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17.12.12

Snapchat: Der letzte Startup-Hype des Jahres

Mit dem Smartphone aufgenommene Fotos und Videos, die sich innerhalb von einigen Sekunden selbst zerstören? Was seltsam und sinnlos klingt, trifft den Nerv vieler vor allem junger Nutzer, wie das US-Startup Snapchat gerade beweist.

Wie es aussieht, darf sich die schnelllebige Webszene kurz vor dem Jahreswechsel nochmal einem kleinen oder womöglich auch größeren Startup-Hype hingeben. Die Art, wie die iOS- und Android-App Snapchat wie aus dem Nichts in den Fokus aller reichweitenstarken US-Techmedien gerückt ist, erinnert an die plötzliche Aufmerksamkeit für Pinterest vor einem Jahr. Denn wie der Bilder-Bookmarking-Service damals hat auch die Foto-App aus Los Angeles bereits eine rege Anwenderschaft, bevor sie nun höchste redaktionelle Priorität bei den US-Blogs erhält. Wobei es in den vergangenen Monaten schon den ein oder anderen Bericht gab, unter anderem bei TechCrunch und im Bits-Blog der New York Times.

Snapchat erlaubt es Nutzern, Fotos mit eingebautem Selbstzerstörungsmodus an ihre Kontakte zu schicken - und seit Freitag auch kurze Videoclips. Die Sichtbarkeit jedes Schnappschusses muss begrenzt werden, mindestens eine Sekunde und maximal zehn Sekunden kann das Bild dem oder den Empfängern sichtbar gemacht werden. Um ein empfangenes Foto zu öffnen, muss der Finger auf die dazu eingehende Nachricht gehalten werden, wodurch die Anfertigung eines Screenshots erschwert wird. Gelingt dies doch, bekommt der Absender eine Benachrichtigung, kann aber nichts dagegen tun.50 Millionen verschickte Bilder pro Tag

Klingt vollkommen verückt und überflüssig? Das war auch mein erster Gedanke, als ich im Mai erstmalig von Snapchat hörte. Doch die aktuellen Erfolgsmeldungen von dem 2011 von Bobby Murphy und Evan Spiegel gegründeten Startup belegen, dass dieses eigenwillige Konzept einen Nerv trifft: 50 Millionen "Snaps" werden mittlerweile täglich über die App verschickt. Zum Vergleich: Auf den Instagram-Servern landen vergleichsweise bescheidende fünf Millionen Fotos täglich, Facebook-User laden mit 300 Millionen täglich rund sechsmal so viele Bilder hoch. Zwar sind "Snaps" angesichts ihres schnellen Ablaufdatums bezüglich der Bildqualität und Motive nicht vergleichbar mit Instagram- und Facebook-Uploads, dennoch illustriert der Wert, wie popular Snapchat bereits ist - und zwar laut Google Trends vor allem in den USA, Norwegen, Dänemark und Australien. Forbes bezeichnete Snapchat Ende November als die "größte, keine Umsätze produzierende Foto-App seit Instagram".

Dass sich die Kunde von Snapchat in den nächsten Wochen und Monaten im Eiltempo rund um den Globus und durch alle Onlineredaktionen verbreiten wird, darauf kann man angesichts der Eignung der Applikation für das besonders unter Teenagern verbreitete so genannte "Sexting", das mobile Versenden erotischer Bildern, wetten. Obwohl sich das Startup dagegen wehrt, als Sexting-Anwendung gesehen zu werden, und auch wenn manche Branchenbeobachter glauben, Snapchat sei ein Vertreter einer völlig neuen Form der Kommunikation, nicht nur ein Tool für Jugendliche und Liebhaber, um sich in Stimmung zu bringen, so werden sich die Kalifornier wohl damit abfinden müssen, diesen Ruf so schnell nicht loszuwerden. Eine Google-Suche nach "Snapchat + Sexting" führt zu 157.000 Resultaten.

Facebook baut sein eigenes Snapchat

In jedem Fall stehen die Investoren bei Snapchat Schlange. Unterdessen arbeitet Facebook laut einem Bericht von All Things D bereits an einer eigenen App im Snapchat-Stil. Der Launch soll noch 2012 erfolgen. Bedenkt man, dass der Entschluss zu einer derartigen Maßnahme bereits einige Zeit zurückliegen dürfte, so hat Facebook-Chef Mark Zuckerberg hier sehr schnell reagiert. Wahrscheinlich fehlt ihm nach Instagram und WhatsApp die Lust, noch einmal eine mobile App ungehindert international durchstarten zu lassen.

Snapchat selbst präsentiert sich äußerst spärlich und optisch wenig überwältigend. Dass man ein Video aufnehmen kann, indem man man den Aufnahme-Button einige Sekunden gedrückt hält, ist beispielsweise nicht sofort ersichtlich. Im Gegensatz zu WhatsApp und anderen Messagingapps werden User nicht zur Freigabe ihres Adressbuchs gezwungen, was Datenschützer zumindest in diesem Aspekt ruhig schlafen lassen wird.

Twitter hat uns gelehrt, dass anfänglich nutzlose Dienste ihr wahres Potenzial erst nach und nach entfalten können. Instagram hat uns gelehrt, dass Fotos und das Teilen dieser eine so wichtige Rolle im Leben von Menschen spielen, dass sie dazu sogar einen spezifischen Dienst neben ihrem bevorzugten sozialen Netzwerk zu nutzen bereit sind. WhatsApp hat uns gelehrt, dass eine App nicht besonders hübsch, sicher oder funktionsreich sein muss, um hunderte Millionen begeisterte Anwender zu finden. Bedenkt man all dies, so erscheint der Aufstieg eines Dienstes wie Snapchat gar nicht mehr so abwegig.

Macher anderer Foto-Apps dürften sich die Frage stellen, wieso nicht sie auf diese Idee gekommen sind. Genau das macht die Internetbranche so spannend: Viele Entwicklungen sind vorhersehbar. Bis plötzlich ein Akteur auf der Bildfläche auftaucht, mit dem niemand gerechnet hat. Was wiederum in recht regelmäßigen Abständen geschieht.

Link: Snapchat

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