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11.01.08Leser-Kommentare

Sieben Thesen zum Journalismus

Ein Patt bei dieser Diskussion zwischen Bloggern und Journalisten – das war zu erwarten. Dass allerdings nicht einmal über die Ausgangssituation Einigkeit erzielt werden konnte, dass Weghören zur Königsdisziplin wurde, das war weniger zu erwarten. Ein offensichtlich notwendiger Nachtrag zur Mediensituation von Klaus Jarchow.

Sieben Thesen zum Journalismus

Herrgott, sie stehen mitten in einer Medienrevolution - und sie merken es nicht! Die Diskussion zum Journalismus im Web 2.0, veranstaltet vom DJV am Donnerstag, dem 11. Januar, ließ mich einigermaßen ratlos zurück (Aufzeichnung hier). Ratlos deshalb, weil ich mir das Unwissen gewisser Mitglieder der journalistischen Zunft nicht so groß vorgestellt hätte. Vielleicht aber waren es auch nur besonders vorsintflutliche Exemplare, die jetzt den guten, alten Presserat, der schon bei den Holzmedien nicht funktionierte, als Qualitätsinstrument ins Netz transferieren möchten.

Eine Kurzkritik des Abends, bevor es an die Thesen geht: Generell redeten die Blogger links vom Moderator und die Steinzeit-Fraktion rechts vom Moderator aneinander vorbei (erste Ablaufschilderungen gibt es hier und hier und hier). Da hatten wir links Don Alphonso, Thomas Knüwer und Michaela May, die ebenso freundlich wie vergeblich versuchten, den Herren vom Druckgewerbe klar zu machen, dass die fehlende Recherchetiefe und mangelnde Qualität doch in den Printmedien zum Dauerzustand würde, wofür es handfeste ökonomische Gründe gäbe, die auch bei einer immer renditegeileren Verlagsseite zu suchen seien, und dass die Blogs also - im Gegenzug - eher als eine Art qualitatives Korrektiv wirken würden. Blogs seien unter anderem eben auch eine Folge defizitärer Altmedien.

Daraufhin tönte dann der Herr Jörges vom Stern, dass er über Blogs überhaupt nicht zu reden wünsche. Nach seinem Verständnis ginge es ja um Kommentare in den Foren, zum Beispiel bei stern.de, also um diese Schmieranten, deswegen sei er auch hier, solche Texte steckten nun mal voll ekelhafter Besserwisserei und Neonazitum. Was ja alles so sein mag, was von mir aus auch viel über den Charakter des durchschnittlichen Stern-Lesers aussagen dürfte. Aber was, bitte schön, hätte stern.de mit dem Web 2.0 und mit dem Titel der Verstaltung zu tun? Stern.de ist ein schlichtes Online-Portal, also Web 1.0 ...

Ferner agitierte dort dann noch ein Professor Donsbach, dessen Uhr mir medienwissenschaftlich irgendwo Anno Habermas stehen geblieben zu sein schien. Der teilte die Blogger in drei Kategorien ein, die ich auf der Stelle wieder vergessen habe. Ein Herr Michael Konken vom DJV ritt auf seiner bekannten Rosinante, der angeblichen Anonymität im Netz, herum, erwähnte als Beweis erneut irgendwelche Blogs der 'Süddeutschen', war vollständig merkbefreit und wollte partout nicht begreifen, dass die Süddeutsche gar keine Blogs hat, sondern nur eine Online-Ausgabe. Jedenfalls forderte er, so jedenfalls verstand ich seinen Gallimatthias, wegen all der Unverantwortlichkeit im Netz zertifizierte Blogs, am besten wohl mit einem hauseigenen DJV-Stempel. Ansonsten fielen oft Begriffe wie 'Presserat' und 'Ethik', als ob die Blogosphäre ein Moralproblem hätte. Und der Björn Sievers vom Focus.de versuchte als Bewohner zweier Welten einigermaßen ausgleichend und entdämonisierend zu wirken.

So ungefähr hat sich das Ganze bei mir im Gehirn verewigt. Erfrischend wirkte auf mich allein der Herr Pfeffer von der DPRG, der sich zum Schluss aus dem Publikum zu Wort meldete und wirklich etwas von der Dimension des Vorgangs begriffen zu haben schien: Für seinen Verband erklärte er, dass in dieser beginnenden Medienrevolution die Public Relations aufhören müssten, ständig und gewohnheitsmäßig zu lügen. Sonst stünden sie schon bald ganz ohne Publikum da. Große Worte - mir fehlt allerdings ein wenig der Glaube, auch beim Anblick seiner Homepage. Aber immerhin. Hier jetzt einige Thesen.

EinsNetzbewohner sind vor allem anderen Leser
Das klingt zunächst einmal banal. Es hat aber für die Rezeption von Texten im Netz durchaus Konsequenzen. Für Journalisten heißt das nämlich, dass sie im Web 2.0 primär an ihrer Kernkompetenz arbeiten müssen, wollen sie noch ein Publikum finden: am Schreibenkönnen also. Ihr Stil ist der erste qualitative Prüfstein, also ihr 'schriftstellerisches Können', erst an zweiter Stelle vielleicht Ethik oder Recherche. Denn ein guter Mensch, der recherchieren kann, produziert noch lange keinen lesenswerten Text.

ZweiNo Gatekeeping anymore
Das Internet hat keine Tore. Es gibt auch keine Marktplätze. Und es ist unendlich groß. Niemand muss irgendwo vorbeikommen. Es ist ein Pull-Medium, kein Push-Medium - um mich für Marketingleute mal verständlich auszudrücken. No matter how big you are - im Netz bist du nur noch ein kleiner Fliegenschiss unter vielen, da kannst du noch so laut bimmeln oder Coca Cola heißen. Du gehst nicht zu den Leuten, wenn du Glück hast (und Können) kommen die Leute zu dir - sonst eben nicht. Dafür benötigst du vor allem gute Ware. 'Mutabor' - das gilt daher für allen Journalismus und alles Schreiben im Netz: Weg vom Gatekeeper, weg vom autoritären Journalisten und Welterklärer hin zum journalistischen Autor, der vor allem gut erzählen und auch unterhalten kann.

DreiIn einer Welt aus Mikromedien ist nichts groß
Ein, zwei großmediale Säulen mögen übrig bleiben. Das Netz benötigt kein zweites Google, und es benötigt ebensowenig ein zweites Spiegel Online. Dieses eine Portal wird wohl, vermute ich jedenfalls, als akzeptiertes Dokumentationszentrum der allgemeinen Großnachrichtenlage übrig bleiben - und daneben noch 'tagesschau.de' oder ein 'Independent Medium', vielleicht 'Stefan Niggemeier', etwas in der Art - oder ein deutsches 'Techcrunch' (wer macht es?). Das sind dann aber keine journalistischen Monumente mehr, zu denen der gemeine Netzbewohner aufschaut wie zu den Sternen. Sie hätten eine Funktion ähnlich der von Stripteasestangen in einer Nachtbar: Jedes Muttermal wird kommentiert. 'Godlike'-Tollenwerfer und größenwahnsinnige Agenda-Setter dagegen werden von einem demokratisch gestimmten Publikum ausgelacht, denn wer will sich von einer Hupfdohle schon die Welt erklären lassen. Ein gewisses Bajazzotum ist also gefragt, eher Harald Schmidt als Wolf Schneider ...

VierDas Internet ist glatt wie eine Billardkugel
Blank und eben, nirgends Hochgebirge. Höchstens Maulwurfshaufen kommen noch vor. Und diese Medienwelt wird sich weiter gnadenlos fragmentieren. Immer mehr Maulwurfshaufen. Es gibt keine medialen Schlachtschiffe mehr, um die gnädigerweise auch ein paar mikromediale Beiboote herumkreuzen dürfen, wie dies in der Diskussionen einige Old-Media-Leute zu erwarten schienen. Es gibt schon bald nur noch Beiboote. Selbst das 'Special Interest' zerfällt wiederum in zahllose Unterthemen. Leserscharen werden künftig eher nach Hunderten gezählt, nicht mehr nach Hunderttausenden, obwohl die Zahl der Leser in der Summe nicht abnimmt. Was das für die bisherigen Vertriebs- und Werbemodelle heißt? Ja, bin ich Nostradamus?

FünfObjektivität ist nicht 2.0
Im glattgeschmirgelten Bürokratenstil etablierter Printmedien klangen sogar abgeschriebene PR-Artikel 'objektiv'. Objektivität gilt aber gerade deshalb nicht länger als 'wahr', sie wirkt auf Menschen einfach nur kalt oder zynisch. Das Web 2.0 ist aber 'ein warmes Medium'. Ein Journalist im Web 2.0 muss wieder wissen, 'wofür' er schreibt, früher sagte man mal, er muss 'mit Herzblut' schreiben. Klingt kitschig, ich weiß.

