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23.07.08

Spiegel-Polemik: Es ist doch zu albern!

Schweinchen Schlau, jede Menge Journalisten und ein einsamer Medienforscher: Wir zeigen die 13 Hauptcharaktere des bitterbösen Spiegel-Artikels über die deutsche Blogosphäre.

Da verfasst ein missgelauntes Spiegel-Trio ein dreiseitiges Elaborat über die Armutsästhetik in den klapprigen Fischerhütten "deutscher Online-Schreiber", vergleicht ihr proletarisches Ambiente mit den blankpolierten Glaspalästen deutscher Offline-Schreiber, aber auch mit den inkommensurablen Wolkenkratzern amerikanischer Spitzenblogger. Das Trio der Spiegleins stellt uns dann sogar einige dieser darbenden 'Blogger' in persona vor, die natürlich genau das nicht können sollen, was die professionellen Mitglieder der Journalistenzunft täglich so akkurat beherrschen - und am Ende erweist es sich, dass sämtliche Beteiligte in diesem redaktionellen Kasperltheater allesamt auch wiederum nur Journalisten gewesen sind. Kurzum: Bullenkrieg in Büttenwarder. Hier die Hauptdarsteller in der Reihenfolge ihres Auftretens:

1. Von den Verfassern selbst - Markus Brauck, Frank Hornig und Isabell Hülsen - nehme ich ohne weitere Recherche einfach mal an, dass sie Journalisten seien. Schließlich schreiben sie für den Spiegel. Und Kurt Tucholsky war ja auch Journalist, obwohl er die Henri-Nannen-Schule nie besuchte ...

2. Henryk Broder, der erste Name, der in der Copy dann fällt, der "in seinen privaten Online-Attacken" einen anderen Blogger doch tatsächlich "Schweinchen Schlau" genannt haben soll ('da kann man ja mal wieder sehen, wie diese Blogger so sind!'), der war mir bisher eher als Hausautor des Spiegel und des Tagesspiegel bekannt. Also als ein Journalist und eher nicht als ein Blogger - macht aber nix: Was nicht passt, wird eben passend gemacht. Oder: So schnell geht das mit dem Rollentausch im modernen Qualitätsjournalismus.

3. Stefan Niggemeier, laut Spiegel jenes 'Schweinchen Schlau' aus dem Absatz zuvor, ist in den Medien eher als langjähriger Leiter des Medienressorts der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und als Grimme-Preisträger präsent. Seine gedruckten Artikel erscheinen immer noch regelmäßig in der FAS. Das Bloggen für das BildBlog und für sein Niggemeier-Blog kämen also zum ursprünglichen Brotjob nur hinzu. Auch er ist also Journalist, dem - im Gegensatz zu anderen - einiges von der Entwicklung hin zum Online-Journalismus schwant.

4. Mercedes Bunz, die nächste in der Runde der Spiegel-Kronzeugen, gründete das Holzmedium de:bug mit, sie war Chefredakteurin der Szene-Zeitschrift Zitty in Berlin und ist jetzt Online-Chefin des Tagesspiegel. 2005 hat sie ein eigenes Blog ins Netz gestellt. Auch hier finden wir - tätä! - eine hauptberufliche Journalistin vor.

Grund genug für den Spiegel, unter Rückgriff auf die bisher Genannten an dieser Stelle summarisch ein Zwischenfazit zu ziehen:

 

"So ungefähr schreibt und liest sich das im Netz. Polemisch bis rechthaberisch. Ein bisschen in Nebensächlichkeiten abgleitend. Persönliche Attacken werden immer gern genommen."

Klassischer Fall von Journalistenselbstbeschimpfung also. Schon geht's weiter im Spiegel mit den "Amateuren" und ihrem "Nischenprodukt":

5. Christoph Schultheis, ein 'Berliner Journalist' und Mitbetreiber des BildBlog, ist der nächste im Reigen, der vor vier Jahren von sich selbst sagt, dass "ich ... mich in der "Blogger-Szene" wirklich nicht aus[kenne]". Macht aber nix, beim Spiegel kommt heuer alles in die Wurst.

6. Don Alphonso, einer der vehementesten Kritiker des Gedankens überhaupt, von Blogs leben zu wollen, muss natürlich auch auf die Puppenbühne unserer drei Musketiere: Nur lebt dieser Mann vor allem vom gedruckten Journalismus, was er oft genug in seinen Blogs verkündet. Seine Null-Verdienst-These trägt ihm allerdings viel Ärger mit anderen ein, die das mit den Voraussetzungen für einen möglichen Euroregen im Netz gern etwas 'lockerer' sehen möchten. Jemandem aber vorwerfen zu wollen, er verdiene mit seinem Blog ja gar nichts, obwohl er bewusst damit nichts verdienen will, das ist schon eine Spur skurriler, als uns der Spiegel allwöchentlich schon erscheint.

7. Jan Schmidt dann fällt tatsächlich aus dem Rahmen: Er ist hauptberuflich ein Soziologe und Medienforscher am Hamburger Hans-Bredow-Institut. Dem aber auch der traditionelle Wissenschaftsjournalismus nicht fremd ist. Er bildet in Deutschland gewissermaßen einen der publizistischen Transmissionsriemen für die Übermittlung digitaler Sachverhalte in die unbedarfte Welt der Holzmedien hinein.

8. Wolfgang Lieb, der Ex-Regierungsprecher von Johannes Rau, wird mit seinen ' Nachdenkseiten ' als nächstes herangezogen. Ein Pressesprecher also. Der andere Erwähnte ist Albrecht Müller, Ex-Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit bei der SPD. Beides nicht eben journalismusferne Berufe - auch wenn die INSM-gepolten Spiegel-Leute hier mit gerümpfter Nase befinden, dass die Inhalte dieser neuen Medien doch streng nach Opas alten Socken müffelten: Das seien röhrende Hirsche der Journalistik, "Leitartikel für den Hausgebrauch".

9. Stefan Herre ist, wie wir noch sehen werden, der einzige 'Ausreißer' in unserer Spiegel-Liste. Von Beruf ist der bekennende Islamophobe und PI-Mann ein Sportlehrer.

10. Jens Berger arbeitet wiederum als Öffentlichkeitsarbeiter für einen kommunalen Versorger, wo er von 9.00 bis 17.00 Uhr an alles denken darf, nur nicht ans Bloggen. Auch diese Arbeit ist nichts Journalismusfremdes - im Gegenteil, auf den ausgelatschten Wildwechseln vom Journalismus in die PR-Arbeit wächst bekanntlich nirgendwo ein Hälmchen Gras.

Mit Ausnahme der amerikanischen Gegenwelt, welche unsere 'drei Spieglein' als Kontrastfolie zur deutschen Situation im Hintergrund entrollen, haben wir nun alle Namen des Artikels strikt der Reihe nach abgehandelt. Selbst zur glorifizierten 'Huffington Post' lässt sich sagen, dass hier einer schwerreichen Ölmagnatin angesichts der gleichgeschalteten US-Presse in Irakkrieg-Zeiten der Kragen platzte: Sie griff sich ein paar Dutzend 'Hired Pens' und stellte eine Zeitung ins Netz, die als Start-up gleich über ein paar Millionen Dollar 'Venture-Capital' verfügte. Vergleichbar wäre die Situation in Deutschland, wollte eine Maria Furtwängler ihrem Hubert Burda ebenfalls ein paar Millionen aus den Rippen leiern, um vielleicht im Netz mit Hilfe von 20 Journalisten gegen das demokratieferne Politikverständnis unserer Vereinigten INSM-Parteien zu polemisieren - oder gegen die verkrusteten Strukturen in der Medienlandschaft. Was solche politischen Schlachtschiffe aber mit Mikromedien zu tun hätten, wie es Blogs nun mal sind, das erschließt sich mir nicht.

Alles in allem haben die drei Spiegel-Journalisten in ihrer Selbstreferentialität wiederum lauter Journalisten zitiert, und zwar, um 'Blogger' zu treffen. Das ist in meinen Augen schon ein komisches Verfahren. Besser wäre es vielleicht gewesen, sie hätten sich mal ein Politblog wie die 'Stationäre Aufnahme' angesehen, das in einer einzigen Woche mehr pharmazeutische, soziale und medizinische Fragen aufwirft, als unsere satte und bequeme Presse in ihrem Körbchen überhaupt noch zu verdauen vermag ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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