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24.05.13Leser-Kommentare

Shazam und Xbox hören mit: Warum der Orwellsche Staat auch diesmal nicht kommen wird

Shazams neue iPad-App kann Songs im Hintergrund taggen, hört also immer mit, ähnlich wie Microsofts neue Wohnzimmerkonsole Xbox One. Angst müssen wir vor solchen Gadgets nicht haben, aber es hilft trotzdem, wenn wir uns weiterhin über einen zu großen Bruch unserer Privatsphäre empören.

Xbox One is watching you. Alyways. Bild: Microsoft Xbox One is watching you. Alyways. Bild: Microsoft

Angesichts der Hysterie, die über einige neue Technologien der jüngeren Vergangenheit ausbrach, ist es eigentlich ein Wunder, dass der Orwellsche Staat nicht längst schon über uns hereingebrochen ist. Wie haben wir vor allem in Deutschland gegen Google Streetview protestiert - und als es dann da war, merkten wir erst, wie harmlos die Maps-Erweiterung ist. Wir kritisierten Facebook über die laxe Handhabung mit den Daten, die wir selbst Preis gegeben hatten und befürchteten deren Ausverkauf. Wir waren erbost, als Apples iPhone jeden unserer Aufenthaltsorte protokollierte.

Und dann? Geschah nichts. Einbrüche nahmen trotz Streetview nicht zu. Facebook nervt wegen der personalisierten Werbung, für die unsere Daten herhalten, mehr aber auch nicht. Und Apples Positionsdaten stellten sich als viel zu ungenau heraus, um sie irgendwelchen Behörden für eine Fahndung zu überlassen. Bedenken wegen unseres Datenschutzes mögen berechtigt gewesen sein, ein Aufschrei darüber hat die Unternehmen auch stets ein wenig zum Einlenken gebracht. Das Problem als solches allerdings war in allen Fällen kleiner als die Hysterie darüber. Und jetzt? Steht die nächste Eskalationsstufe an: Apps und Gadgets, die stets auf Empfang sind, im Hintergrund mithören und jede unserer Bewegungen protokollieren. Die totale Überwachung? Nicht, wenn wir weiterhin die Augen aufsperren. Technisch gesehen eine tolle Funktion

Jüngster Mitspieler im Rennen der Gadgets und Apps, die immer auf Empfang geschaltet sind, ist Shazam. Die Musikerkennung der neuen Shazam-iPad-App bietet eine Funktion namens Auto Tagging. Shazam hört auch dann zu, wenn das iPad auf Standby geschaltet ist. Was immer in dieser Zeit an Musik oder Fernsehsendungen läuft, wird von Shazam analysiert und wandert ins Protokoll. Anders als bisher also muss der Nutzer einen Song nicht mehr aktiv von Shazam taggen lassen - es geschieht automatisch im Hintergrund.

Eigentlich eine praktische Funktion. Man stelle sich vor, man nehme sein Smartphone mit in die Kneipe oder Disco (dass Auto Tagging auch für Shazams iPhone- und Android-App kommt, dürfte nur eine Frage der Zeit sein). Zu Hause angekommen, kann man dann in aller Ruhe aussortieren und wiederfinden, was Shazam unterwegs entdeckt hat. Den Wunsch nach einer derartigen Funktion äußerte ich bereits im vergangenen November im Kontext eines sich anbahnenden neuen Trends Lifelogging. Shazam hat meinen Wunsch jetzt umgesetzt. Die Funktion läuft auf dem iPad zwar im Hintergrund. Es wird dem Nutzer allerdings angezeigt, dass sie aktiv ist, außerdem lässt sie sich ausschalten.