SechsVielfalt ersetzt heilige Einfalt
In der Welt der alten Medien konnte - cum grano salis - niemand mehr die Artikel aus der Süddeutschen, aus der FAZ, dem Tagespiegel, der Welt, oderoderoder auseinanderhalten. Ideologisch wie stilistisch war alles 'ein Brei' geworden. Der größte Unterschied war noch der Zeitungstitel. Hierin - in der großen Langeweile - liegt eine der Hauptursachen für die Flucht der Leser ins Netz. Wenn sie die Texte, die sie mögen, in den Zeitungen nicht mehr finden, dann schreiben sie sich die eben selber. Die Folge: Die Rückkehr der Person in den Text. Schreiber sind nicht mehr beliebig austauschbar. Ein Mikromedium lebt und stirbt mit seinem Autor. Auch darin unterscheidet es sich von einem Massenmedium.

SiebenAbschied von gesellschaftlichen Lenkungsfunktionen
Massenmedien hatten durchaus auch eine politische Aufgabe: Sie sollten die Masse formieren durchs Informieren, Leitideen 'implementieren' und die Einstellungen der Menschen bewahren oder ändern. Was aus der Defunktionalisierung dieser Aufgabe durch Fragmentierung folgt, ist auch mir nicht klar. Jeder erfährt zwar noch immer quantitativ gleich viel, aber alle erfahren etwas anderes. Niemand gibt mehr - soziologisch gesehen - eine 'Agenda' vor. Wird das nun eine 'führungslose' oder eine 'selbstorganisierende Gesellschaft'? In gewisser Weise stellt die Antwort auf diese Frage die These von der 'Schwarmintelligenz' auf die Probe.

*to be continued* (am besten von den anderen in den Kommentaren)

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Teja Bernardy

    11.01.08 (12:46:58)

    Darf man manchmal froh sein, kein Journalist zu sein? Yes, die Holzmedien, der Wurm ist da ja nicht erst seit vorgestern drin, verlieren via Web ihre Macht. Murdoch sagts ihnen. Sie mögens nicht hören. Er wird sie fressen. Sieben Thesen >to be diskussed<, den Gaul von hinten aufgezäumt, aus dem Siebengebirge herausgepickt "Abschied von gesellschaftlichen Lenkungsfunktionen". Wer, außer feudale Zensur, hatte je den Massenmedien die durchaus politische Aufgabe zugewiesen, durch Information "Leitideen" zu implementieren und die Einstellungen der Menschen bewahren oder ändern zu dürfen? Aufklärung und Demokratie müßten solche Leit(d)kultur längst gefressen haben. -Bei Eisbären funktionierts doch auch.- Die damit angemaßte Aufgabe ist illegitim, ist Umkehr der Begrifflichkeiten in und für eine offene Gesellschaft. Einstellungen bewahren zu wollen, mag für Vorwärts oder Bayernkurier angehen, ist weder Inhalt der verifizierten und reportierten Nachricht noch Bewahren oder Ändern. Die treffende Vokabel lautet "MANIPULATION". Betrachte ich meinen Medienkonsum und dieses Forum, so ersetzt nicht nur Vielfalt Einfalt, sondern quantitativ erwächst Informationszuwachs, gepaart mit kommunizierter Meinungsvielfalt. Der Meinungsinhaber mag dabei durchaus den überkommenen Machtimpetus seinen Gedankenergüssen mitgeben wollen, doch fehlt ihm das Eingebundensein in ein einheitliches Präsentations- und Meinungsgerüst. Damit verliert er den gewohnt festen Boden und die ihm ohnehin nicht zustehende Lenkungsfunktion. Das ärgert und macht ausgerechnet ihm Angst, der sie doch so meisterlich zu erzeugen versteht. Der Leser gewinnt die Freiheit der Interpretation, erlangt Deutungshoheit. Er gewinnt sie zurück! Weit davon entfernt, dem Netz und/oder Medien überhaupt demokratisches Wesen zu unterstellen, gilt m.E. für das gesprochene/geschriebene Wort im Netz wieder, der Hörer/Leser und nicht der Redner/Journalist entscheidet über den Sinngehalt des zur Kenntnis genommenen, darf wieder selbst denken. Über Murdoch darf gedacht werden, nur nicht, daß der nicht wisse, wovon er redet.

  • Jean-Claude

    11.01.08 (13:33:05)

    @Klaus Jarchow, danke für diesen aunschaulichen Bericht mit der angemessen bissigen Einleitung. Bei deinen Thesen frage ich mich allerdings: Wo liegt denn wirklich der Unterschied zum Print, ausser in der äusseren Form? Die von dir erwähnte Fragmentierung , Spezialisierung und Professionalisierung im Web ist für mich nachvollziebar und logisch. Weg von dem Ziel, möglichst grosse Massen ansprechen zu wollen, was beim Print zwangsläufig zum unsäglichen, unerträglichen Einheitsbrei führte. Keine grosspurigen Agenda-Setter mehr, die werden von einem demokratischeren Publikum nur noch ausgepfiffen. Das gefällt mir alles prima. Viele andere Bedingungen, die du erwähnst, sind für mich nahtlos aber auch auf Print anwendbar : "Konzentration auf die Kernkompetenz: das schriftstellerischen Können", "weg vom Welterklärer hin zum Autor, der gut erzählt und dunterhält"; "ein Journalist muss wieder wissen, wofür er schreibt(mit Herzblut)"; "das Medium lebt und stirbt mit dem Autor". Genau so würde ich die Anforderungen an einen Journalisten eines modernen Print-Wochentitels definieren. Die Fragmentierung und Spezialisierung im Web muss irgendwer wieder sortieren gewichten, um die Dinge in Zusammenhang zu einander zu setzen. Das entspräche genau meiner Vorstellung eines modernen Printtitels, der dem Foto wieder eine starke Rolle zukommen lässt (im web ist es stattdesen Video). Da bin ich mit dem "Spiegel" - oder einem ähnlichen Typus - eigentlich schon recht gut bedient. Der geht konsequent in diese Richtung. Das eine tun, das andere nicht lassen: So stellt sich für micht das Verhältnis zwischen Web und Print dar. Der unschlagbare Vorteil des Web sind für mich die Links, die sekundenschnellen internationalen Vernetzungen zu einem Thema. Das ist für mich die grosse Chance des Web, sein unique selling point. Dem können auf die Dauer vor allem die Tageszeitungen nicht die Stirn bieten.

  • Wolfgang Michal

    11.01.08 (13:53:21)

    Es ist auffallend, dass diese Diskussion (sehr leidenschaftlich) im Netz geführt wird, aber nicht (oder nur von oben herab) in den Feuilletons der Zeitungen. Es ist an der Zeit, dass wir den Grabenkrieg "Blogger mögen Journalisten nicht, Journalisten mögen Blogger nicht" verlassen. Der kluge Kommentar von Jarchow könnte dazu beitragen (allerdings sollte man das Netz nicht idealisieren. Auch dort können sich Machtstrukturen bilden und verfestigen).

  • Klaus Jarchow

    11.01.08 (14:07:41)

    Nun ja, Jean Claude - deine Vision in allen Ehren, aber die Print-Journalisten dort in Münster mussten doch erleben, dass in diesem Bereich ganze Redaktionen plötzlich austauschbar sind und auf der Straße stehen. Real ist der Autor nirgends mehr die Hauptperson im gedruckten Bereich - es sei denn, du heißt vielleicht Markwort oder so. Dann aber geht es um alles, nur nicht um deine schriftstellerischen Qualitäten. Printjournalisten sind zu Contentlieferanten in den Augen des Verlegers geworden, der nur noch auf die Anzeigenerlöse schielt, der in jedem Text eine Art von Grauwert erblickt, wertlosen, aber leider notwendigen 'noise', der vom Geschäft im Grunde bloß ablenkt und Kosten verursacht. In deinem gefeierten 'Spiegel' erschien just in dieser Woche (nur im Print) ein Text über die Stadt Bremerhaven, über das Armenhaus des Westens, das es wagt, jetzt noch von einer Marina zu träumen und sich sogar ein neues Rathaus gönnen will ('Dubai des Nordens' lautete wohl der Titel). Damit der Artikel 'Schmiss' bekommt, wird die Arbeitslosenquote dort mal eben von 17,6 % (real) auf 19,3 % (Spiegel) hochgejazzt, ein türkischer Gemüsehändler in der Goethestraße wird erdichtet, den es in der ganzen Goethestraße aber weit und breit nicht gibt. Und das abgedruckte Interview mit dem Bürgermeister ist vom 8. März 2006, also zwei Jahre alt, aber ohne irgendeinen Hinweis darauf. So stelle ich mir das mit der Schriftstellerei im Journalismus dann doch nicht vor - und so viel auch zum Thema Qualitätsjournalismus ausgerechnet im 'Spiegel'. Aufgezählt hat diese Fakten übrigens ein Rainer Donsbach von der 'Nordsee-Zeitung' vor zwei Tagen (der Text ist leider auch nicht online zu finden). Einen Scan habe ich bereits an die 'Spiegelkritik' gemailt. Wenn ich mich auf das Thema Print nicht mehr kapriziere, dann deshalb, weil ich den Print erstens für unreformierbar und zweitens auf mittlere Sicht auch für todgeweiht halte. Denn in einem Punkt hast du absolut recht: Online bietet lese- und informationstechnisch so viele Vorteile, dass den Old-School-Journalisten wirklich nur noch die Haptik des Papiers bleibt, die sie ja auch nicht müde werden, in den höchsten Tönen zu preisen, wenn sie ihre Loblieder auf das gute, alte Holzmedium trällern.

