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14.12.12

Spotify-Flatrate der Telekom: Die neue Macht der Mobilfunkprovider ist Fluch und Segen zugleich

Die Telekom bietet jetzt auch für Bestandskunden ihrer Mobilfunksparte ein musikalisches Sorglos-Paket an: Die Spotify-Flatrate für unterwegs, ohne Begrenzung des Datenvolumens. Was auf den ersten Blick nur erfreulich scheint, wirft auch kritische Fragen auf.

Welchem Musikfreund gefällt die Vorstellung nicht? Mit dem Smartphone aus dem Haus zu gehen und für 10 Euro im Monat 18 Millionen Songs in der Hosentasche mit dabei zu haben. Keine Downloads, kein Offline-Modus, kein Verbrauch des eigenen, knappen Datenkontingents. Die Telekom macht es möglich: Nachdem im August schon um Neukunden mit dieser Offerte gebuhlt wurde, können nun auch Bestandskunden das Spotify-Sorglos-Angebot zu ihren Verträgen hinzu buchen.

Maximale Freiheit zum Sparpreis – zu Lasten des Wettbewerbs

Der Preis ist heiß: Die 9,99 Euro, die für eine mobile Nutzung des Streaming-Service monatlich zu Buche schlagen, sind in den aktuellen Tarifangeboten des Mobilfunkriesen bereits eingepreist worden. Der Unterschied zum regulären Abonnement: Im Gegensatz zu den Spotify-Bestandskunden, die ihre Verträge direkt über den Musikdienst abgeschlossen haben, ist für Telekomkunden ein unbegrenztes Datenkontingent für den mobilen Musikgenuss speziell und ausschließlich nur für diesen Streaming-Dienst inkludiert worden. Unabhängig vom normalen Datenvolumen, das Kunden des Carriers über deren jeweilige Leistungspakete zur Verfügung steht, wird der Spotify-Traffic getrennt behandelt: Er steht Kunden unlimitiert zur Verfügung. Die Telekom trennt also in diesem Fall den Datenverkehr nach der Nutzungsart.Was des einen Freud, ist dabei aber des anderen Leid, da beide Partner hier offensichtlich eine Exklusivvereinbarung getroffen haben: Dieser Service, dieses unlimitierte Datenvolumen gibt es vorerst nur über die Telekom. Andere Anbieter im Streaming-Markt gehen vorerst leer aus (und andere Mobilfunk-Carrier ebenfalls). Sie können offensichtlich nicht gleichermaßen mit der Telekom vergleichbare Kontrakte schließen, um den Kunden ihrerseits dieses Bonbon anzubieten: „All you can listen“ für unterwegs für jeden? Irrtum. Rdio und Co müssten sich in Deutschland ihrerseits einen Mobilfunk-Anbieter suchen, um mit diesem ähnliche Vereinbarungen zu treffen (was in anderen Ländern auch bereits passiert ist, beziehungsweise seitens einiger Streaming-Services geplant ist).

Dass es sich bei einem solchen Angebot um eine Offerte handelt, die sowohl Spotify als auch der Telekom ein herausragendes Alleinstellungsmerkmal gegenüber ihren jeweiligen Wettbewerbern beschert, erschließt sich von selbst: „Unendlich“ Musik für unterwegs. Hier sind andere Streaming-Anbieter klar benachteiligt.  Wenn Mobilfunkbetreiber über ihre Infrastruktur, beziehungsweise den Einsatz ihrer Ressourcen frei verfügen können und dabei andere Marktteilnehmer ausgeschlossen werden, dann stellt das eine neue Machtposition dar, die sie zu weit mehr macht als zu reinen Carriern: Zu Türwächtern des mobilen Internets. Nur wer am meisten zahlt wird durchgelassen? Oder er kooperiert? Obwohl es in der praktischen Umsetzung bisweilen noch Probleme gibt, ist diese Trennung und gesonderte Behandlung von Datenpaketen via Deep Packet Inspection technisch möglich.

Am genannten Beispiel wird deutlich, wie diese Entwicklung jetzt schon den Wettbewerb verzerrt: Wer möchte jetzt noch Rdio in Deutschland abonnieren, wenn er weiß, das er über die Kombination Telekom und Spotify eine Leistung bekommt, die am Markt einzigartig ist? Und umgekehrt: Welcher Musikfan möchte nicht zur Telekom als seinem neuen Provider wechseln, um von diesem Service auch profitieren zu können?

