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05.10.11

Siri: Apples bescheidener Diener und unscheinbarer Revolutionär

Das iPhone 4S bringt den sprachgesteuerten persönlichen Assistenten Siri mit. Apple läutet damit eine Ära ein, in der wir mit unseren Computern, Tablets und Smartphones sprechen.

 

Die Reaktionen (auch meine) auf die gestrige Presseveranstaltung von Apple fielen im Grossen und Ganzen verhalten aus - obwohl einschlägige Tech-Blogs nicht genug publizistischen Saft aus der (vermeintlich) kleinen Zitrone pressen konnten, die Apple den Bloggern und Journalisten präsentiert hatte. Einige Fanboys und -girls zeigten sich enttäuscht, dass statt der ersehnten Nummer Fünf nur eine 4S präsentiert wurde und der eine oder andere Androidianer konnte sich hämische Kommentare zum Ausbleiben der ganz grossen Neuerung auch nicht verkneifen. Dabei hat Apple gestern das nächste ganz grosse Ding präsentiert: «a humble personal assistant», Siri.

Ganz gross, weil nicht wirklich neu. Apple hat immer wieder bewiesen: Wer bestehendes mit genug Detailversessenheit weiter entwickelt, eine Evolution mit genug Nachdruck vorantreibt, kann es zu einer kleinen Revolution bringen. Genauso war es mit dem iPhone. Keiner kann behaupten, Apple hätte das Smartphone erfunden. Aber Apple hat ein massentaugliches Smartphone entwickelt. Das Design zog die Massen an, die kinderleichte Bedienbarkeit hielt ebendiese bei der Stange – und genau das ist entscheidend für Apples Erfolg.

Der iPhone-Touchscreen revolutionierte die Smartphone-Welt

Zentral für den Erfolg des iPhone war der Touchscreen, der Eingaben mit einer Präzision interpretierte, die das iPhone in dieser entscheidenden Hinsicht bis zu Googles Nexus One schlicht in einer eigenen Liga spielen liess. Klar, Smartphones mit berührungsempfindlichen Bildschirmen gab es lange vor dem iPhone, aber erst dieses konnte ohne Stift präzise gesteuert werden. Man könnte sagen, das iPhone verstand die Befehle – oder Bedürfnisse? – seiner Nutzer wie kein zweites Smartphone.

Was Apple verstanden hat: Es lohnt sich, andere Firmen Early Adopter sein zu lassen und neue Technologien erst in die eigenen Produkte zu implementieren, wenn diese effizient sind. Effizienz heisst im Falle einer Eingabeschnittstelle: Kommandos des Nutzers müssen mit höchster Präzision interpretiert werden. Was das bedeutet, ist mit Blick auf Siri eigentlich klar – auch wenn Thomas Knüwer mit Recht darauf hinweist, dass genug Journalisten die Tragweite anscheinend nicht begriffen haben.

Spracherkennung ist nicht neu - Apple verleiht ihr Intelligenz

Apple hat mit Siri erneut eine Technologie präsentiert, die im Prinzip nicht neu ist. Seit Jahrzehnten versprechen uns Softwarehersteller das Blaue vom Spracherkennungshimmel herunter, ohne überzeugende Lösungen anbieten zu können. Zwar hausen in iOS und OSX schon heute Spracherkennungsprogramme, doch Apple hat diese bisher mit äusserster Zurückhaltung angepriesen. In dieser Hinsicht hat die gestrige Präsentation eine Zäsur markiert: Apple-Manager Phil Schiller hat Siri am Dienstagabend quasi als «one last thing» angepriesen – ein Hinweis darauf, dass Apple in dieser Sache Ernst macht.

Die Cloud als Zentralnervensystem

Siri kann mehr als vorgegebene Kommandos ausführen. Die «humble personal assistant» kann Bedeutungszusammenhänge erkennen; «Wie wird das Wetter heute?» triggert dieselbe Auskunft wie «Werde ich heute einen Schirm benötigen?» sowie wie jeder emsige Assistenten nimmt Siri auch Diktate entgegen – und just hier hält sich der bemerkenswerteste Aspekt verborgen: Siri ist ein Hybrid aus lokaler und dezentraler Intelligenz.

Einfach Kommandos erkennt jener Teil Siris, der im iPhone selbst arbeitet. Kompliziertere, umfangreichere Anfragen, z.B. Diktate, werden zur Verarbeitung ins Zentralnervensystem Siris übermittelt, Apples Serverfarm in North Carolina. Das hat nicht unbedingt nur damit zu tun, dass CPU und Akku des iPhone geschont werden sollen. Vielmehr dürfte dahinter auch die Absicht stehen, Milliarden von Sprachbefehlen – gesprochen von Millionen von Nutzern, in Milliarden von unterschiedlich lärmigen Umgebungen – zu sammeln und auszuwerten.

Dank dieser zentralen Auswertung wird Siri lernen, jeden einzelnen Befehl präziser zu interpretieren, Spracherkennung wird effizient, das heisst: massentauglich. Apple hat gestern – trotz Beta-Label – nicht weniger bekannt gegeben, als dass jetzt die Zeit angebrochen sei, in der wir mit unseren Computern, Tablets und Smartphones zu sprechen beginnen. Vor diesem Hintergrund ist Siris Antwort auf die Frage «What are you?» an Ironie kaum zu übertreffen: «A humble personal assistant.»

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