  • Jean-Claude

    11.01.08 (14:30:45)

    @) Klaus, das sehe ich auch so. Es ist eine Vision, nicht Realität. Die Leser werden sich aber mit Contentliferanten-Journalismus längerfristig nicht zufrieden geben, wenn sie anderes haben können. Ich stelle das an mir selber fest: Ich kriege am Sonntag jeweils vier Sonntagszeitungen auf den Tisch. Ich werde drei wieder abbestellen. Haste eine gelesen, haste alle gelesen. Die Langeweile kriecht durch die immer schlechter geschriebenen Texte. Austauschbare Journalisten sind uninteressant. Das wird die Grosshändler von Einheitssaucen zum Handeln zwingen, weil einfach die Leser/Käufer wegbleiben. Die totale Abhängigkeit von Anzeigen ist in der Tat eine babylonische Gefangenschaft für Medienunternehmen, deren Folgen immer unangenehmer für die Macher werden. Aber da setze ich dann wieder aufs Web : der Kostenvorteil bedingt eine geringere Abhängigkeit. Das ist eine Riesenchance. Den "Spiegel" meinte ich nur als Beispiel eines modernen Magazintyps. Ueber die einzelnen Inhalte kann man natürlich streiten.

  • Paula

    11.01.08 (14:35:36)

    Vielen vielen Dank.

  • Detlef Guertler

    11.01.08 (19:04:49)

    Okay, Meister. Zu sieben Thesen sieben Antithesen. Mal sehen, ob noch jemand sieben Synthesen findet. Netzbewohner sind vor allem anderen Glotzer. Und wenn sie Leser sind, gibt es Stellen, an denen sie sich für schriftstellerisches Können interessieren, und andere, an denen sie Ethik oder Recherche goutieren. Nie war Gatekeeping so wertvoll wie heute. Wenn Informationen nicht mehr wie in der Print-Welt als Strom, sondern als ganzer Ozean heranbranden, ist das Sortieren und Einordnen, das Reduzieren der Komplexität, wichtiger als jemals zuvor. Journalisten haben darauf kein Monopol ? aber das hatten sie auch noch nie. In einer Welt aus Mikromedien wird Qualität sich durchsetzen ? und groß werden. 40 Jahre lang gelang es niemand, dem Spiegel Konkurrenz zu machen, und es gab viele Versuche. Dann kam Focus. Wenn keiner der heutigen Spiegel-Online-Konkurrenten dem Original das Wasser reichen kann, heißt das nur, dass keiner davon gut genug ist. Das wird sich ändern. ?Das Große bleibt groß nicht, und klein nicht das Kleine.? (Bertolt Brecht) Das Internet ist glatt wie eine Mandelbrot-Menge. Ob man Leserzahlen nach Millionen oder nach Hunderten zählt, die Leserschaft lässt sich jeweils in mindestens drei weitere Segmente aufteilen. Sogar, wenn nur noch ein einzige Leser übrig geblieben ist ? dann macht man aus dem einen Individual-Medium eben drei. In einigen Ecken des Netzes (und der Print-Welt) wird sich Content individualisieren, und trotzdem, oder gerade deswegen, profitabel bleiben. Objektivität ist 3.0. Wenn die Leute demnächst von der gesammelten Subjektivität wieder die Schnauze voll haben, werden sie sich nach etwas sehnen, woran sie sich festhalten können. Dann gilt Objektivität nicht mehr als kalt oder zynisch, sondern als wahr. Ein Mikromedium muss nicht mit seinem Autor sterben. Das Vielfalt die Einfalt ersetzt, ist mindestens seit der Durchsetzung des Privatfernsehens so. Das Internet hat diesen Prozess allenfalls verstärkt, aber weder initiiert noch abgeschlossen. Die meisten Individualmedien werden mit dem Ausscheiden des Namensgebers wieder verschwinden. Aber so wie manche Werbeagenturen, Unternehmensberatungen, Designstudios oder Friseure den Namensgeber überlebt haben, wird das auch bei manchen Mikromedien der Fall sein. Die fünfte Gewalt kontrolliert die vier übrigen. Die klassische Gewaltenteilung hieß Legislative, Exekutive und Jurisdiktion. Als vierte, alle drei kontrollierende Gewalt kam im 20. Jahrhundert die Presse dazu. Und als fünfte Gewalt wird sich im 21. Jahrhundert die individualisierte Öffentlichkeit formieren, deren erste Ansätze wir in den heutigen Blogs sehen können. Sie werden die übrigen Gewalten kontrollieren, ohne sie ersetzen zu können oder zu wollen.

  • Frank

    11.01.08 (19:50:19)

    Ich habe mir das Video angesehen und war erschüttert - besonders über die absolute Unzugänglichkeit, um nicht zu sagen Unaufmerksamkeit des Stern-Vertreters. Andauernd führte er das Wort "Qualität" im Mund und reagierte lediglich wie eine beleidigte Leberwurst auf Dons Anmerkungen zu den Nacktbildern, ja, verstieg sich darin, gebetsmühlenartig wiederzukäuen, daß der prof. Journalismus bitte schön selbst seine Kriterien aufstelle udn sich da niemand - und schon gar nicht Blogger - einzumischen hätte. Der Typ will einfach nicht wahrhaben, daß es den Qualitätsjournalismus einfach nicht mehr gibt! Und das kommt bei mir sehr sehr übel rüber, ehrlich gesagt. Ich gebe keinen Pfifferling mehr auf diese Fuzzis.

  • Klaus Jarchow

    11.01.08 (20:11:51)

    @ Frank: Auf mich wirkte er wie ein lautmäuliger texanischer Cowboy. Es fehlte eigentlich nur der Hut, das Halstuch und dass er seinen Priem in irgendeine Ecke gespuckt hätte ... @ Detlef: Jaja - oder: Man wird sehen.

  • Detlef Guertler

    11.01.08 (21:59:01)

    Schade, Klaus Jarchow, es hätte interessant werden können, mit Ihnen zu debattieren. Vielleicht trifft man sich ja irgendwann irgendwo mal, aber hier bestimmt nicht mehr. Viel Spaß beim weiteren Subjektivieren.

  • Christiane Schulzki-Haddouti

    11.01.08 (22:35:35)

    Manueller Trackback: http://blog.kooptech.de/index.php?/archives/180-Media-shift-Ausblicke.html

  • Wolfgang Michal

    11.01.08 (23:26:20)

    @ Klaus: Detlef Gürtler hat sich die Mühe gemacht, auf die 7 Thesen einzugehen. Mich würde schon eine Antwort interessieren, die über "Jaja - Man wird sehen" hinausgeht. @ Detlef: Wenn es eine fünfte Gewalt gibt, welche Funktion hat dann die vierte?

  • Jean-Claude

    12.01.08 (08:03:24)

    @Detlef Gürtler, bitte bleiben. Sie werden dringend gebraucht. Jarchow hat Nievau, Gürtler hat Niveau. Es könnte hier wirklich spannend werden, weil es über das übliche "print haut web, web haut print" hinausgeht.

  • Klaus Jarchow

    12.01.08 (08:59:37)

    @ Detlef Guertler: Also gut - wenn das Gequengel dann wieder aufhört: 1. 'Glotzer' deutet für mich gleich anfangs auf eine gewisse Publikumsverachtung hin. Bei so etwas gehe ich auf Distanz. Netzbewohner sind erst einmal 'Menschen wie ich und du' ... keine pawlowschen Wauwaus, denen der großmediale Zampano informationelle Tricks beibringt. Mir fehlt es zu einer zynischeren Weltsicht wohl an der Jörges'schen Überheblichkeit des geborenen Revolutionärs und Straßenkämpfers. 2. Die Informationen sind kein Ozean, da brandet nichts heran, denn 'da draußen' sind nur Reize oder 'Perturbationen' zu finden. Es gibt heute schlicht mehr 'Lärm', ob der nun Vanity Fair heißt oder YouTube. Denn alle Information findet strikt 'im Kopf' des Rezipienten statt - und dieser Kopf wiederum ist seit der Bronzezeit nur unwesentlich größer geworden, er enthält daher auch nicht 'mehr' Information, sondern er bringt bestenfalls anderes, vielleicht ja auch Sinnvolleres, 'in Formation'. Die Information des Subjekts ist aber immer eine mentale Eigenleistung. Überprüfen, ob der andere 'richtig' informiert ist, können wir immer nur daran, ob er unseren Erwartungen gemäß handelt. 3. Der 'Spiegel' selbst senkt doch sein Niveau so sehr ab, dass es mit jeder Ausgabe immer leichter wird, ihm Konkurrenz zu machen. Der 'Focus' ist übrigens gar keine, der bedient ganz andere, viel 'kulturfernere' Schichten, die der Spiegel nie erreicht hat. 'Brand eins', 'Dummy' etc. - das sind neuerdings kleine mediale Freibeuter, die am enttäuschten Spiegel-Publikum was zu knabbern finden. 4. Ob jemand mit immer kleinerer Auflage profitabel bleiben kann? Ich denke eher, Medienleistungen werden irgendwann gar nicht mehr 'for profit' erbracht. Journalist wäre dann kein marktwirtschaftlicher Beruf mehr, sondern nur eine Aufgabe. Die vielleicht wieder - wegen fehlender Rendite - öffentlich erbracht werden muss. Nix genaues weiß man aber nicht ... 5. Der Neoliberalismus und das angebliche Walten 'objektiver Marktgesetze' dauerten jetzt ungefähr 25 Jahre. Gönnen Sie den Leuten doch das Abreiten der nächsten, der 'subjektiven Welle', einfach genauso lange ... 6. Naja, vielleicht wird es auch einen 'Neckermann' unter den Blogs mit dann neuer Geschäftsführung geben ... 7. Kein Widerspruch, das wird in der Kybernetik 2.0 als 'Theorie selbstorganisierender Systeme' so diskutiert. Die fünfte Gewalt entwickelt dann allerdings auch eine 'Autopoiesis', sie erdichtet sich ihren Weltzusammenhang selbst. Anders ausgedrückt: Nicht die Massenmedien oktroyieren dann die Meinungen, sondern umgekehrt, den Massenmedien wird ihre Meinung vom werten Publiko oktroyiert werden. Was aber dann ja kein Problem wäre, wenn der 'Reporter' auch Teil seines Publikums ist. Wenn's denn so volkstribunal kommen sollte, heißt das ...

  • Wolf-Dieter Roth

    12.01.08 (13:04:11)

    Hallo Klaus, das Video von der Veranstaltung habe ich noch nicht gesehen. Aber mal was zu deinen 7 Thesen: > Netzbewohner sind vor allem anderen Leser Man muß unterscheiden zwischen echten "Netzbewohnern", womit interagierende, soziale Wesen gemeint sind, und reinen "Netznutzern". Da gibt es - wie überall - auch Störenfriede, Kriminelle, Abzocker. Man darf also nicht automatisch davon ausgehen, daß jeder, nur weil er online ist, ein guter Mensch ist. Mit ein paar lustigen Spinnern kann man leben, spätestens bei Abmahnabzockern hört es auf. > Ihr Stil ist der erste qualitative Prüfstein, also ihr ?schriftstellerisches Können?, erst an zweiter Stelle vielleicht Ethik oder Recherche. Oje, das kann aber zu ganz schönen Hetzschriften führen... > No Gatekeeping anymore Man kann kaum etwas verheimlichen. Das ist klar. Aber das hat ein guter Journalist noch nie als seine Aufgabe gesehen, genau im Gegenteil. Aber ohne Journalisten würden die News irgendwann über Google automatisch verteilt. Ob das wirklich wünschenswert? > im Netz bist du nur noch ein kleiner Fliegenschiss unter vielen, Wenn das so ist, wieso werden Blogger und Journalisten mitunter angegriffen, als ob sie mit ihrem Getippe Millionen verdienen? Man will doch weder reich noch berühmt werden. Und die Idee, sich interaktiv unterhalten zu können, ja, das ist, wieso viele online gegangen sind. Und viele sind enttäuscht, weil das Klima sehr rauh sein kann, und schreiben, das Internet ist zur Kloake geworden. (Nein, nicht die "Klowände" von Jung v. Matt - sondern das, was normale Usenet-, Foren-, Homepage- oder Blogschreiber erleben). > Ein gewisses Bajazzotum ist also gefragt, eher Harald Schmidt als Wolf Schneider ? Achje, beide sagen mir wenig zu, wobei Schneider zumindest Inhalte hat. Schmidt ist mir zu zynisch. Aber wie kann man ausgerechnet diese zwei vergleichen? > Das Web 2.0 ist aber ?ein warmes Medium?. Ein Journalist im Web 2.0 muss wieder wissen, ?wofür? er schreibt, früher sagte man mal, er muss ?mit Herzblut? schreiben. Klingt kitschig, ich weiß. Das tut eigentlich jeder Journalist, solange er innerlich noch lebt. Aber "ein warmes Medium"? Na auch ein Blogger, auch ein scheinbar (ich betone: scheinbar) unverletzlicher Don Alphonso, kann von heute auf morgen in einer umkippenden Stimmung "Lynchen 2.0" erleben. Deshalb sollte man die Lesern nicht als potentielle Feinde ansehen, aber blauäugig-naiv darf man auch nicht sein. Ich finde sehr viel Idealismus in diesem Glauben an "Web 2.0" - nur wenn man das alles schon seit Jahren verfolgt, dann sieht man es abgeklärter. Ist ja nicht so, daß "Web 1.0" nicht interaktiv war - Gästebücher gab es, seit es ein WWW für jedermann gibt. Die meisten mußten wieder zugemacht werden, wegen Spam, Abmahnern und Störenfrieden. Klar gibt es im interaktiven Web auch Selbstregulierungsmechanismen, aber bei Dingen wie ständiger Politpropaganda oder bösartigem Getrolle ist auch das am Ende. Damit wird man leben müssen, nur man muß sich darüber im Klaren sein, daß nicht alles warm und kuschlig ist und man das auch niemand versprechen sollte.

  • Klaus Jarchow

    12.01.08 (15:30:28)

    Zu den 'Trollen': Seltsamerweise gibt es die vor allem in Chatrooms, Foren und Online-Portalen. Ich betreibe immerhin zwei Blogs - und habe von Trollen noch nicht allzu viel zu befürchten gehabt. Ironie wirkt bei ihnen oft Wunder. Aber lass zwei Prozent 'white trash' dabei sein, so wären doch dann 98 Prozent der Netz'ler nette und friedliche Leute. Das ist fast mehr als auf freier Wildbahn, und kein Anlass, bei Jörges eine Pauschalreise zu buchen. Hetzschriften: Wer einen guten Stil schreibt, kann im allgemeinen kein böser Mensch sein. Bis heute ist der große Nazischriftsteller noch nicht geboren. Gatekeeping: Schon seit Schirrmachers unsäglicher Antisemitismus-Attacke auf Martin Walser, einzig und allein zur Auflagesteigerung der FAZ damals - war das 1998? - erlebe ich den Journalismus zunehmend konträr zu dem, was du dort als Ideal beschreibst. Ich sehe oben eine Horde machtgenießender Verlagscäsaren mit politischen Ambitionen, ohne reale Verantwortung und ohne Mandat für ihr Tun (die 'Viererbande' sagte ein Freund mal), für die ansonsten allenfalls die Quote resp. Auflage zählt. Als nächstes ein paar Exoten und Hofnarren. Darunter eine Heerschar von Schreibsklaven, die immer größere Existenzangst schieben. Zur Tonality im Netz: Im Netz geht es oft rabautzig zu, richtig, aber ich bin auch kein dünnbesaitetes Seelchen, und wer mir meint, ans Kinn zu wollen, dem zeige ich, was ein richtiger Uppercut ist. Das muss man sportlich sehen, und ich mag lieber Geblöke als hinterhältiges Gezischel oder gar Denunze. Richtig bösartig erlebte ich das Netz eigentlich nur, als ich noch in Politforen schrieb, zu 1.0-Zeiten. Lies doch heute einfach mal, was in den Kommentaren bei Alphonso oder Knüwer drinsteht - da gibt's vielleicht Spott, auch Hohn, aber noch lange keine Klosprüche. Schmidt und Schneider: Ein Kontrast ist umso prägnanter, je dissonanter die Zusammenstellung scheint. Deswegen wäre es ja auch besonders gemein, Jörges mit Goethe zu vergleichen ... ;-) Web 2.0: Ich sehe nur, dass viele Leute ins Zweinullige emigrieren, weil die Aversion auf 'die verlogenen Medien' wächst und wächst. Ein Journalist kommt für viele inzwischen noch nach dem Versicherungsvertreter, während die Betroffenen sich selbst unverdrossen wahlweise als Aufklärer und Fortschrittler fühlen. Die Kritik trifft alle: Seien es Privatfernsehen, Lokalblättchen, Bild oder gar ein hochmögender 'Spiegel'. Vielleicht kenne ich aber auch nur die falschen Leute. Ach so, Engagement: Ich treffe immer öfter nur noch müde, ausgelaugte, zynische und resignierte Journalisten, die täglich ihren Riemen runtertippseln. Die sind aber auch nicht bei 'Qualitätsmedien' wie 'Vanity Fair' oder dem 'Stern', wo alles ganz anders ist.

