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15.11.13Leser-Kommentare

Snapchat und die "Press and hold"-Geste: Kleine Funktion mit großer Bedeutung

Snapchat lässt Investoren vom nächsten großen Ding träumen und beunruhigt den Wettbewerb. Mitverantwortlich für die aktuelle Euphorie ist eine scheinbar triviale Navigationsgeste, die künftigen Werbekunden die Aufmerksamkeit der Zielgruppe regelrecht garantieren könnte.

Wer in dieser Woche die internationale Technologiepresse verfolgt hat, der wird wissen, dass der Gründer der US-amerikanischen Foto- und Video-Sharing-App Snapchat ein Übernahmeangebot von Facebook in Höhe von sagenhaften drei Milliarden Dollar ausgeschlagen haben soll. Beachtlich ist einerseits die anscheinend feste Überzeugung des Snapchat-Machers Evan Spiegel, aus der App ein ganz großes Ding machen zu können, und andererseits die Tatsache, dass sowohl Firmen als auch Investoren die App mit mehreren Milliarden Dollar bewerten. Zuletzt schwirrte sogar eine Summe von vier Milliarden Dollar durch die Medien. Zu Erinnerung: Snapchat hat keine konkreten Monetarisierungspläne und in den USA geschätzte 26 Millionen Nutzer, darunter ein Großteil junger Anwender. Noch zur letzten Finanzierungsrunde im Sommer bewerteten Geldgeber das im September 2011 lancierte Startup mit "nur" 860 Millionen Dollar. Snapchats Alleinstellungsmerkmal sind sich (nicht garantiert) selbstzerstörende Fotos und Videos. Erstmals größere Aufmerksamkeit erhielt der Dienst Ende vergangen Jahres.

In diesem Artikel soll es aber nicht darum gehen, ob der in Los Angeles ansässige Newcomer jemals in der Lage sein wird, die mit den hohen Einsätzen von Investoren und interessierten Käufern verbundenen Erwartungen zu erfüllen, und auch nicht darum, ob die Ereignisse um Snapchat als Zeichen für eine Spekulationsblase zu werten sind. Stattdessen möchte ich den Aspekt ins Rampenlicht rücken, der abseits von der allgemeinen Symbolisierung Snapchats als jugendlicher Facebook-Killer die Fantasien der Geldgeber beflügelt. Verantwortlich dafür ist laut diesem Bericht von All Things D ein ganz kleines, auf den ersten Blick trivial wirkendes Detail: Werbemöglichkeit mit Aufmerksamkeitsgarantie

Um ein ihnen zugesandtes Foto oder Video betrachten zu können, müssen Snapchat-Nutzer ihren Finger auf den Bildschirm des Smartphones drücken und dort halten. Dieses Feature soll das Anfertigen von Screenshots verhindern - eine Praxis, die den Grundgedanken von sich nach maximal zehn Sekunden selbst zerstörenden Fotos oder Videos konterkarieren würde. Doch augenscheinlich birgt es auch erhebliches wirtschaftliches Potenzial. Denn in dem Augenblick, in dem User mit ihrem Daumen das Display berühren, ist die Wahrscheinlichkeit eines bewussten Blicks auf den Bildschirm größer als bei jeder anderen aktuell in sozialen Netzwerken anzutreffenden Werbeform.

Dass User Anzeigen im Umfeld von Facebook, Twitter, Instagram oder YouTube wirklich zur Kenntnis nehmen, dafür gibt es genauso wenig eine Garantie wie bei Werbespots im Fernsehen oder bei Plakatwerbung im U-Bahnhof. Snapchats erzwungenes "Press and Hold"-Feature dagegen ließe Anwendern in der Theorie gar keine andere Wahl, als sich kurz eine vor ein empfangenes Foto platzierte Anzeige anzuschauen. Auch wenn das Unternehmen keine konkreten Pläne in diese Richtung kommuniziert hat, hilft diese Eigenheit bei der Einordnung darüber, wieso Wagniskapitalgeber sich so zu dem kalifornischen Dienst hingezogen fühlen. Gesetzt den Fall, dass der Service seine noch relativ überschaubare Community bei Laune halten und kontinuierlich neue Anwender für sich gewinnen kann, so verspricht Snapchat besonders lukrative Einnahmen aus einer Werbemöglichkeit, die Anzeigenkunden die Aufmerksamkeit der Zielgruppe nahezu garantieren könnte - und ist deshalb für die Big Player im Webgeschäft so viel wert.

