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09.11.11Leser-Kommentare

Strategiewechsel: Google will Weg und Ziel gleichzeitig sein

Seit 13 Jahren versucht Google, Nutzer möglichst kurz auf der eigenen Site verweilen zu lassen. Mit Google+ verändert sich die Prioritätensetzung.

 

Seit seinem Launch vor 13 Jahren hat Google für seine Suchmaschine nur ein Ziel: Nutzer so schnell wie möglich zu für sie relevanten Websites zu schicken. Während andere Onlinedienste alles dafür unternehmen, um die Aufenthaltszeit der Anwender zu erhöhen, hatte der Internetkonzern aus Mountain View kein Interesse daran, Suchende länger als nötig auf der Seite festzuhalten. Eine gute Suchmaschine wird daran gemessen, wie wenig Zeit Nutzer dafür aufwenden müssen, um ihre Recherche erfolgreich abzuschließen.

Googles Geschäftsmodell der Suchwortvermarktung ("AdWords") erforderte es auch nicht, künstlich die Dauer des Aufenthalts der Nutzer in die Höhe zu treiben. Werbende zahlen per Klick oder Einblendung ihrer Anzeigen auf den Suchergebnisseiten. Ein längeres Verweilen der Nutzer auf der Resultatseite hat keine positiven Auswirkungen auf Googles Werbeeinnahmen. Im Gegenteil: Je schneller Nutzer fündig werden und die Google-Suche verlassen, desto eher kommen sie zu einem späteren Zeitpunkt mit einer anderen Recherche wieder zurück. Innovationen wie Google Instant waren die Folge.

Doch mit dem neuen Fokus auf Google+ könnte auch ein Paradigmenwechsel von statten gehen, was Googles Sicht auf die Bedeutung der Aufenthaltsdauer angeht.

Google+ ist das, was alle Google-Dienste verbindet 

Google+ ist Google, so äußerte sich Googles Vice President Products Brad Horowitz jüngst und wiederholte damit das, was man sinngemäß auch schon von anderen Google-Managern und dem ehemaligen Konzernchef Eric Schmidt gehört hat: In Mountain View betrachtet man Google+ nicht als weiteren Zuwachs in der breiten Produktfamilie, sondern als übergeordnetes Projekt, das eines Tages alle Google-Services miteinander verbindet und sozial macht. Der +1-Button, die Vernetzung von Google+ und YouTube sowie die Integration von Google+ in Android sind erste Umsetzungen dieser Strategie, viele weitere werden folgen.

Doch wenn Google+ zukünftig Google ist, wenn also die Suchmaschine unter dem großen sozialen Schirm namens Google+ Platz findet, was bedeutet dies dann für die einstige Prämisse, die Verweildauer der Nutzer auf Google möglichst kurz zu gestalten? Googles Suche wird nach und nach mit Google+ verschmelzen, entsprechend wird es schwieriger werden, eine exakte Grenze zwischen der (vermutlich bald auch direkt bei Google+ eingebundenen) Suchmaschine und anderen Google-Angeboten zu ziehen.

Die Suchmaschine tritt in den Hintergrund

Nimmt man Brad Horowitz beim Wort, dürfen wir den Webgiganten zukünftig nicht mehr als Suchmaschinenanbieter mit einer Reihe ergänzender Onlinedienste betrachten. Google+ macht aus Google endgültig ein soziales Online-Universum verschiedener miteinander verknüpfter Angebote, das von Videos, Musik und Büchern über Office- und Kommunikations-Dienste bis hin zu Nachrichten und Shopping reicht. Die Suchmaschine fungiert in diesem Szenario zwar weiterhin als Besuchermagnet und derzeit noch mit Abstand wichtigster Umsatzbringer, tritt aber in den Hintergrund. Zudem wird Google nach Wegen suchen, um Google+ als Ganzes monetarisieren zu können.

Google will Nutzer im eigenen Universum halten

Es ist offensichtlich, dass bei einer derartigen Betrachtungsweise das Bestreben, Nutzer schnell wieder ins World Wide Web zu schicken, nicht mehr in Googles Interesse liegen kann. Niemand errichtet einen eng miteinander verzahnten Online-Gemischtwarenladen, um dann alles dafür zu tun, um Anwender bestenfalls nach wenigen Sekunden wegzuschicken.

