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03.12.12

Startups und ihr Auftreten: Die falsche Bescheidenheit von Gründern in Deutschland

Traditionelle deutsche Tugenden färben auch auf die Art ab, wie hiesige Gründer sich und ihre Startups verkaufen. Manchmal mehr schlecht als recht.

Es ist ein schwieriges Thema: Wie selbstbewusst sollen Gründer eines Startups auftreten, wie sehr sollen sie sich von ihrem Vorhaben überzeugt zeigen und wie dick sollen sie in ihrer Kommunikation gegenüber Presse, Investoren, frühen Nutzern und sonstigen Stakeholdern auftragen? Wer zu viel verspricht und dann die daraus resultierenden hohen Erwartungen nicht erfüllen kann, verspielt leicht die eigene Glaubwürdigkeit - auch für künftige Projekte. Sowohl bei Color-Gründer Bill Nguyen als auch bei Airtime-Macher Sean Parker wird die Branche deutlich genauer hinsehen, wenn sie das nächste Mal irgendetwas mit viel Risikokapital revolutionieren wollen. Auch bei der Berliner Produktivitätssuite Wunderkit stimmten Ambitionen und Realität nicht überein - durch eine offene, einsichtige und transparente Kommunikation gelang es dem verantwortlichen Startup 6Wunderkinder jedoch, nachhaltigen Schaden von dem Unternehmen abzuwenden.

Das krasse Gegenteil zum vor allem in den USA üblichen Übertreiben, was die eigenen Ziele und Marktpotenziale sowie das an den Tag gelegte Selbstbewusstsein angeht, sind Gründer, die ihr Unternehmen kleiner machen als nötig, und unbewusst die Erwartungen möglichst auf ein minimales Niveau absenken. Diese Praxis ist besonders bei deutschsprachigen Startups verbreitet und wird regelmäßig in Anfragen und Pitches deutlich, die wir per Mail erhalten. Während US-Amerikaner ein Talent fürs Verkaufen quasi schon als Kind eingeimpft bekommen, gilt in Deutschland, Österreich und der Schweiz eine gewisse Zurückhaltung als Tugend. Wer sich zu sehr in den Mittelgrund spielt, gilt schnell als Unsympath.

Dieser Mentalitätsunterschied führt in der Folge dazu, dass hiesige Gründer sich und ihre Ideen gerne unter Wert verkaufen. Unbeabsichtigt und vielleicht auch in der Furcht, sich durch großkotziges Auftreten ihre Zukunft zu verbauen. Während eine gewisse Selbstdistanz natürlich nicht schadet und die eingangs angeführten Beispiele im Nachhinein wohl besser damit gefahren wären, zum Debüt weniger Aufmerksamkeit zu erregen und sich in Demut zu üben, anstatt eine exzessive Launchparty mit A-Promis wie Snoop Dogg zu veranstalten, verringern zahlreiche Jungfirmen aus dem deutschsprachigen Raum ihre Chancen, ernst genommen zu werden, in dem sie sich unter Wert verkaufen.

Besonders häufig ist dies bei studentischen Startups zu beobachten, die manchmal in ihren Anfragen eher wie Almosenbedürftige klingen denn wie ambitionierte unternehmerische Vorhaben von erfolgshungrigen jungen Menschen in ihren besten Jahren, welche die Welt verändern wollen. Dieser Tage fanden wir in unserem Postfach die Mail von einem solchen, von Studenten initiierten Dienst, die sehr anschaulich illustriert, wie angehende Entrepreneure sich zu sehr von traditionellen Tugenden wie Bescheidenheit und Aufrichtigkeit leiten lassen, wenn sie in Kontakt mit der Außenwelt treten:

Zu Anfang klang die knackig kurze Vorstellung des Projektes - welches ich an dieser Stelle nicht nenne, da es nicht darum geht, jemanden offen zu kritisieren, sondern auf einen allgemeinen Missstand hinzuweisen - noch gut: "...Wir studieren an der Universität XYZ, sind jung, kreativ und davon überzeugt, dass man alles besser machen kann, wenn man es sich fest vornimmt". Zwei Zeilen später aber folgte die Aussage, die uns als Berichterstatter sofort signalisierte, dass mit besonders kleinen Bröttchen gebacken: "Einziges Problem ist, dass wir kein Geld haben, um unser Projekt an möglichst viele Studenten zu bringen. Daher wollten wir bei Euch anklopfen und fragen, ob Ihr Interesse hättet über uns einen Artikel zu schreiben bzw. ein Interview mit uns durchzuführen. Träumen und fragen kostet nichts!"