Neueste Shazam-Version kann Songs im Hintergrund taggen. Bild: Shazam Neueste Shazam-Version kann Songs im Hintergrund taggen. Bild: Shazam

Ich kann daran wenig Anstößiges entdecken. Problematisch wird die Sache erst im Kontext mit anderen neuen Entwicklungen. Auch Microsofts neue Konsole Xbox One hört immer zu. Selbst im Standby-Modus sind ihre Mikrofone aktiviert und warten auf den Befehl "Xbox on". Gespräche, die in dieser Zeit im gleichen Raum stattfinden, hört die Xbox mit. Microsoft versprach, keine Daten aufzuzeichnen und deswegen auch keine Daten an Werbekunden oder andere Interessenten verkaufen zu können. Ein Versprechen, das man dem Konzern zu diesem Zeitpunkt auch glauben kann. Und das ist auch nicht das Problem. Das Problem ist, dass ein ständiges Zuhören nun Alltag wird. Mehr und mehr Apps mit gleicher Funktionalität werden kommen, wir werden uns daran gewöhnen und dadurch viele Vorteile genießen. Aber irgendwann wird ein schwarzes Schaaf dabei sein, das unsere Daten missbrauchen will.

Wir sorgen selbst für unseren Datenschutz

Und selbst hierbei wird sich das Problem in Grenzen halten. Das Bewusstsein für Datenschutz und Privatsphäre ist bei den heutigen Webnutzern mittlerweile gestählert. Sicher werden einige Unternehmen versuchen, sensible Daten zu verscherbeln, sie werden damit aber nicht durchkommen. Es wird aufgedeckt werden und dann brandet Protest auf, wie das in der Vergangenheit immer der Fall war. Nutzer werden kündigen oder zumindest androhen, das zu tun, das jeweilige Unternehmen wird sich kleinlaut entschuldigen. Für die Sicherheit unserer Daten sorgen wir damit selbst, besser als so manche staatliche Stelle das könnte.

Der Zukunft mit derartigen Apps allerdings kann man getrost gelassen entgegen sehen. Zunächst einmal werden wir die Entwicklung ohnehin nicht aufhalten können. Google hat auf der eigenen Entwicklerkonferenz I/O vergangene Woche viele neue Funktionen vorgestellt, die in eben diese Richtung gehen. Der digitale Assistent Google Now etwa lässt sich ähnlich wie die Xbox One mit einem Sprachbefehl aktivieren. Die Datenbrille Google Glass wartet im Standy-Modus ebenfalls auf einen Sprachbefehl, der das Gerät aufweckt.

Durch mehr Daten wird das Leben nicht schlechter

Bedenken über den Verlust der Privatsphäre kommt in letzter Zeit nicht nur aus Deutschland, sondern auch zunehmend aus den bei dem Thema eigentlich entspannteren USA. Adan Salazar von InfoWars etwa sieht ein Problem vor allem dann, wenn die Xbox gehackt wird. Da sie nicht nur zuhört, sondern auch weiß, wer genau im Raum ist und sich wo aufhält und sogar, welchen Puls die Personen im Raum haben, könnten Hacker praktisch alles über uns erfahren. Auf der anderen Seite stehen die Möglichkeiten, die mit der viel höheren Genauigkeit des Kinect-Sensors dank neuartiger Daten eine Vielzahl auch wohlwollender neuer Apps ermöglichen.

In einem Interview mit Zeit Online hält Big-Data-Spezialist Harper Reed die negativen Auswirkungen verfügbarer Daten für überschätzt. Nicht alles würde besser, aber eine Verschlechterung trete praktisch nicht ein: "Ich glaube an ein besseres Leben durch Daten. Aber es gibt eben auch Hunderte von Beispielen, auf die das nicht zutrifft. So bin ich mir nicht sicher, ob mein Leben dadurch besser wird, dass ich mit 2.000 Menschen über Facebook vernetzt bin. Es macht es auch nicht schlechter." Ein interessantes Phänomen, das Reed beobachtete, könnte allerdings zum Knackpunkt werden. Seiner Vermutung nach wissen Jugendliche genau, was mit ihren Daten etwa auf Facebook geschieht. Und so gingen sie einen Kuhhandel ein: dass Facebook mit ihren Daten Geld verdiene, sei solange okay, wie die Plattformen ihnen interessante Funktionen biete. Würde ein Protest auch gegen Microsoft ausbleiben, solange die Xbox One mit tollen Funktionen überzeugen kann?

