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03.08.12

Smudoo: Der dubiose Badoo-Klon, der keiner ist

Derzeit erhalten Nutzer unaufgefordert Mails, die auf eine Datingplattform namens Smudoo aufmerksam machen. Was auf den ersten Blick nach einem deutschen Badoo-Klon aus der Feder eines bekannten Inkubators aussieht, entpuppt sich als Fassade.

Das Londoner Startup Badoo gehört zu den wenigen sozialen Netzwerken, denen es gelungen ist, neben Facebook fleißig Mitglieder zu akquirieren. Der Grund: Bei dem Service geht es nicht um die Vernetzung mit bestehenden Freunden und Bekannten, sondern um das Treffen mit fremden Personen. Badoo ist letztlich eine Datingplattform im Gewand eines Social Networks, und erfüllt deshalb andere Anwenderbedürfnisse als der blau-weiße Netzwerkriese. Dass weitere Anbieter versuchen würden, auf den Badoo-Zug aufzuspringen und eigene, weniger dem klassischen Muster von Flirtportalen entsprechende Plattformen zum Kennenlernen ins Netz zu hieven, war vorhersehbar.

Mit Smudoo gibt es für deutsche Nutzer einen derartigen Versuch. Zumindest entsteht sowohl optisch als auch hinsichtlich der Namenswahl der Eindruck, Assoziationen zu dem englischen Dienst seien beabsichtigt. Doch nach einem genaueren Blick wird klar: Es handelt sich nur scheinbar um einen Badoo-Nachahmer.

Unaufgeforderte E-Mail mit Verweis auf Smudoo

Auf Smudoo aufmerksam wurde ich durch eine Mail, die in meinem privaten E-Mail-Postfach eintraf und behauptete, eine Dame namens "Laura" hätte mir bei Smudoo eine Nachricht geschickt. Der darunter platzierte Link würde mich direkt zu meiner Mailbox führen, so das Versprechen. Das Problem: Ich kannte Smudoo bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht und besaß natürlich keine Mitgliedschaft bei dem Dienst. Dass an schnell steigenden Nutzerzahlen interessierte Social-Web-Services derartige Spam-Strategien einsetzen, ist nicht neu: Selbst Badoo fiel in der Vergangenheit durch solche Praktiken auf, ebenso wie der Pinterest-Klon Pinspire aus dem Hause Rocket Internet sowie erst dieser Tage der aus Hamburg stammende Datingservice meetOne.

Während die meisten Nutzer sich über derartige E-Mails zurecht ärgern dürften - immerhin hat ihnen Laura nicht wirklich eine persönliche Nachricht geschrieben - war meine Neugier geweckt. Mein erster Gedanke: Es könnte sich bei Smudoo um einen Badoo-Klon von Rocket Internet handeln. Je weiter ich Smudoo aber unter die Lupe nahm, desto weniger überzeugt war ich von dieser These.

Was zur Rocket-Masche passt: Ein ähnliches optisches Äußeres und Konzept wie ein etablierter Dienst, Parallelen bei der Namenswahl sowie fragwürdige E-Mail-Benachrichtigungen. Doch im Gegensatz zum Fall Pinspire stammte die bei mir eingegangene Mail nicht von Smudoo direkt, sondern wurde im Auftrag der in Wales ansässigen PROeSELECT LTD verschickt. Smudoo bietet jedem Websitebetreiber die Gelegenheit, Werbung für den Dienst zu machen. Laut diesem Affiliate-Angebot winken pro Aktion, also der Registrierung eines vermittelten Users, 84 US-Cent. Bei einem anderen Deal sind es sogar bis zu zwei Euro. Der Verweis in der betreffenden E-Mail war ein solcher Affiliate-Link. Die PROeSELECT LTD mit Sitz in Cardiff ist kein unbeschriebenes Blatt, was zweifelhafte Internetangebote betrifft. Im Sinne der Unschuldsvermutung möchte ich keine direkte Verbindung zwischen diesem Unternehmen und Smudoo herstellen. Allerdings ist allein die Tatsache, dass Smudoo ein entsprechendes Affiliate-Angebot betreibt, bei seriösen sozialen Netzwerken unüblich - eben weil die Gefahr von Spamattacken besteht.

Zurück zu Smudoo: Die Site richtet sich explizit an Nutzer in Deutschland. Bei der Registrierung kann lediglich die Bundesrepublik als Herkunft angegeben werden. Beheimatet ist das Unternehmen laut Impressum jedoch in Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysias. Ein Geschäftsführer oder eine verantwortliche Person wird auf der Site nicht angeführt, und auch das Domain-Whois sowie meine Recherchen im Netz lieferten wenig brauchbare Informationen dazu, wer hinter Smudoo steckt und wieso sich ein in Kuala Lumpur ansässiges Unternehmen an einem Flirtnetzwerk für Nutzer in Deutschland versucht.

