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30.08.11Kommentieren

Startup-Ökosystem: Warum Tech-Cluster wichtig sind

Die Meinungen über das jüngste Aufblühen von Berlin als Startup- und Tech-Cluster gehen auseinander. Doch es gibt gute Gründe, die für die regionale Konzentration der Branche an einem Ort sprechen.

Grafik: 6WunderkinderEiner der entscheidenden Vorteile der US-amerikanischen Internetwirtschaft ist die Existenz von zwei Ballungsräumen, in denen sich ein großer Teil der Branchenakteure konzentrieren. Zum einen handelt es sich hierbei um die Gegend zwischen Silicon Valley und dem benachbarten San Francisco (bekannte Anbieter von dort sind Google, Apple, Facebook sowie Twitter), und zum anderen um New York - eine Stadt, die bisher eher für ihre Werbeindustrie bekannt war, in den letzten Jahren aber diverse Startups von internationaler Bedeutung hervorgebracht hat (wie foursquare, Tumblr oder Etsy).

Europa fehlt bisher ein mit dem Silicon Valley vergleichbarer Tech-Cluster. Stattdessen besitzt jedes Land einen oder mehrere eigene Hotspots, an dem sich Webfirmen, Investoren und Entwickler bevorzugt ansiedeln. In Großbritannien ist dies London, in der Schweiz Zürich, in Österreich Wien und in Deutschland waren es bisher gleich mehrere Städte.

In jüngster Zeit jedoch erlebt eine europäische Stadt einen regelrechten Boom, was das Wachsen des Startup-Ökosystems betrifft: Natürlich ist die Rede von Berlin - für regelmäßige netzwertig.com-Leser dürfte dies keine Neuigkeit sein. Ein kurzer Blick auf Google News zeigt, wie Berlin als neues europäisches Zentrum für junge Onlinefirmen mittlerweile sowohl von der einheimischen als auch internationalen Presse stetig thematisiert wird.

Doch in diesem Artikel soll es nicht schon wieder um Berlin gehen, sondern um die grundsätzliche Bedeutung eines deutschen (und auch europäischen) Tech-Clusters. Denn in Kommentardiskussionen rund um das Aufblühen der Hauptstadt wird regelmäßig deutlich, dass nicht wenige Leser eine gleichmäßigerere regionale Verteilung von Startups über die gesamte Bundesrepublik bevorzugen würden.

Vorweg: Selbstverständlich ist es nicht unmöglich, ein erfolgreiches Internetunternehmen aus der Provinz oder einer eher durch traditionelle Industrie geprägten Stadt beliebiger Größe aufzubauen. Der US-Schnäppchendienst Groupon, das hinsichtlich seiner Mitarbeiterzahl am schnellsten wachsende Startup aller Zeiten (von 0 auf 9000 Angestellte in weniger als drei Jahren), wurde in Chicago gegründet - einer Stadt, die man auf der Startup-Landkarte der USA bis dato suchen musste. Und auch Microsoft stammt nicht aus dem Silicon Valley sondern aus dem viele hundert Kilometer entfernten Redmond nahe Seattle.

Dennoch erhöht die Konzentration der für das Gedeihen eines Startups erforderlichen Faktoren in einer Stadt oder in einem Ballungsgebiet die Erfolgsaussichten für die Branche als Ganzes:

Austausch und Inspiration

An einem Tech-Cluster existieren zumeist zahlreiche Treffpunkte, an denen sich die Branchenvertreter die Klinke in die Hand geben: Cafés, Bars, Restaurants, Co-Working-Locations usw. Wer Inspiration benötigt oder an seinem Konzept feilen möchte, findet dort stets spontan Ansprech- und Gesprächspartner (wobei man natürlich sorgfältig auswählen sollte, wem man was über die eigene Idee erzählt). Die Evolution des eigenen Produktes sowie des gesamten Startup-Ökosystems ist so deutlich einfacher, als wenn der kreative Austausch lediglich im einzigen Wirtshaus des Ortes stattfinden kann.

