<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

15.05.14Leser-Kommentar

Social Reading: Warum Amazon erste Adresse für gemeinsames Lesen sein sollte, es aber nicht ist

Bislang hat Amazon es versäumt, E-Book-Lesern ein komfortables, benutzerfreundliches Netzwerk zum gemeinsamen Lesen anzubieten. Mit der Integration von Goodreads geht es zwar voran, trotzdem gibt es Grund zur Skepsis. Denn die Stärken des Unternehmens liegen nicht im Software- und Interface-Bereich.

ReadingAmazon sollte das Segment des "Social Reading" übernehmen und seine Kindle-Dienste mit einem ausgefeilten sozialen Netzwerk ergänzen, das es Lesenden erlaubt, rund um herausragende Zitate und Absätze in Büchern mit anderen zu interagieren. Das schreibt Marcel Wichmann in einem Blogbeitrag. Wichmann war einer der Köpfe hinter dem aus Hamburg stammenden Startup Quote.fm, das die Kollaboration und das Austauschen rund um spezifische Textabschnitte von Onlinetexten etablieren wollte. Leider mussten diese Pläne wegen Geldmangels auf Eis gelegt werden, seitdem altert der an eine Agentur abgetretene, aber weiter gepflegte Dienst im Web vor sich hin. Wichmann bezieht sich in seinen Darlegungen auf die offensichtlichen Probleme, mit denen Social-Reading-Startups konfrontiert werden, nämlich dass die Inhalte - und hier in erster Linie die Buchtitel - von den Usern selbst beschafft werden müssen. Das stellt eine Schwäche sowohl aus Usability-Gesichtspunkten als auch für das Geschäftsmodell dar, wie jüngst der Gründer des von Dropbox übernommenen E-Book-Dienstes Readmill bei uns im Interview erklärte. Daraus resultiert die Konsequenz, dass idealerweise derjenige die besten Voraussetzungen für eine gelungene Social-Reading-Applikation mitbringt, bei dem Anwender die Inhalte - die Bücher - gleich "mitgeliefert" bekommen.

Nach dieser Logik ist Amazon eigentlich der perfekte Kandidat. Das findet auch Wichmann, der in seinem Beitrag eine soziale Lese-Funktionalität für den Kindle sowie dessen mobile Apps skizziert. Selbst wenn ein derartiger Ausbau des Kindle-Netzwerks nicht unmittelbar umsatzfördernde Auswirkungen für den Internetriesen hätte, so glaubt Wichmann, dass Amazon sich damit langfristig ein erhebliches Potenzial erschließen könnte. Und schließlich habe Amazon ja mit Talenten und viel Geld gute Voraussetzungen.

Beim Lesen dieser Aussage wurde ich stutzig. Stimmt das überhaupt? Ist die Beschreibung von Amazon als Unternehmen, das in Geld schwimmt und die besten Mitarbeiter beschäftigt, tatsächlich korrekt? Es existieren Indizen, auf deren Basis man dies in Frage stellen muss.

(K)ein Ort für Talente?

Klar, die Attraktivität der Firma aus Seattle bei Studienabgängern ist hoch, wie Studien zeigen. Doch wer es einmal auf die Gehaltsliste geschafft hat, der wird mit einer Organisation konfrontiert, die nach anderen Methoden agiert als die der ein paar hundert Meilen südlich gelegenen Onlineunternehmen der Bay Area. Berichte über hohen Druck, eine "darwinistische Atmosphäre" und fehlende, ansonsten in der Branche übliche Annehmlichkeiten wie kostenfreie Verpflegung zeichnen das Bild einer Firma, bei der das Wohl der Mitarbeiter dem der Kundschaft untergeordnet wird. Und es geht hier nicht um die Lagerarbeiter. Im Mittel bleiben Angestellte nur ein Jahr in der Firma. Ein extrem niedriger Wert - wobei Google kaum besser abschneidet. Dafür würden allerdings 91 Prozent der Google-Mitarbeiter das Unternehmen Freunden als Karrieremöglichkeit empfehlen, wie der Bewertungsdienst Glassdor zeigt. Bei Amazon sind es nur 65 Prozent. Auch Apple, Microsoft und Yahoo schneiden besser ab. Weit hinter Amazon landet dagegen Groupon mit nur 44 prozentiger Empfehlungsquote.

