<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

12.01.10

Social Networks: Facebooks Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen

Facebooks Auswirkung auf Dating und Beziehungsleben können nicht überschätzt werden. Eine Bestandsaufnahme.

KussMit über 350 Millionen Mitgliedern spielt Facebook für den Alltag vieler Menschen eine immer größere Rolle. Entsprechend intensiv werden allerorts die Konsequenzen diskutiert, welche die Ausbreitung des Social Networks mit sich bringt. Meist stehen Fragen zu Datenschutz und Privatsphäre, zu den Auswirkungen auf die Werbe- und Medienindustrie oder zur angeblichen sozialen Isolierung durch zu intensives Netzwerken im "Cyberspace" im Vordergrund.

Besonders spannend und wichtig ist in meinen Augen jedoch ein anderer, weniger häufig debattierter Aspekt, nämlich die Folgen der Verbreitung von Facebook (und anderer, ähnlicher sozialer Netzwerke) auf zwischenmenschliche Beziehungen. Facebook greift tief in die kommunikativen und psychologischen Vorgänge ein, die sich von der Anbahnung über das Bestehen bis hin zum Ende von Liebesbeziehungen abspielen.

Es lassen sich grundlegende Veränderungen der bisher gültigen Prozesse im Dating- und Beziehungsbereich beobachten, ausgelöst von den neuen technischen Möglichkeiten, die Facebook seinen Nutzern bereitstellt, um miteinander zu kommunizieren - und sich gegenseitig zu überwachen.

Als "Post-Breakup Facebook Effect" - also ungefähr "Facebook-Effekt nach dem Beziehungsende", bezeichnete Nick O'Neill bei All Facebook kürzlich das, was verstärkt zu beobachten ist, wenn (vorrangig weibliche) Facebook-Nutzer ihren Beziehungsstatus von "In einer Beziehung" auf "Single" ändern: Damit verkünden sie nicht nur offiziell und für alle Kontakte über den Newsfeed ersichtlich das Ende ihrer Beziehung, sondern ermöglichen zugleich (vorrangig männlichen) Kontakten, ihre Avancen zu machen und Interesse zu zeigen.

Quelle: All Facebook

Während sich früher die Kunde über das Aus einer Beziehung mit unterschiedlicher Geschwindigkeit im Freundes- und Bekanntenkreis herumsprach, kann dies heute blitzschnell geschehen. Gleichzeitig lassen heimliche Verehrer nicht sofort die Maske fallen, wenn sie ihr aufgeflammtes Interesse hinter einem Kommentar mit Beileidsäußerungen, einem auflockernden Witz oder einem frechen Spruch verstecken. Mit einem persönlichen Anruf, wie er vor der Social-Networking-Ära in einem solchen Fall notwendig gewesen wäre, hätten sie dagegen sofort alle Karten offengelegt (und Mut bewiesen).

So kann nach dem Tal der Tränen für Facebook-Nutzer die Welt auch ganz schnell wieder rosarot aussehen. Was natürlich erst dann richtig offiziell wird, wenn der Newsfeed verkündet, dass XYZ nun in einer Beziehung ist. Hat ein User dazu noch angegeben, wer der oder die Auserwählte ist, informiert Facebook auch darüber und verlinkt den Namen des Partners/der Partnerin mit dessen/deren Profil.

Danach beginnt ein neues, in meinen Augen kritisches Kapitel: In nicht wenigen Beziehungen gibt es Eifersucht. Häufig ist es nur ein Partner, ab und zu sind es beide. Und häufig zeigt sich dies erst nach einigen Monaten des Zusammenseins. In einer Welt ohne soziale Netzwerke würden die Beteiligten einander nachspionieren, Freunde über das Verhalten des Partners/der Partnerin ausfragen oder in seinem/ihrem Mobiltelefon nachschauen, mit wem per SMS oder Telefonat Kontakt aufgenommen wurde.

Dank Facebook & Co. aber können sich eifersüchtige Menschen in einer Beziehung nun ganz einfach dadurch verrückt machen, gelegentlich einen Blick auf die Profilseite der besseren Hälfte zu werfen. Dort analysieren sie ausgiebig, mit wem der Partner befreundet ist, bei welchen seiner/ihrer Freunde er/sie Kommentare hinterlässt und wer regelmäßig Einträge auf seiner/ihrer Pinnwand hinterlässt.

Das Problem hierbei: Während Seitensprünge und Untreue sich wahrscheinlich nur selten über Facebook aufdecken lassen, können aus völlig unbedeutenden Mücken große Elefanten werden. Wer regelmäßig den Partner oder die Partnerin bei Facebook stalkt, wird früher oder später potenziell zweideutige Einträge oder vermeintlich überfreundliche Kommentare entdecken und sich eine eigene Wahrheit zurechtreimen. Wie groß das Risikopotenzial hinter dem gegenseitigen Partner-Stalking ist, variiert sicher von Paar zu Paar. Gerade für eifersüchtige Personen heißt Facebook jedoch, gegen die ständige Versuchung einer Überwachung des Freunds oder der Freundin anzukämpfen.

Vor einem Jahr wurde bekannt, dass ein Mann  seine Frau ermordet hat , nachdem sie auf Facebook ihren Beziehungsstatus von "verheiratet" in "Single" änderte. Auch wenn es sich dabei um ein Extrembeispiel handelt, so sehe ich durchaus die Gefahr, dass Paare einen Teil ihrer Kommunikation nicht mehr verbal, sondern indirekt über Facebook abwickeln, und dass das zu Missverständnissen führt. Statt Probleme anzusprechen, beobachten sie lieber weiter heimlich, was der Partner oder die Partnerin online macht und mit wem sie kommuniziert. Ein gutes Fundament für eine glückliche Beziehung ist dies sicherlich nicht. Laut diesem Medienbericht spielt bereits in 20 Prozent der Scheidungsanträge, die bei einer britischen Kanzlei eingehen, Facebook eine gewisse Rolle.

Während ich Social Networks als große Bereicherung für das soziale Leben schätze und Mutmaßungen über die negativen Auswirkungen der digitalen Kommunikation (Stichwort Vereinsamung) für maßlos übertrieben halte, sehe ich für Paare in der Verzahnung von Beziehung und Social Networking bestimmte Risiken.

Mein persönlicher Ansatz, um es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, ist daher, gemeinsam mit der Partnerin festzulegen, sich gegenseitig nicht bei Facebook oder ähnlichen Networks/Communities hinzuzufügen. Meine Freundin und ich sind nicht bei Facebook verbunden, und meine Erfahrungen damit sind sehr gut.

Wie handhabt ihr Facebook und Beziehungen? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

(Foto: stock.xchng)

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer