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18.09.12Leser-Kommentare

Shazam will Second Screen erobern: Der nächste Gigant entsteht

Innerhalb von zehn Monaten hat die Medienerkennungs-App Shazam ihre Nutzerzahl von 150 auf 250 Millionen steigern können. Jetzt will das Londoner Unternehmen in den Second-Screen-Markt vordringen. Ein neuer Netzgigant entsteht.

Als Redakteur eines Tech-Blogs verfolge ich Tag für Tag das Geschehen rund um eine Vielzahl von zumeist jungen Onlinediensten. Die Mehrheit von ihnen verschwindet irgendwann wieder in der Versenkung. Einigen jedoch gelingt es, sich dauerhaft im Bewusstsein einer großen Zahl von Menschen festzusetzen und ein nachhaltiges Geschäft aufzubauen. Zu Anfang geschieht dies relativ unbemerkt, da Außenstehende in der Regel keinen Zugang zu den entscheidenden Wachstumsstatistiken und -metriken haben. Irgendwann aber kommt der Moment, an dem man als regelmäßiger Beobachter erkennt: Hier entsteht gerade etwas Großes, das einen nachhaltigen Abdruck in der digitalen Welt hinterlassen wird. Wann genau ich eine derartige Erleuchtung bezüglich Twitter, Facebook und LinkedIn hatte, weiß ich nicht mehr genau. Im Falle von WhatsApp war es im Dezember vergangenen Jahres (Sicherheitslücken hin oder her). Am Montag erlebte ich erneut einen derartigen, aufgrund seiner Seltenheit durchaus besonderen Augenblick. Diesmal war es der Shazam, ein Dienst zur Identifizierung von Musik- und Medieninhalten, der in einer Pressemitteilung den Meilenstein von 250 Millionen Anwendern verkünden konnte.

Von 150 auf 250 Millionen Anwender in zehn Monaten

Unsere Erfahrung zeigt: Wenn ein an Konsumenten gerichteter Service in derartige Dimensionen vorgestoßen ist, verschwindet er nicht einfach wieder von der Bildfläche. Eine Vorahnung davon, dass Shazam das Potenzial besitzt, in die Riege der Big Player des Netzes vorzustoßen, hatte ich schon, als das bereits 1999 gegründete, in London ansässige Unternehmen im vergangenen November die Marke von 150 Millionen Nutzern erreichte. Mit einem Zuwachs von 100 Millionen Usern innerhalb von zehn Monaten lassen die Briten nun aber keinen Zweifel mehr daran, dass man mit ihnen dauerhaft rechnen muss - zumal Shazam ausnahmslos für mobile Geräte verfügbar ist, als native App für sämtliche wichtigen Plattformen sowie mobile Browser-Website. Der Dienst hat damit immerhin halb so viele Anwender wie Facebook auf seinem mobilen Angebot - wobei das soziale Netzwerk in dieser Statistik nur Nutzer berücksichtigt, die sich mindestens einmal innerhalb von 30 Tagen eingeloggt haben. Shazams Wert umfasst sämtliche Anwender, die den Service jemals ausprobiert haben.

Nach Musik nimmt sich Shazam das Fernsehen vor

Aber nicht nur die quantitativen Zuwächse von Shazam legen den Schluss nahe, dass das Unternehmen aus London in den kommenden Monaten und Jahren für viel Aufmerksamkeit sorgen wird, sondern auch die in der gleichen Pressemeldung bekannt gegebenen Pläne, mit voller Kraft in den Second-Screen-TV-Markt vorstoßen zu wollen. Bisher verschaffte sich Shazam Bekanntheit als Angebot, mit dem sich Musiktitel innerhalb weniger Sekunden identifizieren lassen. Über 20 Millionen Songs befinden sich in der Shazam-Datenbank und werden mit den von Nutzern über ihre Smartphones aufgenommenen Tonschnipsel abgeglichen. Die Qualität der Musikerkennung variiert je nach Genre und Ursprungsjahr eines Lieds, funktioniert aber im Allgemeinen gut.

