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18.09.12Leser-Kommentare

Stabiles, schnelles Internet im Flugzeug: Der Traum, der Realität werden muss

Auch im Jahr 2012 hat Internet im Flugzeug noch immer Seltenheitswert, und wo es geht, ist es meist teuer und langsam. Doch es gibt Hoffnung auf Besserung.

Was für die Manfred Spitzers dieser Welt und alle ihre Internetnutzung nicht unter Kontrolle habenden Menschen eine Oase der Ruhe darstellt, kann Vielreisenden und digitalen Nomaden Kopfzerbrechen bereiten: die auch im Jahr 2012 noch größtenteils fehlenden Internetzugänge in Flugzeugen. Bei einem Kurzstreckenflug mag dies noch zu verkraften sein und im besten Fall als Übung für Always-On-Apologeten gelten können. Bei längeren Strecken jedoch besteht die Gefahr eines erheblichen Produktivitätseinbruchs - zumindest für Leute, die einen nennenswerten Teil ihrer Arbeitszeit unterwegs verbringen. Von denen gibt es in der globalisierten Startup- und Internetwirtschaft so einige. Auch wenn WLAN im Flieger heute noch nach einer Luxusdienstleistung klingt, die von der Masse der Reisenden als angenehm empfunden, aber nach Jahrzehnten der Abstinenz als entbehrlich angesehen wird, sollte man sich keine Illusionen machen: Je weiter sich der Status des Netzzugangs dem von elektrischem Strom annähert, desto weniger Verständnis werden Passagiere dafür mitbringen, über Stunden von der Außenwelt abgekoppelt zu sein.Limitierte Verfügbarkeit und mäßige Leistung

Nach missglückten, unrentablen Versuchen mit Internet im Flugzeug zu Beginn des neuen Jahrtausends haben eine Reihe von Fluggesellschaften in letzter Zeit erfreulicherweise neuen Mut gefasst und bieten Fluggästen wieder die Möglichkeit, während der Reise online zu gehen. Diese Zusammenstellung von Focus Online zeigt jedoch, dass es sich dabei noch immer nur um häufig teure und nur selten an eine omnipräsente Verfügbarkeit heranreichende Experimente handelt. Wer darauf hofft, während des Flugs surfen oder im Netz arbeiten zu können, muss dafür in der Regel Langstreckenflüge buchen und Glück haben, in einem neueren Flieger zu landen. Nicht selten kostet der Webzugang dann auch noch eine ganze Stange Geld - und bei der Geschwindigkeit und Stabilität können die Erwartungen gar nicht niedrig genug sein.

Uns ist mit Norwegian lediglich eine Fluggesellschaft bekannt, die auf innereuropäischen Flügen WLAN an Board anbietet. Und während ich den expansiven Low-Cost-Carrier aus Norwegen sonst gerne in höchsten Tönen lobe, kann dessen In-Flight-WLAN nicht wirklich überzeugen. Klar, wenn man das erste Mal aus 10.000 Metern Höhe das Internet betritt, dann ist dies schon ein euphorisierender Moment - der nicht selten bei Passagieren zu entsprechenden Tweets und Status-Updates führt und damit positiv auf das Image von Norwegian einzahlt. Doch in den meisten Fällen ist das Surfen ein Geduldsspiel, bei dem nach zehn vergeblichen Versuchen, eine Website zu öffnen, es dann das elfte Mal klappt. Andere machten ähnliche Erfahrungen. Wie die Gesellschaft dafür gerade sogar einen Award erhalten konnte, ist mir schleierhaft, aber es verdeutlicht wohl einfach die allgemein noch mäßige Qualität der Bord-WLANs. Immerhin: In der Startphase ist das vom kalifornischen Anbieter Row 44 betriebene WLAN-System bei Norwegian kostenlos, und bis Ende 2012 soll die ganze Flotte mit WLAN ausgestattet sein. Pluspunkte für die Anstrengungen.

Ende Mai gab es bei uns auch eine Premiere: Der erste und bisher einzige komplett im Flugzeug verfasste und von dort aus publizierte Artikel auf netzwertig.com. Aufgrund regelmäßiger Verbindungsabbrüche nahm die Gesamtprozedur deutlich mehr Zeit in Anspruch als üblich. Als Pionier bezeichnen können wir uns mit diesem Ereignis nicht: Bereits vor sieben Jahren veröffentlichte der Entrepreneur und LeWeb Initiator Loic Le Meur seinen ersten Blogpost aus einem Flugzeug . Dem Blogger und Hörfunkjournalist Daniel Fiene gelang es im März auf einem Flug von New York nach San Francisco mit United Airlines sogar, einen Hangout bei Google+ durchzuführen. Jede Art von Streaming war auf meinen Flügen mit Norwegian aufgrund der langsamen Verbindung unvorstellbar.

In den USA ist man weiter

In den USA ist man bezüglich WLAN im Flugzeug schon deutlich weiter. Fast alle führenden Gesellschaften bieten dort entsprechende Möglichkeiten - wenn auch manchmal nur auf ausgewählten Flügen. Bei United sind lediglich drei Boeing 757 mit Inflight WiFi ausgestattet. Bei Delta kann immerhin auf 3000 Flügen pro Tag im Netz gesurft werden, Virgin America bietet auf sämtlichen Flügen WLAN. Betreiber des Systems ist jeweils das US-Unternehmen Gogo. Die Verbindung zum Internet wird dabei über 3G-Bodenstationen hergestellt, von denen Gogo rund 100 in den USA inklusive Alaska betreibt. Künftig sollen Satellitenverbindungen dafür sorgen, dass Passagiere auch auf transatlantischen Flügen nicht auf das Internet verzichten müssen.