  • Wolf-Dieter Roth

    12.01.08 (17:02:11)

    Trolle: Nun, das mit dem Vorkommen der Trolle hat wohl vor allem mit Besuchszahlen und der Wartung der Foren zu tun. Wer sein Forum zur Müllhalde verkommen läßt, bietet ihnen ein wunderbares Biotop. Don Alphonso würde sich dagegen so etwas in seinem Blog nicht bieten lassen, er sagt ja sehr schön "das ist mein Wohnzimmer", und da dürften die meisten Leute Ordnung halten. Mit einem Saustall im Forum/Blog/wasauchimmer dürfte man auch die normal veranlagten Leser abschrecken. Lassen nur Leute einreißen, die die so aus Flamewars entstehenden "Hits" für höhere Werbepreise nutzen wollen (ja, das gibt es!) Nazischriftsteller: Naja, "Mein Kampf" stand ja wohl in jedem Haushalt. Nur gelesen haben es zu wenig... Gatekeeping: Unter Gatekeeping verstehe ich, Müll aus dem Blatt rauszuhalten, nicht noch extra zusätzlichen Müll zu produzieren. Politik: Ich habe nie in Politikforen geschrieben, ich schreibe schon über Politik generell ungern. Ich habe zwar - wie wohl jeder - eine politische Meinung, aber naturgemäß hat die Mehrheit meiner Leser eine andere, d.h., da kann man nur in Konflikte geraten. Natürlich äußere ich mich zu Einzelfragen, aber ich mag keine typischen Politikthemen. Journalisten: Klar, dank "Baby Schimmerlos" & Co. ist deren Ruf versaut. Und bei den Arbeitsbedingungen ist es auch kein Wunder, daß viele müde, enttäuscht und ausgelaugt sind. Nur: Web 2.0 kann das nicht verbessern. Ein Journalist wird - ebenso wie Angestellte anderer Firmen - kaum dienstlich ein Blog führen können/dürfen. Da hat die Firma viel zuviel Angst und wenn er so persönlich ist, wie ein Blog es erfordert, erfährt auch sein Chef u.U. mehr über ihn, als gut ist. Thomas Knüwer ist da eine Ausnahme, bei den meisten Verlagen wird schon eine normale Homepage eines Mitarbeiters als ärgerlich angesehen. Man darf nicht vergessen, daß je nach Stimmung in der Bude ein Journalist für jeden bösen Leserbrief oder - im Web 2.0-Zeitalter - Artikelkommentar zum Chef gepfiffen werden kann. Das war auch zu Print-Zeiten schon so. Und das macht den Job zu einem ziemlichen Eierlauf, denn zumindest bei Leserbriefen melden sich die Leute fast nur, wenn sie meckern wollen - lobende Briefe sind viel seltener. Aber die Anwälte haben es geschafft, Versicherungsvertreter und Journalisten in der Unbeliebtheit noch zu überrunden...

  • Jean-Claude

    12.01.08 (17:16:53)

    @)Klaus Jarchow, dein zweitletzter Absatz elektrisiert mich: Das Image der Journalisten tendiert gegen null -und sie tun kaum etwas dagegen (egal ob web oder print). Es ist fast wie eine Lähmung. Jedenfalls gibt es wenig Selbstreflexion. Journalisten müssen nicht beliebt sein - und falls sie es sind, machen sie etwas falsch. Aber respektiert sein müss(t)en sie. Das ist das A & O. Das müss(t)en sie schon im eigenen Interessen erkennen, sonst fährt Hinz&Kunz mit ihnen Schlitten, was meiner Meinung nach gegenwärtig geschieht, wie in den letzten 40 Jahren nicht mehr. Für mich sind daher Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit zwei völlig unterschätzte Werte im Journalismus, Man kann das ja nicht in Franken und Euro ausdrucken und auf Aktionärsversammlungen als Erfolgsmeldung herumreichen. Aber letztlich wird es Match-entscheidend sein. Das klingt jetzt wahrscheinlich langweilig und moralisch. Aber es ist eher ökonomisch gedacht, wie überhaupt ich meine: Im Web muss man stärker ökonomisch denken, wenn man was erreichen will. Für mich sind Glaubwürdigkeit, Unabhängigkeit und Kontinuität unique selling points, die sich rechnen, je stärker die Informationsflut im web anschwillt. Aber das zu erreichen, ist sehr aufwändig. Darum gefällt mit der Ansatz mit dem kleineren, spezialisierteren Publikum, das im web nötig ist, um erfolgreiche Blog, Foren etc. zu betreiben. Aber es setzt eine Professionalisierung voraus, Moderatoren, Autoren etc. Das kostet Geld - und das ist, bei allem Idealismus, noch immer eine schwache Stelle in der web-Debatte.

  • Wolfgang Michal

    12.01.08 (17:30:18)

    Zur "Tonality", Klaus: "Im Netz geht es oft rabautzig zu, richtig, aber ich bin auch kein dünnbesaitetes Seelchen, und wer mir meint, ans Kinn zu wollen, dem zeige ich, was ein richtiger Uppercut ist." Harte Diskussion, gern! Den so genannten Qualitätsjournalismus zerpflücken, immer! Aber bitte konkret und nicht pauschal. Dieses selbstherrliche Django-2.0-Gehabe und das damit verbundene Starck-Deutsch ("Heerschar von Schreibsklaven") ist auf die Dauer öde. Sie wollen doch interessante Kommentare zu Ihren Thesen und nicht nur billige Akklamation?

  • Gerhard A. Pfeffer, Chefred. PR-Journal

    12.01.08 (17:45:55)

    Prima Bericht, Kollege Jarchow. Danke auch für Lob - nur: wo haben Sie bloss diesen alten Link her? Damit Sie und Ihre Leser meine Arbeit besser + aktuell beurteilen können hier die URL: www.pr-journal.de. Und wir planen unter dem Label PR-Bistro einen echten (User generated) Multimedia-Blog sowie ein interessantes PR-Social-Netzwerk (PR-Kommuniti). Bin also großer Anhänger eines professionellen Online-Journalismus. Hier liegt die Zukunft. Und ich bin da optimistisch. Es ist auch nicht schade um Alt-Kollegen wie Konken und Jörges. Sie behindern die Entwicklung, halten Sie aber nicht auf. Übrigens: während meiner 44 PR-Jahre war ich von 1984 - 1992 erfolgreicher DPRG-Geschäftsführer und führte viele Neuerungen ein, bis mich die Betonköpfe des Berufsverbandes wegmobbten. Heute bin ich verbandsunabhängig - kann aber mit reichlich Erfahrung das Treiben der Fortschrittsverhinderer in den Verbänden beurteilen. Public Relations wird und muss neue Wege gehen! Alle Gute für Sie + Grüße Ihr Gerhard A. Pfeffer, Chefredakteur "PR-Journal", Siegburg

  • Detlef Guertler

    12.01.08 (18:03:40)

    @ alle: Okay, überredet. @ Jarchow, nur die wichtigsten Dissense: Und wie die Informationen branden. Habe mich zuletzt ausführlich mit der weltweiten Kreditkrise beschäftigt, die in allen Mediengattungen überschwappt, aber fast durchgängig nur kurzsichtigen Müll oder interessengeleitete Propaganda hervorbringt. Ich habe genau zwei Informationsquellen als vertrauenswürdig übrig behalten: eine deutsche Zeitung (FTD) und ein US-Blog. Da den Müll von Brauchbarem zu trennen, ist eine Heidenarbeit, die mir das Netz leider nicht abgenommen hat. Aber beim nächsten Crash wird alles anders. Ach ja: Die Köpfe sind zwar in der Tat seit der Bronzezeit nur unwesentlich größer geworden, ihr Fassungsvermögen an abstarkten Informationen hat sich hingegen enorm gesteigert. Ich bin sicher, dass Medienleistungen dauerhaft ?for profit? erbracht werden. Wobei Medienleistungen nicht an ein Medium im heutigen Sinn gebunden sein müssen: Reduktion von Komplexität, Einordnung und Unterhaltung lassen sich auch anders organisieren. Journalist ist dann immer noch ein marktwirtschaftlicher Beruf, und wenn er dann anders heißt, schadet das auch nichts - Hauptsache, er ernährt gute Journalisten auch weiterhin. User generated content wird den Journalisten so wenig ersetzen wie das Desktop Publishing den Grafiker ersetzte. Die Ökonomen reden seit mehreren Jahrhunderten ununterbrochen vom Walten ?objektiver Marktgesetze?, Nichtökonomen und Feuilletonisten reiten schn seit ein paar Jahrtausenden ?subjektive Wellen?. Sie wollen Subjektivität verkaufen, ich Objektivität, vielleicht kommen wir ja beide auf unsere Kosten. Wenn die fünfte Gewalt die vierte und alle anderen kontrolliert, ändert sich für die vierte Gewalt gar nichts. Bild hat sich schon immer danach gerichtet, was die Leute kaufen wollten, und sich dabei eher widerwillig und längst nicht immer an die Regeln des Presserechts gehalten. Inzwischen hält sich Bild außerdem eher widerwillig und längst nicht immer an die Regeln des Bildblogs. Ach ja: Zwei erstklassige Stilisten wurden immer wieder als Nazischriftsteller bezeichnet: Ernst Jünger und Carl Schmitt. Sind aber beide nicht nur geboren, sondern sogar schon wieder gestorben. Und ich habe früher viel mehr abgearbeitete und zynische Journalisten gesehen als heute. Soziologische oder psychologische Untersuchungen dazu wären prima. Gibt's aber bestimmt nicht. Und wer von den Leuten nicht als Journalist verhasst werden will, sollte mindestens ein Buch schreiben. Dann darf er sich Schriftsteller nennen und ist Held jeder Party. Doch, wirklich.