Es bleibt festzuhalten: Ob die besten Talente wirklich zu Amazon gehen und dort lange genug ausharren, um innovative Produktinitiativen über den Lebenszyklus hinweg vorantreiben zu können, ist eher fraglich.

Auch was das für Forschung, Entwicklung und Innovation abseits der strategischen Kernbereiche verfügbare Kapital angeht, spielt Amazon in einer weniger mächtigen Liga als die in Barreserven schwimmenden Rivalen Apple und Google. Gründer und CEO Jeff Bezos ist bekannt für seinen extrem langfristig ausgelegten Profitabilitätsfokus. Die knappen Margen und der strategisch bewusst gewählte Verzicht auf Gewinn haben zur Folge, dass Amazon bei außerordentlichen Investments deutlich stärker aufs Geld schauen muss. Einige Milliarden liegen zwar auf der hohen Kante, sind aber im Prinzip nur "geborgtes" Kapital der Warenlieferanten, deren lange Zahlungsziele es dem Unternehmen ermöglichen, die Umsätze aus dem Shopgeschäft für einige Zeit "zwischenzuparken".

Freilich würde die Lancierung eines ausgereiften Social-Reading-Produkts gar nicht so viel Kosten, weshalb die finzielle Situation des Konzerns bei dieser Betrachtung keine entscheidende Rolle spielt. Dennoch hilft es bei der Einordnung der Aktivitäten (oder der unterlassenen Aktivitäten), die entscheidenden Unterschiede zwischen Amazon und bekannten Playern im Internet-Software-Geschäft zu sehen.

Goodreads bietet Hoffnung

Dass Amazon bisher Social Reading nur halbherzig angegangen ist (immerhin gibt es eine Integration des 2013 übernommenen Bücher-Netzwerks Goodreads in das Kindle-Ökosystem - allerdings nur in Nordamerika und Australien), ist vielleicht mit dem andersartigen Selbstverständnis und Schwerpunkt des umtriebigen Online-Mischkonzerns zu erklären. Überwältigende User Experience und große Sprünge im Software-Bereich waren noch nie die Stärke des Unternehmens. Handel, Logistik und technische Infrastruktur sind die Königsdisziplinen, angetrieben von Bezos' tief in der Amazon-DNA verwurzelter Sparsamkeit. In einem derartigen Umfeld einen gigantischen Onlinehändler und Cloudgiganten zu errichten, der nebenbei noch einen Fuß im Hardware-Geschäft hat, ist etwas anderes, als eine kreative Stimmung voraussetzende, emotional aufgeladene und politierte Softwareprodukte auf den Markt zu bringen, die User in Staunen versetzten. Amazon steht für kompromisslosen Pragmatismus. Bestimmte Dienste-Arten und Bedürfnisse sind damit weniger kompatibel. Aber vielleicht schafft es Amazon ja mit Hilfe des Goodreads-Teams, die Hindernisse zu überkommen. Sofern es dies hinreichend lange im Unternehmen halten kann. /mw

Grafik: Looking at Social Medial Page on a Smart Phone, Shutterstock

Kommentare

  • pitbull

    16.05.14 (19:06:29)

    Wie seltsam Amazon / Kindle operiert, wird vielleicht auch dadurch erhellt : - Als KindleAutor muss ich mir mein eigenes eBook KAUFEN - blöd - Im AutorenVerzeichnis der eBooks bin ich nicht vertreten, nur in der Suche des KindleShop - lächerlich - Das KDP=KindleDesktopPublishing ist sooo einfach nicht, wie vielleicht vermutet; die bemühten SelfPublisher sollten vielleicht netter hofiert werden ...

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer