<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

15.04.11

Spotify beschränkt Gratis-Zugang: Das Ende von kostenfreier On-Demand-Musik

Spotify schafft seinen kostenfreien, werbefinanzierten All-You-Can-Eat-Dienst für On-Demand-Musik ab. Das Modell ist damit gescheitert.

 

Wir hatten es eben bereits in Linkwertig erwähnt: Spotify gab gestern Änderungen rund um seinen Gratis-Musikdienst bekannt. Und obwohl der Service aus Schweden bisher lediglich in sieben europäischen Ländern verfügbar und für User in D-A-CH nur über Umwege erreichbar ist, hat die Entscheidung eine globale Symbolwirkung: Unbegrenztes, durch Werbung finanziertes On-Demand-Streaming von Musik hat keine Zukunft.

Neben seinen kostenpflichtigen Premium-Versionen für umgerechnet rund fünf bzw. zehn Euro bot das Startup aus Stockholm bisher zwei kostenfreie Pakete an: Das nur über restriktiv verteilte Einladungen zugängliche Spotify Free (damit begann Spotify 2008 in seinem Heimatland Schweden) für kostenfreies, unbegrenztes und werbefinanziertes Streaming über den Desktop-Client sowie Spotify Open, das ohne Einladung zugänglich war und 20 Stunden kostenfreies Musikhören pro Monat erlaubte.

Ab dem 1. Mai ist Spotify Free - also die komplett unbegrenzte Variante - quasi Geschichte. Denn nach sechs Monaten erhalten sowohl Free- als auch Open-User nur noch zehn Stunden Musikgenuss pro Monat. Außerdem kann jeder Song maximal fünf Mal angehört werden.

Mir ist zwar noch nicht ganz klar, ob in den ersten sechs Monaten nach wie vor ein Unterschied zwischen Free ("All-You-Can-Eat") und Open (bisher 20 Stunden On-Demand-Streaming pro Monat) gemacht wird, aber das spielt am Ende keine Rolle. Fakt ist: Spätestens nach sechs Monaten der Spotify-Nutzung existiert anders als bisher nur noch eine stark begrenzte Gratis-Variante des populären Desktop-Clients. Wer Musik wirklich mag, wird dann um eines der zwei kostenpflichtigen Angebote kaum herum kommen.

War Free/Open bisher ein eigenständiges Produkt, das Spotify durch eine Werbevermarktung zu refinanzierten versuchte, fungiert es zukünftig nur noch als Marketinginstrument, um Anwender auf das Angebot aufmerksam zu machen.

Nun muss in aller Deutlichkeit gesagt werden, dass die Paid-Versionen mit fünf bzw. zehn Euro ihr Geld zweifellos wert sind (zumal nur dann Zusatzfunktionen wie mobile Apps oder ein Offline-Modus geboten werden).

Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass Spotify sich in den letzten Jahren trotz seiner geografischen Limitierung zu DEM Anbieter für Musikstreaming entwickelt hat. Spotify war der Hoffnungsträger für alle, die Gefallen an der Idee des werbefinanzierten On-Demand-Streamings gefunden hatten. Diese Hoffnung ist gestern gestorben.

Spotify arbeitet seit einer gefühlten Ewigkeit an einem US-Launch. In den USA jedoch existiert kein legaler Servicer, der das On-Demand-Streaming von Musik kostenfrei anbietet. MOG oder Rdio gibt es nur gegen Bezahlung.

Mittlerweile scheint Spotify dem USA-Start sehr nahe zu sein. Auf der re:publica unterhielt ich mich gestern mit Marcel Weiss, der bei neumusik.com bereits über die Spotify-Veränderung schrieb. Seine Vermutung ist, dass Spotifys ab 1. Mai in Europa geltenden Konditionen denen gleichen werden, welche die Schweden in ihren langwierigen Verhandlungen mit den US-Labels für den dortigen Markt definiert haben - ganz einfach, um auf allen Märkten einheitliche Konditionen anbieten zu können.

Trifft dies zu, wäre dies aus Sicht von US-Musikfreunden ein Grund zur Freude: Immerhin bekämen sie dann in Zukunft wenigstens einige Stunden pro Monat legales Gratis-Streaming ihrer Wunschtitel. Europäer, die bisher von Spotify verwöhnt wurden, müssen sich hingegen mit deutlichen Einschnitten abfinden.

Die Symbolhaftigkeit der jüngsten Entscheidung darf nicht unterschätzt werden: Wenn es dem populärsten und auch bei der Konversion von Free- zu Premium-Nutzern recht erfolgreichen On-Demand-Musikdienst nicht gelingt, einen global verfügbaren, dauerhaft unbegrenzten, durch Werbung finanzierten Gratis-Zugang bereitzustellen, dann ist dies das Ende dieser Art des Musikkonsums.

Schwierig ist die Bewertung der Entwicklung aus Sicht des in Deutschland, Österreich und der Schweiz aktiven Spotify-Pendants simfy. Dessen Gratisangebot wirkt im Lichte der Spotify-Neuigkeiten schlagartig erheblich generöser. Was - sofern Spotify irgendwann doch einmal auf den hiesigen Markt vorstößt - ein komfortabler Konkurrenzvorteil wäre. Doch das setzt voraus, dass simfy seiner Linie treu bleibt und von Gratis-Usern keine Opfer einfordert.

Spotify war - kurioserweise trotz seiner Abwesenheit in vielen Ländern - stets die Benchmark für andere legale On-Demand-Dienste. Genau deshalb ist der Schritt so bedeutsam.

Als bisheriger und zufriedener Nutzer von Spotify Free werde ich zukünftig wohl meine zehn Euro monatlich an Spotify zahlen und mich über die Leistungen freuen, die ich dafür erhalte. Enttäuscht bin ich trotzdem. Nicht unbedingt über Spotify, sondern über die Erkenntnis, dass das kostenfreie All-You-Can-Eat-Modell, welches mit Werbung refinanziert wird, im Musikbereich gescheitert ist. Und dass wieder einmal die künstliche Verknappung gesiegt hat - während an vielen anderen Ecken des Internets Millionen von Titel illegal heruntergeladen werden können, ohne dass Interpreten (oder Labels) dafür auch nur einen Cent erhalten.

(Illustration: stock.xchng)

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer