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19.02.13

Stilmittel der Gerüchteberichterstattung: Schluss mit dem Fragezeichenjournalismus

Wenn die Techpresse über Gerüchte berichtet, nutzt sie dafür häufig Fragezeichen in den Überschriften. Zwingt man sich dazu, diese wegzulassen, passiert Erstaunliches.

Als ich vor fast drei Jahren den Redakteursposten bei netzwertig.com übernahm, gab mir mein damaliger Chef Peter Sennhauser einen handwerklichen Ratschlag mit auf den Weg, den ich bis heute nicht vergessen habe: "Vermeide als Fragen formulierte Überschriften, außer du beantwortest die Frage im Text oder stellst eine tatsächliche Frage an die Leserschaft". Seitdem versuche ich ganz bewusst, auf Überschriften mit Fragezeichen zu verzichten. Kaum etwas signalisiert deutlicher geringe Substanz und geringe Wichtigkeit von Texten als der Abschluss der Überschrift mittels Fragezeichen (mit zuvor genannte Ausnahmen). Der Fragezeichenjournalismus ist besonders typisch für die Technologiepresse. In kaum einem anderen Ressort kommen auf so wenige bestätigte Informationen so viele unbestätigte Gerüchte. Und in kaum einem anderen Sektor existieren so viele internationale Medien, die sich auf vergleichsweise wenige, mit den Kontakten zu den tonangebenden Technologiefirmen ausgestattete Primärquellen beziehen. Die Folge? Spekulative Texte zu möglichen Produktneuheiten, in denen "offenbar" und "angeblich" die prägenden Begriffe darstellen. Nicht selten ziert diese Beiträge ein Fragezeichen in der Überschrift. Das sieht dann etwa so aus:

Geht Google unter die Einzelhändler?

Ist das das Apple A7 Chipset für das iPhone 5S?

Hackerattacke auf Facebook doch kritischer als gedacht?

iPad-mini-Konkurrent: Kommt das Microsoft Surface mini?

Plant Microsoft ein Surface-Tablet mit 7-Zoll-Display?

Schlechte Arbeitsbedingungen bei Amazon Deutschland?

Mich irritiert dieser Fragezeichenjournalismus ungemein. Denn in den meisten Fällen verrät das Fragezeichen am Ende der Überschrift, dass es sich um nichts weiter als eine vermutlich sehr schnell heruntergeschriebene Meldung über ein irgendwo aufgeschnapptes Gerücht handelt - welches sich womöglich schon morgen als Ente herausstellt. Oder es erweist sich als Realität, woraufhin ohnehin nochmals ein neuer, die tatsächliche Faktenlage erläuternder Artikel publiziert wird.

Eigentlich könnte man als Leser ja den Redakteuren dankbar sein, dass sie einem schon mit der Überschrift signalisieren, welche Beiträge sich lohnen und welche man getrost ignorieren kann. Dennoch nervt mich dieses zumindest nach meinem subjektiven Empfinden immer häufiger verwendete Stilmittel der Gerüchteberichterstattung. Weil kaum etwas deutlicher die fehlende Tiefe des Technologiejournalismus und das systemische Probleme des Netzjournalismus illustriert, Fast Food statt gehaltvoller, nachhaltiger Kost zu bevorzugen.

Fragezeichen bewusst weglassen

Auch wenn dieser Text nun doch dazu verkommt: Eigentlich ist mein Ziel mit diesem Beitrag keine Schelte sondern der Vorschlag an alle Berichterstatter, einfach mal ganz bewusst die Fragezeichen in den Überschriften wegzulassen. Die Folgen sind erstaunlich. Manchmal ist das Fragezeichen überhaupt nicht notwendig. Manchmal erhält eine Aussage ohne Fragezeichen aber plötzlich viel mehr Gewicht, als dem Autor lieb ist. Aus einem "Ist das Apples neue Smartwatch?" wird dann ein "Das ist Apples neue Smartwatch". Doch da der Autor sich bei irgendeinem im Netz herumgereichten Mockup zurecht niemals so weit aus dem Fenster lehnen würde, ist er oder sie dazu gezwungen, entweder die Überschrift umzuschreiben, etwa zu "Diese Bilder könnten Apples neue Smartwatch zeigen", den Beitrag um einen Analyseteil zu erweitern, der anschließend den Aufhänger darstellt und die Überschrift vorgibt, oder den Text einfach ganz zu verwerfen. Das Beachtliche: Einen solchen nicht veröffentlichten Artikel würde niemand vermissen.

Ich glaube, dass eine Eliminierung von Fragezeichen als Instrument, um Gerüchte oder Thesen zu verpacken, zu einer Verlagerung des Schwerpunkts von Quantität zu Qualität führen würde. Es zwingt Redakteure dazu, sich intensiver mit dem verfassten Text auseinanderzusetzen, anstatt einfach nur ein Gerücht ohne eigene Denkleistung abzuschreiben. Denn davon hat doch eigentlich niemand etwas. Lesern sollten Antworten geboten werden, nicht Fragen. /mw

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