Kleine Features mit großer Bedeutung

Es ist ein in der Geschichte von Internetdiensten wiederkehrendes Phänomen, das sich kleine, scheinbar beiläufige Komponenten des Gesamtkonstrukts als eine oder gar die tragende Säule des Erfolgs entpuppen und in manchen Fällen Verhaltensmuster der Anwender nachhaltig prägen und verändern. Als Mark Zuckerberg Anfang 2009 den Like-Button erstmals innerhalb von Facebook einführte, ahnte noch niemand, was er damit auslösen würde: Vier Jahr später kommt kaum noch eine soziale App ohne die Option zum Favorisieren von Inhalten aus. Facebook und Instagram, ohne dass man Content anderer Nutzer liken kann? Unvorstellbar. Ich gehe so weit zu behaupten, dass beide Anbieter ohne den Like nie ihre heutige Popularität erreicht hätten. Dabei handelt es sich um eine so simple Aktivität. Doch diese Ein-Klick-Geste beschert aktiven Usern ein permanentes Gefühl der Selbstvalidierung in Form von Favorisierungen ihres Contents durch Freunde -  eine der treibenden Kräfte hinter der Nutzung von Social Networks. Gleichzeitig liefert sie Facebook wertvolle Informationen über Präferenzen und Interessen der User, die sich in Werbeumsätze ummünzen lassen.

Auch für die momentan rasant wachsende US-Dating-App Tinder erwies sich die Integration einer ganz speziellen Geste als besonderer Erfolgsfaktor: das Wischen mit dem Finger entweder nach links oder nach rechts, je nach dem, ob einem die gerade auf dem Smartphone gezeigte Person optisch zusagt oder nicht. Signalisieren zwei User Interesse aneinander, erhalten sie eine Benachrichtigung und können miteinander in Kontakt treten. Ein effektiver Mechanismus, der auch bei anderen Dating-Apps wie Badoo oder Down (ehemals "Bang with Friends") in ähnlicher Form zum Einsatz kommt. Dass Tinder es im überfüllten Datingsegment gelungen ist, zumindest in den USA zum Synonym für unkompliziertes mobiles Flirten zu werden, ist maßgeblich auf die Usablity und speziell auf den nicht mehr als einen Minimalaufwand erfordernden  Swipe-Mechanismus zurückzuführen.

Nachahmer nicht ausgeschlossen

Manche Onlineservices stoßen auf die geheime Formel, die ihr Angebot ein großes Stück voran bringt, durch längeres Experimentieren, so wie Facebook. Andere bringen die wichtigsten Zutaten bereits zum Debüt mit, entweder als Konsequenz zuvor gemachter Erfahrungen oder durch Zufall - wie Instagram oder Tinder. Ob der 23-jährige Snapchat-Gründer Evan Spiegel schon während der Konzeption seiner Entwicklung ahnte, dass der einen entscheidenden Baustein des Produkts darstellende "Press und Hold"-Zwang eines Tages die Bereitschaft von Investoren zum Ausstellen gigantischer Schecks erhöhen wurde, ist unklar. Heute, gut zwei Jahre später, hat er nicht nur diese Gewissheit. Es zeigt sich auch, dass Snapchat-User Gefallen an dem Verfahren finden: Über 350 Millionen pro Tag versendete "Snaps" (Fotos und Videos) sprechen eine deutliche Sprache.

Angesichts dieser Entwicklung bin ich gespannt, ob bald auch andere mobile Applikationen das dauerhafte Halten des Fingers auf dem Display als Navigationsgeste einsetzen werden. /mw

Kommentare

  • @pramesan

    20.11.13 (11:24:00)

    "Angesichts dieser Entwicklung bin ich gespannt, ob bald auch andere mobile Applikationen das dauerhafte Halten des Fingers auf dem Display als Navigationsgeste einsetzen werden." Tap&Hold wurde doch schon bei Vine und Instagram Video kopiert...

  • Thassilo Vogt

    25.11.13 (20:37:03)

    Sehr schöne Beobachtung mal wieder, Martin! Habe die von Tinder etablierte Wisch-Geste erst am Wochenende bei der neuen Potluck App wieder entdeckt. Das Pattern, hier in einem ganz anderen Kontext, Potluck ist eine News App, scheint sich also zu etablieren. Und vielleicht gelingt es den Machern damit auch im überfüllten News-Bereich aufzufallen.

  • Martin Weigert

    25.11.13 (20:37:09)

    Danke :) Lohnt sich die neue Potluck-App?

  • Thassilo Vogt

    26.11.13 (15:55:05)

    Aus Usability-Sicht allemal spannend. Inhaltlich steht und fällt es mit deinem Freundeskreis dort, so erhalte ich größtenteils 'Editor's picks'. Mangels Verbreitung ist das damit (aktuell) eher ein weiterer Kanal – als ein wirklich relevanter.

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