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01.07.11

Späte Quittung für Facebook: Wenn man Nutzer zu oft vor den Kopf stößt

Bei einem Blick auf die Reaktionen rund um Google+ fällt auf: Facebook fehlen unter den Early Adoptern die Fürsprecher, Google hat sie zahlreich. Es ist die späte Quittung für Facebooks wiederholte Fehltritte der Vergangenheit im Umgang mit den Nutzern.

 

Fanboy (Quelle: Flickr/Snazzo, CC-Lizenz)Wahrscheinlich erinnert ihr euch noch: In den ersten Jahren nach Facebooks Öffnung für die Allgemeinheit (anfänglich benötigten Mitglieder eine .edu-Mailadresse) galt das soziale Netzwerk nicht nur als unangefochtener Innovator im Netz, sondern auch als sympathisches Startup, das Dinge anders und besser machte als die bisherigen Anbietern wie MySpace oder die VZ-Netzwerke.

Doch irgendwann im Jahr 2009 begann sich die Stimmung zu wandeln (nach einem  einzelnen Faux Pas mit dem Werbeprogramm Beacon bereits im Jahr 2007 ). Denn mit zunehmender Größe war das US-Unternehmen bestrebt, seine wachsende Bedeutung auf Dauer zementieren und gleichzeitig die Grundlage für eine solide Monetarisierung legen zu wollen. Also griff es verstärkt zu Maßnahmen, die zwar die eigenen Ziele unterstützten, aber bei einem (kleinen, aber teilweise lautstarken) Teil der Nutzerschaft zu in ihren Ausmaßen variierenden Protesten führten.

Auf eine unpopuläre AGB-Änderung folgte das Verstecken des Abmelde-Links und der Versuch, Nutzer zu mehr öffentlichen Status-Updates zu drängen . Facebook praktizierte vermehrt den Bruch mit gängigen Konventionen, um neue Verhaltens- und Anwendungsmuster bei den Mitgliedern zu erwirken.

Diese Taktik sorgte zumindest bei mir für Misstrauen - besonders im Hinblick auf die immer heftigere Ausbreitung des Social Networks in alle Ecken des Webs. Eine Umfrage unter 320 Leserinnen und Lesern von netzwertig.com ergab, dass 65 Prozent die Entwicklung von Facebook tendenziell negativ beurteilten. Im April und Mai des vergangenen Jahres erreichte die Facebook-Kritikwelle ihren Höhepunkt und gab bei vielen Skeptikern den Wunsch nach einer Facebook-Alternative Nahrung (was unter anderem zu viel Aufmerksamkeit für diaspora führte).

All das geschah natürlich nicht unbemerkt von Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Seit den Ereignissen aus dem Frühjahr 2010 hat sich sein Unternehmen merklich zurückgehalten, was kontroverse und unpopuläre Entscheidungen betraf. Einzig bei den jüngst eingeführten, automatisierten Namensvorschlägen für Personen auf hochgeladenen Fotos kam es erneut zu einer Welle der Kritik - während sich andere aber (meines Erachtens nach grundlos) über die generelle Funktion echauffierten, lag die Vernachlässigung in meinen Augen primär in der (für Facebook typischen) schlechten Information seiner Nutzer über das Feature.

Obwohl es bei einer bewussten Auseinandersetzung mit dem Vorgehen von Facebook also eine ganze Reihe von Beschwerdepunkten gab, ist es dem Dienst aus Palo Alto ein ums andere Mal gelungen, die Proteste auszusitzen. Gelegentlich ließ es sich zwar zu Kompromissen hinreißen, aber insgesamt gelang es Facebook, nahezu jede seiner Entscheidungen trotz Widerstand durchzudrücken.

Heißt dies, dass der Facebook-Ansatz grundsätzlich von Erfolg gekrönt ist und ohne langfristige negative Konsequenzen bleibt? Bisher konnte man dies glauben. Doch die Ereignisse rund um den aufsehenerregenden Launch von Google+ zeigen, das dem nicht so ist.

Denn während auch viele engagierte Facebook-Kritiker trotzdem bei dem Social Network aktiv sind, tun sie dies wider Willen und nur mangels Alternative. Beobachtet man die fast durchweg positiven Reaktionen zu Google+ (z.B. hier , hier, hier und hier), wird deutlich: Facebook scheint bei Early Adoptern (nur diese bewegen sich derzeit bei dem nur mit Einladung zugänglichen Google+) so gut wie keine Fürsprecher mehr zu besitzen.

Mir sind in den letzten Tagen nur wenige Aussagen begegnet, die sich verteidigend für Facebook einsetzen - stattdessen sehr viele, die Google+ und die Tatsache, endlich nicht allein auf Facebook angewiesen zu sein (oder es alternativ gar nicht mehr besuchen zu müssen), bejubeln.

Facebook erhält jetzt die verspätete Quittung für sein die User nicht immer hinreichend ernst nehmendes Handeln: Ihm fehlen bei den "Tech-Geeks" die sprichwörtlichen "Fanboys" und "Fangirls". Google hat diese zu Hauf. Und auch wenn es sich bei der angesprochenen Nutzergruppe um einen Mini-Teil der 700 Millionen Facebook-Mitglieder handelt, so könnte sie durch ihre dauerhafte Aktivität bei Google+ die Grundlage für das Einleiten von Netzwerkeffekten legen.

Hieße ich Mark Zuckerberg, wäre ich beunruhigt - unabhängig davon, wie sich Google+ machen wird. Ich würde alles dafür tun, um mit einer glaubwürdigen Charme-Initiative das Vertrauen von Tech-Multiplikatoren und -Meinungsführern zurückzugewinnen. Falls es dafür nicht zu spät ist.

(Foto: Flickr/Snazzo, CC-Lizenz)

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