Gogo-Konkurrent Row44, das in den USA den dortigen Marktführer der Billigflieger Southwest Airlines mit In-Flight-WLAN versorgt, setzt dagegen ausschließlich auf Satelliteninternet. Je nach Art des Datenzugriffs teilen sich alle Passagiere eines Flugs maximal 28 Mbit (UDP). Kein Wunder, dass die Geschwindigkeit pro Gast bei voller Besetzung nicht gerade beeindruckt.

JetBlue will Geschwindigkeitsrekord aufstellen

Kaum zu glauben ist angesichts der Umstände, auf denen sich digitale Daten bisher ihren Weg über langsame Satelliten oder weit entfernte Bodenstationen in die Maschinen bahnen müssen, das Versprechen von Southwest-Mitbewerber JetBlue. Über die Satelliten des kalifornischen Unternehmens ViaSat soll auf JetBlue-Flügen ab 2013 mit Highspeed auf das Web zugegriffen werden können - angeblich acht Mal schneller, als Konkurrenzlösungen es bisher zulassen. Sollte es dazu kommen, dürfte JetBlue schnell viele neue Anhänger gewinnen.

Eine interne E-Mail, die The Verge vorliegt, zitiert einen JetBlue-Vertreter mit folgenden Worten: "Derzeit ist WLAN in Flugzeugen ein Wettbewerbsvorteil. Passagiere, besonders Geschäftsreisende, wählen die Fluggesellschaft, bei denen sie während des Flugs online gehen können, selbst wenn die Verbindung teuer oder unzuverlässig ist. Die Bedeutung von In-Flight-Connectivity zwingt Airlines, die bisher kein entsprechendes Angebot haben, dazu, dies rasch zu ändern".

Recht hat er. Und selbst wenn sich die meisten deutschen und europäischen Airlines angesichts hoher Kerosinkosten und Steuern, der Euro-Krise und eines aggressiven Preiskampfes die für das Aufrüsten der Flugzeuge notwendigen Investitionen derzeit eigentlich kaum leisten können, bleibt ihnen kaum eine andere Wahl. Reisende werden dies zunehmend verlangen und sich für die (wenigen) Optionen entscheiden, die ihnen einen entsprechenden Service bieten - selbst wenn sie damit maximal ihre E-Mails im Schneckentempo abrufen können.

In zehn Jahren werden wir über diesen Artikel vermutlich nur noch schmunzeln können. Hoffentlich.

Welche Erfahrungen habt ihr bisher mit In-Flight-WLAN gemacht?

(Foto: Flickr/Pat Hawks, CC BY 2.0)

 

Kommentare

  • igor

    18.09.12 (15:08:25)

    muss ja nicht fliegen sein. dies jahr habe ich in norwegen sowohl in der bahn als auch auf dem schiff frei zugängliches internet bekommen. habe versucht, details der umsetzung zu bekommen. der steward meinte nur, es wäre über einen dienstleister realisiert und der würde angerufen, wenn mal was nicht funktioniert. zwischen bergen und oslo gibt es aber über 80 (AFAIR) eisenbahntunnel, da setzt die verbindung dann immer kurz aus. insgesamt habe ich mich aber sehr gefreut und gestaunt.

  • Martin Weigert

    18.09.12 (15:14:32)

    Man ist halt selten fünf oder sechs Stunden lang im Tunnel ;)

  • Thermo-Kai

    18.09.12 (19:58:08)

    Wäre echt super, wenn das mal langsam Realität werden würde.. Denke schon seit Jahren darüber nach wie man das umsetzen könne, die Amis haben quasi "umgekehrtes WLAN" was in die Luft strahlt... Auch kein schlechter Ansatz ;)

  • Vincent

    19.09.12 (17:21:48)

    Fliegen sollte erst einmal wesentlich teurer sein. Kann nicht sein das innerhalb so weniger Jahre die Erdatmosphäre so stark beschädigt wird.

  • Andreas Hobi

    23.09.12 (00:07:40)

    Ich denke, das ist nur noch eine Frage der Zeit. Eigentlich sollte ich diesen Artikel gleich mal archivieren, so dass ich ihn in 30 Jahren hervornehmen und meinen Enkeln zeigen kann. ("Schaut mal, so war es damals." "Was? Opa? Früher gab es im Flugzeug gar kein Internet? Was habt ihr denn sechs Stunden lang gemacht, wenn ihr so von allem abgenabelt ward?")

  • Michael

    23.09.12 (10:36:29)

    Das Internet auf deutschen Bahnstrecken steckt leider auch noch in den Kinderschuhen. WLAN nur rudimentär, UMTS fehlt über Land fast völlig. Wieso fürs sporadisch vorhandene WLAN zahlen, wenn man UMTS-Flat hat. Wäre es so teuer, die Bahnstrecken und Bahnmasten auch mit UMTS auszurüsten?

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