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05.04.12

Startups und das "Minimal Viable Product": Die Schwierigkeit des minimal notwendigen Funktionsumfangs

Einen neuen Onlinedienst lediglich mit minimaler Kernfunktionalität auszustatten, um damit Early Adopter anzusprechen, ist eine beliebte Strategie vieler junger Gründerteams. Doch für das sogenannte "Minimal Viable Product" die richtige Balance zu finden, kann schwierig sein.

 

Eine beliebte Strategie zahlreicher junger Entrepreneure im Web- und Mobile-Segment ist das Streben nach dem sogenanten "Minimal Viable Product" (MVP), also einem Produkt, das zu seiner ersten Veröffentlichung lediglich Kernfunktionalität beinhaltet. Die Philosophie des MVP trägt der Tatsache Rechnung, dass die meisten Onlinedienste erst in die freie Wildbahn entlassen und von Nutzern getestet werden müssen, bevor sie ihren letzten Feinschliff erhalten und beweisen können, dass sie tatsächlich eine Nachfrage bedienen oder schaffen.

Der Gegensatz zu einer Gründung nach dem Prinzip des MVP ist ein perfektionistischer Ansatz, bei dem ein neuer Service erst dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, wenn jeder Pixel sitzt und jedes anvisierte Feature umgesetzt wurde. Wer so verfährt, ist zwar weit weniger auf die Toleranz und Geduld erster Nutzer angewiesen - da ja zum Debüt alles funktioniert wie im Bilderbuch - läuft aber Gefahr, viele Monate an einem Produkt zu basteln, das nach der Lancierung gar niemand haben möchte.

Mit dem MVP stellen Startup-Macher also sicher, nicht enorme Ressourcen (Zeit, Kapital) mit einem Vorhaben zu verschwenden, das nicht gut ankommt. In der Automobilindustrie, bei Flugzeugherstellern oder in der Pharmabranche könnte ein MVP im schlimmsten Fall Leben kosten. Bei Webangeboten und mobilen Apps steht allein die Laune und Loyalität von Early Adoptern auf dem Spiel, die üblicherweise die Zielgruppe eines MVP darstellen.

Der Unternehmer und Autor Eric Ries bezeichnete das MVP einst als Produkt, dessen Featureumfang gerade so ausreicht, um bei einem Debüt besagte Early Adopter anzusprechen, in der Hoffnung, das einige von ihnen für die Nutzung bezahlen (zum Beispiel für Premium-Funktionen) oder Feedback hinterlassen, damit auf diese Weise erforderliche Verbesserungen und Erweiterungen vorgenommen werden können.

Nicht wenige der jungen Startups, über die wir bei netzwertig.com berichten, wurden von ihren Erschaffern als MVP konstruiert. Wann ein Produkt jedoch die erforderliche Untergrenzen von dem erreicht, was von der initialen Anwenderschaft als essentielle Kernfunktionalität wahrgenommen wird, variiert stark. Kommen frühzeitige Testanwender häufiger zu einem noch sehr schmucklosen Dienst zurück, ist dies ein deutliches Indiz dafür, dass die MVP-Zielstellung erreicht wurde.

Hundefutter als vollwertige Mahlzeit verkauft

Dass der ein MVP prägende Drang zum Weglassen von Details aber auch zu weit gehen kann, spürte ich vor einigen Tagen am eigenen Leib, als ich auf die Empfehlung eines Bekannten einen Dienst namens LiveLead unter die Lupe nahm. Der US-Service bietet Anwendern eine Möglichkeit, Videos in Echtzeit mit Facebook-Freunden anzuschauen. Doch einmal davon abgesehen, dass derartige Ideen des kollaborativen Videkonsums schon häufiger vergeblich in Angriff genommen wurden (beispielsweise von Chill), schockierte mich die hochgradig unansehnliche Oberfläche des auf Invite-Only-Basis betriebenen Angebots.

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LiveLead fehlt augenscheinlich nicht nur ein Designer, sondern auch ein Entwickler mit einem grundlegenden Gefühl für Ästhetik und dafür, welches Interface man Anwendern zumuten kann. Mehrfach fragte ich mich bei meinem kurzen Aufenthalt auf der Site, ob ich hier nicht einem verfrühten Aprilscherz auf dem Leim gegangen war. Doch mein Bekannter, der mit dem LiveLead-Gründer gesprochen hat, versicherte mir, dass es sich um ein ernsthaftes Projekt handelt, das als MVP aufgezogen wird.

Für mich jedoch war das mir Gebotene kein MVP. Denn selbst wenn die grundlegenden Voraussetzungen gegeben waren, um Videos zu importieren und Facebook-Freunde zum gemeinsamen Betrachten einzuladen, verging mir beim Anblick der grässlichen Oberfläche jede Lust, mich näher mit dem Dienst zu befassen. Zumal dies eine Einladung von Facebook-Kontakten erfordert hätte - doch andere zu einem solch unansehnlichen Service einzuladen, wäre mir schlicht peinlich gewesen.

Nur weil Early Adopter überdurchschnittlich viel Geduld, Fehlerakzeptanz und Experimentierfreude mit sich bringen, heißt dies nicht, dass man ihnen Hundefutter als vollwertige Mahlzeit vorsetzen sollte. Und wer dies tut, kann sich sicher sein, diese Personen nie wieder bei sich anzutreffen. Dann allerdings war das ganze MVP-Unterfangen für die Katz. Es sei denn, die Gründer wussten nicht einmal, dass ihr Projekt  mit der gewählten Optik deutlich weniger als ein MVP war. In diesem Fall sollten sie aber lieber ganz die Finger vom Aufbau eines Webstartups lassen.

An die etablierten oder werdenden Gründer unter euch: Welche Erfahrungen habt ihr mit dem MVP gemacht und wie finden ihr die richtige Balance?

(Foto: Flickr/Swift Benjamin, CC BY 2.0)

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