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03.11.14

Smartwatchjournalismus: Die große Chance auf ein erfrischend zurückhaltendes Nachrichtenmedium

Smartwatches sind das neue Gadget, das wir nach dem Willen der Industrie bald immer mit uns führen. Da versteht es sich fast von selbst, dass progressive Medienhäuser hierin ihre große Chance sehen. Bei frühen Angeboten konkurrieren zwei Ansätze; einer davon könnte die Online-Nachrichtenflut endlich erträglicher machen.

Besser einmal genau drüber nachdenken. Bild: Microsoft Besser einmal genau drüber nachdenken. Bild: Microsoft

Die größten IT-Konzerne der Welt haben sich festgelegt: Das nächste Gadget, das unser aller Leben bereichern soll, findet an unserem Handgelenk Platz. Es sind nicht nur die Jawbones, Nikes, Pebbles und Fitbits, die uns mit Armbändern oder Uhren beglücken wollen. Auch die Samsungs, Lenovos, Apples, Googles und Microsofts dieser Welt loben das Handgelenk als das am längsten vernachlässigte Körperteil aus und haben entsprechende Gadgets vorgestellt.

Da noch nicht abzusehen ist, wie erfolgreich diese junge Produktkategorie wird, herrscht bei den Content-Anbietern derzeit eine Stimmung zwischen Skepsis und Goldgräberstimmung. Passend dazu konkurrieren bei ersten Angeboten zwei altbekannte Ansätze: "Viel hilft viel" und "Weniger ist mehr". Auf die Überschrift kommt es an

Am Anfang steht wie immer die Hoffnung. Für Sarah Marshall, Social-Media-Redakteurin beim "Wall Street Journal", liegt diese nicht auf hohen Gewinnen, sondern der Chance auf ein Ende des klickorientierten Nachrichtenjournalismus'. Nachrichten auf einer Smartwatch müssten so aufbereitet werden, dass sie auch auf einem kleinen Display schnell verstanden würden, ist sich Marshall sicher. Die Überraschung dabei, wie die beiden niederländischen Medienforscher Irene Costera Meijer und Tim Groot Kormelink in einer aktuellen Studie herausfanden: Vielen Rezipienten reicht eine Überschrift, um sich zu informieren. Dass nur solche Texte interessant seien, die auch geklickt würden, wäre demnach ein Irrglaube.

G Watch R: Neue Möglichkeiten der Informationsaufbereitung. Bild: LG G Watch R: Neue Möglichkeiten der Informationsaufbereitung. Bild: LG

Webbmedia nennt die Antwort darauf in einer spannenden Slideshare-Präsentation: "Glance Optimated Headlines" (GOH), also Überschriften, die auf einen Blick informieren. Nicht nur auf Smartwatches übrigens, sondern auch auf anderen Formen von Wearables. Der Ansatz ist fast schon traditionell: Anders als im Onlinejournalismus heute üblich, würde der Leser hierbei nicht über besonders kreative Überschriften zum Klicken animiert, sondern in möglichst wenig Zeichen mit allem Nötigsten informiert. Dan Shanoff, der für das Medienhaus Gannett neue Content-Formate entwickelt, nannte das in einem viel beachteten Beitrag kürzlich medienwirksam "Glance Journalism".

Personalisierte, wichtige Nachrichten

Angelehnt ist der Begriff an "Glances", eine mit personalisierten Karten arbeitende App auf der angekündigten Apple Watch. Glance Journalism, so Shanoff, "lässt Tweets wie Longform aussehen", je kürzer, desto besser. Mit einer weiteren Display-Größe ihres Responsive Designs könnten sich Medienunternehmen dabei allerdings nicht so einfach aus der Affäre stehlen. Shanoff: "Glance Journalism erfordert ganz eigene Formate". Yahoo etwa wird nachgesagt, an einer Adaption seiner Mobile App News Digest zu arbeiten und damit einer der ersten Medienpartner für Apple Glances zu werden.