  • Klaus Jarchow

    12.01.08 (18:08:19)

    @ Jean-Claude: Wenn nur 'Akzeptanz', 'Glaubwürdigkeit' und 'Respektiertheit' die Fortexistenz eines Mediums sichern, dann sind das eindeutig 'ökonomische Werte'. Was könnte es 'Ökonomischeres' geben als das Überleben? [Für ein Satiremagazin gelten selbstverständlich andere Werte]. Der Journalismus steckt generell in einer Angstfalle: Selbst die guten Schreiber unter den Journalisten glauben an das große Verlegermärchen, dass sie jederzeit ersetzbar wären, das gute Schreiber aus den Journalistenschulen rinnen wie Sand aus einer Eieruhr. So ungefähr das Gegenteil ist wahr: Durchnormierte Birkel-Nudeln sind noch lange keine Pasta. Schreiben ist Sein. Die Verleger glauben ihren eigenen Bockmist deshalb, weil sie kein Gefühl mehr für Texte, sondern nur noch für Tabellenkalkulation haben. In Sachen Stil fehlt ihnen inzwischen alle Kompetenz. Was ein ziemliches Dilemma ausmacht - keiner von den Betroffenen aber sagt ihnen, dass der Verleger Kaiser nackt ist. Der relative publizistische Nischenerfolg von 'Schreiber-Projekten' wie Brand Eins spricht doch für sich. Die Leute wollen nicht länger von 'Capital' oder 'Wirtschaftswoche' zum Geldausgeben animiert werden, sondern Ökonomie verstehen. Ihr Interesse ist nicht das der Anzeigenkunden oder das des Verlegers ... Das Geldproblem ist mir klar. Wenn ich hier das kriegen wollte, was meine Artikel in meinen Augen manchmal wert sind, dann liefe die Medienlese prompt auf Grund. Also verbuche ich die Differenz unter Spaß und Idealismus. Web 2.0 eben ...

  • Klaus Jarchow

    12.01.08 (18:51:22)

    @Detlef G.: Es geht nicht um die Menge an 'noise' oder 'Reizen' in der Welt. Das ist doch noch keine Information. Um im Bild zu bleiben: Als du rausgefummelt hattest, welche Quellen etwas taugen, in dem Moment erst hattest DU DICH informiert. Du hast deine Quellen 'in Formation' gebracht. Und nur deine - nebenbei bemerkt. Im übrigen glaube ich, das früher nur die Struktur der internen Information anders war, die Leute wussten z.B. wenig übers Twittern, dafür aber viel darüber, wie sich der böse Blick abwehren lässt. Welche Wissenschaft war allein die Alchimie! Und der derzeit beliebte 'gewalttätige Jugendliche' kennt tausend Fingerzeichen aller Posses zwischen Mannheim und Los Angeles, aber er weiß eben 'nichts Vernünftiges', wie es das Jugendamt ausdrücken würde. Es gibt überhaupt keinen 'informationellen Mangel', nur die Frage wie lebenspraktisch die jeweiligen Informationen sind. Dass Sprachwissen und -begabung Information strukturiert, komplexer und anwendbarer macht, ist unbestritten. Darin liegt die Intelligenz, nicht in der Quantität. Ein Teil der Medienleistungen wird weiterhin für Geld erbracht werden, im Bereich von Spin Doctoring, Werbung und PR auf alle Fälle. Lüge gibt's nur für Geld. Ob aber - weit gefasst - das 'Projekt Aufklärung' fürderhin 'for money' erfolgt, da habe ich meine Zweifel. Im Netz läuft inzwischen alles Aufklärerische und Wissenswerte kostenlos zusammen - und wo soll das Gehalt herkommen, wenn keiner bezahlen muss? Die Frage der objektiven Ökonomen - da bleibt die Frage, wer derzeit und wie lange noch die Meinungsführerschaft haben wird. Wenn die Journalisten als brave Grautiere der Wirtschaft, die bisher schon von Hartz IV bis zur Gesundheitsreform alles brav an den Mann (resp. Frau) gebracht haben, an Einfluss verlieren, und zwar umso mehr, je mehr sie sich als Grautiere weiterhin andienern, weil sie durch ihr 'Produkt' und ihre 'ewige Leier' den subjektiver - und damit kollektiver - gestimmten Menschen immer mehr zum Ekel werden, dann ist ein solches langandauerndes Rollback nicht nur möglich, sondern in meinen Augen sogar wahrscheinlich. Die Ideologen können dann wenig machen, weil sie zwar die Altmedien weitgehend mit Anzeigen 'eingekauft' haben, da aber die Menschen inzwischen mediale Alternativen entwickeln können, verlieren sie den Zugriff. Auch Denkkulturen haben ihre 'longue durées', die smarten Boys vom Mental-Marketing hätten dann erst einmal ausgedient, weil alle deren Denkstil im Grunde und auf absehbare Zeit nur noch für pervers halten würden. Die Menschen hören aus der Erfahrung von 25 Jahren einfach nicht mehr auf sie. Selbst schuld. Dass Guidos tränenselig beklagter 'Linksrutsch' derzeit stattfindet, ist wohl unbestritten. Weshalb wohl? Medial hat sich jedenfalls noch gar nichts geändert ... Letztlich: Es ist nicht wahr, dass die Menschen das denken, was in der Bild-Zeitung steht. Boulevard heißt: Einer soziologisch gut zu beschreibenden Gruppe von Kleinbürgern mittels moralisch heruntergekommener Schreiber die Welt mit Ressentiments 'Warm' und 'wohlig' zu machen, indem denen 'da oben' mal richtig eingeheizt wird. Die dort gedruckten 'Inhalte' aber stecken in den Köpfen der Schreiber, nicht in denen der Leser. Denn der Schreiber bringt die Welt textlich 'in Formation' - um wieder oben anzukommen.

  • Detlef Guertler

    12.01.08 (19:21:08)

    Natürlich "denken" die Leute nicht, was in der Bild-Zeitung steht, es geht genau umgekehrt: Die Bild-Zeitung druckt das, was die Leute kaufen wollen. Der entscheidende Unterschied zwischen Boulevard und anderen Medien ist dass sich Boulevard jeden Tag von neuem verkaufen muss. Und jeden Tag von neuem am eigenen Geldbeutel erfährt, was sich gut und was schlecht verkauft. Geht übrigens jedem Blogger auch so, nur nicht jeden Tag, sondern jede Sekunde. Und dass die Leuten ihn nicht mit Geld, sondern nur mit der Zeit bezahlen, die sie ihm widmen. Der vermutlich einzige Grund, warum Blogger im Durchschnitt anständiger schreiben als der Boulevard.

  • Wolf-Dieter Roth

    12.01.08 (20:42:42)

    @Detlef: Stimmt, zumindest choniscd rauchen und saufen ist nicht mehr üblich. Da wäre heute aber auch keiner mehr dem Leistungsdruck gewachsen @Klaus: Was hilft es, wenn wir wissen, daß wir unersetzlich sind, wenn Chefs oder Verleger das nicht so sehen? Da braucht es wohl noch viele Artikel von Dir. Ich kenne nur einen Fall, wo ein Herausgeber gehen mußte, nachdem er einmal zuviel gefeuert hatte und der Verlag realisierte, daß ja wohl nicht alle anderen schlecht sein können...leider war seine Abfindung dennoch so teuer, daß für die dringend nötigen Redakteure bisher kein Geld da ist...

  • Finmike

    12.01.08 (20:49:19)

    Lieber Herr Roth, warum konnte ein Baby Schimmerlos überhaupt erst entstehen? So herum wird ein Schuh daraus. Web 2.0 ist auch nicht angetreten, die Arbeitsbedingungen von Journalisten zu verbessern. Allgemein - Printmedien haben in Zukunft mit der Ergänzung durch das Internet genauso leben zu lernen, wie sie schon mit Radio und TV zu leben lernen mussten. Ihre Funktion bleibt die Zusammenfassung eines Tages oder längerer Zeiträume und die Einordnung des Geschehenen. Dabei werden sie jedoch in Zukunft mit direkter Kritik leben müssen. Entweder, Printmedien arbeiten in Zukunft auf hochwertigem Niveau - will sagen, entschieden besser nachvollziehbar als heute - oder man geht vor die Hunde. Wie schrieb doch der Chef des gerade eingestellten Max dunnemals - "Werdet besser." PR- ja, gerade da wird die Luft für Unfug dünner. Kennt noch jemand den Unterschied zwischen PR und Werbung? Nur meine 2 Cent. Und ja, im Fernsehn gibts nicht nur Journalismus, der schlecht ist. Gerade Samstag abends gibts da noch ganz anderes.

  • Wolf-Dieter Roth

    12.01.08 (21:40:27)

    @Finmike: Klar, nach unten geht immer noch ewas. Warum konnte "Baby Schimmerlos" entstehen? Warum wird "Ich bin kein Star, laßt mich hier drin" angeguckt? Und sogar von Stefan Niggemeier livegebloggt und damit journalistisch geadelt? Aber ok, einer muß sich ja auch 9live angucken... Trotzdem brächte uns eine Publikumsbeschimpfung nicht weiter. Denn eben da wäre das "Gatekeeping" angebracht: mache ich alles, nur weil es geht, "give the people, what they want!", oder lasse ich bestimmte Sachen weg? Man braucht ja nur zu schauen, welches Topic hier 2007 am stärksten frequentiert wurde. Andere würden nun ständig über klapprige Meitlis schreiben. Und dazu sagen "na der User will es doch!". Aber ich sehe das Qualitätsproblem nicht speziell bei Print. Das ist medienunabhängig. Schwarz auf Weiß fällt es nur mehr auf als im TV.

