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06.01.11

Stickiness: Wie Quora die Nutzeraktivität maximiert

Über kaum einen jungen Onlineservice spricht das Web derzeit so viel wie über Quora. Ein Grund dafür sind die intelligenten Mechanismen der Frage-Antwort-Community, um aus Neunutzern aktive Anwender zu machen.

 

Die meisten von euch werden sicherlich bemerkt haben, dass die Twitter-, Tech- und Blogwelt seit einiger Zeit intensiv über Quora spricht (und schreibt), das US-Startup, dem gelungen ist, was anderen vergleichbaren Portalen verwehrt blieb: das Konzept eines Frage-Antwort-Portals "sexy" zu machen (mehr dazu in unserem Quora-Porträt von Anfang Oktober).

Angetrieben wird die jüngste, kurz vor Weihnachten in Gang gesetzte Quora-Welle in Early-Adopter-Kreisen von einer intensiven Berichterstattung in den Tech-Blogs dieser Welt, von Robert Scobles Quora-Lobpreisungen sowie von hochtrabenden Prognosen, welche den aufstrebenden Service bereits Twitter überflügeln oder Blogging den Gar ausmachen sehen .

Ob Quora tatsächlich den von nachhaltigem Wachstum gekennzeichneten Weg anderer einstiger Hype-Objekte aus den USA geht (wie z.B. Twitter oder Tumblr) oder am Ende doch die Vergänglichkeit der Social-Media-Euphorie spüren wird, das ist zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht entschieden.

Darum soll es an dieser Stelle aber auch gar nicht gehen. In diesem Beitrag möchte ich stattdessen beschreiben, wie Quora mit Bravour eine Herausforderung meistert, an der andere Startups regelmäßig scheitern: Die sofortige Einbindung neuer Nutzer in den Informationsfluss und das Sicherstellen eines höchstmöglichen User-Engagements vom ersten Tag an.

Wer kennt das nicht: Man registriert sich auf irgendeiner neuen Site, wird auf die persönliche Homepage weitergeleitet und findet dort: nichts! Abgesehen von einigen Navigationslinks, einem Willkommenstext und einem Video mit Erklärungen aller Funktionen fehlt jeder aktuelle, dynamische oder personalisierte Inhalt - eine virtuelle Geisterstadt. Nach einigen Minuten des motivationslosen Herumklickens verabschiedet man sich von dem Dienst und wird ihm mit großer Wahrscheinlichkeit auch keinen weiteren Besuch abstatten.

Quora zeigt eindrucksvoll, wie man dies besser macht, und darf als inspirierendes Vorbild für andere Social-Web-Angebote gelten:

Beleg 1: Neunutzern Themen vorschlagen

Um sich bei Quora registrieren zu können, benötigt man eine Einladung. Wenn ein bestehender User Bekannte zu Quora einlädt, wird er von dem Dienst aufgerufen,  Themen ("Topics") zu definieren, welche die einzuladende Person interessieren könnten. Diesen Topics folgt Quora nach der durchgeführten Registrierung automatisch. Schon wenn der Neuling zum ersten Mal seine Quora-Homepage betritt, ist diese dadurch mit aktuellen Frage-Antwort-Threads zu den vom einladenden User angegebenen Themen befüllt.

Die Möglichkeit, anderen Usern Themen vorzuschlagen, beschränkt sich nicht nur auf den Einladungsprozess: Jedem Nutzer, der einem auf Quora folgt, kann man jederzeit über dessen Profil neue Topics anbieten und sie/ihn so auf bestimmte Themenfelder aufmerksam machen. Dazugehörige Fragen tauchen anschließend im persönlichem Stream des Users auf.

Beleg 2: Automatisches Folgen von Twitter- und Facebook-Kontakten

Quora erfordert bei einer Registrierung die Verknüpfung des zu erstellenden Kontos mit dem persönlichen Facebook- oder Twitter-Profil (oder beiden) und folgt automatisch sämtlichen bei Twitter gefolgten Usern bzw. Facebook-Kontakten. Das könnte zwar bei einigen Usern für Unmut sorgen (der Vorab-Hinweis ist leicht zu übersehen), bedeutet aber, dass der persönliche Quora-Stream schon beim ersten Besuch der Homepage  mit Aktivitäten der gefolgten User angereichert ist, was wie bei Beleg 1 das Risiko verringert, sich zu Anfang allein gelassen und orientierungslos zu fühlen.

