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14.07.10Leser-Kommentare

Startups: Hyperexpansion vs Bootstrapping

Viele Web-Startups setzen darauf, erst eine kritische Masse zu erreichen und danach ein funktionierendes Geschäftsmodell zu entwickeln. Es geht aber auch anders, wie WordPress-Wettbewerber Squarespace zeigt.

 

Was haben YouTube, Facebook, Twitter und zahlreiche andere (ehemalige) Web-Startups gemeinsam? Sie konzentrierten sich zu Anfang primär auf Wachstum und kümmerten sich erst in einem späteren Schritt um die Generierung von Umsätzen. Die Entwicklung derartiger Startups läuft meist nach folgendem Muster ab:

Der oder die Gründer starten mit dem Ersparten und erhalten in einer recht frühen Phase externes Kapital und Know-how von Business Angels. Statt sich mit einem Geschäftsmodell aufzuhalten, setzt das Team alle vorhandenen Ressourcen für eine schnelle Expansion ein. Deutet sich deren Gelingen an, werden in der Regel Risikokapitalgeber mit ins Boot geholt, die speziell in den USA für Summen im ein- oder gar zweistelligen Millionenbereich Anteile an der Firma kaufen.

Charakteristisch ist auch ein explosives Mitarbeiterwachstum, was häufige Umzüge erforderlich macht, da die gewählten Räumlichkeiten schon nach Monaten wieder aus allen Nähten platzen.

Erst nachdem eine kritische Masse erreicht wurde, die Beschäftigtenzahl in die Dutzende oder gar Hunderte geht und die so genannte "Burn-Rate", also die Geschwindigkeit, mit der Geld ausgegeben wird, kritische Ausmaße erreicht, macht sich das Startup daran, ein Geschäftsmodell zu entwickeln und Einnahmen zu erzielen.

Gelingt dies, kann in aller Ruhe die Weltherrschaft angestrebt werden (Facebook). Gelingt dies nicht, bleibt als Alternative noch der "Exit", also die Übernahme durch ein anderes Unternehmen (YouTube, das von Google akquiriert wurde). Gibt es keine Kaufinteressenten, besteht der letzte Ausweg darin, den angebotenen Service zu verändern und damit bessere Voraussetzungen für eine Monetarisierung zu schaffen. Geht auch das schief, ist die Firma wahrscheinlich passé.

Während dieser Ansatz ein großes Risiko beinhaltet, ist er der sicherste Weg, innerhalb kürzester Zeit ein potenziell die Welt veränderndes Unternehmen aufzubauen, da der fehlende Gewinnfokus Experimente und Projekte erlaubt, die sonst mitunter nicht möglich gewesen wären.

Im Gegensatz zu dieser Strategie der "Hyperexpansion" steht das "Bootstrapping", bei dem Gründer bestrebt sind, ihr Startup möglichst lange ohne nennenswertes externes Kapital durchzubringen. Die volle Kontrolle über ihr Unternehmen bezahlen sie mit einem in der Regel zaghafteren Userwachstum, da sie sich quasi vom ersten Tag an um das Erzielen von Erlösen kümmern müssen und es sich meist nicht leisten könnten, ihren Service für Millionen von Nutzern gratis anzubieten.

Ein sehr ansehnliches Beispiel für diesen Wachstumsansatz liefert die US-Publikationsplattform Squarespace, die ähnlich wie WordPress oder TypePad den Betrieb von Blogs und Websites ermöglicht, sich dabei jedoch ausschließlich an zahlende Kunden richtet.

Nach sieben Jahren des Boostrappings hat Gründer und Geschäftsführer Anthony Casalena gestern bekannt geben, beachtliche 38,5 Millionen Dollar Venturekapital von mehreren Investoren eingesackt zu haben.

TechCrunch hat einige erwähnenswerte Hintergründe zur Entwicklungsgeschichte von Squarespace:

  • Der damals 21-jährige Casalena startete Squarespace im Jahr 2003 mit 20.000 Dollar, die er sich von seinem Vater geliehen hatte. Das Geld wurde vorrangig in Server investiert.
  • Schon innerhalb des ersten Jahres erreichte das Unternehmen die Profitablität, die es bis heute nicht verlassen hat.
  • Die ersten drei Jahre lang war Casalena der einzige "Vollzeitmitarbeiter".
  • 2007 erreichte der Dienst einen Umsatz von einer Million Dollar (unklar, ob jährlich oder insgesamt). Ab da baute Casalena Squarespace aus und stellte neue Leute ein.
  • Die Nutzer- und Umsatzzahlen verdoppeln sich momentan jährlich.
  • Heute hat Squarespace mehrere Zehntausend zahlende Kunden und 30 Mitarbeiter
  • In der aktuellen Finanzierungsrunde wird das Unternehmen mit mehr als 100 Millionen Dollar bewertet.

Mit dem frischen Kapital soll unter anderem eine grundlegende Überarbeitung des Dienstes realisiert werden. Selbst für profitable Firmen kann es sinnvoll sein, sich Mittel von Außen zu beschaffen - nämlich dann, wenn es Indizien dafür gibt, dass ein schnelleres Wachstum die Umsätze exponentiell ansteigen lassen würde, aber eine solche Expansion nicht aus der eigenen Tasche finanziert werden kann oder zu Liquiditätsengpässen führen würde.