40 Euro Mitgliedschaftsgebühr pro Monat

Worum es den Machern von Smudoo geht, wird nach einer Registrierung schnell klar: um das Geld der Nutzer. Wenige Minuten nach meiner Anmeldung hatte ich angeblich schon zwei Nachrichten in meinem Smudoo-Posteingang, von zwei verschiedenen Damen - ohne mein Profil mit irgendwelchen persönlichen Angaben oder Fotos bestückt zu haben. Um diese Mails abrufen zu können, müsste ich erst ein kostenpflichtiges Premium-Konto eröffnen. Für die Zahlung stehen sämtliche in Deutschland gängigen Verfahren zu Verfügung, von Lastschrift über Kreditkarte und Überweisung bis hin zur SMS. Ein Testpaket für 10 Tage kostet 1,99 Euro, ein 6-Wochen-Paket satte 9,99 Euro pro Woche. Die Kündigungsfrist beträgt einen Monat.

Spätestens hier erkannte ich: Auch wenn der Samwer-Inkubator Rocket Internet nicht gerade zimperlich ist, was das Überschreiten ethischer Grenzen betrifft, so handelt es sich bei den Köpfen hinter Smudoo um ein ganz anderes Kaliber von "Unternehmern". Zudem musste ich feststellen, dass die durchaus moderne Startseite von Smodoo lediglich eine Fassade für ein vollkommen unzureichend und altmodisch wirkendes Netzwerk darstellt, das weder in puncto Design noch Geschwindigkeit heutigen Standards entspricht. Mobile Apps für Android und iPhone werden zwar angekündigt, aber existieren derzeit noch nicht.

Kurzum: Smudoo ist nicht mehr als ein Schein-Klon von Badoo, der sein wahres Gesicht gleich nach der Registrierung zeigt, und zielt allein darauf ab, an das Geld von flirtwilligen Usern in Deutschland zu gelangen. Wie Smudoos Facebook-Page 184.000 Fans generieren konnte, von denen die meisten in Südostasien beheimatet sind, bleibt ein Rätsel.

Die Spur führt in die dunkleren Ecken des Internets

Aber zurück zu der Frage, wer hinter Smudoo steckt. Ein Anruf unter der angegebenen malaysischen Telefonnummer führte nach mehreren Zwischenstationen dazu, dass ich immerhin den Namen der beim verantwortlichen Unternehmen "Online Community Sdn. Bhd." zuständigen Person erhielt: Connice Lee sei am Freitag nicht im Haus, aber am Montag wieder zu erreichen, wurde mir mitgeteilt. Laut ihrem Facebook-Profil ist sie bei einer Firma namens YieldAds.com tätig - ein ebenfalls in Kuala Lumpur beheimatetes Werbe- und Affiliate-Netzwerk, das auf der Website von Smudoo als zuständiges Affiliate-Unternehmen verlinkt wird. Der Schluss liegt also nahe, dass YieldAds selbst für den Betrieb von Smudoo veranwortlich ist - sonst würde bei der Frage nach einem Smudoo-Ansprechpartner nicht eine Mitarbeiterin von YieldAds genannt werden. Laut Xing und LinkedIn beschäftigt YieldAds eine Reihe deutscher Mitarbeiter und hat nach eigenen Angaben hierzulande auch ein Büro.

Sucht man nach dem genannten Werbenetzwerk, werden Zusammenhänge deutlich, welche auch die letzten Zweifel ausräumen, mit welcher Klientel man es hier zu tun hat, und die nahelegen, dass die Strippen aus Deutschland gezogen werden. Dass es sich bei Smudoo um einen ernsthaften Versuch handelt, im wachsenden Markt für mobiles "Casual Dating" Badoo Konkurrenz zu machen, ist vorsichtig ausgedrückt unwahrscheinlich. An diesem Punkt müssen wir die Verstrickungen auch nicht weiterverfolgen, da wir nun Klarheit darüber haben, in welche Kategorie von "Startup" Smudoo einzuordnen ist. Bisher ist die deutsche Presse auf das Treiben des Dienstes nicht aufmerksam geworden. Sollten aber auch andere Nutzer in Deutschland Mails von Smudoo erhalten haben, kann es nicht schaden, auf die Hintergründe hinzuweisen. Und darauf, dass Mitglieder in jedem Fall erst Geld hinblättern und sich in ein teures Vertragsverhältnis begeben müssen, bevor sie die angeblichen Nachrichten von Laura & Co abrufen können.

Nachtrag: Auch BasicThinking-Redakteur Jürgen Vielmeier berichtet, Smudoo-Mails erhalten zu haben.

Nachtrag 2: Einige Verhaltenstipps zu Smudoo und zum Umgang mit nicht gerechtfertigten Zahlungsaufforderungen von dem Dienst findet ihr hier.

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