  • Prospero

    13.01.08 (03:34:24)

    Wenn das so ist, wieso werdas Blogger und Journalisten mitunter angegriffen, als ob sie mit ihrem Getippe Millionen verdienen? Fragen Sie mich doch als D-Blogger nicht sowas, fragen Sie lieber die Journalisten, die zur Zeit so beherzt auf die Blogger eindreschen... Ad Astra

  • Prospero

    13.01.08 (03:47:57)

    Zur Ergänzung: Soll heißen außer den üblichen Verdächtigen wie Don Alphonso bemerke ich gerade nicht das große Attackieren von Blogs gegen Journalisten. Das hatten wir als Welle so um - hmm - 2004 rum glaube ich, als Blogs noch einen anderen "Anspruch" mitbekamen. Ich sehe immer nur Reaktionen auf Journalistenartikel in den Blogs - ich sehe aber nicht, dass jede Woche ein Blog einen geharnischten Angriff auf die alte Tante Zeitung schreibt. (Was aber angesichts der Millionen Blogs die ich nicht lese wohl gut sein kann, die üblichen Verdächtigunge wie den Don mal nicht mitgezählt. Und selbst der hat in der letzten Zeit eher mit anderen Dingen zu tun gehabt als mit Zeitungen.) Insofern fühle ich momentan wie bei den Bloggern ein leichtes "Ach, dann lass sie doch halt schreiben, das brauchen wir uns nicht mehr anzutun"-Gefühl aufzukommen scheint. Was ich begrüßen würde. Durchaus. Übrigens: DerWesten hat wohl die Erwartungen der Macher bisher nicht erfüllt - komisch, wenn die doch offenbar Qualitätsblogs machen... ;-) Ad Astra

  • Klaus Jarchow

    13.01.08 (07:45:26)

    Ein paar Ergänzungen: Gegen Ernst Jüngers Konservatismus kann man ja einwenden, was man will, der große 'Nazi-Schriftsteller' war er aber definitiv nicht, eher Teil des preußisch-konservativen Widerstands um Stauffenberg & Co. Carl Schmitt war gar kein Schriftsteller, sondern ein Jurist und Staatsrechtler, der allerdings ein paar einprägsame Formulierungen hinterließ, wie - meines Wissens - die vom 'freischwebenden Intellektuellen'. Intellektuellenfeindschaft und Schriftstellertum schließen sich grundsätzlich aus. Weswegen auch der GröSchwaZ nicht zu dem Schriftstellern zu zählen ist. Am ehesten passt eine solche Kategorie mit viel Wohlwollen noch auf Goebbels, der sozusagen rhetorisches Können mit PR-Beratertum amalgierte. Zu 'Baby Schimmerlos' und Wolf-Dieter Roth: Wegen der Abbildfunktion der Literatur gibt es in der Realität immer erst das Vorbild: Erst gab es also diese Schimmerlos-Figuren, dann die Sendung, die daraus einen Idealtypus machte. Publikumsbeschimpfung liegt mir fern: Ich bin sogar froh über unser Publikum, das im derzeitigen Verfallszustand der Medien diese immer mehr links liegen lässt. Die sind also nicht dumm, die sind schlau ... Eine schöne Grafik zum Thema findet sich dort: "Wer Geld an der Börse machen will, sollte derzeit vermutlich nicht in Aktien von Zeitungskonzernen investieren". Daran kann doch nicht immer nur das Publikum schuld haben - und der Text ist auch wieder nur von so einem unqualifizierten Blogger.

  • Klaus Jarchow

    13.01.08 (08:29:10)

    Weil's so schön die Dialogbereitschaft der Old-Media-Journalisten illustriert, setze ich für euch mal diesen Link.

  • Finmike

    13.01.08 (09:56:40)

    Zu dem Schimmerlos sollte ich vieleicht klarstellen - der ist zum größten Teil ja entstanden, bevor er konsumiert werden konnte. Das hätte auch floppen können. Aber entstehen konnte er nicht, ohne das von irgendwo das Stöffchen zugeliefert worden ist, was taugte, um ein Thema draus zu machen. Darum ging es mir. Um Publikumsbeschimpfung ging es mir dabei nicht - das sucht sich schon heraus, was am einfachsten zu verdauen ist. Tat es immer, und hat das Recht dazu. Die darüber am lautesten schimpfen, sind immer die albernsten Figuren in dem großen Zirkus. Das Qualitätsproblem ist allgemein, das ist sicher richtig, auf TV-Funk, Print und auch auf WWW mit seinen verschiedenen Publikationsformen bezogen. Die alberne Diskussion, die in den letzten Wochen wieder aufkocht, und die schon kurz nach dem Entstehen des Webs angefangen hat (genau wie nach Entstehen der ersten Hieroglyphen, des Buchdrucks, des Radio und des TV), hatte, glaube ich, zum Inhalt, dass Qualität nur fordern dürfe, wer auch welche bieten möge. Ich denke, Qualität darf jeder fordern, der bereit ist, dafür auch zu bezahlen. Mit Geld oder mit Zeit und Aufmerksamkeit. Gatekeeping ist meiner Ansicht nach sowieso überholt. Lässt Pro7 etwas aus (was wäre das?), dann bringts halt rtl2, oder in ganz harten Fällen 9live. Was in der Bild nicht steht, ist noch lange nicht zu blöd für Coupe. Wobei die Namen der Beteiligten jeweils variabel sind, auch über Mediengrenzen hinweg. Irgendwie macht jeder Dreck die Runde.

  • Wolf-Dieter Roth

    13.01.08 (11:27:46)

    @Prospero: Mit dem Angriff auf Journalisten meinte ich auch nicht die Blogs. Der Gegensatz Journalisten < - > Blogger ist ein erfundener, aufgesetzter. Und ich denke, manche der Kollegen haben auch kein Problem mit Blogs, sondern nur damit, daß ihre Chefs sie mit Genuß rund machen, wenn sie irgendwo kritisiert werden. Da machen sich Kritiker, auch mit berechtigter Kritik, mitunter zu Handlangern einer nicht wirklich qualitätsfördernden Vorgehensweise in so manchen Redaktionen, von denen Außenstehende wenig Ahnung haben. Daß dann manche Journalisten keine Ahnung vom Internet haben - na, das haben sie mit Politikern, Rechtsanwälten und noch vielen anderen Mitmenschen gemeinsam. Aber ich denke, dazu schreibe ich einen eigenen Text. Die Diskussion hat mir wieder so einiges gezeigt, ebenso übrigens auch die Attacken Dons. Er sieht Dinge eben anders als Journalisten, die angestellt sind, er kann und darf sie auch anders sehen. Entscheidend wäre aber, wie der normale Leser es sieht. Der schweigt aber leider, wenn er zufrieden ist, und wenn er unzufrieden ist und meckert, dann ist damit noch nicht klar: hat er Recht, weil er einen Mißstand entdeckt hat, oder will er nur mal ein bißchen Zoff machen? Die Masse an eher fragwürdigen Leserbriefschreibern führt leicht dazu, daß die hilfreichen Leserbriefe übersehen werden - und das Schicksal teilen alle stark frequentierten Medien, ob Blog, Portal, TV oder Papierzeitung. Die Kommunikation mit dem Leser ist leichter, wenn die Kreise noch überschaubar sind. @Finmike: Gatekeeping soll ja auch nicht Zensur sein. Sondern nur ein "bei uns gibt es dies und das, jenes dagegen nicht". Wer das Profil des Mediums schätzt, wird es nutzen. Wer lieber was über Britney Spears lesen will, geht dann zu den Medien, die das bedienen. Eine Qualitätszensur, die solche Themen einfach verbietet, das will keiner. Wenn sich jemand als Qualitätsmedium bezeichnet und dann Britney mit einer Bilderstrecke abhandelt, dann allerdings darf er sich auf Buh-Rufe gefaßt machen. Aber wer halt bestimmte Themen gesammelt und hinterdacht sehen will, wird sich auch in Zukunft bestimmter Medien bedienen und nicht nur http://www.google.de/search?hl=de&q=quali%C3%A4t eingeben ;-)

  • Finmike

    13.01.08 (12:08:34)

    @W.-D. Roth: Sie meinen Gatekeeping als Service, im Sinne von Einordnung des Tagesgeschehens und Angebot eines zeitlich begrenzten Überblicks? -D'accord, das ist auch in Zukunft die Aufgabe von Medien. Gerade Print hat hier seine eigenen Möglichkeiten, auch in Zukunft sinnvoll in den Medienmix integrierbar zu sein. Dazu gehört aber ein Qualitätsbegriff, der offensichtlich neu überdacht sein will, und ein Geschäftsmodell, das noch zu entwickeln sein wird, mit dem man die Qualität auch erzeugen kann. Da zeugt das derzeitige Vorgehen der Verlagsbranche doch eher von Planlosigkeit. Und von vollen Hosen sowie leeren Kassen mancherorts.