Unser Ziel ist es, möglichst über die jungen Dienste zu berichten, welche die besten Aussichten haben, eines Tages ganz groß rauszukommen, und nicht über die, die in ein paar Monaten wieder in der Versenkung verschwinden. Ähnlich dürfte es den meisten anderen Fachmedien, Blogs und Onlinemagazinen rund um Startups und die Internetwirtschaft gehen. Ein extrem wichtiges Kriterium, von dem sich eine erste Prognose über die zu erwartende Entwicklung eines jungen Dienstes ableiten lässt, ist das Auftreten der Gründer und die Art, wie sie ihr Unterfangen anpreisen. Sich offen als bettelarm hinzustellen und es als Traum zu bezeichnen, redaktionell vorgestellt zu werden, deutet zwar auf sympathische menschliche Züge hin, vermittelt aber unterschwellig die Botschaft: Wir sind ganz kleine Fische und werden dies vermutlich auch immer bleiben. Es mag Redakteure geben, die darauf anspringen - auch wir sehen hier nicht automatisch ein absolutes Ausschlusskriterium. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass sich mit dieser Haltung niemals auch nur annähernd ein wirklich bedeutsames Webunternehmen aufbauen lässt.

Deutsche Hochschulen sind bis auf einige Ausnahmen nicht dafür bekannt, junge Menschen fürs Unternehmertum zu begeistern und ihnen das notwendige Know-how dafür zu vermitteln, sich überzeugend zu vermarkten. Übertriebene Zurückhaltung, das Formulieren zu minimaler Ziele sowie eine absichtliche, unnatürliche Distanzierung von kommerziellen Bestrebungen sind die Folge.

Es ist keineswegs leicht, sich in der Kommunikation nach außen der richtigen Sprache zu bedienen. Übertreibungen schaden jungen Entrepreneuren zumindest im Dialog mit der Presse genauso wie der chronische Drang, sich möglichst als kleines Licht zu präsentieren. Jungunternehmer, die einen augenscheinlich völlig sinnlosen Dienst als Lösung für alle Probleme dieser Welt verkaufen, nimmt auch niemand ernst - wie zum Jahresanfang von Gastautor Theodossios Theodoridis beschrieben. Es spricht aber nichts dagegen, die eigenen Ambitionen und das prognostizierte Potenzial in den Vordergrund zu stellen. Und wer kein Geld für Marketing hat - was ohnehin für den Großteil aller frisch gegründeten Webfirmen in D-A-CH gilt - der muss dies der Presse zumindest nicht auf die Nase binden. Es ist völlig in Ordnung, die Stärken zu betonen und ein gesundes Selbstbewusstsein zu vermitteln. Im Prinzip sind die Dynamiken die gleichen wie beim Datingprozess: Nicht der schüchterne Typ, der sich seiner Qualitäten nicht bewusst ist und zuerst auf seine Schwächen hinweist, hat die besten Chancen, sondern der, der selbstsicher und überzeugend auftritt.

Als Fachblog zur Internetwirtschaft setzen wir uns dafür ein, dass sich Studenten und junge Menschen zum Schritt in die Selbstständigkeit entscheiden und Firmen im Technologiebereich gründen. Doch sie sollten sich immer darüber im Klaren sein, mit wem sie später vielleicht konkurrieren: Mit millionenschweren Firmen, die oft aus den USA kommen und gar nicht damit aufhören wollen, sich als völlig "awesome" zu bezeichnen, sowie mit aggressiven Startups aus dem Umfeld der hiesigen Klonfabriken. Wer es da mit der eigenen Bodenständigkeit und Unterwürfigkeit übertreibt, wird leicht überrollt. Entsprechende Marotten frühzeitig abzulegen, ist da eine gute Übung.

(Foto: stock.xchng/bruno-free)

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