Apple Watch: &quot;Glances&quot; als neue, alte Form des Journalismus'. Bild: Apple Apple Watch: "Glances" als neue, alte Form des Journalismus'. Bild: Apple

Doch noch ist nicht bekannt, wie genau Yahoo News Digest für die Apple Watch aussehen wird. Und ebenso wenig herrscht Einigkeit über die am besten geeignete Form einer Nachrichten-App für Smartwatches. Outsell-Analyst Ken Doctor rechnet mit einem Revival der News Alerts: Lasse die Nachrichten zu dir kommen, statt dass du selbst danach suchst. Die CNN-Smartwatch-App etwa nutzt dieses Prinzip.

Clickbait vs. Glance

Ein damit vergleichbares Konzept vertreibt der Nachrichtenanbieter Circa , der Newshäppchen bereits als Infokarten für Smartphones aufbereitet und im nächsten Schritt auf Smartwatches will. Circa allerdings setzt auf Clickbait: Textanrisse sollen neugierig machen, zum Klicken animieren und nicht schon in wenigen Zeichen alles verraten. Ähnlich verhält es sich auch mit den bereits verfügbaren Infoangeboten wie von EuroNews und "Financial Times", die bereits für mehrere Smartwatches zur Verfügung stehen. EuroNews arbeitet mit Textanrissen in Form unvollständiger Sätze. Diese selbst im Onlinejournalismus eigentlich verpönte Clickbait-Strategie könnte auf Smartwatches für kurze Zeit wieder aufleben.

Lese-App Spritz: Einzelne Wörter statt Zeilen. Lese-App Spritz: Einzelne Wörter statt Zeilen.

Die "Financial Times" setzt derweil ebenso wie die "Süddeutsche Zeitung" und das Techblog Engadget bei ihren Apps für die Smartwatch Samsung Gear S auf die Technik des Startups Spritz: Nach dem Klick auf eine Neugier weckende Headline liefert Spritz auf kleinen Bildschirmen ganze Texte, die Wort für Wort statt zeilenweise in schneller zeitlicher Abfolge angezeigt werden. Probanden dieser Technik sind erstaunt, wie gut das funktioniert. Auch Gilles Raymond, Gründer des mobilen Nachrichtenaggregators News Republic ist für ganze Texte auf kleinen Displays: "Die Leute werden keine 300 Artikel auf ihrer Smartwatch lesen, aber sie werden langfristig ganze Texte auf ihrer Smartwatch lesen wollen, weil sie sich jedem neuen Medium schnell anpassen."

Weg vom Massenmedium

Dabei geht es beim Thema Smartwatchjournalismus nicht nur um die Frage langer oder kurzer Texte. Es geht auch um weitere Möglichkeiten wie die Verknüpfung von Informationen und Nachrichten aus der unmittelbaren Umgebung. So könnten die Geräte etwa eine kurze Filmrezension auf dem Display einblenden, wenn der Nutzer sich kürzlich über einen bestimmten Kinofilm informiert hat und nun an einem Lichtspielhaus vorbei kommt, indem in Kürze die nächste Vorstellung beginnt. Oft reichen auch nackte Zahlen. So ließe sich ein Live-Ticker einer Sportveranstaltung leicht auf einem Smartwatch-Display realisieren. Auf der Smartwatch Pebble etwa setzt die App MLB Scorewatch den aktuellen Zwischenstand eines Baseballspiels in Szene und führt darunter die Schlagzahlen der einzelnen Spieler auf.

Auch eine Art von Journalismus: Die Pebble-App MLB Scorewatch informiert live über Sportergebnisse. Bild: Digital Trends Auch eine Art von Journalismus: Die Pebble-App MLB Scorewatch informiert live über Sportergebnisse. Bild: Digital Trends

Derartige Möglichkeiten fasst Paul Sparrow im American Journalist Review unter dem Begriff Mikromedien (statt Massenmedien) zusammen: Statt den Nutzer mit einer breiten Auswahl an Nachrichten mit hoher Schlagzahl zu überfüttern, sollte es Content-Anbietern darum gehen, ihm personalisierte Informationen an dessen Smartwatch zu senden. Denn für außergewöhnliche News – und nur für solche – sei er bereit, kurz abgelenkt zu werden. Jeff Sonderman vom American Press Institute stimmt in den Kanon mit ein: "Wenn die Nachricht auf der Smartwatch erscheint, weiß man, dass sie wichtig ist. Dann schaut man kurz nach."