Welcher Wachstumsansatz am Ende für ein Startup der sinnvollste ist, lässt sich pauschal nicht sagen. Besser oder schlechter ist keiner. Facebook wäre vermutlich heute kein profitabler Social-Networking-Riese, hätten es nicht die erste Zeit alles auf die Wachstumskarte gesetzt.

Dennoch ist eine etwas andere Gründungsstory wie im Falle von Squarespace eine schöne Abwechslung. Von dem New Yorker Unternehmen werden wir in Zukunft wahrscheinlich noch einiges hören.

(Illustration: stock.xchng)

Kommentare

  • marco

    14.07.10 (15:52:20)

    "Viele Web-Startups setzen darauf", ich denke hier hat die subjektive Wahrnehmung zugeschlagen. Schlussendlich bekommt man als Blog Leser wie techcrunch und Co auch nur haufenweise Startups um die Ohren geschlagen, die gerade 3 mio+ venture gekriegt haben. Wer druckt schon: "Bayerisches CMS Startup hat soeben den 18ten Kunden gewonnen"? Ausserdem ist halt auch nicht jedes Business linearwachstumstauchglich, wie soll man sich verhalten, wenn man eine Geschäftsidee hat, welche nur durch extreme Netzwerkeffekte funktioniert, man aber gleichzeitig von beginn weg Umsatz machen möchte? Gerade bei Werbeeinnahmen geht unter einer kritischen Grösse gar nichts.

  • Martin Weigert

    14.07.10 (15:56:53)

    "Viele Web-Startups [in den von uns beboachteten Sektoren]"... Da wir nie über bayerische CMS-Startups mit 18 Kunden berichten, denke ich, dass man sich das in Klammern stehende wohl selbst ausmalen kann. Zudem ist ja "viele" ziemlich relativ ;)

  • zrendavir

    14.07.10 (20:12:49)

    guter Artikel, nur das Fazit kann ich nicht so ganz unterschreiben: "Welcher Wachstumsansatz am Ende für ein Startup der sinnvollste ist, lässt sich pauschal nicht sagen." So müssen z.B. Startups, die auf Netzwerkeffekte setzen (eben Facebook oder Twitter) auf jeden Fall hyperexpansiv planen, sonst droht die Niederlage gegenüber Konkurrenten, die es tun. Und diese sind dann eben aufgrund der Netzwerkeffekte im Vorteil. Ähnlich sollten Startups, die auf das Freemium Modell setzen, auch eher Wachstum und dann Monetarisierung anpeilen.

  • Martin Weigert

    14.07.10 (21:28:42)

    Danke. Stimmt, ich wollte damit primär deutlich machen, dass das, was ich als "Hyperexpansion" bezeichnet habe, nicht per se ein schlechter Ansatz ist. Und ich teile deine Einschätzung, dass dies gerade für Social-Web-Dienste, die von Netzwerkeffekten abhängig sind, ein sinnvoller Weg sein kann.

  • wolfgang

    14.07.10 (21:42:51)

    Da wir nie über bayerische CMS-Startups mit 18 Kunden berichten, denke ich, dass man sich das in Klammern stehende wohl selbst ausmalen kann. Lieber Martin, da hast Du nicht wirklich aufgepasst. Ich habe gerade nachgeschaut - damals hatten wir wirklich ca. 18 zahlende Kunden. Und wir kommen aus Bayern;-): http://netzwertig.com/2010/01/23/samstag-app-fieber-miniqr-mashlab-rock-spot/ Ach - inzwischen hat sich eh so viel geändert bei uns. Mit dem Kommentar von Marco habe ich natürlich nichts am Hut...

  • Martin Weigert

    15.07.10 (07:00:29)

    Touché! ... Nee ich glaub marco bezieht sich auf waschechte B2B-Dienste. ;)

  • Fabio

    15.07.10 (14:10:13)

    Schöner Artikel, Martin! Zum Bootstrappen gehört eben auch dazu, dass nicht allzu Mittel für PR und ähnliches zur Verfügung stehen. Daher hört man von "gebootstrappten" Start-Ups deutlich seltener IMHO.

  • Alex

    16.09.10 (17:15:20)

    Schöner Artikel! Die Zeit zwischen Gründung und Erreichung eines Gewinns oberhalb des Existenzminimums ist meiner Erfahrung nach der anstrengendste Abschnitt einer Bootstrapping-Gründung. Mit diesem finanziellen Druck arbeitet es sich nicht ganz so entspannt, falls man Vollzeit im jeweiligen Projekt arbeitet. Dienstreisen, Handykosten, Miete fürs Büro sind dann schon größere Posten, über die man sich in einer VC-gestützten Gründung gar nicht so viele Gedanken macht. Neben privaten Mitteln bleibt für diese Phase natürlich auch die Förderung durch die AfA (Gründungszuschuss) oder das Exist Gründerstipendium der IBB.

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