Recruiting

Cluster ziehen Talente an, die in den dort versammelten Firmen als Entwickler, Designer, Systemadministratoren, Produkt Manager oder Vertriebsexperten tätig sind. Das heißt nicht, dass für Startups das Anwerben neuer Mitarbeiter einfacher wird (im Silicon Valley ist seit längerem vom "Talent Crunch" die Rede - dem Mangel an gutem, bezahlbaren Personal). Aber ein etablierter Cluster erhöht die Wahrscheinlichkeit, die theoretisch vorhandenen Ressourcen an Talenten (z.B. alle auf dem Arbeitsmarkt verfügbaren Programmierer) an einem Ort zu "kanalisieren".

Kapital

Ein etablierter Cluster zieht Geldgeber an, für die es attraktiv erscheint, beim womöglich nächsten Investitionsobjekte zu Fuß vorbeischauen zu können. Das spart Zeit und Geld, zudem eröffnet sich die Möglichkeit, durch Zusammentreffen mit potenziellen und zukünftigen Gründern an den einschlägigen Treffpunkten (siehe oben) frühzeitig Einfluss auf im Entstehen befindliche Konzepte zu nehmen. Die wohl bekannteste Ansammlung von Venture-Capital-Firmen mit Fokus auf Tech findet sich an der Sand Hill Road in Menlo Park im Herzen des Silicon Valley.

Nutzer

Startup-Gründer, Entwickler, Designer, Blogger und selbst Kapitalgeber im Technologie-Umfeld sind naturgemäß experimentierfreudig und probieren gerne neue Produkte und Dienste aus. Entsprechend schnell verbreiten sich neue Services und Applikationen unter der lokalen Geek-Gemeinde - die damit gleichzeitig die Rolle von Hersteller und frühzeitigen Konsumenten übernimmt. Das Vorhandensein einer lokalen, gut vernetzten Early-Adopter-Community ist nicht für alle Arten von Startups und Internetprojekten erforderlich (Beispiel Groupon), aber speziell dann hilfreich, wenn ein Service die Interaktion und Kommunikation von Nutzern in den Mittelpunkt stellt (also Social Networks, Location Based Services etc.) und nach dem Launch schnellstmöglich eine (regional begrenzte) kritische Masse erreichen muss.

Sicherlich gibt es weitere Vorzüge eines Clusters, und gleichzeitig bringt eine derartige lokale Zusammenrottung von Startups sowie dem dazugehörigen "Anhang" auch Nachteile mit sich, wie eine Tendenz zur Blasenbildung (nicht nur finanziell gesehen sondern auch auf Ideen-Ebene) sowie steigende Löhne, Mieten und Lebenshaltungskosten.

Stellt man aber das Wohl der Digital- und Technologie-Wirtschaft in den Vordergrund, überwiegen die Vorteile klar. Die weltweite Dominanz der kalifornischen Netz- und IT-Giganten spricht eine deutliche Sprache.

In Deutschland und Europa existierten bisher zahlreiche kleinere Cluster mit teils unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten. Dadurch bleibt viel Potenzial ungenutzt, auch wenn einzelne Anbieter von den Folgen wie niedrigeren Löhnen und einer geringen Personalfluktuation profitieren.

Vielleicht Platz der Traum von unangefochtenen deutschen und europäischen Tech-Cluster noch, bevor er vollständig realisiert wird. Oder wir erkennen in einigen Jahren, dass der verstreute Ansatz doch besser mit den Rahmenbedingungen in Europa harmoniert. Um dies herauszufinden, müssen wir es aber erst einmal probiert haben. Aus diesem Grund halte ich es nach wie vor begrüßenswert, wenn sich Startups zu einem Umzug nach Berlin entscheiden - zumindest dann, wenn für sie die oben aufgeführten Punkte Relevanz besitzen und es sie nicht nur in die Hauptstadt zieht, um das dortige Nachtleben zu genießen. Denn dann wird das mit dem Durchbruch als Internet-Unternehmer wahrscheinlich sowieso nichts.

(Grafik: 6Wunderkinder)

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