Mit Google+ holt sich Google einen Interessenkonflikt ins Haus: Zwar möchte man weiterhin der führende Suchmaschinenanbieter der Welt sein und mit dieser Geschäftssparte Milliarden verdienen, gleichzeitig verschmilzt aber dieser Bereich mit einem neuen, übergeordneten Produkt, das auf maximale Aufenthaltsdauer ausgelegt ist. Was dabei herauskommt, zeigt Googles gestern präsentiertes Direct Connect-Feature: Zukünftig führt die Eingabe eines Marken- oder Firmennamens mit einem vorangestellten "+" in Googles Suchmaske automatisch zur Google+ Page der jeweiligen Organisation (sofern diese Direct Connect aktiviert hat).

Manche sehen darin eine Bevormundung. Gleichzeitig ist es für Google aber eine intelligente Lösung, um aus den täglich hundert Millionen Suchenden Kapital für Google+ zu schlagen. Doch ob der Schritt sich noch mit dem ursprünglichen Google-Mantra vereinbaren lässt, Anwender bei der Suche nach Inhalten nicht länger als nötig auf Google-Sites zu halten, darüber kann man diskutieren.

Weg, Ziel oder beides?

Google hat sich in der Vergangenheit schon häufiger Vorwürfen gegenüber gesehen, es würde in den Suchergebnissen eigene Dienste bevorzugen. Auch in Zukunft wird es bei eigennützigen Eingriffen in die Ergebnisse deshalb wahrscheinlich sehr vorsichtig sein - erst recht in Anbetracht der intensiven Beobachtung durch die US-Kartellwächter. Stattdessen bindet Google seine Suche nun einfach sukzessive stärker in das neu geschaffene Google+-Universum ein und bringt ihr Befehle wie Direct Connect bei, um innerhalb dessen navigieren zu können.

Mehr als jemals zuvor steht Google vor der Frage, ob es der Weg zum Ziel oder das Ziel selbst sein möchte. Mit Google+ versucht es, beides abzudecken (so wie auch mit dieser experimentellen Resultatseite). Doch ob dies überhaupt machbar ist, bleibt vorerst offen.

Kommentare

  • Mirko Riedel

    09.11.11 (09:53:42)

    Interessante Strategie. Bleibt abzuwarten, ob ein Gemischtwarenladen nicht auch die noch relativ klare Positionierung verschiebt und Nutzer irgendwann nicht mehr wissen, wofür Google genau steht. Es gibt unzählige Beispiele von Unternehmen, bei denen genau dieser Fehler gemacht wurde. Als Anteilseigner würde mich stören, dass Google Milliarden mit gescheiterten Projekten verbrannt hat. Adwords ist immernoch der Umsatzbringer, alles andere kostet Geld. Aud der anderen Seite verstehe ich, dass Google in neue Projekte investieren muss um für seine Aktionäre eine interessante Wette auf die Zukunft zu sein.

  • Bastian

    09.11.11 (20:30:36)

    Für mich ist das irgendwie die zweite Gezeitenwelle im Netz: Erst waren alles kleine Einzelseiten, dann entstanden die Großen Portale wie AOL, WEB.DE, Freenet, MSN & Co. dann wieder die vielen Spezialdienste, die eine besondere Funktion im Fokus hatten - und jetzt driften die großen - Google, Facebook & Co. wieder hin zu einer zentralisierten Strategie, bei der man möglichst viele Angebote unter einer Dachmarke vereinen möchte. Ob das aufgeht wird die Zeit zeigen. Interessant ist das denke ich vor allem aus Kartellrechtlicher Sicht: Sollte es einem Konzern der 90% Marktanteil (im Suchgeschäft) hat erlaubt sein, die Bedürfnisse seiner Nutzer selbst mit Angeboten prominent zu bedienen? Im Geschäft mit Flugtickets in den USA geht das durch die ITA Übernahme ja schon stark in die Richtung - und wieso sollte Google nicht auch an Preisvergleichen, Versicherungsangeboten oder GelbeSeiten Listings verdienen wollen? Gemacht wird das durch den krassen SEO/Wettkampf auf diesen Keywords sowieso schon nur eben nicht von Google. Doch wer verbietet ihnen ein eigenes Angebot einfach darüber zu stellen?

