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04.02.14Leser-Kommentar

Interview mit Gini-CEO Steffen Reitz: "Es reicht nicht, der digitale Leitz-Ordner zu sein"

Seit gut drei Jahren arbeitet Gini am papierlosen Büro, erst kurz vor Weihnachten erschien die erste offizielle App der Münchner. Wir haben Gründer und CEO Steffen Reitz im Interview nach den Gründen und den Schwierigkeiten der digitalen Revolution gefragt.

Bereits vor einigen Jahren traten einige deutsche Startups an, das papierlose Büro zu verwirklichen und der analogen Welt Lebwohl zu sagen. Jahre später ist bei Doo, Fileee und Co. Ernüchterung eingekehrt. Und auch Gini - früher Smarchive - hatte mit Problemen zu kämpfen.

Doch das soll Schnee von gestern sein. Drei Jahre nach der Gründung ging mit Gini Pay für das iPhone die erste offizielle Apps der Münchner an den Start, mit der Deutschen Post hat man einen mächtigen Kooperationspartner gefunden und in Kürze soll die offene API an den Start gehen, mit denen Gini zum Ökosystem werden will. Gini-Mitgründer und CEO Steffen Reitz berichtet uns im Interview von den Schwierigkeiten, zu hohen Erwartungen und warum es trotzdem nie zu spät ist, an einer Idee mit Potenzial festzuhalten.

 

netzwertig: Hallo Steffen. Man wird das Gefühl nicht los, dass die jüngste Offensive für das papierlose Büro schon wieder etwas ins Stocken geraten ist.

Steffen Reitz: Das kann man so sehen. Was man auf jeden Fall sagen kann, ist, dass alle Player, die vor zwei, drei Jahren an den Start gegangen sind und gehofft haben, das papierlose Büro schnell zu einer Killeranwendung zu machen, sich das deutlich leichter vorgestellt haben. Für uns haben sich in den vergangenen drei Jahren zwei Dinge gezeigt: Es reicht nicht, der digitale Leitz-Ordner zu sein. Das händische Digitalisieren der Dokumente muss leichter als bislang werden - und du musst etwas mit den Dokumenten und den daran gekoppelten Tasks erledigen können.

Aber was und wann? Ihr arbeitet bereits seit 2011 an Gini, früher noch unter dem Namen Smarchive.

Sogar schon seit 2010. Das Interessante ist, dass wir schon immer deutlich mehr sein wollten als bloß ein Archiv. Von der ersten Stunde an war es unser Ziel, Aktionen am Dokument zu triggern. Wir wollten helfen, Rechnungen zu bezahlen, Verträge zu kündigen, Briefe zu beantworten und an Fristen zu erinnern. Allen Aufwand, den man mit Dokumenten im Alltag hat, wollten wir erledigen.

War das der Grund für die Namensänderung von Smarchive zu Gini im vergangenen Jahr?

Nein, der Hauptgrund war, dass wir gesehen haben, dass wir auf dem Rücken möglicher Marketingkampagnen eines DAX-Unternehmens, der Deutschen Post, einen Namen finden sollten, den der Otto-Normal-Bürger vielleicht auch aussprechen kann. Wir wollten in dem Zuge auch weg von einem technischen Namen, der ein bloßes Dokumenten-Archiv suggeriert, hin zu dem, was wir eigentlich sind: ein magischer Assistent, der das Leben leichter macht. Eine Art Siri, wenn du so willst.

Gini Pay - iPhone-App kann Rechnungen automatisch bezahlen

Der Durchschnittsdeutsche kann “Gini” wirklich besser aussprechen als “Smarchive”?

“Smarchive” war im Nachhinein gesehen die schlechteste Wahl, die man sich denken konnte. Die Leute, die den Namen hörten, konnten es häufig nicht schreiben oder danach googeln – und diejenigen, die ihn geschrieben sahen, wussten ihn vor dem dritten Versuch nicht korrekt auszusprechen. “Gini” ist deutlich leichter zu merken und zu suchen – und eben emotionaler.

Euer offizieller Start ist bisher noch nicht erfolgt. Gini Pay ist nach drei Jahren eure erste wirkliche App.

