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18.07.11

Soziale Beziehungen im Web: Auf der Suche nach der perfekten Vernetzung

Webplattformen, die Nutzer miteinander in Kontakt bringen, bauen auf unterschiedliche Ansätze zur Abbildung von Beziehungen und Schaffung von Interaktion. Nach dem perfekten System wird noch gesucht.

 

Illustration: stock.xchngDas Erscheinen von Google+ und dessen Einsatz eines erweiterten Followerprinzips zur Kontaktverwaltung und Möglichkeit des granularen Publizierens von Inhalten hat die Debatte über das perfekte Vernetzungssystem für soziale Netzwerke angeheizt.

Alle Freunde, Verwandten, Bekannten und Kollegen in einen Topf zu werfen, ignoriert die unterschiedlichen Ebenen realer sozialer Beziehungen, so das Argument der Befürworter neuartiger Systeme zur Kategorisierung der Kontakte bei Social-Web-Diensten.

In diesem Beitrag blicken wir auf die wichtigsten Ansätze zur Abbildung von Beziehungen im Netz sowie ihre Vor- und Nachteile:

Symmetrisches Freundschaftsprinzip

Das symmetrische Freundschaftsprinzip ist die traditionelle Form des Knüpfens von Kontakten zwischen Usern im Netz. Die meisten klassischen sozialen Netzwerke verwenden diese Lösung, bei der sich zwei Anwender gegenseitig als "Freunde" akzeptieren müssen, bevor sie eine stetige Interaktion miteinander eingehen können und gegenseitigen, umfangreichen Profilzugriff erhalten. wer-kennt-wen.de, studiVZ sowie Facebook sind einige der Anbieter, die für die Vernetzung von Individuen auf das symmetrische Freundschaftsprinzip bauen.

  • Vorteile: hohe Kontrolle für Nutzer darüber, wem sie Zugriff auf ihre Inhalte geben, eher gute Eignung für das Teilen von Privatangelegenheiten
  • Nachteile: wenige Interaktionsmöglichkeiten ohne gegenseitige Freundschaftsbestätigung; Gefahr, dass alle "Freunde" in einen Topf geworfen werden; falsche Grundannahme, dass beide "Freunde" einander gleich wichtig sind

Einfaches asymmetrisches Followerprinzip

Dieser Ansatz erfordert keine gegenseitige Kontaktbestätigung. Stattdessen abonniert ein Nutzer ALLE Inhalte eines anderen Users, ohne das Letzterer dafür explizit eine Freigabe erteilen muss und ohne dass er gezwungen ist, seinem "Follower" im Gegenzug ebenfalls zu folgen. Twitter gilt als der Erfinder des asymmetrischen Followerprinzips. In den letzten Jahren wurde dies jedoch von allerlei Webservices implementiert, so zum Beispiel vom Frage-Antwort-Portal Quora, der Bücher-Community LovelyBooks oder der Social-Media-Plattform Mashable.

  • Vorteile: sofortiger Zugang zu Inhalten abonnierter User, Berücksichtigung des einseitigen Interesses an Personen (ich folge Person A, die mir aber nicht folgt),
  • Nachteile: geringe Kontrolle darüber, wer Zugriff auf die eigenen Inhalte hat; fehlende Möglichkeit zum granularen Sharing von Inhalten; dadurch ungeeignet für die Veröffentlichung von nur für wenige ausgewählte Empfänger bestimmten Informationen.

Komplexe asymmetrische Followersysteme

Der Grundgedanke bei komplexen asymmetrischen Followersystemen ist dem des einfachen Followerprinzips ähnlich: Nutzer sollen Zugriff auf Inhalte anderer Anwender erhalten, ohne dass dazu ein gegenseitiges Einverständnis gegeben werden muss. Allerdings wird das von Twitter bekannte Ein-Kanal-System, bei dem jeder Tweet für alle Abonnenten zugänglich ist, auf unterschiedliche Weise modifiziert.

Google+ und diaspora animieren Anwender, ihre Kontakte in Gruppen zu kategorisieren (z.B. "enge Freunde", "entfernte Bekannte", "Kollegen"). Publizieren User anschließend ein Status-Update, wählen sie aus, welche Gruppen dieses zu Gesicht bekommen sollen. Beliebige andere Nutzer können einem dann zwar im Twitter-Stile folgen, sehen jedoch nur die Inhalte, die explizit für sie über die Einsortierung in eine oder mehrere Gruppen zugänglich gemacht oder vom Absender bewusst uneingeschränkt mit der Option "öffentlich" ins Netz gestellt wurden.

Der Vorteil dieses Verfahrens liegt auf der Hand: User können sehr einfach und von Fall zu Fall bestimmen, wer ihre Äußerungen, Links, Videos und Fotos einssehen kann, und tragen damit der Tatsache Rechnung, dass Verwandte ein anderes Interesse an einem haben als Geschäftspartner oder lose Bekannte. Gleichzeitig steht jedem Interessenten die Option offen, zum Follower zu werden.

Allerdings bleibt auch diese Methode nicht ohne Schwächen: Das Einsortieren von Kontakten in Schubladen ist aufwändig, zudem verändern sich die Grade und Intensitäten von Beziehungen im Zeitverlauf, was ständiges Nachjustieren erfordert. Hinzukommt das Problem der Komplexität sowie einer gewissen Bevormundung anderer User. Statt ihnen die Entscheidungsfreiheit darüber zu geben, was sie von mir lesen wollen, bestimme ich im Vorfeld, was sie in meinen Augen interessiert und was nicht.

Michael Seemann macht diesbezüglich einen in der Theorie sehr konstruktiven Vorschlag: Statt Circles könnte Google+ seinen Mitgliedern anbieten, so genannte Channels einzurichten (z.B. "Privates", "Katzenfotos", "Geschäftliches", "coole Musik"). Andere User hätten dann ausgehend von ihren eigenen Präferenzen die Möglichkeit, zu entscheiden, welche dieser Kanäle sie abonnieren möchten.

Mit Channels als Ergänzung zu Circles (die Google wohl kaum wieder abschaffen wird) würde aus Google+ jedoch endgültig ein Netzwerk, dessen Dynamik nur noch Nutzer mit einem abgeschlossenen Studium nachvollziehen könnten. Deutlich vielversprechender erscheint mir die Idee, dass Twitter sich von einem Ein-Kanal- zu einem Mehr-Kanal-Dienst entwickelt.

Immerhin steht der Microblogginganbieter seit dem Launch von Google+ unter einem gewissen Druck und wird mitunter schon als langweilig bezeichnet . Indem Twitter es seinen Usern erlaubt, ihre Tweets an einzelne, individuell abonnierbare Kanäle zu senden, könnte es einen längst fälligen Evolutionsschritt einleiten und sich einen nützlichen Konkurrenzvorteil gegenüber Google+ verschaffen.

Fazit

Bei einer Befragung von 1000 im Umgang mit modernen Social-Web-Angeboten versierten Internetanwendern gäbe es sicher Dutzende weitere Vorschläge für komplexe asymmetrische Followersysteme. Gemein haben sie alle, dass sie dem symmetrischen Freundschaftsprinzip von Facebook & Co auf dem Papier zwar haushoch überlegen zu sein scheinen, in der Praxis aber diverse Nebenwirkungen mitführen und sich nicht in einem Satz zusammenfassen lassen.

Zumindest bisher galt im Netz jedoch der Grundsatz: Die bei der breiten Masse erfolgreichsten Anwendungen sind die, die sich mit wenigen Worten erläutern lassen.

(Illustration: stock.xchng)

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