Seit einiger Zeit arbeiten die Engländer daran, den Schaffensbereich von Shazam von Musik auf TV-Inhalte zu erweitern. Dabei konzentriert sich das Unternehmen derzeit auf den US-Markt, wo es über seine Apps laut eigenen Angaben zusätzliche Informationen zu Live-Inhalten von über 160 Kanälen ausliefern kann. Shazam betritt damit den von vielen jungen Startups auch in Deutschland als zukunftsträchtig angesehenen "Second-Screen"-Markt. Der auch von einigen Studien bestätigte Konsens der Branche: Wer heutzutage die Mattscheibe anschmeißt, hat häufig parallel ein Mobiltelefon, Tablet (oder Notebook) auf dem Schoß und surft im Netz. Die zahlreichen zumeist blutjungen Anbieter in diesem Segment wollen diese Geräte mit weiterführenden Informationen zu den konsumierten Sendungen befüllen und den Zuschauern oft auch die Gelegenheit geben, mit Gleichgesinnten rund um das jeweilige Programm zu interagieren. Mit Shazam betritt nun ein Gigant die bisher von Startups und einigen experimentierfreudigen TV-Stationen geprägte Welt des Second Screen.

Wie identifiziert Shazam die TV-Inhalte?

Eine entscheidende Frage ist, wie Shazam die TV-Inhalte identifiziert. Die Pressemitteilung bleibt an dieser Stelle ungenau und erklärt nicht klipp und klar, dass ein Einsatz des bekannten Tagging-Features der Shazam-App wie bei der Identifikation von Musik für die Erkennung des jeweiligen Fernsehprogramms ausreicht (siehe Ergänzung unter diesem Absatz). Während die meisten Presseberichte, bei US-Medien sowie in Deutschland etwa bei Spiegel Online, davon auszugehen scheinen, dass der Prozess analog zu dem der Songerkennung abläuft, berichtet Jürgen Vielmeier bei Basic Thinking, Shazam sei nicht in der Lage, TV-Fernsehsendungen anhand ihres Tons zu erkennen. Stattdessen müssten Anwender manuell in der App auswählen, womit sie sich gerade berieseln lassen, um Zusatzcontent serviert zu bekommen. Welches Verfahren am Ende zum Einsatz kommt, ist relevant für die Beurteilung der Tragweite des Shazam-Vorstoßes in die TV-Sphäre. Sofern das Betätigen des zentralen "Tagging"-Buttons in der Shazam-App nicht genügt, um eine Sendung zu erkennen, unterscheidet sich der Service nämlich nicht von den konkurrierenden Second-Screen-Services wie Miso, GetGlue, Couchfunk, Zapitano oder TunedIn. Klappt die Audio-Identifikation von TV-Content aber, dann besitzt Shazam einen erheblichen Vorteil gegenüber dem Wettbewerb, denn ein solcher Prozess ist für Anwender deutlich einfacher und bequemer, als die jeweilige Sendung manuell suchen zu müssen. Eine andere, Shazams Position im Second-Screen-Bereich uneingeschränkt stärkende Tatsache ist natürlich die enorme Verbreitung der App auf den Smartphones und Tablet-PCs der Anwender.

Wir haben bei Shazams Presseverantwortlichem nachgefragt, wie genau die Erkennung der TV-Inhalte funktioniert, und aktualisieren diesen Beitrag, wenn wir eine Antwort erhalten.

Nachtrag: Shazam hat bestätigt, dass die Erkennung des Programms analog zur Identifikation von Musik abläuft: Nutzer betätigen den Shazam-Button, die App lauscht dem Ton der jeweiligen Sendung, führt einen Abgleich mit den digitalen Fingerabdrücken sämtlicher Sendungen in der Shazam-Datenbank durch öffnet anschließend eine Profilseite des jeweiligen Programms mit Zusatzinformationen. Es spielt keine Rolle, ob Musik läuft oder gerade geredet wird, so ein Shazam-Sprecher.

Deutschland rückt in das Visier der Londoner

Apropos: Erstmals erreichte uns eine Neuigkeit aus dem Hause Shazam per Mail auch auf Deutsch. Das 13 Jahre alte Unternehmen aus der britischen Hauptstadt hat eine deutsche PR-Agentur angeheuert - auch in Vorbereitung des Debüts der Second-Screen-Funktionalität hierzulande, das in wenigen Monaten über die Bühne gehen soll. Auch die "Lokalisierung" der Pressearbeit gehört zu den typischen Merkmalen eines Internetunternehmens, das drauf und dran ist, weltweite Bekanntheit und Bedeutung zu erlangen.

Und wer sich fragt, wie Shazam, das nach eigenen Angaben profitabel arbeitet und über 100 Angestellte hat, Geld verdient: Neben maßgeschneiderten Second-Screen-Dienstleistungen für Medienanbieter und Firmen gehören Affiliate-Einnahmen aus den generierten Verkäufen von Musikstücken und Konzerttickets sowie Werbung und Kooperationen rund um die von Shazam zu Musik und TV-Inhalten präsentierten Zusatzinformationen zu den Erlösquellen der Unternehmens. Die Monetarisierungsoptionen des Second Screen sind mehr als weitreichend.