Ja, die eierlegende Wollmilchsau, die alles von Anfang an können sollte, hat unsere Kapazitäten gesprengt. Allerdings war unsere Absicht schon früh, neben Endkunden-Applikationen insbesondere die Entwicklung der Semantik-Technologie sowie den Abschluss wichtiger strategischer Partnerschaften voranzutreiben. Nun hilft uns die Kooperation mit der Deutschen Post und die Öffnung der API für Entwickler, Endkunden in Zukunft vielfältige Apps mit großem Mehrwert anzubieten.

Welche weiteren Anwendungen sind mit Gini jetzt schon möglich?

Für Consumer derzeit tatsächlich nur Gini Pay für das iPhone. In gut einer Woche werden wir aber unsere Partner-Website vorstellen und die Gini API für Entwickler öffnen – jeder kann von dann an selber Apps auf Basis strukturierter Informationen in Dokumenten bauen, zum Beispiel einen Steuer-Use-Case oder einen intelligenten Kalender. Manche Use Cases werden wir selber bauen, aber andere spezifischere Dinge wie Steuer-Anwendungen dürfen sehr gerne von Drittanbietern kommen.

Gini-Logo

Seit ich eure Geschichte verfolge, also bereits seit 2011, hieß es stets, ihr wäret kurz vor dem Start. Warum ist es bislang nicht wirklich losgegangen mit Gini als großem Ganzen?

Weil wir ein Produkt auf den Markt bringen wollten, das rund ist und das einen echten Mehrwert erfüllt, einen wirklichen "Painkiler". Das war bei uns im ersten Schritt als Dokumentenspeicher leider nicht der Fall. Wir wollen kein Produkt herausbringen, das noch nicht fertig ist und keinen spezifischen Kundennutzen erfüllt. Alle Player im Markt haben sich eines relativ "dicken Brettes" angenommen, das zu durchbohren nicht ganz trivial ist. Wer es schafft, kann etwas wirklich Disruptives an den Markt bringen und die Lebensgewohnheiten von Millionen von Menschen umkrempeln, aber der Weg dahin ist eben kein Leichter.

Die Idee hinter Gini Pay ist eine automatische Bezahlung papierner Rechnungen. Ist das heute überhaupt noch notwendig, wo die meisten Rechnungen digital verschickt werden?

Für dich als digital verwurzelte Privatperson und Freiberufler ist das wahrscheinlich schon so. Für den Großteil der Bevölkerung und viele Unternehmen kommen die meisten Rechnungen – insbesondere diejenigen, die noch zu bezahlen sind - aber immer noch per Post. Im nächsten Schritt wirst du Gini Pay allerdings auch aus deinem Mail-Client öffnen und dann in einem Schritt auch Rechnungen bezahlen können, die online eintreffen.

Der E-Postbrief eures Partners Deutsche Post ist bislang nicht gerade ein Erfolg. Erwartet ihr, dass das noch kommt?

Wir wissen, dass eins der Hauptfeatures noch Fahrt aufnehmen wird, wegen dem wir die Kooperation eingegangen sind: der flächendeckende E-PostScan zur Digitalisierung sämtlicher Briefpost. Wenn jeder deutsche Haushalt sich anmelden kann, seine Papierbriefe direkt gescannt in Gini zugestellt zu bekommen, dürfte die Diskussion eine rapide Wendung nehmen.

Was können wir von euch als nächstes erwarten?

Ich könnte mir vorstellen, dass wir über unsere offene API bald ganz verschiedene, sehr interessante Konzepte von Drittanbietern sehen werden. Wir selbst werden nahe an dem Thema Papier bleiben, weil das weiterhin eine große Herausforderung ist. Langfristig wollen wir mit Gini aber unser ursprüngliches Ziel verwirklichen: Bürokratische Aufgaben im Leben von Konsumenten automatisiert erledigen und dafür das passende Ökosystem zur Verfügung stellen. Eine Gini für jedermann also.

Link und Bildquellen: Gini

Kommentare

  • Christoph

    04.02.14 (14:21:31)

    Toller Artikel. Ich bin mehr als gespannt auf Gini!!!

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