Schon jetzt ahnt man allerdings, dass ein derart dezentes Medium im heutigen Hauen und Stechen der Medienhäuser eine große Herausforderung wird. Technisch eigentlich recht leicht umzusetzen, dürfte es am Wettrennen um die schnellsten, besten und aufregendsten Nachrichten scheitern. Geplagt von wirtschaftlichen Herausforderungen sind Medienhäuser und Verlage die Notwendigkeit gewohnt, sich immer wieder ins Gedächtnis des Lesers zurückzurufen und den Gedanken gar nicht erst aufkommen zu lassen, dass es noch andere Nachrichtenquellen geben könnte. Medienberater Mario Garcia sieht diese Möglichkeit denn auch eher skeptisch, erwartet er doch, dass Smartwatch-Träger mit entsprechenden Apps künftig mehrmals am Tag von vermeintlich wichtigen Nachrichten gestört werden. Und selbst wenn die Verantwortlichen Zurückhaltung als neue Tugend entdecken würden, stünde immer noch die Frage nach der Finanzierung.

Ohne Werbung geht es nicht

Denn bereit, Geld für weitere Apps auszugeben, dürften Nutzer selbst bei guten Nachrichtenquellen auf der Smartwatch kaum sein. Sprich: Werbung müsste her und damit gleichzeitig die Gefahr, den Nutzer wieder zu verschrecken. Wie zu erwarten war, ist Werbung für Smartwatches längst auf dem Weg. IP Deutschland etwa, Vermarkter der Nachrichten App n-tv, begrüßte im Sommer stolz den ersten Werbekunden für die Version der App auf der Smartwatch Samsung Gear S. Facebook arbeitet bereits an hyperlokaler Werbung für Mobilgeräte – die sich auch wunderbar für Smartwatches eignen würde.

EuroNews-App auf einer Samsung Gear S EuroNews-App auf einer Samsung Gear S

Der Königsweg muss hier erst gefunden werden. Derzeit schafft es fast keine angebotene Smartwatch mit einem LC-Display über mehr als einen Arbeitstag Akkulaufzeit. Eine zu rege Beschallung mit längeren Beiträgen, die eine dauerhafte Beanspruchung des Displays erfordern, hat schon deswegen eigentlich schlechtere Karten. Doch auch Langzeittester von Smartwatches liefern Erfahrungsberichte, die so gar den Wunsch nach Dauerbeschallung eigentlich nicht aufkommen lassen. Tobias Gölzer ist nach einem einwöchigen Test mit der Pebble von der erzwungenen Ruhe sogar angetan: "Durch die kurzen Informationen direkt auf dem Display und vor allem der Unmöglichkeit, direkt mit den Nachrichten zu interagieren, ist die Motivation, bei jeder SMS noch mal schnell die anderen Netzwerke und Apps zu checken, quasi entfallen."

Die Zeiten, in denen jeder unkommunikativ vor seinem Smartphone sitzt, anstatt mit der Umwelt zu interagieren, entfällt bei derzeitigen Smartwatches. Statt das Smartphone aus der Tasche zu ziehen, es zu entsperren und dann erst die neue Nachricht zu öffnen, schaut man sich die aufpoppende Info auf dem Smartwatch-Display kurz an und macht dann sofort weiter. Gölzer: "Das Wort 'unkommunikativ' ist in der letzten Woche noch nicht einmal gefallen!"

Fazit

Smartwatches werden uns mindestens noch ein paar Jahre begleiten. Sie bieten den Vorteil, wichtige Nachrichten direkt ohne unser Zutun und ohne längere Ablenkung kurz einzublenden. Medienhäuser haben hier eine gute Chance, die Nutzer schneller zu erreichen und personalisierter zu informieren. Besser fahren sie dabei mit zugeschnittenen Informationshappen und nur so vielen Nachrichten wie unbedingt nötig.

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