt.

Zunächst einmal: Alles Korrekturlesen, selbst dort, wo er für die Zeitungen des Axel-Springer-Verlags schreibt, das ist bei ihm fortan nicht mehr drin, dafür fehlt ihm der unbedingte Lektürewille angesichts niederer Textformen, wie sie Welt und B.Z. bis zum Rande füllen:

 

"Magazine und Zeitschriften lese ich schon gar nicht mehr. Diese flüchtige Form, sich immer zu allem Möglichen zu äußern, finde ich persönlich ... öde."

Wir aber als Leser, wir sollen den Quark wohl fressen? Während unserem Literatursnob der Sinn eher nach dem großen "Werk" steht, zum Beispiel nach einer literarischen Zugfahrt mit der Juso-Vorsitzenden Franziska Drohsel. Impressionen von neo-fontane'schem Format - so sie wirklich welche wären - klängen dann zum Beispiel so:

 

"Zwischen Kurt Beck, Mittagspause und Gesine Schwan wird es verschiedene Podiumsdiskussionen geben, Franziska Drohsel wird an einer teilnehmen, da gehe es um linke Sozialpolitik, um eine kritische Bestandsaufnahme von Fördern und Fordern. Leistungskürzungen, nur weil jemand nicht zu irgendwelchen bescheuerten Psychotrainings gehe, da könne sie sich echt aufregen drüber."

'Wird es geben', 'wird teilnehmen', 'gehe es', 'könne sie sich' - bewundern Sie, verehrter Leser, bitte gebührend diesen ebenso reichhaltigen wie gekonnten Einsatz echt popstarker Verben. Auch die bildhaften Adjektive - 'verschiedene', 'kritische' usw. - sind nicht von schlechten Eltern. Ich vermute als Erzeuger u.a. Großschriftsteller wie Scholz, Pofalla oder Eichel. Nur eben leider nicht Fontane.

Inzwischen sind sich Benjamin und sein Blümchen auf der langen Strecke zwischen Berlin und Leipzig auch menschlich nähergekommen:

 

"Daniela hat sich inzwischen die Schuhe ausgezogen. Es ist sehr warm."

Boah, ej - was sagte bloß das lädierte Näschen dazu? Und wie's nach den Schuhen wohl weiterging? Vom vollen Potenzial des Schriftstellers als 'raunendem Beschwörer' jedenfalls ist diese duftende Harmlosigkeit noch weit entfernt, um mich mal halbwegs benjaminesk auszudrücken. Dafür 'düdeln' aber die Blackberries in jeder Spalte romantisch vor sich hin. Trotzdem - wahre Raffinesse, auch dort, wo sie's nur andeutet, klänge eher so, nach Maupassant und Merimée:

 

"Daniela zog die Schuhe aus. Mir ward sehr warm."

Es hilft uns alles nichts, über die folgenden Szenen hat der Verfasser den Kavaliersmantel des Schweigens gebreitet. Unerbittlich klackern die Räder auf den Schienen voran:

 

"Leipzig Hauptbahnhof. Hier wohnt mein Bruder, sagt Drohsel. Der Versuch, einen Mitropa-Kaffee zu kaufen, misslingt zunächst, die Kasse spinnt, sagt die Dame hinterm Tresen. Frage an Franziska Drohsel, ob sie bitte noch mal in einem Satz erklären könne, was es mit der Bahnreform auf sich habe?"

Tscha - und so weiter und so weiter ist das eben heute mit der großen Literatur - klickediklack - klickediklack: Die Worte purzeln dem Dichter wie Regentropfen in die Tasten, die Chronologie schubst die Dramaturgie vom Sessel, alle Banalitäten dieser Welt tanzen Ringelreihen und trällern uns vor, sie wären bezeichnend, nur die arme Grammatik, die griff gleich eingangs zum Harakiri. Mit einem Wort: Last exit Pop-Literatur ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer