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04.06.14Leser-Kommentare

Showrooming: Kein Fluch sondern ein Retter des Einzelhandels

Die zunehmende Neigung der Konsumenten, Güter im Internet und nicht im Geschäft um die Ecke zu kaufen, muss nicht zwangsläufig zu verödenden Innenstädten führen. Showrooms ohne Möglichkeit zur Direktmitnahme von Produkten könnten sich als Retter für die Branche erweisen.

Geschäft

Prophezeiungen darüber, wie die Zukunft aussehen wird und welche Technologien in einigen Jahren unseren Alltag prägen werden, sind traditionell fehleranfällig. Als am sichersten erweisen sich die Vorhersagen, die sich auf hinreichend existierende Daten stützen - die sich damit also gewisserweise schon halbwegs bewahrheitet haben. Das betrifft etwa die Prognose des Niedergangs von Tageszeitungen. Oder auch das langsame Sterben des stationären Handels, das sich vor allem durch Insolvenzen etablierter Handelsketten und das ungebrochene Wachstum des E-Commerce bei parallel deutlich geringerer Zunahme des Gesamtmarktes ankündigt.

Ein mit der Veränderung des Handels einhergehendes Phänomen ist das sogenannte "Showrooming". Darunter versteht man die Begutachtung von Produkten durch Konsumenten im Ladengeschäft mit anschließendem Online-Kauf. Was für Verbraucher (informierte Kaufentscheidung) und Webshops (reduzierte Retourenrate) Vorteile bringt, bereit den meisten stationären Geschäften verständlicherweise Kopfschmerzen. Denn ihnen entgehen die Umsätze, die sie zum Überleben brauchen. Laut einer aktuellen Untersuchung von Tradedoubler entschlossen sich 22 Prozent der Europäer, die in einem Geschäft per Smartphone zu Waren recherchierten, für den späteren Online-Erwerb. 20 Prozent verzichteten ganz auf einen Kauf und weitere 20 Prozent schlugen in einem anderen physischen Geschäft zu. Nur 19 Prozent erwarben ein Produkt an Ort und Stelle. In einer britischen Umfrage zeigte sich, dass fast die Hälfte der Verbraucher Showrooming praktizieren. Für Händler, deren Geschäftsmodell auf dem stationären Abverkauf von auf Lager befindlichen Waren fußt, stellt Showrooming eine Existenzbedrohung dar. Doch das heißt nicht, dass das Phänomen grundsätzlich schädlich für den Einzelhandel sein muss. Im Gegenteil: Physische Ladenfläche ausschließlich zur Beratung, Präsentation und Kundenbindung zu nutzen, könnte sich zum Motor des Handels entwickeln und gleichzeitig die Innenstädte vor ihrer von Pessimisten befürchteten "Verödung" bewahren.

Ein interessantes Beispiel für diese These ist der US-amerikanische Herren-Bekleidungsspezialist Bonobos. Das Unternehmen aus New York verkauft ausschließlich online, betreibt aber mittlerweile acht sogenannte Guide Shops in amerikanischen Städten. Dabei handelt es sich um physische Lokale, die sich auf den ersten Blick überhaupt nicht von typischen stationären Geschäften unterscheiden. Doch eines hebt sie deutlich ab: Kein Kunde verlässt die Bonobos-Shops mit erworbenen Kleidungsstücken. Wer nach einigem Stöbern oder einer persönlichen Stilberatung ein Hemd, eine Hose oder ein Accessoire kauft, der bestellt dies zwar vor Ort, erhält die Ware dann aber einige Tage später per Post.

Die Idee zu dem Konzept entstand laut dem Guideshop-Verantwortlichen Erin Ersenkal, nachdem Bonobos bei Kunden einen hohen Beratungsbedarf erkannte, der anfänglich zu speziellen Anlässen direkt am Firmensitz gestillt und daraufhin in Form der Ladenlokale formalisiert wurde. Weil der New Yorker Modespezialist grundsätzlich nur Versandhandel betreibt, erspart er sich für die Guide Shops die Kosten und den logistischen Aufwand, der mit dem Direktverkauf und der Lagerhaltung von Gütern einhergeht. Neben Bonobos finden sich in den USA immer mehr Handelsmarken, deren Anfänge im Onlinegeschäft liegen, die jedoch mittlerweile auch physische "Showrooms" betreiben. So geht etwa auch der Brillenspezialist Warby Parker vor.

Früher oder später wird das aktiv von Händlern beförderte Showrooming auch im deutschsprachigen Raum Einzug halten. E-Commerce-Kenner Karsten Werner vom Blog Etailment geht davon aus, dass sich bewusst seitens eines Händlers gefördertes Showrooming vor allem bei Warengruppen eignet, in denen eine sofortige Verfügbarkeit nicht zur Erwartungshaltung gehört - etwa Möbel.

Auf mittlere Sicht aber erscheint die Vorstellung, dass in vielen Einzelhandelssegmenten der stationäre Laden zwar bestehen bleibt, die Möglichkeiten zur Direktmitnahme aber abnehmen, nicht abwegig. Vorausgesetzt, die Käufer lassen sich von dem aufgeschobenen Glücksgefühl, ein erworbenes Produkt in den Händen zu halten, nicht abschrecken, so gibt es beim Showrooming nämlich nur Gewinner. /mw

Foto: Taichung famous department store, Shutterstock

Kommentare

  • Adrian

    04.06.14 (15:16:10)

    Derartige Geschäfte gibt es ja auch im asiatischen Raum einige. Sogar komplett ohne tatsächliche Produkte. Ausschließlich Plakate mit Fotos vorhandener Produkte und einem QR-Code daneben. Das heißt, die Kunden gehen mit ihrem Smartphone einkaufen, ohne die Produkte tatsächlich anzufassen. Das ist natürlich nur sinnvoll für Produkte, die nicht ausprobiert werden wollen. Ich glaube nicht, dass die Showrooms die stationären Läden komplett verdrängen können. Zu stark ist doch das Bedürfnis, das Angesehene auch gleich in Besitz zu haben. Denn letztendlich wäre es irgendwo ein Rückschritt, wenn man auf seine gekauften Dinge warten muss, statt sie gleich verwenden zu können.

  • Hannes Mehring

    04.06.14 (21:52:13)

    Ich vertrete genau dieselbe Meinung. Auch ich denke, dass Showrooms auf dem Vormarsch sind. Zwei Argumente hierzu: 1. In einigen deutschen Großstädten gibt es in der Innenstadt sog. REWE to go. Hier gibt es auf einer reduzierten Ladenfläche ausschließlich Produkte für den sofortigen Bedarf. Das ganze wird ergänzt durch eine hocherwertige Ladenoptik und Counter-Kassen. Das heißt: Große REWE gehen in die urbanen Fachmarktzentren, REWE to go gehen in die (teuren) Innenstädte. 2. Es gibt zahlreiche Einzelhändler, die in der Innenstadt teure Ladenflächen anmieten, wobei ca. 20-30% Lagerfläche ist. Warum sollte man die Lagerfrläche nicht dafür nutzen, um Same-Day-Delivery zu betreiben? In dem Zuge könnte die Ladenfläche sogar noch verkleinert werden. Dieses Konzept wäre ein gutes Übergangskonzept vom reinen Supermarkt zum reinen Showroom. Ich sehe besonders die Lebensmittel- und Drogisten-Einzelhändler in der Rolle, hier ihre Konzepte zu verändern. Ein Aussterben der Innenstädte sehe ich hierbei nicht. Die teuren Innenstadtlagen werden nur zunehmen hochpreisigen Artikeln vorbehalten sein.

  • Nima

    06.06.14 (01:50:16)

    Cooles Konzept um den Stationären Handel, vorallem den kleinen Boutiquen und Shops wieder etwas Kraft zu geben. Grüße

  • ROLAND

    15.07.14 (10:06:33)

    Dieses Konzept ist die Zukunft. Showrooming + wesentlich kleineres Warenlager vor Ort für den absoluten sofort Bedarf und sonst direkter Zugriff auf zentrale Läger mit Versand innerhalb 24 Stunden. In vielen Branchen (Mode, Schuhe,WEin, Sport usw.) wo die Beratung notwendig ist und auch das Probieren (Größen, Passform, Geschmack usw.) kann der Einzelhandel in den Städten die Bevorratung gar nicht mehr bieten, um die Kunden zu bedienen. Die Kapitalbindung vor Ort ist einfach zu hoch, wenn man hier einigermaßen mit Online mithalten will (geht auch nicht annähernd mehr gegenüber dem Online Angebot. Mit dem Konzept kann man aber den Kunden gut beraten und bedienen und mit Ihm gleich am POS den Verkauf abschließen und diesen nicht sich selbständig die Ware Online bestellen zu lassen. Das erfordert ein starkes umdenken im Handel und bei den Verkäufern, aber es wird sich auszahlen für alle beteiligten. Der Handel ist über seine Einkaufsverbände gut organisiert und auch online schon zentral aufgestellt und könnte sich schnell zentraler Läger bedienen. Bei diesen Bestellungen aus dem POS heraus nach guter Beratung fallen auch nur noch sehr geringe Retouren an! Hier kämpft der Online-Handel noch an, dies zu reduzieren und schaft selbst, wie beschrieben, diese Showrooms. Man kann nur dazu raten dem Konzept sehr aufgeschlossen gegenüber zu sein und schnell Wege zu finden, es zu realisieren.

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