  • Jean-Claude

    13.01.08 (14:10:29)

    @) Finmike, die Kassen der Medienindustrie sind gar nicht so leer, wie viele meinen. Dieser Eindruck wird uns nur permanent so vermittelt. Es kommt stark auf die Verteilung der Mittel an. Die eigentliche journalistische Produktion ist dabei nur ein Faktor (egal ob print oder web), und keineswegs der wichtigste. Das hat u.a. damit zu tun, dass die Renditeerwartungen heute ganz andere sind als vor 15 oder 20 Jahren. Eine Umsatzrendite unter 10 Prozent ist heute schon Anlass für "Gewinnwarnungen" (ein seltsames Wort, aber es ist eben manches seltsam ...). An diesen Zusammenhängen ist nichts zu ändern. Journalisten müssen sich aber für ihre Interessen - und das hat unmittelbar mit dem Qualitätsanspruch zu tun - viel energischer zur Wehr setzen, zunächst mal intern. Ansprüche wieder laut formulieren. Klar machen, warum Qualität kostet und wo der Unterschied liegt. Geht nicht? In den USA bringen es ausgerechnet die Drehbuchautoren fertig, die mächtige Film- und TV-Industrie einwenig in den Schwitzkasten zu nehmen, (es geht um höherer Honorare, aber eben auch um bessere Arbeitsbedingungen, die ein qualitativ noch einigermassen vertretbares Arbeiten ermöglichen). Da mischensich jetzt auch Prominete Schauspieler ein. Das ganze kriegt drive. Mal sehen, ob der Funke auf US-Journalisten überspringt. Könnte durchaus sein. Warum sollten Journalisten, die an der Front den Kopf hinhalten und von denen es letzlich abhängt, ob ein Medium Erfolg hat, sich nicht auch ihrer Rolle und Bedeutung wieder mehr bewusst werden? Journalisten müssen die Grenzen nach unten selber festlegen. Das ist das Mindeste, was man von ihnen erwarten kann. Nach oben ist die "Richterskala" bekanntlich offen. Notfalls müssen sie halt laut werden. Und zwar son laut, dass man sie hört. Nicht nur auf den Verlagsetagen, sondern auch draussen. Kein Verlag kommt gern ins Gerede. Das gilt für web wie für print. Das web allerdings hat den riesigen Vorteil, dass es insgesamt einen günstigere Kostenstruktur hat. Da fällt es vorerst noch leichter, sich der eisernen Umklammerung durch die Anzeigenmärkte zu entziehen. Unabhängigkeit, auch wenn sie nur relativ ist, ist ein nicht zu unterschätzender Wert, ideell und ökonomisch.

  • Klaus Jarchow

    13.01.08 (14:44:56)

    Zur wirtschaftlichen Lage der VVerlage empfehle ich imerm gern diesen schönen Text von Oliver Gehrs: "Der Millionenraub ... "

  • Finmike

    13.01.08 (14:54:38)

    @Jean-Claude, klär mich gerne auf, wenn ich was verpasst hab - aber fehlt da nicht immer noch irgendwo ein grundlegendes Geschäftsmodell, das über pay-per-click hinausgeht und größere Investitionen rechtfertigen würde? Nebenbei sind die Gewinnerwartungen anscheinend noch immer von der DotCom-Blase verzerrt, obwohl das Platzen derselben so ca. seit anno 2000 da einiges hätte zurechtrücken sollen. My point of knowledge, yours may vary. Ansonsten - wo darf ich unterschreiben?

  • Finmike

    13.01.08 (15:08:08)

    kleiner Nachtrag: was mich an unserer Verlagsindustrie allerdings fasziniert - dass all die so called "opinion leaders" und "agenda setters" bei uns im Lande nicht zu ähnlichen Einsichten und Aktionen fähig sind wie die von Jean-Claude erwähnten US-Autoren. Herrn Jörges Auftreten beim Deutschen JugendherbergsJournalisten-Verband hat insofern durchaus das Zeug zum Klassiker. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das eher entlarvend oder einfach nur peinlich finden sollte.

  • Teja Bernardy

    13.01.08 (21:17:51)

    weil ich am 11.01.08 kurz nach Erscheinen der 7 Thesen Zeit hatte, hätte dies der erste Beitrag sein können. Spamfilter entwickeln manchmal ein Eigenleben, deshalb ein später Einstieg jetzt. Darf man manchmal froh sein, kein Journalist zu sein? Ehe wer bei Jörgens eine Pauschalreise bucht, sollte er sich vielleicht doch trollen. Yes, die Holzmedien, der Wurm ist da ja nicht erst seit vorgestern drin, verlieren via Web ihre Macht. Murdoch sagt`s ihnen. Sie mögen`s nicht hören. Er wird sie fressen. Sieben Thesen >to be diskussed< und aus dem Siebengebirge herausgepickt den Anfang vom Ende "Der Abschied von gesellschaftlichen Lenkungsfunktionen": Wer, außer feudaler Zensur, hatte je den Massenmedien die durchaus politische Aufgabe zugewiesen, durch Informationen Leitideen" zu implementieren und die Einstellungen der Menschen bewahren oder ändern zu müssen, oder auch nur zu dürfen? -An der Käseglocke wird auch Leitkultur eingeläutet!- Aufklärung und Demokratie sollten solche Leit(d)kultur nicht nur wie Emmentaler gelöchert, sondern längst aufgefressen haben. Die angemaßte Aufgabe ist illegitim, Umkehr der Begrifflichkeiten, Parodie einer offenen Gesellschaft. Einstellungen bewahren oder ändern zu wollen, ist weder Inhalt der zu re- und rapportierenden Nachricht, noch Bewahren oder Ändern. Die Vokabel selbst lautet "Manipulation". Ihr Sinn zielt auf Herrschen und Beherrschen. Das steht keinem Journalimus zu, nicht einmal einer politischen Partei. Offenbar wird Journalismus so abseits seiner aus sich selbst zuerkannten Funktion als vierte und Kontrollmacht Dienstleister einer von Dritten georderten Anpassungsleistung. Betrachte ich persönlichen Medienkonsum und dieses Forum, ersetzt nicht nur Vielfalt Einfalt, sondern ist quantitativer Informationszuwachs mit kommunizierter Meinungsvielfalt gepaart Kennzeichen der neuen Medien, auch wenn darunter selbstredend mehr als genug Einfältiges anfällt. Der Meinungsinhaber mag auch durchaus den tradierten Machtimpetus seinen Gedankenergüssen mitgeben wollen, es fehlt ihm hier das Eingebundensein in einem einheitlichen Meinungsgerüst, zumindest vorerst. - Z. B. Frontpage und Powerpoint sind durchaus Softwareboten einer Gleichrichter-Zukunft!- A priori und einstweilen schlägt der Verlust der Meinungshoheit und Lenkungsfunktion durch. Das macht Leute wie Jörgens und Schirrmacher nervös. Der Hörer/Leser gewinnt die Freiheit der Interpretation. Er gewinnt sie zurück! Weit davon entfernt, Netz und/oder Medien überhaupt demokratischen Habitus testieren zu wollen, gilt wenigstens im Netz, nicht der Redner/Schreiber entscheidet, was Hörer/Leser wie aufnimmt, sondern Leser/Hörer dürfen wieder(?) selbst denken, eine Grundvoraussetzung der Aufklärung. Von Murdoch darf gedacht werden, nur nicht, er wisse nicht, wovon er redet. Sein Handeln? Steht auf/in einem anderen Blatt.

  • Klaus Jarchow

    14.01.08 (09:31:48)

    @ Teja: Veranstaltungen wie 'Journalismus' sind immer gesellschaftlich multifunktional, sie können 'aufklärerisch', 'humanistisch' und/oder auch 'manipulativ' wirken. Auch Aufklärung ist in gewisser Weise 'Manipulation', wenn auch zu einem guten Zweck. Sieht man aber immer nur die eine Funktion, dann wird's notwendigerweise unpräzise, bzw. 'verschwörungstheoretisch'. Dass derzeit der Journalismus unverdrossen meint, er hätte die 'big balls' in der Hose, obwohl es nur hohle Pingpong-Bällchen sind, das will ich dir gern zugestehen.

  • Teja Bernardy

    14.01.08 (10:47:48)

    @ Klaus: Einverstanden. Für Heinz von Förster ist Wahrheit nur die Erfindung eines Lügners. Trotz Rad, der Blickwinkel in Nasenrichtung endet bei 180 Grad. Heiligt der gute Zweck Aufklärung die Mittel? Auch Diekmann versteht sich schließlich als Aufklärer, und selbst faschistoide Aufklärung hat durchaus ihre Blütezeiten.

  • Klaus Jarchow

    14.01.08 (12:19:00)

    Vielleicht mache ich demnächst tatsächlich mal etwas über die 'neuen Buhwörter': Was wir nicht mehr lesen wollen ... ;-)

  • Teja Bernardy

    14.01.08 (14:18:56)

    @ Klaus: Au ja! Die alten Buhwörter nicht vergessen. Und dann so richtig à la These 1., das wärs. O:-)

  • Dominik

    28.01.08 (16:02:29)

    hätte hier auch noch was zum Thema beizutragen:

  • Dominik

    28.01.08 (16:03:19)

    http://sinnmacherblog.supersized.org/archives/180-Weblogs-und-Journalismus-Adaption-und-Induktion.html

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