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15.09.10

Startups in Deutschland: Ein Grund für das Aufmerksamkeitsproblem

Junge Internetunternehmen erhalten in Deutschland nicht immer die Aufmerksamkeit, die sie sich wünschen. Zum Teil ist eine miserable Pressearbeit schuld.

 

deutsche-startups.de berichtete gestern über das Jobportal opportuno. In dem Artikel ging es um die Tatsache, dass das Startup aus Erlangen bereits 2007 eine Suchtechnologie implementiert hatte, die erste Stellenangebote noch während der Eingabe des Suchbegriffes anzeigt und damit vom Prinzip her dem in der vergangenen Woche mit viel Brimborium gestarteten Google Instant ähnelt.

Das Blog zitiert opportuno-Gründer Andreas Bogen, der sich darüber ärgert, dass innovative Ideen in Deutschland nicht mehr Aufmerksamkeit bekommen. Nun würde jeder vermuten, opportuno hätte sich die Funktion bei Google abgeschaut, stattdessen war das das junge Unternehmen aus Bayern damit viel früher auf dem Markt.

Bogen bezieht sich zwar in erster Linie auf Investoren, die bei der Vorstellung der Idee vor drei Jahren nur gefragt hätten, ob es dafür denn ein US-Vorbild gäbe, aber es wird deutlich, dass er auch ganz allgemein ein Aufmerksamkeitsproblem für innovative Startups in Deutschland sieht.

Und damit hat er natürlich recht. Er bläst ins selbe Horn wie jüngst Paul Piper in seiner Kolumne zur Innovationswüste Deutschland. Doch ich behaupte, dass eine nennenswerter Teil der Verantwortung dafür bei den hiesigen Internetunternehmen selbst liegt!

Wie viele E-Mails haben wir in den letzten Wochen und Monaten von aufstrebenden Webfirmen erhalten, die ihren Service in einer persönlichen Mail professionell und sympathisch vorstellten? Überraschend wenig. Es ist eher eine Seltenheit, dass zwischen all den Pressemitteilungen und Serienbriefen ähnelnden Newslettern zu Diensten und Neuigkeiten mit variierender Relevanz ein individueller Pitch den Weg in unseren Posteingang findet, der uns nicht nur zeigt, dass sich jemand wenigstens ein paar Minuten über die Art der Ansprache Gedanken gemacht hat, sondern der zudem auch wirklich auf unser Themenfeld zugeschnitten ist.

Nun ist es nicht so, dass man um jeden Preis einen Review auf netzwertig.com benötigt, um einen gelungenen Launch hinzulegen. Doch gibt es klare Anzeichen dafür, dass die Situation bei den anderen Blogs rund um Webservices und Startups (deutsche-startups.de, Gründerszene, t3n, Förderland, Basic Thinking, neunetz, Exciting Commerce, TechBanger.de um einige zu nennen - mehr finden sich bei deutscheblogcharts.de) nicht viel anders aussieht - immerhin berichten wir oft über attraktive Startups aus dem deutschen Sprachraum, über die nur wir informiert wurden.

Das sich abzeichnende Gesamtbild ist ernüchternd: Ein signifikanter Teil junger Webstartups aus dem deutschsprachigen Raum scheint sich gar nicht um initiale Aufmerksamkeit bei Branchenblogs zu kümmern. Ein weiterer Teil tut dies zwar, aber entweder in Form einer Massenmail und höchst unpersönlich, oder aber eher nach dem Gießkannenprinzip - hier mal eine Mail, dort mal ein Tweet à la "Hey, wollt ihr uns nicht mal reviewen?". Eine durchdachte PR-Strategie sieht anders aus.

Sicherlich lässt sich die Reichweite und Wirkung der deutschen Tech-Blogger-Szene nicht mit der des deutlich größeren US-Markts vergleichen. Dennoch kann bei einer smarten Herangehensweise kurzzeitig ein Momentum erzielt werden, das zehntausende Twitter-Nutzer und RSS-Abonnenten erreicht und so unter Garantie auch von Journalisten großer Mainstreamblätter, potenziellen Geldgebern sowie eventuellen Kooperationspartnern zur Kenntnis genommen wird.

Ich möchte nicht alle Startups über einen Kamm scheren. Aber ich stelle fest, dass eine ganze Reihe interessanter Services das virale Potenzial der hiesigen Tech-Blogs unangetastet lassen und in Sachen PR-Arbeit (die wir am liebsten von den Gründern selbst sehen!) kräftig versagen.

Es ist jedem selbst überlassen, ob er/sie sich die Mühe machen möchte, in 15 Minuten eine informative, persönliche und an den Empfänger angepasste Mail mit den wichtigsten Infos und Stärken des Startups zu verfassen. Und eine solche Mail allein ist noch lange kein Garant, tatsächlich Teil der Berichterstattung zu werden (bei einem langweiligen oder für uns nicht relevanten Service hilft auch keine begeisternde Kommunikationsarbeit). Dennoch ist es bei Erfolg (abgesehen von der investierten Zeit) kostenlose Aufmerksamkeit und gibt Zugang zu einer neugierigen, experimentierfreudigen und neuen Technologien gegenüber positiv eingestellten Zielgruppe.

Dass Startups im deutschsprachigen Raum ein Aufmerksamkeitsproblem haben, stimmt. Die Gründe dafür sind vielseitig. Ein wichtiger ist, dass sie selbst viel zu wenig dafür tun, um gehört und gesehen zu werden.

Ein Lob geht in diesem Zusammenhang an das deutsche Social Network ResearchGATE, dessen Nachricht von der beeindruckenden Finanzierungsrunde in der vergangenen Woche quasi zeitgleich auf allen Kanälen in der US- und deutschsprachigen Tech-Blogosphäre zu bestaunen war. Das war gekonnte und zugleich sehr individuelle PR-Arbeit direkt von einem der Gründer. Gelohnt hat es sich.

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