Shazams bereits erreichte Größe und Verbreitung machen eines klar: Für Second-Screen-Startups wird es eine erhebliche Herausforderung, sich gegen Shazam zu behaupten, sofern dieses seinen Vorstoß in den TV-Bereich konsequent weiterverfolgt. Es wäre nicht verwunderlich, wenn spätestens Ende nächsten Jahres die 500-Millionen-Nutzer-Marke fällt. Ab einer derartigen Reichweite würde das Unternehmen endgültig zu den Riesen des Netzes gehören.

Shazams einziger echter Widersacher heißt SoundHound und liegt mit 80 Millionen Nutzern deutlich hinter Shazam, wächst jedoch ebenfalls sehr schnell. Momentan konzentriert sich das Startup aus dem kalifornischen San Jose voll und ganz auf die Musikerkennung.

Kommentare

  • Leon

    18.09.12 (12:56:17)

    Shazam ist ohne Zweifel einer der erfolgreichsten Dienste zur Zeit. Ob der Einstieg in den Second-Screen-Markt allerdings erfolgreich verläuft... Die Audio-Erkennung macht im TV-Bereich lediglich als Wow-Applikation Sinn, hat aber keinen wirklichen Nutzen. Schließlich weiß der Zuschauer in der Regel, was er gerade sieht - anders als dies etwa bei Musik der Fall ist. Im Übrigen gibt es in Deutschland schon einen Anbieter, der mit der Audio-Erkennung im TV-Segment experimentiert. Auf den gängigen Veranstaltungen zum Thema Social-TV hat er dafür bislang nur Lacher kassiert. Vor allem, weil die Audio-Erkennung im TV nur ungenau funktioniert. Live-Sendungen, Talks, etc. sind Sendeelemente, die nur schwierig zu taggen sind. Es sei denn, man betreibt einen unverhältnismäßig hohen Aufwand. Insofern befürchte ich, dass sich das Audio-Tagging im Second-Screen-Segment nicht durchsetzen wird.

  • Martin Weigert

    18.09.12 (13:00:11)

    Wer ist denn der Anbieter, von dem du sprichst? Bzgl Shazam: Ich denke man muss es ausprobieren, um endgültig beurteilen zu können, ob es taugt. Aber anders als bei Musik geht es ja bei TV Content nicht um die ID sondern um den bequemen Abruf von zusätzlichen Informationen.

  • Leon

    18.09.12 (13:10:42)

    Die Telekom versucht ein Audio-Tagging mit Shair.tv zu realisieren. Ich glaube einfach, dass Anbieter wie waydoo (http://itunes.apple.com/de/app/waydoo-tv-programm-social-tv/id406670001?mt=8) - schade, dass wir als First Mover im Artikel nicht erwähnt wurden -, Couchfunk, Zapitano etc. keine Nachteile gegenüber dem Shazam-System haben. Obwohl ich mir sicher bin, dass die Nutzer zunächst vom Wow-Effekt der Shazam-Lösung (oder auch IntoNow) begeistert sein werden. Aber nur dann bleiben, wenn das Audio-Tagging zuverlässig funktioniert. Und eben da habe ich meine Zweifel.

  • Martin Weigert

    18.09.12 (13:21:10)

    Danke, stimmt von Shair.tv hatte ich schonmal gehört… Und warum waydoo nicht erwähnt wurde.. einfacher Grund: Wir haben schon ewig nichts mehr von euch gehört. Es ist schon eure Aufgabe, zuzusehen, dass ihr bei der Presse in Vergessenheit geratet.

  • Andreas

    18.09.12 (15:14:16)

    @Leon: Eine Audio-Erkennung, nur um die Sendung angezeigt zu bekommen, macht in der Tat nicht viel Sinn. Dies ist aber nur der erste Schritt. Shazam bietet ja selbst ein durchaus erfolgreiches Beispiel für den Einsatz, z.B. das Audio-Tagging von Werbespots als interaktiver Rückkanal. Bei 160 Kanälen in den USA ist das Audio-Tagging in eine Sendung auch als dankenswerte Erleichterung für den US-Nutzer zu sehen, der dann innerhalb von ein paar Sekunden mehr Infos zur Show abrufen kann (wäre in Deutschland mit dem guten alten Videotext zu vergleichen) und dann dies als Startpunkt für weitere Verknüpfungen (Stichwort: IMDB etc.) nutzen kann. Weitere sinnvolle Einsatzmöglichkeiten werden sicherlich bald folgen.

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