Datensammler, die Schwangerschaften erkennen

Ein langer Bericht in der "New York Times" vor einem Jahr beschreibt, wie die US-Kaufhauskette Target das Kaufverhalten von Kunden analysiert. Allein auf Basis der Daten über verkaufte Artikel und dem Kontext, in dem andere Kunden das gleiche kauften, können die Datenspezialisten etwa herausfinden, ob jemand krank, hungrig oder schwanger sei. Letzteres in manchen Fällen sogar, bevor eine Frau selbst davon weiß. Dem Journalisten Alexis Madrigal passierte kürzlich genau das: Noch bevor er und seine Frau jemandem mitgeteilt hatten, dass sie schwanger war, flatterte von einer Kaufhauskette ein Werbeprospekt über Baby-Artikel ins Haus. Madrigal recherchierte mit dem unguten Gefühl, dass die Datenspezialisten nun alles über ihn wüssten, nur um dann herauszufinden, dass es sich um einen Zufall handelte. Allerdings einem Zufall, vor dem viele Daten über ihn ausgewertet wurden.

Interessant finde ich sein Fazit: Unsere Daten sind praktisch überall und sie werden gerne von einem Unternehmen zum nächsten verkauft. Das allerdings sei schon seit Jahrzehnten so. Madrigal: "Das Internet hat Direktmarketing nicht wirklich verändert. Was sich allerdings verändert hat, ist unsere Erkenntnis darüber, dass wir so viel Daten erzeugen, dass die Unternehmen Amerikas uns dazu bringen können, mehr zu kaufen."

Was nicht bedeutet, dass wir uns nicht empören sollen

Wenn diese Daten schon seit Jahrzehnten zur Verfügung stehen, und meinetwegen vornehmlich in den USA, dann müsste der Überwachungsstaat doch eigentlich längst da sein. Waren die Daten doch nicht persönlich genug dafür und sind die, die Shazam und Xbox jetzt auswerten können, so viel sensibler? So sensibel, dass man uns damit erpressen kann, dass uns nun die totale Überwachung droht? Ich bin mir sicher, dass dies auch diesmal nicht passieren wird, dass eine Empörung darüber wieder mit harten Worten ausgefochten würde. Und dass sie notwendig ist. Microsoft hat in unseren Wohnzimmern nicht herumzuschnüffeln. Punkt. Oder besser gesagt: Sollen die ruhig das Wohnzimmerverhalten moderner Großstädter analysieren, aber dann bitteschön anonymisiert. Die Daten, die man dort nun generiert, gehören von den Einwahl- und Nutzerdaten getrennt. Es darf nicht zuordbar sein, wer in unseren Wohnzimmern was macht.

Hier wäre ein Protest also eigentlich angebracht - Hysterie aber nicht. Denn selbst wenn Microsoft unsere Wohnzimmer-Erlebnisse katalogisiert und unser Person zuordnet: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das Unternehmen oder sonst jemand es wagen wird, diese Daten jemals weiterzuverkaufen oder gegen uns zu verwenden. Die Rufschädigung und der damit verbundene wirtschaftliche Schaden wären im Angesicht einer Presse, die nur auf solche Themen wartet, einfach zu groß. Wie unsere Marschroute für die Zukunft beim Thema Datenschutz also aussehen könnte? Protestieren, wenn es zu weit geht, und gleichzeitig einen kühlen Kopf bewahren. Die Technik an sich hat uns in den vergangenen mehr Nutzen als Nachteile gebracht. Und das wird auch so weiter gehen.

Kommentare

  • Brannigan

    24.05.13 (08:59:53)

    Sobald man Siri (oder auch andere Sprachassistenten) per Kommando aktivieren kann, wird diese Diskussion von Neuem aufbrechen. Die Datenschutzbedenken kann man verstehen, aber wir werden uns langfristig mit lauschender Technik anfreunden müssen, wenn wir die durch sie erworbene Bequemlichkeit auch nutzen wollen. So ein Comuterassistent wie in IronMan z.B. (ja, sehr weit Zukunft) wäre nicht nur eine Spielerei sondern auch zu produktiven Einsätzen zu verwenden.