Carrier gegen den normativen Gehalt der Netzneutralität?

Das Duo „Spotify Telekom“ hat zur Zeit im deutschen Markt eine Monopolstellung inne, die die Forderung nach einer Netzneutralität wieder aufwirft - angesprochen bereits im August von Jürgen Vielmeier. Daten werden hier nicht neutral behandelt, sondern es wird der Verbrauch über bestimmte Service seitens der Mobilfunk-Carrier bevorzugt. Das kann entweder, wie in diesem Fall, über eine Kontingentierung erfolgen, oder aber über eine Segmentierung der zu Verfügung gestellten Bandbreiten. Für einen freien Wettbewerb unter den Dienstanbietern ist das ein Problem. Es gibt zur Zeit in Deutschland noch keine Rechtsgrundlage auf deren Basis für die Mobilfunkbetreiber verbindliche Richtlinien abgeleitet worden wären, um eine solche Entwicklung auszuschließen.

Die Schlüsselfrage, die sich aus diesem Beispiel ableitet, ist also: Kann die Telekom zum Beispiel dazu verpflichtet werden, eine vergleichbare Möglichkeit auch anderen Anbietern von Streaming-Diensten zur Verfügung zu stellen? Dass sie also nur als Makler für verschiedene Services, nicht aber nur als Makler und Partner eines Anbieters auftritt? Netzneutralität ist in Deutschland bisher nur eine Forderung, die zudem hitzig diskutiert wird, da es dem Begriff auch an Trennschärfe mangelt: Worum geht es? Um den normativen Gehalt der Begrifflichkeit, um ordnungspolitische Grundsatzfragen, oder um Marktregulierung, um in solchen Fällen einem möglichen Marktversagen vorzubeugen? Ein Netzneutralitätsgesetz gibt es in Deutschland nicht. Und Bestimmungen, die aus bestehenden Wettbewerbs-und kartellrechtlichen Richtlinien herangezogen werden könnten? Zum einen ist es unklar, inwieweit diese im genannten Fall überhaupt zur Anwendung kommen könnten und zum anderen machen die Anbieter von anderen Streaming-Diensten bisher überhaupt keine Anstalten ihrerseits Forderungen zu stellen. Verständlich.

Streaming-Services stellen bisher kurzfristige Chancen über die Risiken einer Abhängigkeit

Bisher halten Streaming-Dienstleister sich mit Forderungen zurück und versuchen sich zu arrangieren, schließlich gab es für sie ja auch noch nie eine vergleichbare Chance, die eigenen Wachstumspläne voranzutreiben: Die Mobilfunk-Provider stellen mit einer Flatrate für sie eine goldene Brücke ins Mobile Web dar und verschaffen ihnen zudem über ihre Vertriebsinfrastruktur und die Reichweite ihrer Marketinginstrumente eine Bühne, wie sie sie vorher so noch nie hatten: Wer kannte vor zwei Jahren (außer regelmäßigen netzwertig.com-Lesern) schon Spotify? Heute scheint es fast so, als wäre der Dienst eine Selbstverständlichkeit. Ein gängiges digitales Konsumgut der Generation Facebook. Die Telekom arbeitet konsequent daran, diese Botschaft zu vermitteln und es besteht bald kein Zweifel mehr: Der ehemalige Mobilfunk-Carrier Telekom hat für den Musikanbieter Spotify in Deutschland „den Markt gemacht“. Ihm den Weg geebnet. Und der Werbedruck hält nach wie vor an. Die Signalwirkung dieser potenziellen Machtfülle seitens eines Carriers verfehlt ihre Wirkung nicht.

Musik-Anbieter auf „Brautschau“

Der Spotify-Wettbewerber Rdio protestiert nicht etwa bei einem Mobilfunk-Carrier wie der Telekom, sondern sucht seinerseits in den verschiedenen Märkten nach Partnern. Hier wird eine Rally stattfinden, und wer mit wem zuerst „angebandelt“ hat, der wird dabei im jeweiligen Markt auch eine marktbeherrschende Stellung einnehmen können. Es gilt, die besten Spots zu besetzen und für sich die besten Kontrakte zu schließen. Die Carrier als die Aschenputtel vergangener Jahre („Die Telkos kriegen ehe keine Erlösmodelle außerhalb ihres Kerngeschäfts auf die Beine.“), sind nunmehr begehrte Bräute, um die jeder wirbt. Die Nachfrage nach mobilen Unterhaltungsmedien macht es möglich.

