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07.01.14Leser-Kommentare

Shareconomy: Warum das Teilen ausgerechnet in der Schweiz boomt

Plattformen zum Teilen, Mieten und Vermieten von Gegenständen in Privatbesitz schiessen ausgerechnet in der Schweiz wie Pilze aus dem Boden. Was macht das Land so empfänglich für die Shareconomy?

In der Schweiz aktive Shareconomy-Plattformen (Grafik von sharecon.ch) In der Schweiz aktive Shareconomy-Plattformen (Grafik von sharecon.ch)

Dass es viele Gründer in der Schweiz ernst meinen, das Teilen von Dingen in der Bevölkerung zur Gewohnheit zu machen, beweist die Existenz des im November 2013 gegründeten Vereins Sharecon. Startups und Förderer der Sharing Economy, oder Shareconomy, organisieren und engagieren sich dort, um diesem Trend weiter Auftrieb zu geben. Mindestens 15 Startups sind im kleinen Land gegründet worden, um Anbieter und Interessenten von Alltagsgegenständen, Fahrzeugen, Parkplätzen, Schlafgelegenheiten und Dienstleistungen zusammenzubringen. Mit Mobility hat sich zudem seit bereits über 15 Jahren eine Car-Sharing-Community etabliert, welche nicht mehr wegzudenken ist - mit dem Unterschied, dass die Fahrzeuge dort nicht einzelnen Mitgliedern gehören.

Weshalb eignet sich gerade das Land mit dem weltweit höchsten Durchschnittsvermögen und einem der höchsten Durchschnittseinkommen dafür, Dinge zu teilen anstatt zu besitzen? Der soziale Gedanken hinter Sharing ist umstritten

Vorauszuschicken ist, dass sich die Geister scheiden, ob Sharing-Plattformen hauptsächlich auf Basis der noblen Gedanken des Teilens, des Schonens von Ressourcen sowie der Abwendung vom Materialismus und Wegwerfmentalität Erfolg haben sollen, wie dies der flüchtige Blick oft vermittelt. Sharely beispielsweise wirbt mit den Schlagwörtern "Ökologisch", "Ökonomisch, "Sozial". Auf der Gegenseite vermutet die Frankfurter Allgemeine, dass die Sharing Economy nur eine Möglichkeit entdeckt hat, Dinge zu kommerzialisieren, die früher kostenlos waren - quasi aus Freundschaftsdiensten ein Geschäft zu machen.

Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo dazwischen. Fakt ist, dass die meisten Sharing-Plattformen in der Realität nicht wirklich das Gemeinsam-Nutzen sondern das Vermieten und Mieten von Gegenständen ermöglichen. Gemäss Patrick Senti von Shrebo sind die Gewohnheiten der User auch noch nicht bereit für etwas anderes. "Das effektive Teilen von Gegenständen ist schwierig zu kommunizieren. Beim Mieten ist sofort allen klar, was gemeint ist", erklärt er auf Anfrage und führt weiter aus: "Viele teilen am liebsten im Bekanntenkreis und nicht mit fremden Menschen." Mit Gruppenfunktionen will Shrebo diesem Bedürfnis entgegenkommen und das effektive Teilen unter Freunden erleichtern. Andreas Amstutz von Sharely glaubt daran, dass die Konsumenten ihr Verhalten immer mehr von egoistischen zu gemeinschaftlichen Werten weiterentwickeln werden, ist aber auch überzeugt, dass das System nur funktionieren kann, wenn der Verleiher letztlich einen Ertrag erwirtschaften kann.

Nicht zuletzt müssen sich die Plattformen auch selbst irgendwie finanzieren. Mit einem rein sozialen Austausch von Gütern und Dienstleistungen funktioniert dies nicht.

Wirtschaftliche Stabilität erlaubt Experimente

Gerade dass die Positionierung der Shareconomy und deren Umsetzung in die Praxis noch in einem sehr experimentellen Stadium stehen, dürfte ein Grund sein, weshalb die Schweiz ein guter Nährboden dafür ist. "Die Schweiz befindet sich in einer privilegierten Lage - und viele wissen darum", beschreibt Andreas Amstutz die Situation im Land. Diese Ausgangslage dürfte tatsächlich dazu führen, dass eine wachsende Anzahl von Personen einen Gegenpol zum Anhäufen von Besitz suchen. Da jedoch keine Notwendigkeit besteht, sofort ein perfektes System zur Verfügung zu haben, finden sich Zeit und Bereitschaft, neue Mittel und Wege zu finden, zu testen und weiterzuentwickeln. Bei einem akuten Bedarf hätte sich der Trend schon fester etabliert, wenn auch vielleicht weniger ausgereift, dafür sehr praxisorientiert. Ähnlich, wie die weitverbreitete SMS-Bezahlung in  afrikanischen Ländern. Die Shareconomy kann durchaus als Spielzeug einer privilegierten Gesellschaft verstanden werden - ein Zeitvertreib, der im besten Fall weitere ökonomische Möglichkeiten eröffnen wird.

Das muss nicht schlecht sein. Auch im Land der Schokolade besteht eine (stabile) Kluft zwischen arm und reich und damit eine stattliche Menge von Familien, die den Alltag mit einem knappen Budget bestreiten müssen. Vielleicht profitieren diese bald von der Besitzesfülle der grossen Masse und finden dank Sharing-Plattformen kostengünstigeren Zugang zu selten verwendeten Alltagsgegenständen oder Dienstleistungen. Wenn dabei auch die wirtschaftlich Bessergestellten etwas sparen oder verdienen können, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Modell etablieren wird - und dies auch ausserhalb der Schweiz.

Sich dabei einzureden, dass die Welt dadurch weniger egoistisch und sozialer wird, wäre aber blauäugig.

Kommentare

  • Alexander

    07.01.14 (11:40:06)

    Das sind alles nur freiwillige Freizeitbeschäftigungen. Die richtige Lösung ist eine geldlose Gesellschaft, was sich am Ende auch durchsetzen und schon sehr bald in einem bestimmten Land realisiert wird. Der Rest der Welt wird dann nur noch staunen, welch tolle Entwicklung so ein Land ohne Geld durchmachen wird, sodass in kürzerster Zeit andere Länder dieses neue Modell folgen werden.

  • Manuel Reinhard

    07.01.14 (11:56:52)

    "In einem bestimmten Land" ist ja geheimnisvoll. Kannst du das näher ausführen?

  • Simon Link

    07.01.14 (21:27:42)

    Finde ich ein cooles Beispiel, dass das Teilen mit Anderen in einem reichen Land wie der Schweiz einen so hohen Stellenwert hat. Davon können wir verklemmten und wohl von Natur aus misstrauischen Deutschen uns ruhig eine große Scheibe abschneiden! Den Gedanken der Shareconomy finde ich im übrigen klasse!

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