  • Ibrahim Evsan

    09.11.11 (22:19:25)

    Ich denke bis zum 2013 brauchen sie noch. Dann ist Google+ ähnlich groß wie Facebook. Sie machen derzeit sehr viel richtig. Ich sehe es nicht so pesimistisch wie Du es hier beschreibst.

  • Vincent

    10.11.11 (13:55:30)

    Die ganze Diskussion mich irgendwie an das Video von 2006 Google EPIC http://www.youtube.com/watch?v=hZEhtVoI16g

  • Eva Schumann

    12.11.11 (08:37:46)

    Ich finde es sehr problematisch, dass ein Unternehmen durch seine Quasi-Monopolstellung im Bereich Suche Unternehmen und Publisher in sein Soziales Netzwerk und zur Zusammenarbeit mit eben diesem Sozialen Netzwerk (Einbau von Badges, Knöpfen) zwingt - eben weil sich die dortigen Aktivitäten und Empfehlungen auf die Position in den Suchmaschinen auswirkt. Gleichzeitig wird aber auch nicht offen gelegt, was wie wodurch passiert, so dass man auch nicht einklagen kann, wenn man "abgestraft" wird. So wie Facebook ein Staubsauger ist, der das Internet in sich hineinsaugen und kommerziell auslutschen will, so ist Google ein Torwächter, der sich Sichtbarkeit bezahlen lässt. An den Unternehmen und ihren Geschäftsideen ist nichts falsch - aus Sicht eines Unternehmens, aber es wird Zeit, dass Politiker, Verbraucherschützer, Kartellämter u. ä. auf die Barrikaden gehen und darauf pochen, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen verändert werden.

  • rob d

    13.11.11 (23:22:24)

    Martin, du baust den ganzen Artikel hier auf der Aussage auf "Seit 13 Jahren versucht Google, Nutzer möglichst kurz auf der eigenen Site verweilen zu lassen". Wo bitte steht dass dies Googles Prioritätensetzung ist oder jemals war?? Vielleicht war das vor einem Jahrzehnt mal der Fall als Google nur eine Suchmaschine war. Dir ist doch aber schon aufgefallen, dass Google mittlerweile nicht nur aus Suche besteht, oder? Ob Gmail, Google Docs, Kalender, Picasa, YouTube, Google Apps, Blogger, Panoramio, Earth, Maps, Android, Chrome,... DAS ist heute Google! Und bei all diesen Diensten ist es bestimmt NICHT Googles Bestreben Nutzer so kurz wie möglich auf der Seite zu halten. War es noch nie. Und Google+ ist einfach nur die Zusammenführung all dieser Dienste, wie du schon richtig erkannt hast. Den Artikel hättest du mal vor mindestens 5 Jahren schreiben müssen - beim ersten Aufkommen all dieser o.g. Dienste. Nicht erst seit Google+ Gruß, rob d

  • Martin Weigert

    14.11.11 (05:12:53)

    Ja auch diese Dienste sind Google, waren aber kaum mit der Google Suche verzahnt - die nach wie vor der mit Abstand am meisten genutzte Googledienst ist - und wurden von Google bisher im der Suche auch behandelt wie jeder andere x-beliebige Webdienst auch.

  • Daniel

    13.12.11 (19:44:02)

    "Nun ist nicht jedes Geschäftsmodell darauf ausgelegt, den Nutzer möglichst lange auf den Seiten zu halten. Google hat lange Zeit versucht, den Nutzer mit dem richtigen Hinweis auf die beste Fundstelle schnell wieder wegzuschicken. Das hat sich geändert. Aus der Suchmaschine wird eine Antwortmaschine, die den Nutzern die beste Antwort und nicht den besten Link zeigen möchte. Je mehr Daten die Suchmaschine anhäuft und mehr Daten zugekauft werden, desto mehr Antworten gibt Google, um die Nutzer nicht mehr wegschicken zu müssen. Flug- und Wetterdaten oder Rechenergebnisse liefert Google schon heute, und künftig werden es mehr" Quelle: http://faz-community.faz.net/blogs/netzkonom/archive/2011/11/29/zeitenwende-im-internet.aspx

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