Noch geht der Plan auf: Anstatt einen „freien“ Zugang einzufordern, versucht sich jeder Streaming-Dienst, „seine“ Braut zu suchen und einen Claim abzustecken. Nach dem Motto: „Teilen wir uns den Globus einfach auf. Mit jeweils einem Mobilfunk-Carrier als Gate Keeper und Katalysator an der Hand, ist der Markt doch groß genug für alle. Musik ist schließlich ein globales Produkt.“

Nach bisherigem Stand würde diese Entwicklung also auf die Bildung von Oligopolen hinauslaufen: Wenige Mobilfunkanbieter kooperieren mit wenigen Streaming-Dienstleistern jeweils in verschiedenen Märkten. Alle anderen Streaming-Services wären somit von der „Lebensader“ Mobil-Flatrate“ ausgeschlossen, wären deshalb nicht mehr wettbewerbsfähig und würden somit in letzter Konsequenz  vom Markt verdrängt werden. Chancen für Newcomer? Keine?

Je mobiler das Internet wird, je mehr Menschen also mobile Services nutzen wollen, die Märkte sich dahingehend weiter entwickeln und je mehr Streaming-Anbieter auf den Markt drängen (zukünftig auch VoD-Services, die via LTE und DLNA mobile und stationäre Geräte miteinander vernetzen wollen), umso mächtiger werden dadurch die Mobilfunkbetreiber selbst, weil ihre Bedeutung entlang der Wertschöpfungskette dieser Services in mehrerlei Hinsicht zugenommen hat. Sie sind zugleich Infrastrukturanbieter, Vertriebsweg und Marketing-Partner.

Fazit: Viele Chancen, viele Risiken. Ordnungspolitische Dogmen wären dennoch fehl am Platz

Je mehr sie dabei in die eigene Infrastruktur investieren, umso attraktiver werden sie für die Anbieter mobiler Mediendienste, und umso attraktiver werden beide durch die Bündelung ihrer Services wiederum für die Konsumenten. Als unregulierte Gate Keeper könnten sie dabei „übernacht“ über Wohl und Wehe einzelner Anbieter im Bereich mobiler Services entscheiden.

Mobilfunkmasten „ verschandelten einst die Landschaft“, dann „machten sie die Gesellschaft mobil“, danach wurden sie als „Grabstätte für UMTS-Lizenzen“ verlacht und nun ändert sich ihre Rolle wieder: Als unersetzbarer„Rohstoff“ für die Vertriebswege der Unterhaltungsindustrie in der mobilen Gesellschaft. Ein vorgelagerter Markt.

Das ist eine spannende Entwicklung, die viele Chancen bietet, die aber auch bestimmten Marktteilnehmern eine Machtfülle verleiht, die kontrolliert werden sollte. Netzneutralität? Der Begriff ist in einer jahrelangen Debatte überdehnt worden, da keine Einigkeit über die Prämissen besteht: Wofür soll der Begriff konkret stehen? Und der normative Gehalt? Stellt einen Widerspruch in sich dar: Das Netz ist „neutral und frei“? Es fühlt sich bei uns nur so an. Wie gern nimmt man da die Offenheit und die Möglichkeiten des Internets, so wie wir es heute kennen, einfach als Postulat? „Es sollte doch überall so sein, und das bitte auch in der Zukunft.“ Aber ergibt sich allein daraus eine Verbindlichkeit?

Es wäre sicherlich falsch, die Mobilfunkanbieter unkontrolliert ihre neue Rolle ausüben zu lassen.  Ebenso falsch wäre es aber auch, ihnen allein aus einem ordnungspolitischen Hintergrund eine wichtigere Funktion entlang dieser Wertschöpfungsketten verweigern zu wollen: Das Internet fühlt sich bei uns an, als wäre ein öffentliches Gut. Weil es überall verfügbar ist. Auf Knopfdruck. Und dass sich das so anfühlt, liegt eben unter anderem auch an den Mobilfunkmasten der Carrier. Dem Rohstoff.

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