  • Martin

    24.05.13 (17:16:45)

    «[…] Einbrüche nahmen trotz Streetview nicht zu. […]» Quelle? «[…] Und Apples Positionsdaten stellten sich als viel zu ungenau heraus, um sie irgendwelchen Behörden für eine Fahndung zu überlassen. […]» Quelle? Abgesehen ein passender Text zum Thema, der sich ebenfalls optimistisch zeigt: http://dilbert.com/blog/entry/crime_and_privacy/

  • am

    24.05.13 (19:19:28)

    Der Orwellsche Staat ist doch schon lange vollständig, in Deutschland spätestens mit Einführung der Hartz-Gesetze - nur raffinierter und hinterhältiger, als es sich selbst Orwell ausmalen konnte. Datenschutz spielt dabei tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle. WAR IS PEACE? Der dauerhafte Kriegszustand gilt als unerlässlich zur Friedenssicherung. FREEDOM IS SLAVERY? Man ist nur so lange frei, wie man als Glied der kapitalistischen Verwertungskette funktioniert. IGNORANCE IS STRENGTH? Wichtige Erkenntnisse über die Gesellschaftsordnung führen zu depressiven Verstimmungen, vulgo Schwäche. Was fehlt denn da bitte noch?

  • Max

    27.05.13 (12:10:03)

    Ganz naiver und schlecht recherchierter Artikel http://www.spiegel.de/panorama/justiz/kriminalstatistik-2012-experten-diagnostizieren-nord-sued-gefaelle-a-899457.html "Deutlich ist aber auch der Anstieg bei Wohnungseinbrüchen. Die Statistik verzeichnet hier ein Plus von 8,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr" Diese permanente Überwachung erzeugt einen gewaltigen Anpassungsdruck. Und wie groß dieser Mittlerweile schon ist schreibt dein Blogkollege sehr schön in http://netzwertig.com/2013/05/24/verkuppeln-von-facebook-kontakten-warum-bang-with-friends-wegweisend-ist/ "Doch die moderne Gesellschaft und die mit ihr etablierten Moralvorstellungen, Verhaltensnormen und sozialen Konventionen sorgen dafür, dass dieses Verlangen im Alltag und öffentlichen Leben unterdrückt oder vorrangig subtil zur Schau gestellt wird." Wie werden die Leute/Gesellschaft reagieren wenn man einem Freund zu hause anvertraut das man z.B. Erektionsprobleme hat und man dann wenn man sich wo anders (Freunden/Arbeit) an seinem Webmail-Account einloggt und dort permanent Viagra Werbung bekommt? Ich möchte nicht in einer Welt leben die durch "schneller höher weiter" und "alles was machbar ist wird gemacht" definiert wird. Aber in diese Richtung entwickelt sie sich immer mehr und es sind immer weniger Menschen/Firmen die durch ihren Einfluss bei technischen Möglichkeiten bestimmen an was wir uns anzupassen haben. Und das das nicht zwingend zum Vorteil der Nutzer bedeutet haben wir schon häufiger und in letzter Zeit immer öfter erlebt. Anstatt eines Diskurses "Wie wollen wir leben und wie kommen wir dahin" erlebe ich immer öfter "wird schon alles irgendwie gut gehen"

  • Holger

    28.05.13 (17:17:23)

    Ich zähle mich nicht zu den Hysterikern, aber ein ungutes Gefühl bleibt dann doch häufig zurück. Inbesondere mit Blick auf die erst langsam abebbende Patriotismus-Welle in den USA nach 9/11. Die Liste von Personen und Firmen ist lang, welche sich dem Staat anbiedereten, alles zu tun um gegen jedewede reale und eingebildete Terroristen vorzugehen. Es Bearf nur eines Firmwareupdates der XBox um die bis dahin harmlose Konsole in eine Abhörstation zu verwandeln. Wer sagt denn, dass die Funktion nicht nur bei bestimmten Benutzer aktiviert werden muss - so bleibt das Risiko der Entdeckung geringer. Technisch bestimmt kein Problem. Alles was uns davon abhält ist der Anstand der Hersteller - aber wieviel wollen wir darauf geben - jetzt und für alle Zeit? Erinnert sich noch jemand an Vodafone und #vodafail ? Die wollten allen ernstes im vorauseilenden Gehorsam(!) *hackenzusammenschlag* die Voratsdaten schon an den Deutschen Staat abführen, bevor das Gesetzt überhaupt beschlossen war!!!

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