Beleg 3: Themen- und Followervorschläge

Quora sorgt regelmäßig dafür, dass Nutzer an verschiedenen Stellen auf der Site Vorschläge für zu den eigenen Interessensgebieten passenden Anwendern und Themen erhalten. Die Mechanismen dafür erinnern an Twitters "Who to Follow"-Feature und berücksichtigen bisher gefolgte Topics, gestellte Fragen, das persönliche Quora-Netzwerk sowie von diesem gefolgte User, Fragen, Themen etc.

Beleg 4: Votingfunktion als idealer Einstieg

Nicht jeder Neuling wird sofort eine eigene Frage stellen wollen oder sich berufen fühlen, eine Antwort zu geben. Viele User werden sich zum Start lediglich auf der Site umschauen und einen Blick auf die Frage-Antwort-Threads werfen, die ihnen im Stream präsentiert werden. Quora bietet für jede von Benutzern gegebene Antwort eine Votingoption: Durch einen Klick auf einen der zwei Pfeile - einer nach oben, einer nach unten zeigend - kann man unkompliziert sein Gefallen oder Missfallen für eine Aussage kenntlich machen. Zumindest ausgehend von meinen Beobachtungen scheint das Voting für viele Quora-Neulinge eine populäre Einstiegsfunktion zu sein - man kann wenig falsch machen, ist dennoch aktiv an der Antwortfindung beteiligt und nährt außerdem den persönlichen Aktivitätsstream auf der eigenen Quora-Profilseite.

Beleg 5: Verfeinerung der von anderen gestellten Fragen

In der rechten Navigationsleiste oben befindet sich der Punkt "Unorganized Questions". Dort präsentiert Quora von anderen Usern gestellte Fragen, die nicht hinreichend mit Topics verschlagwortet wurden, und bittet um Mithilfe. Die Verschlagwortung ist wichtig, da dadurch sichergestellt wird, dass eine Frage in den Streams der Nutzer auftaucht, die dem jeweiligen Themenkomplex folgen.

Indem Quora die Community dazu aufruft, unvollständige Fragen mit zusätzlichen Topics zu erweitern, erhöht es die Sichtbarkeit dieser Fragen und damit die Chance auf Antwort. Wichtig ist diese Funktion gerade im Hinblick auf Neunutzer, die womöglich eine erste Frage stellen, aber Topics vergessen. Dank der Vervollständigung anderer Quora-User erhöht sich die Wahrscheinlichkeit auf Antworten, was aus Usersicht als Erfolgserlebnis gewertet und sich positiv auf die erste Gesamteinschätzung des Dienstes auswirkt.

Beleg 6: Dreigliedriges Informationsbezugssystem

Den für die eigenen Interessengebiete relevantesten Quora-Stream erhält, wer sowohl Nutzern als auch Themengebieten und einzelnen Fragen folgt. Das ist jedoch keine Voraussetzung, um Nutzen aus Quora zu ziehen. Genauso ist das ausschließliche Folgen aktiv über die Suchefunktion angesteuerter Fragen, das ausschließliche Abonnieren von Topics oder das alleinige Folgen anderer User möglich. Quora bietet im Gegensatz zu Twitter und Facebook drei unterschiedliche Optionen, um Informationen zu abonnieren, und senkt durch diese Anpassungsfähigkeit an individuelle Präferenzen die Einstiegsbarrieren sowie die Gefahr, dass aus neu registrierten Usern Karteileichen werden.

Fazit

Wer möchte, findet sicher noch zahlreiche weitere Aspekte, welche sich vorteilhaft auf die Useraktivität auswirken. Quora kombiniert verschiedene, teilweise von anderen Services bekannte Verfahrensweisen zu einer Gesamtlösung, welche es für wissbegierige, des Englischen mächtige Neunutzer äußert schwierig macht, auf der Site bei den ersten Besuchen keinerlei Aktivität zu zeigen (auch das Lesen von Frage-Antwort-Beiträgen ist eine Aktivität). Damit sorgt Quora für eine höchstmögliche "Stickiness".

Um Gefallen an Twitter zu finden, benötigte ich etwa ein Jahr und geschätzte fünf Versuche. Bei Facebook dauerte es rund sechs Monate, bis ich mich als regelmäßiger User bezeichnete. Quora gelang dies aufgrund seiner intelligenten Engagement-Mechanismen innerhalb eines deutlich kürzeren Zeitraums.

Das sagt zwar wenig über das langfristige Potenzial des Angebots aus - die Skalierbarkeit des Konstrukts Quora macht auf mich den Eindruck einer großen Herausforderung. Es erklärt aber, wieso Quora Nutzer innerhalb kurzer Zeit ins Schwärmen versetzt und wieso das Angebot eben doch mehr ist als nur eine weitere der Dutzenden existierenden Frage-Antwort-Communities.

Update: Wir versenden keine weiteren Quora-Invites!

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